Der vermisste Professor | Der Fall Boris Weisfeiler T
Der vermisste Professor | Der Fall Boris Weisfeiler

Wir schreiben das Jahr 1985. Mathematikprofessor Boris nutzt die Winterferien, um der Kälte Pennsylvanias zu entfliehen und seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Wandern nachzugehen. Dieses Mal zieht es ihn in die Anten nach Chile. Doch als die Uni wieder beginnt, fehlt von dem sonst so zuverlässigen Professor jede Spur.
Ich begrüße euch zu einer neuen Reise ohne Wiederkehr. Der Fall heute wird anders als alle anderen zuvor, denn wir reisen nicht nur in ein anderes neues Land, sondern wir haben eine Geschichte in der Geschichte. Bedeutet, das Opfer begibt sich unwissentlich in eine Situation, die erklärt werden muss.
Und dort beginnt dann die zweite Geschichte. Ich habe lange überlegt, wie ich es umsetze und komme einfach nicht drum rum, die zweite Geschichte auch von Beginn an zu erklären, weil es sonst gar keinen Sinn macht, wie es zu alledem kommen konnte, zumal diese zweite Geschichte sehr viel mit Deutschen zu tun hat. Außerdem Triggerwarnung, hat der Fall heute viel mit Misshandlungen und Kindesmissbrauch zu tun.
Wenn du das also nicht hören willst oder nicht gut verarbeiten kannst, sehen wir uns einfach beim nächsten Video wieder. Bevor wir direkt in den heutigen Fall einsteigen, außerdem der Hinweis, dass ich alle meine Informationen aus frei zugänglichen Quellen im Internet beziehe und zu einem Video zusammenfasse. Die Quellen findet ihr zur eigenen weiteren Recherche zusammengefasst unter dem Link unterhalb des Videos.
Und jetzt lass uns anfangen. Boris Weißfeiler wird am 19. April 1941 geboren, zwei Monate bevor Deutschland in die damalige Sowjetunion einmarschiert, also inmitten des Zweiten Weltkriegs. Sein Vater, ein Spezialist der Mikrobiologie, stammt aus dem österreichisch-garischen Herrschaftsgebiet und macht seinen Abschluss der Medizin an der Universität in Jena.
Er geht nach Moskau, um im Tuberkulose Forschungszentrum zu arbeiten. Dort lernt er seine zweite Frau kennen, ebenfalls Medizinerin, mit der er zwei Kinder bekommt, Olga und Boris. Doch das Glück der jüdischen Familie wert nicht lange. Durch den Krieg, Jobverlust und Verfolgung wird die Familie auseinander gerissen.
Der Vater flieht nach Ungarn und Mutter Anna bleibt mit den beiden Kindern in Moskau zurück. Boris und Olga verleben keine schöne Kindheit. Erst der Krieg, dann die Flucht des Vaters, die letztendlich auch zur Trennung der Eltern führt. Das Aufwachsen der Kinder ist geprägt von der ständigen Angst, etwas falsches zu sagen und dadurch in den Fokus zu geraten.
Diese Angst ist nicht unbegründet, denn als Boris 12 Jahre alt ist, wird der Blut überströmt auf den Treppen seines Wohnhauses gefunden. Er wurde bewusstlos geschlagen. Der dre Jahre jüngeren Olga wiederfährt eine Woche später das gleiche Schicksal. Dementsprechend vorsichtig sind die Kinder in Bezug auf andere Menschen.
Boris meidet den Kontakt und wird zum Einzelgänger. Die Bindung zu seiner Schwester ist dafür umso enger. Boris vergriebt sich in seinen Mathematikbüchern und geht oft außerhalb der Großstadt wandern, um den Kopf frei bekommen. Er liebt Schach und sammelt Briefmarken. Boris gewinnt mehrere Mathematikwettbewerbe und schließt die Schule mit Bestnote ab.
Dennoch hat er es aufgrund seiner jüdischen Herkunft schwer, ein Studienplatz zu bekommen, da nur 2% der Plätze an Juden vergeben werden. Er schafft es dennoch über die Abendschule und die guten Noten ein Jahr später an der Universität aufgenommen zu werden. Doch auch an der Uni bleibt er aufgrund seiner Herkunft und dem ständigen Verdacht antisowjetisch zu sein, weiterhin Außenseiter.
Nach dem Uni Abschluss 1963 arbeitet Boris an seiner Doktorarbeit in Mathematik. Nach etlichen Steinen, die ihm in den Weg gelegt werden, kommt Boris 1969 seinen Doktortitel in Mathematik. Ihm ist schnell klar, dass seine berufliche Perspektive in der Sowjetunion stark eingeschränkt ist. Er hält es aber ein paar Jahre aus, vielleicht seiner Schwester und Mutter zu liebe, die in Moskau leben.
Vielleicht aber auch, weil er noch nicht bereit war, so jung, seine Heimat für immer zu verlassen. Letztendlich entscheidet er sich dann aber, in die USA auszuwandern. eigentlich kein leichtes Unterfangen in diesem Regime, aber hier kommt ihm ausnahmsweise seine Religion zugute, denn die ODSSR ist zur damaligen Zeit quasi froh, die Juden loszuwerden.
Und so reist Boris Ende März 1975 zu Fuß über Sibirien aus der Sowjetunion aus, um dann über Zwischenstationen in Wien und Rom bis nach Chicago in die USA zu gelangen. Mit dabei hat er nur zwei Koffer, voll mit Fachbüchern, seinen Forschungsunterlagen, seiner Briefmarkensammlung, ein paar Klamotten und seinen geliebten Wanderschuh.
Ein Jahr später bekommt er ein Jobangebot für eine Professur der Mathematik an der Penn State University, die er natürlich annimmt und dafür in den Bundesstaat Pennsylvania zieht. Zehn Jahre vergehen, in den Boris jungen Studenten die Mathematik lehrt, selbstforscht und die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält.
Wann immer er paar Tage frei hat, geht er seinem liebsten Hobby nach und reißt um die Welt, um wandern zu gehen. Europa, Alaska, Kanada, Nepal, Peru. Boris hat viel gesehen und erzählt seiner Schwester Olga regelmäßig per Telefon von seinen Wanderungen abseits jeglicher Zivilisation. Olga sorgt sich um ihn wegen der wilden Tiere, die ihm auf den einsamen Wanderungen begegnen könnten.
Doch Boris entgegnet ihr, Zitat: “Tiere sind nicht gefährlich. Gefährlich sind die Menschen.” Zitat Ende. Ein Satz, der sich in Olgas Gedächtnis gebrannt hat. Nicht nur, weil es einer der letzten Sätze ist, die sie von ihrem Bruder hört, als er sich im Dezember bei ihr meldet, um ihr von seinem Trip nach Chile zu erzählen, sondern auch, weil dieser Satz genau das beschreibt, was sie später alles herausfinden wird.
Boris will der winterlichen Kälte Pennsylvanias in Fliehen und über die Weihnachtsfeiertage 1984 und Neujahr 1985 in den chillenischen Anten wandern gehen. Er ist sich bis zuletzt nicht ganz sicher, ob er die Reise auch wirklich antreten soll, denn ihm fehlen entsprechende Karten der Region. Außerdem kommt ihm die Reise bis dorthin länger vor als der eigentliche Urlaub selbst.
Er muß von der Universität, die mitten im Bundesstaat Pennsylvania liegt, bis nach Pittsburg, von da mit dem Flugzeug nach New York. Dort geht es dann auf einen 14 stündigen Flug weiter in die Hauptstadt Santiago de Chile und dann über weitere Station mit Bus und Zug 400 km südlich bis zum See Laguna de Lalacha, wo seine Wanderung beginnen würde, direkt am Fuße der Anten und der Grenze zu Argentinien.
Letztendlich entscheidet er sich aber für die Wanderung und kommt am 26. Dezember 1984 zwei Tage nach Abflug anbesagtem See an. Mit dabei hat er einen grünen Wanderrucksack mit Proviant, seinen Pass, sein Portemonnaie und natürlich sein Rückflugticket datiert auf den 14. Januar 85, um rechtzeitig zurückzu sein, bevor er ab dem 19.
Januar wieder als Mathematikprofessor vor seinen Studenten steht. Mit Olga hat er abgesprochen, dass er sich meldet, sobald er zurück in der Zivilisation ist und Zugang zu einem Telefon hat. Olga ist es gewohnt, zwei bis drei Wochen nichts von Boris zu hören, wenn er seine Wanderung macht. Es sind schließlich dieziger. Selbst wenn er in jener Zeit ein Handy besessen hätte, gäbe es in dieser Gegend wohl kaum eine Netzabdeckung und eher einen Brief in Russland ankommt, wäre Boris lange zurück in den Staaten.
Doch dieses Mal bleibt der Anruf mit den Worten: “Ich bin gut zu Hause angekommen aus.” Olga übt sich in Geduld. Sie denkt sich, vielleicht hat er den Flug verpasst. Irgendeine Verbindung ist ausgefallen oder ein Flug wurde wetterbedingt gestrichen, wobei sie nicht versteht, warum er dann nicht von der Stadt aus, in der er sich gerade aufhält, anruft und Bescheid gibt.
Zwei Tage lang ruft sie ununterbrochen auf dem Festnetztelefon von Boris an. Der 14. Januar verstreicht und so auch der 15. Am 16. Januar 1985 ist sich Olga sicher, Boris muss etwas passiert sein. Doch was kann sie von Moskau aus tun? Zudem mit ihren geringen Englischkenntnissen. Als Boris nicht zum Unterrichtsbeginn am 19.
Januar erscheint, wissen auch seine Kollegen, dass hier etwas so gar nicht in Ordnung ist. So zurückgezogen wie Boris auch lebt, er ist dennoch ein verlässlicher, pünktlicher Kollege, der nie ohne Bescheid zu geben einfach seinem Arbeitsplatz fern bleiben würde. Natürlich wenden sie sich sofort an die Polizei, um Boris als vermisst zu melden.
Doch die Polizei ist zunächst der Ansicht, dass Boris seinen Urlaub wahrscheinlich einfach nur verlängert hat. Also wenden sich seine Kollegen an den Präsidenten der mathematischen Gesellschaft Chiles, der ein Privatmittler mit der Suche nach Boris beauftragen soll. Olga weiß von alledem nichts. Für sie ist es schwierig, von Moskau aus an Informationen zu kommen, denn die sowjetischen Behörden schauen mit Argwohnen auf ihre ständigen Kontaktversuche in die USA.
Erst zwei Monate später, im März 198 erhält sie den Bericht von dem Privatmittler, der in Schile beauftragt wurde. Und dieser hat folgendes rausgefunden. Nach seiner Ankunft am See Laguna de Lacha wandert Boris ca. 100 km nördlich bis in die Ortschaft San Fabian de Alico. Von dort aus wandert er 20 km Richtung Südosten bis zu dem Punkt, an dem die beiden Flüsse Nubler und Los Sauses zusammentreffen.
Am 3. Januar 1985 trifft er dort in der Nähe auf einen Bauern, der ihn zu sich nach Hause einlädt, ihm ein warmes Essen und ein Schlafplatz anbietet. Boris bedankt sich mit Schokolade, Tee und Angelködern bei seinem Gastgeber. Am Morgen des vi Januar gegen 9 Uhr begleitet ihn der Bauer noch ein Stück entlang des Flusses.
Am selben Tag gegen 17 Uhr, Boris ist wieder allein unterwegs, trifft er auf einen Hirten der Region. Die beiden sehen sich nur von weitem und sprechen nicht miteinander. Zufällig ist der Hirte aber der Bruder des Bauern, bei dem Boris gerade noch übernachtet hat. Aber im Gegensatz zu seinem Bruder findet der Hirte den Fremden in der Wildnis verdächtig, sodass er seine Sichtung bei der Polizeistation im nächsten Ort meldet.
Dazu muß man wissen, daß Chile sich seit 1973 unter einer Militärdiktatur befand und Unterdrückung, Folter sowie politische Verfolgung an der Tagesordnung standen. Die chillenischen Bürger waren also bereits seit über einem Jahrzehnt darauf getrimmt, umsichtig zu sein, alles Verdächtige zu melden, um den Staat zu schützen.
Und dieser fremde Mann, der zudem in seinen gefleckten Kakihosen an einen Soldaten erinnert, ist dem Hirten nicht geheuer. Er vermutet einen Extremisten, der versucht über die Grenze nach Argentinien zu fliehen. Also kommt er seiner Pflicht als guter Bürger nach und macht die Behörden auf den Fremden aufmerksam.
Zufällig ist an diesem Tag auch eine Militärpatrouille in der Gegend, die sich umgehend auf die Suche nach dem Unbekannten macht. Angeblich findet das Militär aber nichts außer Fußabdrücke, die bis zum Fluss führen. 10 Tage später findet ein Fischer einen Rucksack direkt am Flusslauf, aber 1,5 km entfernt von dem Ort, an dem Boris zuletzt gesehen wurde.
Also nicht angespült, sondern der Rucksack steht wie platziert am Rand des Flusses. Um den Rucksack herum liegen Boris Habseligkeiten verteilt. Schlafsack, Zelt, Kleidung, Schuhe, Rückflugticket und chilenisches Geld. Lediglich sein Pass und das Geld, das er in US-Dollar dabei hatte, fehlen. Wollte jemand, dass es so aussieht, als wäre Boris im Fluss ertrunken? Die chilenische Regierung kommt nämlich genau zu diesem Schluss und erklärt Boris am vierten Februar 1985 für vermutlich Tod.
Todesursache: Unfallbedingtes Ertrinken. Obwohl bis auf den Rucksack und die aufgezählten Sachen nie etwas von Boris gefunden wird. Olga glaubt diesem Urteil kein Wort. Wie gesagt, erhält sie den Bericht erst im März, als alles bereits abgeschlossen ist. Aber Olga kennt ihren Bruder besser als jeder andere Mensch, weiß um seine jahrzehntelange Wandererfahrung und daß er nichts Unüberlegtes tun würde.
Außerdem ist die Stelle, an der Boris den Fluss überqueren wollte, weder gefährlich, noch besonders tief. Doch was kann sie von Moskau aus tun? Absolut nichts. Ihr sind die Hände gebunden. Genau deshalb entschließt sie sich drei Jahre später, 198 mit ihren beiden Kindern ebenfalls in die USA auszuwandern. Sie glaubt, dass sie sich von dort aus viel besser um die Suche nach Boris kümmern kann.
Falls sich jemand fragt, warum sie nicht schon viel eher ausgereißt ist. Boris und Olgas Mutter Anna war todkrank und Olga hat sich um sie gekümmert. Aber als die Mutter verstirbt, hält auch Olga nichts mehr in Moskau. Sie beginnt also 1988 damit, sich in den USA an alle möglichen Behörden und Stiftungen zu wenden, um Antworten zum Verschwinden ihres Bruders zu bekommen.
Aber auch in den USA wird Boris Weißfeiler 1992 für Tod erklärt. 8 Jahre später, im Jahr 2000 und 15 Jahre nach Boris Verschwinden klingelt es an Olgas Tür in einem Vorort von Boston. Ein Paketbote übergibt dir eine Box. Eine Box, die sie nie bestellt hat. In dieser Box befindet sich ein Ordner mit rund 250 Dokumenten und in vielen dieser Dokumente steht ein Name, Boris Weißfeiler.
Was sind das für Dokumente und wo kommen die auf einmal her? Nun, die Clinton Regierung hat zwei Jahre zuvor die Freigabe von allen US-Dokumenten angefordert, die im Zusammenhang mit Menschenrechtsverletzungen in Chile während der Militärdiktatur unter General Augusto Pinocet stehen. Der ist im übrigen durch einen Putsch 1973 angemacht gekommen, der mit Unterstützung der USA durchgeführt wurde. Munkeltman.
Das ist alles noch mal ein ganz anderes Thema. Wie kam Pinochat überhaupt zur Macht? Wie wurde er wieder abgelöst? Ich verliere mich bei der Recherche dann immer wieder in Drittthemen, weil ich das alles so interessant finde, was es auch für internationale Kreise zieht, wer da alles im Hintergrund mit drin hängt und so weiter, gehe ich an dieser Stelle natürlich nicht weiter drauf ein.
Empfehle euch aber wie immer da gern selbst noch mal nachzuhaken. Siehe Quellenfalls von Interesse. Wir kommen zurück zu den Dokumenten, die Olga erhalten hat, denn Olga findet ein Audiotranskript eines Informanten, datiert auf Juni 1987. Der Informant erzählt darin, daß er Teil einer Militärpatrouille war, als diese 1985 an der Gabelung von zwei Flüssen auf einen Mann mit Rucksack stieß.
Dieser sprach kaum Spanisch und leistete keinen Widerstand, als er durchsucht wurde. In seinem Rucksack befanden sich ein Fernglas, ein Infrarot Nachtsichtgerät, ein Messer, Wanderschuhe, ein Schlafsack, ein Zelt und eine Landkarte. Bei sich trug der Mann außerdem einen amerikanischen Pass und ein Schreiben auf dem stand, dass er Professor an einer US-Universität ist.
Der Gruppenführer identifizierte ihn daraufhin als Spion. Weiter heißt es in dem Transkript Zitat: “Wir zogen ihm die Schuhe aus, fesselten ihn und brachten ihn in die nahe gelegene Colonia Dignidad. Dort wurde er stundenlang verhört mit dem Ergebnis, daß er kein Sowjet oder Spion der CIA sei, dafür aber ein jüdischer Spion, der hier ist, um einen anderen jüdischen Mann zu befreien.
Zitat Ende. Um zu verstehen, wo Boris da reingeraten ist, beginnt Olga zu recherchieren. Sie will alles wissen, was es mit dieser Colonia Dignidad auf sich hat. Genau dasselbe müssen wir an dieser Stelle tun und das bringt uns zur Geschichte in der Geschichte, wie ich zu Beginn angekündigt habe. Die Kurzfassung ist, die Kolonia Dignidad war eine deutsche Enklave inmitten Chiles.
Mehrheitlich als Sekte bezeichnet, hat sich die Kolonie nach außen als tüchtige gottesfräume Arbeitergemeinschaft mit bayerischen Trachten und deutschen Traditionen präsentiert, ins geheimlich sie aber einem Straflager, Überwachungsstaat, Folterkammer und so weiter. Die Kurzfassung wird dem, was in einem Zeitraum von fast 40 Jahren tagtäglich dort passiert ist, aber nicht mal annähernd gerecht, weswegen wir uns das Ganze natürlich genauer anschauen.
Vorweg, es gibt ausführliche Bücher, Dokumentationen, Dissertationen, Podcasts, tausend Sachen, die sich mit der Kolonia Dignidad befassen. Ich habe ganz viel darüber konsumiert und konnte einfach nicht fassen, dass ich von alledem nie etwas wusste. Ich kann also gar nicht auf alles eingehen, was ich recherchiert habe, weil es so umfangreich ist.
Dennoch möchte ich natürlich erzählen, wie es überhaupt dazu kommen konnte und vor allem, wie es so lange bestehen konnte. 40 Jahre, das ist im Prinzip genauso lange, wie die DDR bestand hatte. Ich werde mich hier also hauptsächlich auf die Entstehung sowie die True Crime Aspekte konzentrieren und Dinge, die mich einfach sprachlos gemacht haben.
Für alles weitere Finanzierung, politische Zusammenhänge über die Kolonia Dignidat schaut gern in meinen Quellen. Dort habe ich euch alles, was ich angesehen habe, verlinkt. Alles beginnt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem Mann namens Paul Schäfer. Er hat keinen Schulabschluss, keine Ausbildung oder Studium und lebt mit 20 zu Hause bei seiner Mutter in Trostdorf, Nordrhein-Westfalen.
Die Menschen sind nach dem Krieg auf der Suche nach Trost und Orientierung, was es vielen fadenscheinigen Personen leicht macht, Religion für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Zunächst übernimmt der Ehrenamtlich die Leitung des Evangelischen Jugendverbandes CVJM in Trosdorf. CVJM, die Abkürzung von christlicher Verein junger Männer, heute junger Menschen.
Im übrigen ist das Ganze unter der englischen Abkürzung YMCA in London entstanden. Ihr wisst schon, it’s fun to stay at the YMCA. Jeder singt’s mit, kaum einer kennt den Ursprung. Egal. Die evangelische Jugend in Troostdorf bestehend aus minderjährigen Jungen, der Zielgruppe von Paul Schäfer, wie wir in Kürze lernen werden. Er fährt mit ihnen auf Jugendfreizeiten zum Zelten und lädt einzelne Jungen auch zu sich in die Wohnung seiner Mutter ein.
Offiziell zur Bibelstunde natürlich. Die ersten Beweise, dass Schäfer kein frommer Christ ist, sondern unter dem Deckmantel der Religion seine eigene Agenda führt, kommen 1947 auf. Zum einen wird bekannt, daß er einen Jungen im Zeltlager mit Stockschlägen malträtiert hat und zum anderen wird er wegen, Zitathosexueller Beziehungen zu seinen minderjährigen Schützlingen entlassen. Zitatende.
Las diesen Satz mal ganz kurz sacken. Schäfer interessiert das wenig. Er zieht einfach weiter zur nächsten Jugendgruppe und zur übernächsten und wird immer wieder aus dem gleichen Grund entlassen. Homosexuelle Beziehungen zu seinen minderjährigen Schützlingen. Strafanzeigen gibt es nicht. Die einzelnen Kirchgemeinden wollen kein Aufsehen erregen und sind einfach froh, ihn losz sein.
Er zieht also von Ort zu Ort, Dorf zu Dorf, von Gemeinde zu Gemeinde und kann trotz seines zweifelhaften Rufes immer mehr Anhänger als Wanderprediger gewinnen und das, obwohl er nicht mal ein guter Redner ist. Aber irgendwie sind die Leute fasziniert von ihm und seinem Charisma. Vielleicht auch wegen seines starren Blicks, denn Schäfer hat auf seiner linken Seite ein Glasauge.
Er erzählt den Menschen natürlich, dass er sein linkes Auge heldenhaft im Krieg verloren hat. Tatsächlich wurde er aber genau wegen dieses Glasauges ausgemustert, denn in Wirklichkeit hat er sein Auge verloren, als er im Alter von sechs Jahren versucht hat, seine Schnürsenkel, die zufest verknotet waren, mit einer Gabel zu öffnen.
Und die Gabel ist dabei nun ja wortwörtlich ins Auge gegangen. Bald schon braucht er keine christlichen Gemeinden mehr, sondern baut sich seine eigene Gemeinde auf. Seine Gefolgschaft ist ihm hörig. Er predigt von Gott und dass er der Auserwählte ist. Er macht den Menschen Angst vor den Russen und der kommunistischen Bedrohung aus dem Osten.
Seine Anhänger sollen ihm ihren Lohn sowie ihre Ersparnisse überlassen. Als Gegenwert bekommen sie die Sicherheit der Gemeinschaft, kostenloses Essen und kostenlose in Anführungsstrichen Unterkunft. Mit dem Geld seiner Anhänger baut er 1956 ein Jugendheim in Heide bei Siegburg. Er selbst beaufsichtigt den Bau natürlich nur.
Seine Anhänger sind die, die tagsüber arbeiten und das erarbeitete Geld an Schäfer bzw. Weise die Gemeinschaft übergeben und in ihrer Freizeit dann dieses Heim für Jugendliche erschaffen. Genau deswegen dauert der Bau auch 3 Jahre und wird 1959 fertiggestellt. Schäfer nennt das Ganze private soziale Missionen und das auch nicht ohne Grund, denn als gemeinnützige Einrichtung müssen keine Steuern gezahlt werden.
In diesem Jugendheim wohnen minderjährige, vorwiegend männliche Weisen oder auch Kinder, deren Mütter Paul Schäfer überredet hat, dass er besser für sie sorgen kann, da diese Mütter alleinstehend sind. An dieser Stelle gibt es noch so viele Dinge, die man erzählen könnte, allein schon, was da in Sigburg alles abging, aber wir wollen ja dazu kommen, wie dann die Colonia Dignidad in Chile entstanden ist.
Das Heim in Heidebei Segburg war der Vorläufer davon, inklusive Missbrauch. Und genau dieser Missbrauch an minderjährigen Jungen ist der Grund, warum Paul Schäfer aus Deutschland fliehen und sich im Ausland neu orientieren muss, denn er wird 1959 endlich von zwei Familien wegen des Missbrauchs an deren Söhnen angezeigt.
Dass es Chile wird, ist eher dem Zufall geschuldet, daß Chile am 22. Mai 1960 vom stärksten jemals gemessenen Erdbeben heimgesucht wird. Mit einer Stärke von 9,5 auf der Richterskala bringt es Tod, Leid und Verwüstung mit sich, löst fünf Vulkanausbrüche sowie einen Tsunami aus. Zum Vergleich, das Erdbeben in Indonesien mit dem verherenden Tsunami im Jahr 2004 hatte eine Magnitude von 9,0.
Mitarbeiter des auswärtigen Amtes in Chile und in Bonn wissen um den eigenständigen Bau des Jugendheims in Heide und schlagen Schäfer vor, das gleiche in Chile entstehen zu lassen, um nach dem Erdbeben quasi beim Wiederaufbau in Chile mitzuhelfen. Und besonders praktisch für Schäfer, Chile hat kein Auslieferungsabkommen mit der Bundesrepublik.
Er bekommt die Aufenthaltsgenehmigung für sich und weitere Personen sowie ein Stück unbeflecktes Land im südlichen Chile. In einer Nacht und Nebelaktion werden 150 Menschen per Charterflug nach Chile gebracht, darunter etliche Kinder, etwa 20 davon schlichtweg entführt. Den Eltern dieser entführten Kinder wird vorgegaukelt, dass diese eine Chorfahrt machen.
eine Chorfahrt, von der die meisten 40 Jahre lang nicht zurückkehren. Zum besseren Verständnis und Veranschaulichung zitiere ich euch eine kurze Zusammenfassung, die ich auf.de gefunden habe. Da ist kein Redakteur angegeben, deswegen ad.de. Konkreten Link packe ich mit zu den Quellen. Also, Wolfgang kam bereits als Kind zu Paul Schäfer ins Jugendheim der privaten sozialen Mission in Heidebei Segburg.
Seine Mutter war Kriegswidbewe und mit ihm überfordert. Gleich in der ersten Nacht wurde er von Paul Schäfer vergewaltigt. Im Glauben, dass ihr Sohn auf eine Chorfahrt ging, stimmte Wolfgangs Mutter eine Auslandsreise zu. Wolfgang gehört zur ersten Gruppe, die im Sommer in Chile einreiste. Seine Mutter hatte folgende Erklärung unterzeichnet.
Zitat: “Ich erkläre mich als Sorgeberechtigte für meinen Sohn Wolfgang damit einverstanden, daß dieser eine Reise nach Chile antritt und gestatte ihm dort Aufenthalt zu nehmen. Die Herren X und Y sollen berechtigt sein während des Aufenthals meines Sohnes in Schile dort seine Rechte, die mir als der Sorgeberechtigten zustehen, voll wahrzunehmen.
” Zitat Ende. Sie hat also wie viele andere unwissentlich unterschrieben, dass andere erwachsene Personen ihre Rechte als Sorgeberechtigte wahrnehmen dürfen, ohne festzulegen, wie lange eigentlich. Zum Zeitpunkt der Ausreise ist Wolfgang 16 Jahre alt. Bald stellt er fest, dass er nicht zu einer Chorfahrt, sondern zum Aufbau eines Dorfs nach Chile gekommen ist.
Bisin entstehen auf dem 3000 hektar großen Gelände Gebäude wie Wohnhäuser, Schuppen, Werkstätten, Bäckereien, außerdem ein 45 km langes Straßennetz, eine Fluglandebahn, Anbauflächen für Getreide, Kartoffeln und so weiter. Alles in allem wird ein komplett autages Dorf aus dem Boden gestampft, gebaut, errichtet und bewirtschaftet allein von den Anhängern Schäfers.
Mit Wohnhäusern sind aber keineswegs viele kleine Einfamilienhäuser gemeint, in denen die ganzen Kolonos, so werden die Bewohner der Kolonie genannt, unterkommen. Das Gegenteil ist der Fall. Schäfer errichtet, Entschuldigung, lässt errichten, Gemeinschaftswohnhäuser mit Schlafseelen und strikter geschlechter Trennung.
Das bedeutet als Konsequenz natürlich auch, dass nicht nur die Eheleute getrennt voneinander leben, sondern auch Kinder von ihren Eltern. Die Bezeichnungen Vater und Mutter werden abgeschafft und sogar verboten. Alle sind fort an Tanten und Onkel. Wer diese Regeln missachtet, wird bestraft. Eine der Mütter wird Monate weggesperrt, weil sie den Kontakt zu ihrer Tochter gesucht hat.
Der Grund für diese Maßnahmen ist aus Schäfersicht logisch. Sind die Kinder isoliert und können sich keinem anvertrauen, kann er sich ungestört jede Nacht einen Jungen in sein Zimmer holen. Und das macht er auch, ohne Gefahr zu laufen, dass er angezeigt oder verdächtigt wird. Nach außen ist die Kolonie ein angesehenes Mustergut.
Männer, Frauen, Kinder, macht insgesamt deutsche Personen, die dort leben. Nach innen herrscht ein strenges Regiment, ein Führerkult mit Regeln, die einzig und allein Paul Schäfer dienen und die von seiner Führungsriege umgesetzt werden. gearbeitet wird an 7 Tagen die Woche von 4:30 Uhr in der Früh bis in den späten Abend hinein.
Das oberste Gesetz lautet: Arbeit ist Gottesdienst und er sei schließlich die Stimme Gottes. Jeden Abend gibt es Versammlungen von Schäfer Einberufen, in denen er entweder predigt und oder einzelne Mitglieder an den Pranger stellt und bestraft. Die sogenannte Prügelstrafe und Ohrenbeichte stehen an der Tagesordnung.
Prügelstrafe bedeutet 20 Minuten Schläger, nicht selten mit Gegenständen. Ohrenbeichte, die jeder ablegen muss, bedeutet eine Privataudienz mit Schäfer, in denen er nicht nur über die Vorkommnisse des Tages informiert werden will, sondern auch über die Gedanken jedes einzelnen. Sobald ihm etwas missfällt, erfolgt die Prügelstrafe.
ausgeführt natürlich nicht von ihm, sondern von anderen, die er befiehlt. Er selbst sitzt währenddessen grinsend daneben. Ein echter Sadist. Er hat seine Anhänger so, wie er sie haben will. Isoliert in einem fremden Land, Kilometer weit entfernt von der nächsten Stadt, ohne Pass, ohne eigenes Geld. Außerdem sind sie in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen und deswegen nur untereinander kommunizieren können, was sie nicht tun, denn der nächste könnte bei der Ohrenbeichte ja davon berichten.
Und trotzdem wagt einer die Flucht, nämlich Wolfgang, von dem ich euch erst schon erzählt habe. Bei seinem ersten Versuch 1962, also knapp ein Jahr nach Ankunft in Chile, schafft es der damals 17-jährige bis ins Städchen Chilan, wird dort aber gewaltsam aus einem privaten Haus geholt und zurückgebracht. 1963 ein zweiter Versuch.
Dieses Mal schaffte es mit Hilfe von Chilenen bis insig entfernte Temuko zu fliehen. Dort berichtet Wolfgang dem deutschen Konsul von schwersten Misshandlungen und Zwangsarbeit. Der Konsul hält ihn für verrückt und übergibt ihn an die Polizei. Diese wiederum bringen Wolfgang zurück in die Kolonie. Dort wird er bestraft, misshandelt und unter Tabletten gesetzt.
Die Kolonia Dignidat übersetzt übrigens Kolonie der Würde, wie ironisch, ist durch die beiden Fluchtversuche jedoch in die Schlagzeilen geraten und Schäfer erfindet neue Wege, um das Ansehen der Kolonie zu stärken. Er lässt also ein Krankenhaus errichten, in dem alle Chilenen der Region kostenlos behandelt werden und hat damit Erfolg.
Schäfer wäre aber nicht Schäfer, wenn er mit dem Krankenhaus nicht noch eine ganz eigene Agenda führen würde. Denn manche Kinder, kleine Jungen natürlich, gibt er nach der Behandlung nicht mehr an ihre chilenischen Familien zurück. Familien, die ihre Kinder zurückhaben wollen, werden bedroht und tyrannisiert.
Schäfers komplettes Sein, seine Existenz, alles, was er augenscheinlich für seine Umgebung und seine Mitmenschen macht, macht er. um an kleine Jungs zu kommen. Und da er seinen Kolonus ja jegliche Nähe, Beziehungen, Liebe und Zuneigung untereinander verbietet, steht er irgendwann vor dem Problem, dass Kinder erwachsen werden und er deswegen keinen Nachschub an kleinen Jungen bekommt.
Also stielt er sie, indem er chilenische Jungen mit gefälschten Papieren adoptiert. Des weiteren wird das Krankenhaus ein Ort der Folter, Repressalien und Menschenversuchen gegen die eigenen Kolonnos, die in einem anderen Flügel des Krankenhauses untergebracht werden als die Chilenin. Jeder kleinste Fehler, wie z.B.
eine heruntergefallene Tasse, jedes Wiederwort oder gar eine eigene Meinung zu haben, wird nicht geduldet. Zur Strafe werden sie auf Tabletten gesetzt und das Blut wird einmal pro Woche untersucht. Ist die Menge der nachgewiesenen Tablettendosis im Blut abweichend von der verschriebenen wird eben mit der Spritze nachgeholfen.
Die Frauen der Kolonie werden mit Elektroschocks im Genitalbereich malträtiert, um sie unfruchtbar zu machen, weil jegliche sexuelle Regung ein Pakt mit dem Teufel ist. Gepredigt von dem Mann, der die Jungen auf schwerste Weise jede Nacht aufs Neue missbraucht. Wachsen die Jugendlichen aus dem von Schäfer präferierten Alter heraus, werden sie ebenfalls mit Elektroschs im Genitalbereich behandelt.
Aber es trifft auch die Jüngeren, die sich nachts weigern, irgendeine von Schäfers Perversitätten zu befolgen. Ihren vorläufigen Höhepunkt findet das Treiben der Kolonie bzw. von Schäfer im Jahr 1969 und das hat zwei Gründe. Erstens, die Geschlechter und Familientrennung gibt es ja seit Beginnen, also seit 1961.
Jedoch dürfen alle Kolonos zumindest bei Feierlichkeiten zusammenkommen. Und diese Feierlichkeiten gibt es nicht, weil sie Schäfer so viel Spaß machen, sondern um den Schein nach außen zu wahren. Heißt, wenn Besucher kommen, z.B. Behördenmitarbeiter wird die heile Welt vorgegaukelt, inklusive deutschem Liedgut und bayerischen Trachten.
Nachdem in den Jahren zuvor einigen benigen Kolonos die Flucht gelungen ist, unter anderem auch unserem Wolfgang beim dritten Versuch, gilt es wieder Schadensbegrenzung zu betreiben. Also lädt Schäfer Mitarbeiter des Auswerdigen Amtes ein, um zu zeigen, wie schön es in der Kolonie ist und dass keine der Vorwürfe der Geflüchteten, die von Gefangenschaft und Misshandlungen erzählen, zutreffen.
Bei einem dieser Feste sieht Paul Schäfer, wie ein Mädchen mit einem Jungen tanzt. Frauen sind für den misogynen Schäfer nicht nur das Allerletzte, sondern auch eine Konkurrenz. Sie könnten ihm gefährlich in Bezug auf die Gunst der Jungen werden. Also isoliert er ab 1969 die Frauen im Alter von bis 31 komplett von der restlichen Gruppe.
Die nächsten 20 Jahre sehen sie keine anderen Menschen mehr, außer den Frauen ihrer Altersgruppe, müssen zudem harte Arbeit auf dem Feld leisten und werden misshandelt und unter Psychopharmaka gestellt. Außerdem müssen ab sofort Kinder ab dem Alter von 5 Jahren mit auf dem Feld arbeiten und die Jungen werden noch stärker überwacht.
Sie müssen nackt im Bett liegen und schlafen um sie herum fünf Bewacher, die bei vollem Flutlicht jede Regung des Penis notieren, denn der Hauch einer sexuellen Regung wird mit elektrischen Vietreibern, also Elektroschocks, bestraft. Und der zweite Grund für den noch härteren Umgang in der Kolonie ist, daß es in Chile ab 1970 einen Machtwechsel gibt und Salvador Aende Präsident wird.
Dieser will ein Großteil der Agrarflächen verstaatlichen. Das ist eine enorme Bedrohung für die Colonia Dignidad, die ja riesige Agrarflächen besitzt und bewirtschaftet. Und so verkauft Schäfer es seinen Anhängern auch. Konsequenz: Das Areal der Kolonie wird mit Stacheldraht eingezäunt. Es gibt Überwachungstörme und im Laufe der Zeit werden die Holzpfeiler mit Betonplatten ersetzt.
Die Bewohner schließen sich also selbst und freiwillig ein wegen der Bedrohung von außen. In Wahrheit haben sie Schäfer damit die absolute und totale Kontrolle überschrieben, denn eine Flucht ist ab dem Zeitpunkt quasi unmöglich. An dieser Stelle stelle ich euch drei Menschen vor, die bereits als Kinder in die Kolonie kamen.
Mittlerweile sind sie im Rentenalter, denn deren Geschichten verdeutlichen alles, was ich bisher erzählt habe, umso anschaulicher. Ich zitiere wieder von der ARD Seite und kurz die Erklärung, warum ich manche Sachen zitiere. Es macht bei kurzen, prägnanten Texten einfach keinen Sinn, sie mit eigenen Worten nachzuerzählen, nur damit sie kein Zitat sind.
Was gleichzeitig auch ein Kompliment an den Autor des Textes ist, der die Informationen schon aufs Wichtigste reduziert hat. Also Beispiel Günther, Zitat: “Günther kam im Alter von zwei Jahren aus Deutschland in die Colonia Gnedad. Kurz nach der Ankunft sperrte Paul Schäfer Günthers an Kinderlehmung erkrankten Vater in einen Holzschuppen.
Dort musste er bis zu seinem Lebensende hausen. Eine traumatische Erfahrung für Günther, dessen Leben von nun an wie das aller Jungen einzig auf Paul Schäfer ausgerichtet war. Günther gehörte der Generation von Jungen an, die im Krankenhaus über zwei Jahre jede Nacht mit Elektroschocks an den Genitalien gefoltert wurden.
So wurden sie zu absolutem Gehorsam abgerichtet. “Wir wurden alle wie Roboter gehalten,” erklärt Günther heute. Über viele Jahre missbrauchte Paul Schäfer ihn auch noch als erwachsenen Mann. Günther wußte nicht, daß das, was Paul Schäfer mit ihm machte, ein Verbrechen war. Beispiel Erika. Zitat: Erika war 2 Jahre alt, als sie 1962 mit ihren Eltern aus Deutschland nach Chile auswanderte.
Wie alle Kinder wurde auch sie von ihren Eltern getrennt und im Kinderhaus von Tanten großgezogen. Von klein auf mußte Erika schwer arbeiten. Zeitweise bekam sie kaum etwas zu essen. Nach einer Ohrenbeichte bei Paul Schäfer wurde sie unter Medikamente gesetzt und mit Elektroschs gefoltert. So sehr, dass sie zeitweise ihr Gedächtnis verlor.
Der Traum Kinder zu bekommen und eine eigene Familie zu gründen erfüllte sich nicht. Erika erfuhr vom Arzt, dass sie aufgrund der schweren Arbeit und Folter unfruchtbar ist. Beispiel Esther. Zitat: Esther war 5 Jahre alt, als sich ihre Eltern entschlossen, 1962 nach Chile auszuwandern. Mit dem Schiff ging es über den Atlantik und durch den Panamakanal.
entschied dann auf Sandpisten bis zur entglegenen Kolonie. Für Erster war das eine aufregende Reise. Doch aus dem Abenteuer wurde kurz nach der Ankunft in der Kolonie ein Albtraum. Sie wurde von ihren Eltern getrennt und wie die anderen Kinder ins Kinderhaus gebracht. Dort wurde sie von Tantengoß gezogen. Jede Nacht rannte sie weinend um das Kinderhaus und rief nach ihrer Mutter.
Verngeblich. In der Kolonie mußten nicht nur Erwachsene bei Paul Schäfer beichten, auch Kinder. Eines Nachts wurde Esther völlig überraschend aus dem Schlaf gerissen und zu Paul Schäfer gebracht. Er wollte von ihr wissen, was sie da unten gemacht habe. Ester hatte keine Ahnung, was er damit meinte. Nächtelang sollte sie beichten, doch sie wusste nicht was.
In ihrer Verzweiflung forderte sie Paul Schäfer auf, sie einfach totzuschlagen. Von da an mußte sie nie wieder beichten. 15 Jahre lang arbeitete sie als Krankenschwester am Krankenhaus der Kolonie. Von ihren kleinen chilenischen Patienten bekam sie etwas, was es sonst in der Kolonie nicht gab. Liebe Zitatende Salvador Ayendes Amtszeit dauerte nur 3 Jahre bis zum Putsch 1973.
Ab da beginnt die absolute blöde Zeit der Colonia Dignidad, die während der gesamten Militärdiktatur von Augusto Pinocchet anhält. Mal davon abgesehen, dass Schäfer die Pschisten schon vor der Machtübernahme unterstützt hat, weil sie in der Kolonie ihre geheimen Treffen veranstalten konnten, hat Schäfer sie auch während der Diktatur mit Waffen ausgestattet.
Außerdem dient die Kolonie Pinocchet durch die abgeschiedene Lage und die Nähe zur argentinischen Grenze als perfekter Stützpunkt. Aber nicht nur das. Pinocchet weiß auch um die Folterkeller der Kolonie. Er weiß von den Versuchen mit Medikamenten und er weiß, dass die Kolonos mit Saringas experimentieren. Der perfekte geheime Ort, um oppositionelle foltern zu lassen und zu töten.
Über die genaue Anzahl kann man nur spekulieren. Die Rede ist von hundert bis Tausenden, die in die Kolonia Dignidat gebracht und nie wieder gesehen wurden. Ein Deutscher, der in der Kolonie gelebt hat, erzählt von etlichen Gräbern, die er ausgehoben hat. Jahre später sollte er genau diese Gräber wieder öffnen und alle Überreste verbrennen und mit Chemikalien behandeln.
Von den meisten Vermissten gibt es bis heute keine einzige Spur, sowie von Boris Weißfeiler. Bis heute ist die Frage, warum wurde Boris in die Kolonie gebracht? War es einzig und allein der Fakt, daß er allein unterwegs war und Kakiosen trug? Ist ihm vielleicht sein deutsch klingender Nachname zur Verhängnis geworden? Dachte die Militärtruppe, die ihn aufgegriffen hat, er sei ein Flüchtiger der Kolonie und hat ihn deswegen dorthin zurückgebracht, um dann vor Ort vielleicht festzustellen, dass es ein Versehen war.
Olga ist fassungslos, als sie all die Dokumente liest und sich Stück für Stück im Klaren darüber wirt, was damals in Chile abgelaufen ist. Zum Zeitpunkt von Boris Verschwinden gab es keine offiziellen Informationen über die Colonia Dignidad. Kaum ein Zivilist außerhalb Chiles wußte, daß diese deutsche Kolonie in Chile überhaupt existiert.
Und wie anfangs schon gesagt, wissen viele bis heute noch nichts davon. Auch ich vor dieser Recherche nicht. Auch Boris wusste nichts davon. Olga findet nämlich nach ihrer Auswanderung in die USA eine Karte, die auf Boris Schreibtisch lag, auf der alle gefährlichen Regionen der Welt markiert waren. Chile gehörte nicht dazu.
Das letzte, was wir von Boris durch das Audiotranskript wissen, ist, dass er von einer Militärtruppe in die Kolonie gebracht und dort gefoltert wurde. Jetzt im Jahr 2000 findet Olga jedoch weitere Dokumente in der Box, die offenbaren, dass Boris 1987, also zwei Jahre nach seinem Verschwinden, noch gelebt und in der Kolonie im Straflager gearbeitet haben soll.
Ein weiterer Schock für Olga, zumal sie nicht weiß, wie lange er noch gelebt hat, hätte er gerettet werden können. Warum hat ihn niemand darausgeholt? Ein weiteres Dokument von April offenbart die Gedanken der damaligen Generalkonsolin. Zitat: “Wenn Weißweiler noch am Leben ist und irgendwo in Chile gefangen gehalten wird, in Klammern wahrscheinlich in der Kolonia Dignidad, könnte eine breite mediale Berichterstattung das beste Mittel sein, das wir haben, um sein Leben zu retten.
” Um ein Jahr später zu ergänzen, Zitat: “Das Katz- und Mausspiel, das wir mit der chilenischen Regierung getrieben haben, ist eine Schande. Wir hätten schon vor langer Zeit mit Nachdruck vorgehen müssen, aber dies wurde nicht getan.” Zitate. Weitere Dokumente in Olgas Kiste zeigen, daß alle Polizisten der zuständigen Behörde in Schiile kurz nach Boris Verschwinden versetzt wurden.
Ich möchte das noch mal klar machen, weil ich da auch drüber gestolpert bin. Es gab eine örtliche Polizeibehörde, an die sich der Hirte gewandt hat, um die Sichtung eines Fremden, also Boris, zu melden. Und zusätzlich dazu war zufällig aber auch eine zufällig in Anführung gestrichen aber auch eine Militärpatruille in der Gegend, da Grenzgebiet zu Argentinien und wie wir jetzt wissen das Militär von Pinocchet sehr eng mit Paul Schäfer zusammengearbeitet hat und immer wieder politische Oppositionelle in die Kolonie
gebracht hat. Diese Militärpatrouille hat sich neben der örtlichen Polizei ebenfalls auf die Suche nach Boris gemacht, ihn offensichtlich auch aufgespürt und von einem Mann aus dieser Militärpatrouille stammt eben dieses Audiotranskript. Dennoch, so scheint es jetzt, waren wohl auch die Polizisten vor Ort im Bilde darüber, was mit Boris passiert ist, auch wenn sie ihn selbst nicht festgenommen oder weggebracht haben.
Wir erinnern uns, neben dem Rucksack, den der Fischer gefunden hat, lagen neben anderen Dingen auch Boris Schuhe. Durch das Audiotranskript weiß man, daß das Militär ihn zwang, sich die Schuhe auszuziehen. Die Schuhe wurden also gezielt im Nachhinein dort platziert, sowie alle anderen Gegenstände. Vieles sieht danach aus, als hätten die Polizisten die Szene mit dem Rucksack inszeniert und wurden dann schnell in andere Regionen versetzt.
Damit sie nicht auffindbar sind, sollte jemand sie befragen wollen. Auch der Hirte, den ich übrigens Hirte nenne, um ihn nicht mit Paul Schäfer, dem Schäfer zu verwechseln. Der Hirte, der Boris gemeldet hat, wurde im Jahr 1986 erhängt am Fluss aufgefunden. Der offizielle Bericht dazu lautet Selbstmord. Für Olga ließ sich das insgesamt jedoch so, als wären alle möglichen Zeugen beseitigt worden.
Warum wurde denn nie etwas von Boris gefunden, wenn er ertrunken ist? Irgendein Körperteil, Schädel oder Kleidungsstück wäre doch irgendwann aufgetaucht im wahrsten Sinne des Wortes. So wie eine andere Leiche, die nur wenige Monate später nach Boris Verschwinden im gleichen Fluss trieb. Olga erfährt also, daß sie nicht die einzige ist, die nicht daran glaubt, dass Boris einfach nur ertrunken ist.
Aber erst jetzt hält sie die Akten in der Hand, die beweisen, dass mehrere Personen und verschiedene Behörden immer wieder Informationen erhalten haben, dass Boris am Leben ist und manchen dieser Informationen auch nachgehen wollten. Auch Boris Arbeitgeber, die Pennstate University hatte bereits im Juni 85, also vier Monate nach dem Verschwinden, einen Antrag auf die Freigabe der Polizeiberichte gestellt.
Es hat aber 15 Monate gedauert, bis ihr Ersuchen trotz mehrmaliger Erinnerungen überhaupt beantwortet wurde und das auch nur mit spärlichen Informationen, die sie nicht weiterbrachten. Jegliche Versuche der Aufklärung verliefen im Sand, da die chilinische Seite sich bestens im Zeitschinden verstand und nur alle paar Jahre auf Nachfragen reagierte.
Aber auch durch fehlende finanzielle Unterstützung der USA wurde den Hinweisen nie gezielt nachgegangen. Olga hat direkt im Jahr 2000 eine Strafanzeige in Chile gestellt wegen Menschenrechtsverletzung durch gewaltsames Verschwinden lassen. Der Fall wandert von Richter zu Richter. Im August 2012 dann ein kleiner Lichtblick, denn der aktuelle Richter ordnet die Verhaftung von acht Polizisten und Militärs an, die am Verschwinden von Boris Weißfeiler damals beteiligt gewesen sein sollen.
Sie kommen in Untersuchungshaft und man hofft, dass sie durch den Druck weitere Details Preis geben. Ein letzter Strohhalm, um endlich zu erfahren, was wirklich mit Boris passiert ist. Aber der Richter, in den Olga so viel Hoffnung gesetzt hat und der sich ein Jahrzehnt mit dem Fall beschäftigt hat, kommt im März 2016 dann doch zu dem Urteil, dass die Militärs sch Polizisten damals einfach nur ihren Job ausgeführt und einen verdächtigen Mann an der Grenze zur Argentinien aufgegriffen haben.
Auch die kurzen zweimonatigen Ermittlungen seien sehr professionell verlaufen. Es gebe keinen Verdacht, dass Menschenrechte verletzt wurden und der Fall ist somit verjrt. Und das, obwohl der Richter diese acht Personen genau mit der Anklage von Menschenrechtsverletzungen festgenommen hatte. Also, wenn man da als Unbeteiligte drauf schaut, sieht mir das sehr nach Druck von außen aus.
Boris Weißfeiler ist natürlich nicht der einzige, der während der Militärdiktatur von Augusto Pinocet, also zwischen 1973 und 1990 verschwunden ist. Über 40.000 Menschen wurden gefoltert und mehr als 3000 ermordet. Schätzungen zufolge werden immer noch bis 1500 Personen vermiß, die als gewaltsam verschleppt gelten.
Diese Zahl war sogar noch höher, aber 310 Personen konnten bis zum heutigen Tag identifiziert werden. Boris Weißfeiler ist der einzige US-Bürger unter denen, die gewaltsam verschleppt wurden. Viele Familien werden ihre Angehörigen nie finden, da sie laut Berichten mit Chemikalien zersetzt wurden. Weitere wurden lebend auf dem offenen Meer aus dem Hubschrauber geworfen und auch von Boris Weißfeiler wurde bis auf seine Ausrüstung nie etwas gefunden.
Im Gegensatz zu anderen Vermissten gilt es bei Boris aber als sicher, daß er in die Kolonie der Würde gebracht wurde. Vielleicht hat man ihn direkt erschossen. Vielleicht hat man sich sein Wissen aber auch jahrelang z Nutze gemacht, als man herausfand, dass er ein angesehener Professor ist. Immerhin soll er zwei Jahre Nachverschwinden noch in der Kolonie gesehen worden sein.
Olga ist mittlerweile 81 Jahre alt und hat die Suche nach ihrem dre Jahre älteren Bruder nie aufgegeben. Das letzte Mal gesehen hat sie ihn jedoch im April 1984 in Budapest zur Beerdigung des gemeinsamen Vaters. Da war Boris 43 Jahre alt. Würde er heute noch leben, wäre er. Das war der heutige Fall. Ich hätte den bestimmt noch zwei Stunden länger machen können, wenn ich noch mehr auf die Colonia Dignidad eingegangen wäre, aber Hauptthema ist einfach Boris Weißfeiler.
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