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Jeffrey Epstein: Die gesamte Wahrheit  T – Part 9

 Der Druck der Öffentlichkeit war so groß, dass das Überwachungsvideo released werden sollte. Also mussten die Videodateien auf komplizierte Weise wiederhergestellt werden. Erstmal muss eine Kopie des vernichteten Materials beschafft werden. Die konnten sie von aus zwei Dateien eines digitalen Videorekorders der Marke Nice Vision gewinnen, dem im Gefängnis verwendeten System.

Eine der Videodateien beginnt ihre Aufzeichnung um 19:40 Uhr, die andere um 0:00 Uhr. Am 21.05.2025 nutzt ein Ermittler ein Bildschirmaufnahme-Tool, um eine Kopie von dem Material von Nice Vision erneut aufzuzeichnen. Allerdings konnten 62 Sekunden des Materials dabei nicht erfasst werden, sodass eine Lücke von 23:58 Uhr und 58 Sekunden bis 0:00 Uhr entstand.

Aber wie gesagt, die fehlende Minute bzw. Ihre Kopie konnte nachgereicht werden. Diese ganze Phase ist vielleicht das beste Beispiel dafür, was die schlechte Kommunikation in diesem Fall alles auslösen kann. Die Behörden hatten hier ganz deutlich gesagt, das sei das unverfälschte Originalmaterial.

 Ken Bondi hat sie behauptet, es sei völlig normal, dass eine Minute fehle, aber das stimmte eben beides einfach nicht. Anstatt ehrlich zu sein, hat man hier den Leuten entweder das gesagt, was sie hören wollten oder aber einfach technische Halbwahrheiten als Fakten verkauft. Und man hat sich damit ordentlich ins eigene Fleisch geschnitten.

 Mit einer transparenteren Kommunikation wären viele Verschwörungstheorien rund um die fehlende Minute gar nicht erst entstanden. Denn wie das immer so ist, von den Gerüchten und Ungereimtheiten selbst bekommen die Leute schnell was mit, aber wenn sich so etwas dann wenigstens teilweise aufklärt, erfahren das nicht alle Leute und Verschwörungstheorien können weiter herumgeistern und sich verselbstständigen.

Um 0:05 Uhr und 48 Sekunden läuft eine bislang nicht identifizierte Person durchs Bild. Im Bericht des OIG ist nur die Rede von zwei Mitarbeitern, die nach Mitternacht noch in die Special Housing Unit gekommen sind. Die nicht identifizierte Person um kurz nach Mitternacht wird in dem Bericht nicht erwähnt. Die Person ist zwar leger gekleidet, scheint sich in der Special Housing Unit aber gut auszukennen.

Wie vorhin schon gesagt, hatte Mitternacht Michael Thomas seinen Kollegen Gitto Bonhomme abgelöst. Von letzterem haben wir bei unserer Recherche kein Foto gefunden. Es kann also sein, dass das um kurz nach Mitternacht einfach Bonhomme ist, der seine Arbeitskleidung ausgezogen hat und sich auf den Heimweg macht.

Warum das im Bericht trotzdem nicht vermerkt wurde, ist unklar. Dann ist da wohl noch die offensichtlichste Sache. Bestimmt habt ihr euch schon gefragt, wie es sein kann, dass wir nur einen einzigen Kamerawinkel haben. Berechtigte Frage. Schon kurz nach dem Tod von Epstein wird berichtet, dass es auch zwei Kameras gibt, die den Außenbereich seiner Zelle unmittelbar einfangen oder besser gesagt eingefangen hätten.

 Denn das Material wird für unbrauchbar erklärt. Die beiden Kameras werden zwar ins FBI-Labor geschickt, um von Digitalforensikern untersucht zu werden, aber viel mehr hört man danach auch nicht mehr. Unter den 2026 veröffentlichten Epstein-Files sind auch Dokumente zum Kamerasystem. So wurde der MCC-Mitarbeiter befragt, der nach eigener Aussage seit 2016 für das Überwachungssystem im Gefängnis verantwortlich gewesen ist.

Er hat das Equipment in seinen Aussagen als veraltet beschrieben. Die Aufnahmegeräte seien regelmäßig ausgefallen oder hätten Fehlermeldungen gehabt. Insgesamt sei das analoge Kamerasystem in einem ziemlich schlecht gepflegten Zustand gewesen. Er geht auch genauer auf den Ausfall rund um Epsteins Tod ein. Er erklärt, dass die verbundenen Kameras die Aufzeichnung vollständig einstellten, als der digitale Videorekorder ausfiel.

Die Probleme seien schon Tage vorher losgegangen. Am 29. Juli 2019 gab es eine Störung, am 8. August ein Ausfall der Hauptplatzine und am 10. August, also Epsteins Todestag, schließlich ein Festplattenausfall. Der Mitarbeiter erklärt weiter, es seien zwar durchaus zwei Ersatzfestplatten da gewesen.

 Hätte man die eingesetzt, wären jedoch die bereits vorhandenen Daten gelöscht worden. Auf Anweisung des Gefängnisdirektors habe er den DVR neu installiert. Noch während er die defekten Festplatten ausgebaut hat, sei das komplette Gerät dann vom FBI konfisziert und mitgenommen worden. Der Mitarbeiter hatte in seiner Aussage betont, er habe seine Kollegen zuvor darauf hingewiesen, dass der Austausch beider Festplatten alle im System gespeicherten Informationen löschen würde.

Es liest sich so, als sei ihm das trotzdem aufgetragen worden. Auch von Epsteins erstem Versuch Ende Juli fehlt Kameramaterial. Zuerst hieß es, die Aufzeichnung vom Juli sei verschollen. Dann wurde gesagt, das Material sei vom Gefängnispersonal wiedergefunden worden. Allerdings folgte im Januar 2020 die Ernüchterung, wie es in einem Schreiben der Staatsanwaltschaft heißt.

Das auf dem gesicherten Video enthaltene Material stammt zwar vom richtigen Datum und der richtigen Uhrzeit, zeigt jedoch eine andere Etage als die, in der sich Zelle 1 befand. Also, es gibt zwar Aufzeichnungen vom Tag von Epsteins erstem Versuch aus dem MCC, aber nicht von seiner Zelle, sondern von einer anderen.

Weiter heißt es von Seiten der Staatsanwälte, das angeforderte Video sei im Backup-System nicht mehr vorhanden und fehlt dort aufgrund technischer Fehler bereits seit mindestens August 2019. Angefordert wurde das Videomaterial damals von dem Anwalt von Nick Tartaglione. Dieser teilte sich Ende Juli 2019 eine Zelle mit Epstein, während dieser seinen ersten Versuch unternommen hat.

Der Anwalt wollte, dass das Material freigegeben wird, damit alle selbst sehen können, dass er man dann Epstein entgegen einiger Gerüchte nicht angegriffen hat, sondern vielmehr noch versucht hat, sein Leben zu retten. Daraus wird aber nichts. Das Material ist bis heute aus nur vagen Gründen futsch.

 Trotzdem wurde nach einer internen Ermittlung im Gefängnis 2019 festgehalten, dass Nick Tartaglione weder mit Epsteins erstem Versuch noch mit seinem Tod einige Wochen später etwas zu tun hat. Im Februar 2026 macht im Zuge der neu releasten Epstein-Falls ein aufsehenerregendes Dokument die Runde. Es ist eine Mitteilung der New Yorker Staatsanwaltschaft, die über den Tod von Jeffrey Epstein informiert.

 Soweit, so logisch. Aber das Schreiben ist auf den 9. August datiert. Epstein wurde aber erst am Morgen des 10. August tot aufgefunden. Dieses Dokument ist damit weiterer Anhalt für neue Theorien. Auf Nachfrage der BBC hat sich das US-Justizministerium allerdings deutlich zu dem Dokument geäußert. Es habe sich bei dem Dokument nur um einen internen Entwurf für die Mitteilung gehandelt, der am Morgen des 10.

 August angefertigt und erstmal intern besprochen wurde. Der zuständige Mitarbeiter habe sich schlicht im Datum vertan und eben an Stelle des 10. August den 9. August in die Kopfzeile geschrieben. Das Justizministerium hat BBC Verify gegenüber Folgendes geschrieben: “Offizielle Erklärungen zum Tod von Jeffrey Epstein wurden ab dem 10.

 August 2019 über mehrere E-Mail-Ketten innerhalb des Southern District of New York überarbeitet und weitergeleitet. Zwar ist in den ersten Entwürfen der Erklärung das frühere Datum angegeben, doch handelt es sich dabei lediglich um einen unglücklichen Tippfehler, der später korrigiert wurde, um das richtige Datum wiederzugeben, bevor die Erklärung veröffentlicht wurde.

Jede Andeutung, dass das Ministerium eine Erklärung vor dem Tod von Jeffrey Epstein verfasst habe, ist falsch. Zum Schluss möchte ich hier noch mal auf eine Verschwörungstheorie eingehen, die aktuell wieder die Runde macht. Ihren Ursprung hat sie aber tatsächlich schon im Jahr 2019. Es gehen nämlich Bildvergleiche zwischen Epstein zu Lebzeiten und einem geleakten Foto nach seinem Tod herum.

Auf Basis dieses Bildvergleichs glauben viele Leute, dass Epstein vor seinem Tod durch einen Body Double ausgetauscht wurde und sein Tod also gefaked wurde. Das passt ja auch zu dem zweiten der rätselhaften Forchan-Kommentare vom Morgen seines Todes. Nun glauben einige Leute Unterschiede zwischen dem lebendigen und dem toten Epstein erkennen zu können.

 Die Nase würde ganz anders aussehen, die Ohren ebenfalls. Allerdings ist das Vergleichsfoto vom lebendigen Epstein aus dem Jahr 2004. Es zeigt den Straftäter im Gespräch mit seinem Anwalt Dershowitz und ist zum Zeitpunkt seines Todes schon 15 Jahre alt. Wie das Portal Snopes darlegt, ist es deutlich plausibler, dass diese Abweichungen auf Epsteins Alterungsprozess zurückzuführen sind und nicht auf den Einsatz eines Doppelgängers hindeuten.

Das Bild vom toten Epstein stammt aus einem Artikel der New York Post und wurde von einem Fotografen der Zeitung aufgenommen, logischerweise 2019. Die Bilder wurden also im Abstand von 15 Jahren gemacht und spiegeln wahrscheinlich altersbedingte Veränderungen im Aussehen wider. Beim Vergleich halten sich die Leute vor allem an den Bereichen um die Nase und die Ohren auf.

 Das sind beides Bereiche, die nicht nur aus Knochen, sondern auch aus Knorpel bestehen und diese verändern sich mit zunehmendem Alter immer weiter. Es ist z.B. so, dass es durchaus üblich ist, dass die Nase im Alter noch größer wird. Auch der Winkel, der entlang des Nasenrückens um die Nasenspitze herum bis zum vertikalen Raum über der Oberlippe führt, verändert sich mit dem Alter.

Er kann kürzer werden, weil die Nase im Alter absinken kann. Selbst die Form der Ohren kann sich noch verändern. Und Ohren wachsen auch ein Leben lang. Und Epstein ist bei seinem Tod eben schon 66 Jahre alt und dementsprechend im Gesicht ordentlich gealtert. Wenn man online solche angeblichen Vergleiche sieht, lohnt es sich also immer kritisch zu überprüfen, zu welcher Zeit denn das Ursprungsbild aufgenommen wurde.

 Die Theorie um ein Body Double und viele weitere haben sich heute, 7 Jahre nach dem Tod von Epstein, fest in den Köpfen der Leute eingebrannt. Das Ganze ging schon kurz nach seinem Tod los. Nach den 4chan Posts vor der offiziellen Todesmeldung ist das ja auch kaum verwunderlich. Schon Stunden nach Epsteins Tod haben sich Memes und Theorien online verbreitet und wurden tausendfach geliked und gezeigt.

 Auch Politiker und renommierte Journalisten haben da durchaus mitgemischt. Mir geht’s hier auch gar nicht darum, abschließend jegliche Zweifel und Theorien abzuweisen. Ich glaube, nach all dem, was wir in diesem Video gehört haben, ist zumindest klar, dass vieles hier sehr merkwürdig gelaufen ist. Aber trotzdem ist es rückwirkend interessant zu beobachten, wie verschiedene Verschwörungstheorien von Anfang an den Diskurs um Epsteins Tod mitbestimmt haben.

Ich glaube, das ist aber auch ein natürlicher Prozess unserer heutigen Informationskultur. Denn diese besteht zunehmend eben aus Formaten wie Memes und Online-Überspitzung. Was ein nachvollziehbarer Verdacht und was kompletter Quatsch ist, ist schon am Anfang schwierig zu sortieren. Und je mehr Zeit vergeht, desto mehr vermischt sich alles zu einem einheitlichen Diskurs.

Und in dem befinden wir uns eben auch. Die Verschwörungstheorien zum Tod von Jeffrey Epstein sind endlos. Und einige davon auch berechtigt. Mir ging es mit diesem Video weder darum, welche zu diskutieren oder anzufeuern, noch darum, sämtliche Theorien zu widerlegen, sondern darum, dass ihr einen umfassenden Wissenstand zu den Vorgängen im MCC und den Ereignissen rund um Epsteins Tod bekommen könnt, um Theorien, denen ihr online begegnet, besser einordnen zu können.

Ich hoffe, dass es wenigstens ansatzweise gelungen Selbst die ganz grundsätzliche Frage, ob Epstein sich denn nun wirklich das Leben genommen hat oder ob jemand für sein Ableben gesorgt hat, ist bis heute heiß diskutiert. Denn ja, es spricht alles, was es an handfesten Infos gibt, für einen Freitod.

 Aber es gibt in den Darstellungen eben auch genug Lücken, die man mit andere Theorien füllen kann. Jetzt ist die Frage aber, ob die Lücken wirklich eine große Verschwörung sind oder eben miserable Arbeit der zuständigen Behörden oder vielleicht auch beides. Ich bin wirklich gespannt, ob wir das jemals herausfinden werden. In einem Interview Anfang diesen Jahres wurde übrigens auch Brad Edwards gefragt, was seine Meinung zum Tod von Epstein ist.

Er hat als Anwalt bis heute mehr als 200 Frauen vertreten, die von Gewalt durch Jeffrey Epstein betroffen waren. Edwards hat da eine ziemlich klare Meinung dazu. Er geht davon aus, dass Epstein den Freitod gewählt hat. Er berichtet, dass Epstein vor seiner Verhaftung eine seiner heutigen Mandantinnen erzählt hat, wie er aus dem Leben scheiden würde, sollte es hart auf hart kommen.

 Und laut Edwards waren das genau diese Umstände, unter denen Epstein dann letztlich auch gefunden wurde. Mit dem Tod von Jeffrey Epstein wird auch das Verfahren gegen ihn eingestellt. Auch wenn das Strafverfahren nicht fortgesetzt wird, konnten einige von Epsteins Klägerinnen dennoch erstmals vor Gericht erklären, was ihnen angetan wurde.

Im August 2019 gestattet der zuständige Richter trotz des Todes des Angeklagten die Angaben von sogenannten Victim Impact Statements. Angesichts des Todes von Epsteins haben mehrere der betroffenen Frauen gemischte Gefühle. Sie haben das Gefühl, wieder um ihre Gerechtigkeit betrogen worden zu sein. Erst 2008, als die Staatsanwaltschaft in Florida ohne ihre Mitwirkung einen Deal aushandelte und jetzt eben durch Epsteins Freitod.

Anklägerin Courtney Wild beschreibt das Ganze so: “Jeffrey Epstein hat mir und allen anderen Opfern unseren Tag vor Gericht geraubt, an dem wir ihn nacheinander hätten konfrontieren können. Und dafür ist er ein Feigling. Ich bin sehr wütend und traurig, dass in diesem Fall nie Gerechtigkeit geübt wurde. Aber, obwohl das Verfahren eingestellt wurde, wird weiter ermittelt, denn in der Anklage wurde Epstein ja auch die Verschwörung zu Missbrauch vorgeworfen.

Und das bedeutet, es gibt weitere Täter, die es zu ermitteln gilt. Oder Täterin. In der nächsten Folge wird es mit den Ermittlungen und dem Prozess gegen Ghislaine Maxwell weitergehen. Für heute soll es das gewesen sein. Am meisten hat mich in der Recherche überrascht, dass es ja vor allem Epsteins Seite ist, die die Theorie, dass er ermordet wurde, von Anfang an gepusht hat.

 Es bleibt die Frage, ob dieser Umstand das Ganze jetzt mehr oder weniger wahrscheinlich macht. Mich würde auch wirklich interessieren, was für Dateien im Gefängnis geschreddert wurden. Ich bin gespannt, was ihr zu dieser Folge sagt. Ganz nebenbei unterstützt ihr auch so den Kanal, denn jegliche Interaktion, sei es ein Like oder ein Kommentar, unterstützt den Kanal.

Solltet ihr mich noch weiter unterstützen wollen, abonniert mich gerne bei Patreon. Da bekommt ihr die Videos 24 Stunden früher, ohne Zensur und ohne Werbung. Ansonsten gibt es nicht mehr viel zu sagen. Ich wünsche euch einen guten Morgen, Mittag oder Abend, oder je nachdem, wann ihr das Video seht, und ich hoffe, dass wir uns im nächsten Video wiedersehen.

Bis dahin. Ciao, Leute. Could you please give us your name? Jeffrey Epstein. Jeffrey Epstein. Jeffrey Epstein. Seitdem Jeffrey Epstein im Juli 2019 verhaftet wurde, stellen sich sowohl die durch seine Gewalt Betroffenen Frauen, als auch die Behörden und die Presse eine ziemlich berechtigte Frage.

 Wo steckt eigentlich seine ehemals engste Vertraute Ghislaine Maxwell? Schon ein paar Jahre zuvor war es still um sie geworden. Ihr Stadthaus in New York City ist verkauft und ihre Stiftung zur Rettung der Weltmeere liegt auf Eis. Zwar ist sie noch ab und an auf Veranstaltungen zu Gast, aber lange nicht mehr so oft wie früher.

 Sie scheint sich immer mehr zurückgezogen zu haben. Und seit der Verhaftung von Epstein ist sie so gut wie unauffindbar. Und das, obwohl es auch gegen sie Vorwürfe gibt und obwohl sie der Schlüssel zum Fall Jeffrey Epstein sein könnte. Es ist nichts Neues, dass neben Epstein auch Ghislaine Maxwell in den Fokus der Ermittlungsbehörden gerät.

 Schon 2016 hatte die Epstein-Anklägerin Virginia Giuffre eine rechtliche Auseinandersetzung mit Maxwell. Die beiden haben sich zwar letztlich außergerichtlich geeinigt, aber es war da immer klarer, dass Maxwell nicht nur eine Mitwisserin, sondern eine Komplizin von Epstein gewesen sein könnte. Es hat Maxwell dabei wenig genutzt, dass sie sich schon viel früher öffentlich von Jeffrey Epstein distanziert hatte.

Der letzte offizielle Auftritt von ihm und Maxwell war sogar schon 2005, bevor er zum ersten Mal im Gefängnis saß. Allerdings muss der Kontakt der beiden auch nach dem öffentlichen Brunch noch da gewesen sein. Einer der Anwälte vieler Betroffener schildert etwa, dass es Epstein gewesen sei, der Maxwells Rechtsbeistand bezahlt habe, als Frauen versuchten gegen Maxwell vorzugehen.

 Und dass sie zumindest von seinen Taten gewusst haben dürfte, ist damals ebenfalls schon bekannt. Allerdings scheint Maxwell schon im Laufe der ersten Ermittlung gegen Epstein einen Entschluss gefasst zu haben, nämlich, dass es für sie klüger wäre, sich wenigstens in der Öffentlichkeit von Epstein fernzuhalten. Es gab ja schon in den 2010ern eine neue Welle von Vorwürfen gegen Epstein.

 Das Konstrukt, das sie sich über Jahre aufgebaut hatte, begann schon Mitte der 2010er zusammenzubrechen. Und genau das scheint auch seine Freundin Maxwell erkannt zu haben. Es ist also wenig verwunderlich, dass Ghislaine Maxwell einige Zeit nach dem Rechtsstreit mit Virginia Giuffre alle Zelte abgebrochen und sich schleunigst aus dem Staub gemacht hat.

Erst später wird bekannt werden, dass Maxwell seit 2017 viel herumgereist ist. Sie hat zwischen 2017 und 2020 allein 15 internationale Flüge gemacht. Flugreisen innerhalb der USA sind da noch nicht mal mit eingerechnet. Maxwell war unter anderem in Japan, Katar und in ihrer britischen Heimat unterwegs.

 Darüber hinaus wechselt sie in diesem Zeitraum mindestens zweimal ihren Wohnsitz und ändert ihre Handy- und E-Mail-Daten. Wenn sie online etwas bestellt, dann immer unter einem anderen Namen. Schon vor Epsteins Verhaftung begreift sie wohl, was auf dem Spiel steht. Auch in Sachen Bankgeschäft ist Maxwell ab 2016 ziemlich umtriebig.

 Es gibt ab diesem Zeitpunkt mindestens 15 verschiedene Bankkonten, die ihr später direkt oder auf Umwegen zugeordnet werden können. Und diese Konten sind alle ziemlich gut aufgefüllt. Auf den kleinsten liegen ein paar hunderttausend Dollar, auf einem der größten Konten mehr als 20 Millionen. Immer wieder werden sechsstellige Summen zwischen diesen Konten hin- und hergeschoben.

Nach ihrem Rückzug aus New York zieht Ghislaine Maxwell nach Manchester by the Sea in der Nähe von Boston. Denn dort lebt Maxwells neuer Ehemann Scott Borgerson, den sie 2016 heiratet. Gemeinsam leben sie dort in einer Villa. Auch wenn ihre öffentlichen Auftritte weniger werden, lässt es sich Maxwell einen Monat vor Epsteins Festnahme nicht nehmen, noch einmal in ihre englische Heimat zu reisen.

 Offenbar fühlt sie sich im Juni 2019 noch sicher genug, um sich Anfang des Monats mit ihrem alten Freund Prinz Andrew im Buckingham Palace zu treffen, wie die Vanity Fair berichtet. Zudem nutzt Maxwell ihren Aufenthalt für ihre Teilnahme an der Rallye Cash and Rocket. Gemeinsam mit 80 weiteren mehr oder weniger prominenten Frauen rast Ghislaine Maxwell für mehrere Tage in Rennautos durch die englische Landschaft.

 All das, während in den USA das FBI und die Staatsanwaltschaft die Verhaftung von Jeffrey Epstein vorbereitet. Allerdings ist die Rallye auch Ghislaine Maxwells letzter öffentlicher Auftritt. Danach verschwindet sie. Aus gutem Grund. Denn spätestens als Jeffrey Epstein am 6. Juli 2019 verhaftet wird, drängen immer mehr Leute darauf, auch Ghislaine Maxwell unter die Lupe zu nehmen.

Und wenn die Strafverfolgungsbehörden das erstmal nicht zu tun scheinen, wird eben die Presse aktiv. Ein Team der Daily Mail etwa reist bis nach Manchester-by-the-Sea, nachdem ein Tipp reingekommen ist, dass Maxwell sich dort noch aufhalten könnte. Ghislaine Maxwell selbst bekommen die Fotografen den beschaulichen Ort nicht vor die Linse.

Dafür aber ihre Schwester Christine und ihren Mann Scott Borgerson beim Spaziergang mit einem Hund, der verdächtig nach dem aussieht, den Ghislaine Maxwell zuvor mal stolz herumgezeigt hat. Borgerson dementiert gegenüber der Presse aber zu wissen, wo Maxwell stecken würde. In Manchester-by-the-Sea scheint sie damals nicht mehr zu sein.

Heute geht man davon aus, dass sich Maxwell ab dem Zeitpunkt von Epsteins Verhaftung an verschiedenen Orten New England aufhält, also im äußersten Osten der USA. Sie versucht alles, um unentdeckt zu bleiben. Bis zum 12. August 2019, zwei Tage nach dem Tod von Jeffrey Epstein. Vielleicht kennt ihr das Sprichwort “hiding in plain sight”, sich genau dort zu verstecken, wo jeder einen sehen kann.

Zu einem Zeitpunkt, in dem die Medienaufmerksamkeit wohl kaum größer sein könnte, scheint genau das Ghislaine Maxwells Plan zu sein. Zumindest, wenn man den Fotos glauben möchte, die in den Tagen darauf durch die Presse gehen. Am 12. August 2019 wird Ghislaine Maxwell in einer Filiale des Burgerrestaurants In-N-Out fotografiert.

Auf den Bildern ist zu sehen, wie Maxwell mitten im Außenbereich des Burgerladens sitzt, mit einem Buch vor sich und nicht im Entferntesten bemüht, sich zu verstecken. Zumindest sieht das so aus. Schon kurz nachdem die Fotos an die Presse kommen, werden nämlich berechtigte Zweifel laut. So sieht man im Hintergrund an einer Bushaltestelle etwa ein Poster für den Film Good Boys, das laut Aufzeichnung der zuständigen Werbefirma dort nie angebracht worden war.

 Es wird in jeglichen Artikeln unter Berufung auf die Fotos behauptet, Maxwell sei allein essen gewesen. Es stehen aber zwei Becher vor ihr. Und die Metadaten von einem der beiden Fotos, das auf der Website der New York Post hochgeladen wurde, deuten darauf hin, dass das Bild ausgerechnet von einem Anwalt aus dem Raum Los Angeles bereitgestellt worden war, der mit Maxwell befreundet ist.

Noch dazu besitzt dieser Anwalt wohl zufällig einen Hund, der genauso aussieht wie der, der auf einem der Schnappschüsse zu sehen ist. In jedem Fall sehen die Fotos meiner Meinung nach ein wenig zu sauber aus. Zumal Ghislaine Maxwell nach dem Rummel um die vermeintlichen Bürgerfotos wieder komplett von der Bildfläche verschwindet.

 Es gibt zwar Gerüchte, sie sei an der Südküste von Brasilien oder in London, aber einen konkreten Anhaltspunkt gibt es nicht. Selbst ihre Anwälte behaupten nicht zu wissen, wo Maxwell stecken würde. Die hätten zu ihrer Mandantin nur E-Mail-Kontakt. Und es dauert tatsächlich gut ein weiteres Jahr, bis man Ghislaine Maxwell finden wird, auch wenn die Behörden schon länger daran arbeiten.

 Der Plan ist, Maxwell durch ihre Mobilfunkdaten zu orten. Da das über Staatsgrenzen innerhalb der USA passieren muss, sind allerdings ein paar Umwege nötig. Zuerst erwirken Behörden in New York einen Beschluss, um GPS-Daten und historische Mobilfunkstandortdaten für Maxwells Mobilfunkanschluss zu bekommen. So kriegt man raus, dass sie sich irgendwo New Hampshire aufhalten muss.

Nur wo genau sie dort lebt, bleibt lange unklar. Also wird New Hampshire ein zweiter Beschluss erwirkt, mit dem das FBI ein sogenanntes Stingray-Gerät benutzen kann. Dabei wird ein Gerät eingesetzt, das quasi wie ein Mobilfunkmast funktioniert. Allerdings ist es mobil und passt in eine Aktentasche. Mit diesem kleinen simulierten Mobilfunkmast kann man Mobiltelefone in der unbezahlbaren Umgebung zwingen, sich mit ihm statt mit dem eigentlichen Mast zu verbinden.

 Und wenn diese Verbindung hergestellt ist, erfasst das Stingray-Gerät den genauen Standort des jeweiligen Handys und vor allem die Identitätsdaten des registrierten Nutzers. Es gibt zwar in New Hampshire keinen Mobilfunkvertrag, der auf Ghislaine Maxwell zugelassen ist, aber das Alias G Max ist eindeutig genug. Man hat Ghislaine Maxwell gefunden, auf einem großzügigen Grundstück mit einem Haus mit vier Schlafzimmern und vier Badezimmern, in dem man es sich bestens aushalten kann.

Auf einer Website wird das Anwesen ziemlich überzeugend angepriesen. Dort heißt es: “Dieses atemberaubende, individuell gestaltete Blockhaus ist ein wunderbarer Rückzugsort für Naturliebhaber, die sich zudem absolute Privatsphäre wünschen.” Laut weiteren Immobilien-Websites wurde das Haus für etwa über 1 Million US-Dollar verkauft.

Maxwell soll das Anwesen im Dezember 2019 in Cash bezahlt haben, allerdings nicht unter ihrem Klarnamen, sondern über eine sorgfältig anonymisierte GmbH, wie es später heißen wird. Die Maklerin der Luxusimmobilie teilte dem FBI mit, bei den Käufern habe es sich um ein Paar gehandelt. Beide hätten einen britischen Akzent gehabt und sich als Scott und Janet Marshall vorgestellt.

 Es ist unklar, ob es sich bei diesem Scott um Maxwells Ehemann Scott Borgerson gehandelt hat. So oder so hatte Maxwell mehr als ein halbes Jahr lang ihre erwünschte absolute Privatsphäre auf dem Grundstück. Bis zum 2. Juli 2020. Denn um 8:30 Uhr steht das FBI auf der Matte. In New York City liegt im Juli 2020 eine umfangreiche Anklage gegen Ghislaine Maxwell vor.

 Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage in vier Punkten im Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch von Minderjährigen. Dazu kommen zwei weitere Anklagepunkte, wegen Meineids, da Maxwell bei früheren Aussagen unter Eid gelogen haben soll. Damit sind Aussagen gemeint, die sie während ihrer Befragung im Rechtsstreit mit der Betroffenen Virginia Giuffre gemacht hat.

Aber vorwiegend erhalten die Missbrauchsvorwürfe Aufmerksamkeit. Wie es in der Anklageschrift heißt, bezieht man sich hier auf Fälle aus der Zeit zwischen 1994 und 1997. In dieser Zeit habe Maxwell Jeffrey Epsteins Missbrauch minderjähriger Mädchen unterstützt, ermöglicht und dazu beigetragen. Eines in der Klage zunächst namentlich nicht genannten Opfer war erst 14 Jahre alt, als es von Maxwell und Epstein umworben und missbraucht wurde, wobei beide wussten, dass einige Opfer tatsächlich unter 18 Jahre alt war.

In der Anklageschrift wird skizziert, wie Maxwell Epstein dabei geholfen hat, minderjährige Mädchen zu groomen, indem sie sich teilweise mit ihnen angefreundet und ihr Vertrauen erschlichen hat. Einer der Staatsanwälte sagt, Maxwell habe die Betroffenen damit wissentlich in eine Falle gelockt. Die Anklageschrift entschlüsselt, wie Epstein und Maxwell vorgegangen sind, sobald diese Falle zugeschnappt ist.

Maxwell habe dann versucht, Missbrauch für ein minderjähriges Opfer zu normalisieren, indem sie unter anderem über sexuelle Themen sprach, sich vor dem Opfer entkleidete, dabei war, wenn sich das minderjährige Opfer entkleidete und oder bei sexuellen Handlungen zwischen dem minderjährigen Opfer und Epstein anwesend war.

All dies habe dazu beigetragen, die Opfer zu beruhigen, da eine erwachsene Frau anwesend war. Und wegen all dem steht am 2. Juni 2020 das FBI vor Ghislaine Maxwells Tür. Auch wenn auf Klopfen und Klingeln erstmal niemand reagiert. Bei Ankunft der Behörden soll sich Maxwell zunächst im Haus versteckt haben.

 Daraufhin wird die Tür kurzerhand aufgebrochen und Ghislaine Maxwell festgenommen. Bei einer Durchsuchung des Hauses findet das FBI eines von Maxwells Handys, eingewickelt in Alufolie. Es wird davon ausgegangen, dass sie so ziemlich ineffizient versucht hat, zu verhindern, dass das Handy durch die Strafverfolgungsbehörden geortet werden kann.

Zeitnah wird deutlich, dass Ghislaine Maxwell auf Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen werden möchte. Allerdings wohl nicht so dringend, als dass sie die nötigen Formulare komplett ausfüllen würde. Eigentlich muss sie für den Kautionsantrag nämlich die ihr zur Verfügung stehenden liquiden Mittel angeben.

 Laut Staatsanwaltschaft tut sie das aber nicht. Sie führt zwar Konten bei einer englischen Bank mit Gesamtwerten von weit über 2 Millionen Dollar auf, allerdings verschweigt sie mindestens ein Schweizer Bankkonto mit einem Guthaben von etwa 4 Millionen Dollar. Wie die Staatsanwaltschaft festhält, liegt das nicht daran, dass dieses enorme Vermögen nicht existiert, sondern daran, dass sie versucht es zu verbergen.

Eine Kautionsanhörung findet wegen der damaligen Pandemie digital statt. Bei dieser Anhörung dürfen auch zwei Betroffene aussagen, die die Anklage gegen Maxwell erst ermöglicht haben. Annie Farmer, die ihr schon kennt, sagt selbst aus. Ein Staatsanwalt verliest außerdem die Aussage einer anonymen Betroffenen.

 Sowohl Annie Farmer als auch die zweite Betroffene schildern, wie Ghislaine Maxwell viele Taten von Epstein erst möglich gemacht hat. Teilweise auch selbst daran teilgenommen hat. Zudem tragen auch Staatsanwälte ihre Argumente gegen eine Freilassung auf Kaution vor. Maxwell hat zwar ihren offiziellen Hauptwohnsitz in den USA und hat auch einen US-Pass, allerdings ist sie ja zuvor in Großbritannien aufgewachsen und geboren wurde sie in Frankreich.

 Da sie offenbar für alle drei Länder die nötigen Papiere hat, sieht die Staatsanwaltschaft eine erhöhte Fluchtgefahr. Oder wie die Staatsanwaltschaft es selbst zusammenfasst: “Kurz gesagt, Maxwell verfügt über drei Pässe, große Geldsummen, weitreichende internationale Verbindungen und absolut keinen Grund, in den Vereinigten Staaten zu bleiben, um sich der Aussicht auf eine lange Haftstrafe auszusetzen.

” Dementsprechend entscheidet die Richterin, dass eine Freilassung von Maxwell gegen eine Kautionszahlung nicht vertretbar wäre. Maxwell muss also in Haft bleiben, bis ihr der Prozess gemacht wird. Während sie bereits hinter Gittern ist, wird ein neuer Satz Dokumente freigegeben, die im Zusammenhang vom Rechtsstreit zwischen ihr und der Betroffenen Virginia Giuffre gesammelt wurden.

 Darunter sind unter anderem Flugprotokolle von Epsteins Jet, Mails zwischen Epstein und Maxwell, sowie Polizeiberichte über die Ermittlungen aus den Jahren 2005 bis 2008. Von vielen Infos aus diesen Dokumenten habt ihr schon gehört. Damals ist für die Öffentlichkeit aber vieles Neues dabei. Während Maxwell auf ihren Prozess wartet, ist sie in einem New Yorker Gefängnis inhaftiert.

 Berichten zufolge wird dort alle 15 Minuten geprüft, ob sie noch atmet. Nach dem vermeintlichen Freitod von Epstein, mit dem wir uns in den letzten Folgen dieser Reihe beschäftigt haben, ist offenbar die Angst groß, dass auch Maxwell sich etwas antun könnte. Immer wieder beteuert sie aber, dass sie sich auf keinen Fall etwas antun würde.

Und das tut sie auch nicht. Stattdessen bleibt sie mehr als ein Jahr lang im Gefängnis, bis im Sommer 2021 der Prozess gegen sie beginnt. Am 29. November 2021 beginnt der Prozess gegen die damals 60 Jahre alte Ghislaine Maxwell. Der Fall wird in New York vor einer Jury mit zwölf Geschworenen verhandelt.

 Die Staatsanwaltschaft hält die Anklage tatsächlich bewusst simpel, aus einem einfachen Grund. Man legt die konkretesten Fälle vor, die sich neben Epstein am eindeutigsten auf Ghislaine Maxwell als Täterin konzentrieren. Das hat zwar zur Folge, dass einige Faktoren nicht vor Gericht verhandelt werden, etwa das Epstein mit Maxwells Wissen womöglich Opfer an andere Männer vermittelte oder dass der Missbrauch mutmaßlich nicht nur in den USA stattgefunden hat, sondern auch im Ausland.

 Aber andererseits kann man sich durch die stringent gehaltenen Anklagepunkte eben ganz auf Maxwell konzentrieren und darauf, sie möglichst lang hinter Gitter zu bringen. Je simpler die Anklage, desto weniger Schlupflöcher oder Raum für Widersprüche gibt es, von denen die Verteidigung profitieren könnte. Stattdessen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Maxwell eine angemessene Strafe bekommen wird.

Das Ziel ist es zu zeigen, dass Maxwell Epsteins Komplizin war und selbst eine Sexualstraftäterin. Ihre Vorgehensweise soll verdeutlicht werden, indem die vier betroffenen Frauen, die in der Anklageschrift genannt wurden, selbst vor Gericht aussagen. Und am 1. Dezember 2021 ist es soweit. An diesem zweiten Verhandlungstag stehen zum ersten Mal die Aussagen von Betroffenen im Vordergrund.

 Das ist nicht nur speziell für den Prozess gegen Ghislaine Maxwell wichtig, sondern für das große Ganze. Denn schließlich hatten Betroffene von Gewalt durch Jeffrey Epstein bis dahin nie die Chance im Rahmen eines Strafprozesses eine Aussage zu machen. Das wurde Ende der 2000er durch den Deal zwischen Epstein und der Staatsanwaltschaft verhindert und 2019 dann durch seinen Freitod.

Umso wichtiger ist dieser Tag nicht nur für die Klägerinnen im Maxwell-Prozess, sondern für alle anderen Frauen, die unter den Machenschaften von ihr und Epstein gelitten haben. Die erste der vier Klägerinnen, die aussagen darf, tritt unter dem Pseudonym Jane Doe auf. Sie schildert, dass der Missbrauch durch Epstein und Maxwell begonnen hat, als sie erst 14 Jahre alt war.

 Damals war sie im Interlochen Arts Camp in Michigan und wie im Laufe des Prozesses deutlich wird, gehörten Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell zu den Sponsoren dieses Sommerprogramms. Jane erinnert sich, dass sie im Sommer 1994 gerade mit Freundinnen ein Eis aß, als eine Frau mit einem kleinen Yorkshire-Terrier auf sie zukam. Das war Ghislaine Maxwell.

Sie kamen ins Gespräch und später gesellte sich ein Mann dazu. Das war Jeffrey Epstein. Die beiden Erwachsenen interessierten sich für Janes Aufenthalt in dem Camp und erzählten ihr, dass sie Stipendien für talentierte Jugendliche vergeben würden. Als sich herausstellt, dass Jane damals in Florida wohnte, wo auch Epstein einen seiner Wohnsitze hatte, ließen sich Epstein und Maxwell Janes Telefonnummer geben.

Jane gab ihnen ihre Kontaktdaten und nach ihrer Rückkehr vom Camp riefen Epstein und Maxwell sie an und luden sie und ihre Mutter zum Tee ein. Offenbar hat selbst Janes Mutter keinen Verdacht geschöpft, sondern war wohl der Auffassung, ihre Tochter hätte hier einen glücklichen Kontakt für ihre spätere Karriere gefunden.

Nach dem Kennenlernen im Umfeld des Sommercamps hätten Maxwell und Epstein weiter ihr Vertrauen erschlichen, so berichtet Jane. Sie hatte damals das Gefühl, dass Epstein und Maxwell sich aufrichtig Zeit für sie nehmen und sich um sie kümmern. Und anfangs hat sie das sehr genossen, wie sie erzählt.

 Immer wieder machten sie zu dritt Ausflüge, gingen ins Kino oder shoppen. Doch diese scheinbar harmonische Stimmung ändert sich schlagartig, als Epstein begonnen hat, sie zu missbrauchen. Und nicht nur er, Jane Doe beschuldigt in ihrer Aussage auch Maxwell des sexuellen Missbrauchs. So fragt der Staatsanwalt etwa, was Maxwell in solchen Situationen üblicherweise getan hätte.

 Jane antwortet, sie und andere begannen einfach, sich auszuziehen. Jeffrey legte sich auf den Massagetisch und dann wurde das zu einer Orgie. Maxwell sei mehrfach dabei gewesen, als Epstein sie im Alter von 14 Jahren missbraucht habe. Während ihrer Aussage bricht Jane Doe mehrfach die Stimme weg. Doch sie schafft es, weiter zu reden und von ihren Missbrauchserfahrungen zu berichten.

Nur einen Tag später, am 2. Dezember 2021, muss sie noch einmal in den Zeugenstand. Dieses Mal stellt sie sich einem Kreuzverhör von Maxwells Verteidiger. Für die Anwälte der Angeklagten ist das oberste Ziel, das Erinnerungsvermögen von Jane Doe in Frage zu stellen und so ihre Kredibilität zu zerstören. Diese Taktik kennen wir schon aus den ersten Ermittlungen, die in den 2000ern gegen Epstein geführt wurden.

Er ist damit durchgekommen, die Betroffenen als aufmerksamkeitssuchende Jugendliche darzustellen. Und offenbar verfolgt Maxwell in ihrem Strafprozess etwa 15 Jahre später eine ähnliche Strategie. Unter anderem wird bei Jane immer wieder nachgebohrt, warum sie in früheren Befragungen nur von Missbrauch durch Epstein berichtet haben, nie durch Ghislaine Maxwell.

Die Verteidigung hat als Indiz ein Befragungsprotokoll aus 2019 dabei. Damals hat Jane Doe gesagt, sie sei sich nicht mehr sicher, ob sie auch von Maxwell unsittlich berührt worden sei. Jetzt in ihrer Zeugenaussage behauptet Jane das aber felsenfest. Die Verteidigung sieht hier einen Widerspruch und fragt immer weiter, wie die Zeugin in diesem Widerspruch erklären könnte.

Jane sagt darauf immer wieder, ich weiß es nicht. Sie beginnt sogar zu weinen und auch das ist für die Verteidigung ein gefundenes Fressen. Die Anwälte erklären nämlich, die junge Frau habe schließlich Schauspielerfahrung und impliziert, ihr Auftritt vor Gericht sei nur eine weitere dramatische Rolle für sie.

Die ganze Befragung ruft bei Prozessbeobachtern Verwunderung hervor. Allerdings gar nicht unbedingt, weil sich Jane Doe an einiges nicht mehr gut erinnern kann. Unter den Zuschauern im Gerichtssaal ist auch Vicky Ward, eine Journalistin, die ihr schon kennt. Sie erzählt später, im Zuschauerraum habe man sich viel eher gefragt, warum man die Zeugin nicht besser auf das Kreuzverhör vorbereitet habe.

 Dass nach jeder möglichen Inkonsistenz in Aussagen gesucht würde und dass diese dann ausgebreitet werden, sei schließlich normal bei einem Prozess. Aber so wie es Vicky Ward schildert, scheint die Zeugin nicht hinreichend auf so etwas vorbereitet gewesen zu sein. Was Ward verwundert, weil die Zeugin doch ihre ersten Aussagen beim FBI und damit bei einer Bundesbehörde gemacht hat.

 Es wirkt auf sie, als sei sie vor dem Prozess nicht wirklich gebrieft worden, was da auf sie zukommen würde. Auch wenn die Befragung von Jane Doe aufwühlend ist, tritt auch die zweite Frau in den Zeugenstand. Sie wird unter dem Namen Kate vorgestellt. Auch sie gibt an, Ghislaine Maxwell 1994 kennengelernt zu haben.

 Allerdings nicht in den USA, sondern in Paris. Kate erzählt, sie sei am Anfang sehr beeindruckt von Maxwell gewesen. Die ältere Frau habe auf sie sehr kultiviert und elegant gewirkt. Also hat sie Maxwell ihre Telefonnummer gegeben und kurz darauf hat Maxwell sie zum Tee in ihr Londoner Stadthaus eingeladen. Bei dieser Verabredung habe Maxwell dann von ihrem Freund Jeffrey Epstein geschwärmt.

 Kurze Zeit später habe Maxwell sie angerufen und gesagt, dieser Freund sei gerade da und ob sie nicht Lust hätte, spontan vorbeizukommen und Epstein mal kennenzulernen. Kate sagt, dort angekommen habe Maxwell Epstein erzählt, wie stark Kate sei und dass Kate das mal demonstrieren und Epstein mit Druck massieren soll. Kate hat das auch gemacht.

 An diesem Tag passiert auch nichts weiter. Epstein bekam mittendrin einen Anruf und Maxwell hat Kate zur Tür gebracht. Ein paar Wochen später habe Maxwell aber wieder bei Kate angerufen und gesagt, Epsteins Masseurin habe abgesagt und dass sie doch vielleicht spontan einspringen könnte. Kate ging hin und berichtete, Maxwell habe sie die Treppe hinauf in ein Zimmer mit einem Tisch geführt.

 Dort habe Epstein auf sie gewartet. Maxwell habe Kate mit ihm allein gelassen und die Tür zugemacht. Dann habe Epstein sie missbraucht, wie Kate berichtet. Das habe sich in den folgenden Jahren so noch mehrmals wiederholt. Als dritte Betroffene sagt eine Frau aus, die unter dem Namen Carolyn Auftritt. Sie hat Epstein Anfang der 2000er kennengelernt, über Virginia Giuffre.

Das Pyramidenschema, mit dem Epstein vorgegangen ist, kennt ihr ja auch schon. Carolyn erzählt, sie sei zusammen mit Virginia zu Epsteins Anwesen Palm Beach gegangen. Dort seien sie von Ghislaine Maxwell in Empfang genommen worden. Maxwell habe zu Virginia gesagt, “Du kannst sie mit nach oben nehmen und ihr zeigen, was sie zu tun hat.

” Und das habe Virginia dann auch getan. Carolyn berichtet, sie sei danach noch mehrfach ohne Virginia zu Epsteins Haus zurückgegangen. Maxwell habe ihre Telefonnummer bekommen und angerufen, um Massagen zu vereinbaren. Carolyn erzählt, sie sei zwischen ihrem 14. und 18. Lebensjahr über 100 Mal bei Epstein gewesen.

Mehrere Male sei auch Maxwell während der Taten im Haus gewesen. Sie schätzt, dass Maxwell sie über 30 Mal unbekleidet gesehen haben muss. Einmal, als Carolyn erst 14 war, sei Maxwell vor einer der Massagen reingekommen. Carolyn erzählt, Maxwell habe sie bei dieser Gelegenheit an intimen Stellen berührt und gesagt, dass ich einen tollen Körper für Mr.

 Epstein und seine Freunde hätte. Als letzte Betroffene sagt Annie Farmer aus. Ein Teil ihrer Geschichte haben wir schon ganz am Anfang dieser Reihe gehört. Denn Annies Schwester Maria versuchte schon in den 90ern die Behörden auf Epstein aufmerksam zu machen. Das, was Maria damals im Namen ihrer Schwester geschildert hat, erzählt Annie nun selbst vor Gericht.

Sie berichtet, dass Maxwell ihr im Alter von nur 16 Jahren eine Nacktmassage gegeben habe. Farmer gab an, Epstein Ende 1995 in seinem Anwesen in Manhattan kennengelernt zu haben. Annies Schwester Maria Farmer arbeitete damals an einem Kunstprojekt für ihn. Am Tag ihres Kennenlernens habe Epstein den beiden Schwestern Karten für das Phantom der Oper geschenkt.

Annie ging hin, um sie abzuholen. Sie sah Epstein ein weiteres Mal, als sie und Maria mit ihm ins Kino gegangen sind. Er saß zwischen den beiden Schwestern. Dabei streichelte er Farmers Hand und berührte ihren Fuß und ihr Bein. Im Frühjahr 1996 lud Epstein Annie dann für ein Wochenende auf seine Ranch in New Mexico ein.

Sie sei erst etwas unsicher gewesen, aber mit Ghislaine Maxwell war auch eine Frau anwesend und das gab Annie ein Gefühl von Sicherheit. Auf der Ranch wurde beschlossen, dass Annie lernen sollte, Epstein zu massieren. Annie erzählt, Maxwell habe ihr Anweisungen gegeben, denen sie gefolgt sei. Maxwell habe sie dann gefragt, ob sie selbst jemals eine professionelle Massage erhalten habe.

Annie schildert weiter: “Sie sagte, ich solle mich ausziehen und mich unter das Laken auf die Massageliege legen. Sie zog das Laken herunter, entblößte meine Brüste und begann meine Brust und meinen oberen Brustbereich zu massieren.” Die Aussagen der vier Klägerinnen decken sich im Wesentlichen.

 Es gibt zwar, wie etwa bei Jane Doe, kleinere Widersprüche, allerdings wird ja auch über Dinge verhandelt, die teilweise mehr als 15 Jahre her sind. Und auch wenn die Erinnerung hinsichtlich kleiner Details, wie einem Datum, manchmal nicht stimmig ist, im Kern, wenn es um die eigentlich strafbaren Akte geht, sind alle vier Klägerinnen beharrlich und ihre Aussagen passen zueinander.

Unterstützend ist die Aussage von Epsteins ehemaligen Haushälter Juan Alessi. Es liegt eine Mail vor, die Maxwell an einen weiteren Mitarbeiter geschickt hat. Darin beschwert sie sich, dass Juan Alessi Epsteins Massagecremes nicht aufgeräumt habe. Vor Gericht erklärt er dazu, er habe nach Epsteins Massagebesuchen üblicherweise aufgeräumt, bis zu dreimal täglich.

Dabei legte er dann nicht nur Massageutensilien an ihren Platz zurück, sondern auch Sexspielzeug. Und die wurden laut Juan Alessi in Korb in Ghislaine Maxwells Kleiderschrank aufbewahrt. Alessi sagt weiterhin aus, Epstein oder Maxwell hätten ihn manchmal angewiesen, junge Frauen zu kontaktieren und abzuholen.

Konkret erinnert er sich an zwei minderjährige Mädchen, die etwa 14 oder 15 Jahre alt zu sein schienen. Zum einen Jane Doe, die Maxwell nun als Klägerin gegenübersitzt, zum anderen Virginia Giuffre. Trotz der überzeugenden Aussagen will die Verteidigung weiter daran arbeiten, die Glaubwürdigkeit der Frauen zu untergraben.

Am 17. Dezember, nachdem alle vier Klägerinnen ausgesagt haben, ruft die Verteidigung als Zeugin Elizabeth Loftus auf, eine Psychologin und ehemalige Hochschulprofessorin. In ihrer Forschung hat sich Loftus intensiv mit dem menschlichen Gedächtnis und insbesondere der Glaubwürdigkeit von Augenzeugenberichten auseinandergesetzt.

Loftus sagt, sie habe die Existenz falscher oder implantierter Erinnerungen bewiesen. Ihre Studien haben gezeigt, dass Teilnehmer, wenn man ihnen etwas oft genug suggeriert, manchmal eine Erinnerung entwickeln können, die sie für echt halten, aber die nicht real ist. Die Studie, auf die Loftus sich dabei oft bezieht, ist allerdings eine, die sich nicht auf Missbrauchserfahrungen bezieht.

Einer Gruppe von Teilnehmern wurde für die Studie erzählt, dass ihre Eltern den Forschern berichtet hätten, sie hätten sich als Kinder mal in einem Einkaufszentrum verlaufen. Einige Teilnehmer berichteten daraufhin tatsächlich von Erinnerungen an dieses Ereignis, obwohl die Forscher diese Erinnerungen erfunden hatten und die Eltern ihnen von so etwas nie berichtet haben.

Durch ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse ist Loftus zur Expertin geworden, die Strafprozessen als Sachverständige aussagt. Und das soll sie nun eben auch für Ghislaine Maxwell machen. Ihre Aufgabe in diesem Prozess ist logisch. Die Verteidigung hofft, dass Elizabeth Loftus die Richter davon überzeugen kann, dass auf die Aussagen der Klägerinnen kein Verlass sei.

Bei aller fachlichen Kompetenz sei hier angemerkt, dass Loftus durchaus umstritten ist, auch unter anderen Wissenschaftlern. Nicht zuletzt, weil ihr Auftreten bei Strafprozessen nahezu immer dazu da ist, um Personen, die als Betroffene aussagen, ihre Betroffenheit abzusprechen. Ihre Motivation begründete Loftus einmal damit, es sei besser zehn Schuldigen Freiheit als einen Unschuldigen im Gefängnis zu lassen.

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