Jeffrey Epstein: Die gesamte Wahrheit T – Part 6
Das Ganze hat sich über Jahre gezogen. Offenbar hat Epstein nicht damit gerechnet, dass Brad Edwards so standfest bleibt. Edwards berichtet, dass Epstein irgendwann darum gebeten habe, nicht mehr über Anwälte zu kommunizieren und sich stattdessen persönlich zu treffen. Also hat er sich mehrfach mit dem Täter bei Starbucks zusammengesetzt.
Und Epstein hat dabei wohl versucht, Brad Edwards davon zu überzeugen, dass der ganze Fall doch gar nicht so dramatisch sei. Epstein habe ihm gesagt, die Idee, dass man erst mit 18 Jahren einvernehmlich Geschlechtsverkehr haben könnte, sei redundant. Edwards stimmt selbstredend nicht zu. Im selben Zug lässt Epstein dem Anwalt gegenüber durchscheinen, dass er in seinem persönlichen Leben erheblichen Schaden anrichten könnte, sollte er mit seiner strafrechtlichen Verfolgung nicht aufhören.
Epstein hat ihm bei diesem Treffen auch immer wieder zu verstehen gegeben, dass Edwards nur eine Geldsumme nennen müsste, die er haben wollte. Dann würden sich die beiden schon einig werden und könnten ihre juristischen Querelen ad acta legen. Laut Edwards wirkt es, als sei Epstein bereit gewesen, jede von ihm gewünschte Summe zu zahlen, würde er nur aufhören, die betroffenen Frauen zu vertreten.
So ist es Epstein in vergangenen Jahren ja auch gelungen, zahlreiche der Klagen gegen ihn beizulegen. Ich kann euch hier nicht einmal eine genaue Anzahl der Frauen nennen, die im Laufe der 2000er und 2010er erst gegen Epstein geklagt und sich dann außergerichtlich mit ihm geeinigt haben.
Die Dokumentenlage ist da sehr unübersichtlich. In Medienberichten ist oft nur von zahlreichen oder mehreren solcher Vorgänge die Rede. Das sind natürlich ziemlich dehnbare Begriffe. Es könnten eine Handvoll sein, es könnten Dutzende sein oder sogar noch mehr. Allerdings ist Bradley Edwards als renommierter Anwalt in einer anderen Position als die Frauen, denen Epstein Gewalt angetan hat.
Er hat nicht nur die nötige Resilienz, sondern in erster Linie die Mittel, standhaft zu bleiben. Um Geld geht es ihm nicht, sondern um Gerechtigkeit. Er möchte, dass Epstein wenigstens die Vorwürfe, die er gegen Edwards persönlich geäußert hat, zurückzieht. Und man mag es kaum glauben, aber genau das passiert auch. Nach etwa zehn Jahren juristischer Streitereien lässt Epstein bereits angesetzte Gerichtstermine platzen und erklärt sich bereit, seine Klage zurückzuziehen.
Epstein gesteht öffentlich, er habe versucht, Brett Edwards mit falschen Vorwürfen öffentlich unter Druck zu setzen. Also, dass Edwards in dem Ponzi-Schema seines Kollegen mit drin angesteckt hätte, war einfach komplett erfunden. Das Ganze sei aber nach hinten losgegangen und er würde sich entschuldigen. Epsteins volles Statement zu dieser Sache lautet wie folgt: “Während Herr Edwards Mandanten gegen mich vertrat, reichte ich eine Klage gegen ihn ein, in der ich Vorwürfe gegen ihn erhob, die sich, wie die Beweislage
eindeutig belegt, als absolut falsch erwiesen haben. In Wahrheit war sein aggressiver Ermittlungs- und Prozessstil äußerst effektiv und stellt daher für mich ein Problem dar. Die von mir eingereichte Klage war mein unvernünftiger Versuch, seinem geschäftlichen Ruf zu schaden und Herrn Edwards dazu zu bewegen, keine Fälle mehr gegen mich zu verfolgen.
Das hat nicht funktioniert. Trotz meiner Bemühungen leistete er weiterhin hervorragende Arbeit für seine Mandanten und brachte mich durch sein unermüdliches Vorgehen zur Verantwortung. Ich gebe nun zu, dass ich Unrecht hatte und dass die Dinge, die ich gesagt habe, um Herrn Edwards Ruf als Prozessanwalt zu schädigen, falsch waren.
Ich entschuldige mich aufrichtig für die falschen und verletzenden Anschuldigungen, die ich erhoben habe, und hoffe auf Vergebung für mein Eingeständnis des Fehlverhaltens.” Jeffrey Epstein hat seine Unterschrift sicherlich nicht gerne unter diese Worte gesetzt, aber er hat es getan. Und das mutmaßlich aus gutem Grunde. Man kann an dieser Stelle natürlich nur spekulieren, aber es ging im Kern ja darum, dass Epstein behauptet hat, Edwards habe nur mutmaßliche Opfer von Epstein vertreten, um Geld zu machen.
Soweit, so falsch. Entscheidend ist hier wahrscheinlich, dass es eben durchaus um Epsteins Opfer ging. Denn um zu beweisen, dass Edwards die Frauen eben nicht wegen des Geldes vertreten hat, sondern weil er sich sicher ist, dass Epstein ein Serientäter ist, hätte er einige seiner Mandantinnen sicherlich zu Aussagen gebeten.
Das heißt, Betroffene hätten hier erstmals eine richtige Chance gehabt, vor Gericht von den Vorwürfen gegen Epstein zu erzählen und ihre Anschuldigungen in einem juristischen Kontext öffentlich zu machen. Erst kurz bevor der Prozess starten soll, knickt Epstein ein und gibt diese Entschuldigung raus, von der ich euch gerade erzählt habe.
Es sieht so aus, als wäre es das kleinere Übel gewesen, sich selbst als Lügner zu outen, als darauf zu warten, was die Betroffenen vor Gericht erzählen könnten. Trotzdem scheint Epstein auch zu diesem Zeitpunkt um 2017 und 2018 herum noch nicht klar zu sein, wie nah sein endgültiger Abstieg schon ist. Dabei wird er sogar vorgewarnt, denn eine Frau namens Julie K.
Brown meldet sich bei Anwälten von Epstein. Sie ist Journalistin bei einer Lokalzeitung aus Miami und recherchiert seit 2016 zu der kriminellen Vergangenheit ihres Mandanten, wie Julie Brown die Anwälte wissen lässt. Keiner nimmt sie wirklich ernst, eben weil sie eine kleine Lokalreporterin ist. Aber Julie ist da an etwas wahnsinnig Großem dran, an etwas, das den gesamten Fall verändern wird.
Im nächsten Video dieser Reihe werden wir ausführlich darüber sprechen, wie Julie K. Brown in gewisser Hinsicht ermöglicht hat, dass wieder gegen Epstein ermittelt wurde. Und zwar in so einem Umfang, dass er im Juli 2019 festgenommen wurde. Wir werden uns in Teil 5 der Reihe also die Zeit von der durch Julie eingeleiteten Wende bis zum Tod von Jeffrey Epstein ansehen, also die Zeit, in der der Fall zu explodieren beginnt.
Ich hoffe sehr, dass ihr euch den Teil wieder anschauen werdet. Für heute soll es das gewesen sein. Was mich noch interessieren würde, glaubt ihr, dass es Katie Johnson wirklich gegeben hat oder dass sie eine Erfindung war? Schreibt mir das gerne in die Kommentare. Ich hoffe, dieses Video war informativ für euch.
Falls dem so ist, lasst doch gerne ein Like oder Kommentar da. Das hilft dem Kanal wirklich extrem weiter. Wenn ihr mich noch weiter unterstützen wollt, abonniert mich gerne bei Patreon. Den Link dazu findet ihr in der Infobox. Da bekommt ihr die Videos ohne Zensur, ohne Werbung und 24 Stunden früh. Ansonsten gibt es nicht mehr viel zu sagen.
Ich wünsche einen guten Morgen, Mittag oder Abend oder je nachdem, wann ihr das Video seht und hoffe, dass wir uns im nächsten Video wiedersehen. Bis dahin. Ciao, Leute. Als Julie K. Brown an einem Novembertag 2018 ins Büro kommt, ist für sie ein besonderer Tag. Vielleicht einer der Besondersten in ihrer Karriere.
Zur Feier des Tages hat sie für alle Kollegen eine Runde Bagels mitgebracht. Denn heute wird der erste Artikel einer Reihe online gehen, an der sie mehr als zwei Jahre gearbeitet hat. Julie arbeitet nicht für eine der großen US-amerikanischen Zeitung, sondern beim Lokalblatt Miami Herald in Florida. Doch das hat Julie K.
Brown nicht davon abgehalten, eine Recherche zu starten, die die Arbeit der großen Konkurrenten locker in den Schatten stellen kann. Auch wenn Julie das Ausmaß ihres Erfolges an diesem Novembermorgen noch nicht bewusst sein kann. Der Artikel, der an diesem Tag online gehen wird, wird nicht nur ihr eigenes verändern, sondern auch das von Dutzenden, wenn nicht Hunderten Frauen.
Und das eines Mannes, der jahrelang mit unverzeihlichen Dingen davongekommen ist. Zwei Jahre zuvor. Ende 2016 sitzt die Journalistin Julie K. Brown an ihrem Schreibtisch in der Redaktion des Miami Herald. Sie arbeitet schon seit vielen Jahren als Investigativjournalistin. Das tut sie auch recht erfolgreich.
Erst 2014 hat sie einen Preis für ihre Arbeit gewonnen. Dass Julie es einmal schaffen würde, mit dem Schreiben ihr Geld zu verdienen, war keine Selbstverständlichkeit. Ein Journalismusstudium in den USA ist teuer und Julie musste jahrelang erst einmal in mehreren anderen Jobs arbeiten, um sich ein Studium selbst finanzieren zu können.
Und das als junge, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Aber sie hat es geschafft und das ist in vielerlei Hinsicht ein echter Segen. Julie hat sich als Journalistin eine klare Nische ausgesucht. Sie konzentriert sich in ihrer Berichterstattung auf das Gefängnis- und Justizsystem in ihrem Heimatstaat Florida.
Doch für ihre nächste Reportage wird sie weit über ihre gewohnten Grenzen hinausgehen und den Grundstein für alles legen, worüber wir in dieser Doku-Reihe schon gesprochen haben und noch sprechen werden. Eigentlich hat Julie immer davon geträumt, mal bei einer richtig großen Zeitung zu arbeiten. Sie wurde auch zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, aber geklappt hat es letztendlich nie.
Also muss sie sich mit einem Job beim Miami Herald zufrieden geben. Der Miami Herald ist eine lokale, aber doch etablierte Zeitung aus Florida. Die ganz großen Stories gibt es hier üblicherweise nicht. Eher die üblichen allgemeinen Nachrichten und ansonsten eben alles rund um Florida und Miami. Lokalpolitik, Veranstaltungen, Nachrichten über ansässige Vereine und so weiter.
Ende 2016 sitzt Julie also vor ihrem Computer und sucht nach einer geeigneten neuen Story, die sie recherchieren kann. Sie würde gerne etwas über Sextrafficking machen, also entsprechend motivierten Menschen an. Genauere Vorstellung hat sie noch nicht, als sie immer wieder verschiedene entsprechende Suchbegriffe in ihren Computer eingibt.
Immer wieder spuckt ihr die Suchmaschine dabei einen Namen aus: Jeffrey Epstein. Julie beginnt sich in das Thema einzulesen. Vor allem bleibt sie an dem Detail hängen, dass Epstein trotz dutzender Vorwürfe gegen ihn nur 13 Monate ins Gefängnis musste. Mehr darüber könnt ihr in Folge 2 dieser Reihe hören, falls ihr da noch nicht reingeschaut habt.
Als Julie begreift, wie glimpflich die Behörden Epstein haben davonkommen lassen, ist sie fassungslos. Umso mehr, als ihr klar wird, wie wenige Medienberichte es eigentlich zu diesem Thema gibt. Es scheint, als sei die Sache nach Epsteins Entlassung aus der Haft 2009 einfach vergessen worden. Julie weiß, dass sie ihre nächste Story gefunden hat.
Doch zunächst sind ihre Redakteurinnen nicht allzu begeistert von ihrem Thema. Sicherlich ist das Thema spannend und schockierend, zu diesem Zeitpunkt aber auch schon Jahre her. Aber Julie Brown entdeckt einen aktuellen Bezug, der sie davon überzeugt, dass Epsteins Justizdeal aus den 2000ern noch lange nicht an Aktualität verloren hat.
Denn in der ersten Amtszeit von Donald Trump wird ausgerechnet Alex Acosta zum Arbeitsminister ernannt. Und Acosta war unter anderem für den Deal zuständig, den Epstein mit der Staatsanwaltschaft ausgehandelt hat. Zu seinen Aufgaben als Labor Secretary gehört es nun auch, Sextrafficking zu bekämpfen.
Und das, wo er doch einem Straftäter wie Epstein zu so einer milden Strafe verholfen hat. Und mehr noch, er scheint mit dafür verantwortlich zu sein, dass Julie nur noch so wenige Berichte zu den Vorkommnissen in den 2000ern finden kann. Denn Unterlagen, die sie im Zuge ihrer Recherche sammelt, lassen vermuten, dass die von der Costa geführte Staatsanwaltschaft damals Epsteins Anwälten zusammengearbeitet haben könnte, um die Berichterstattung rund um den Fall zu unterbinden.
In einer Mail von einem von der Costas Staatsanwälten an Epsteins Anwalt Jay Lefkowitz heißt es: “Was das Thema, die Presse meiden, angeht, ich könnte die Klage beim Bezirksgericht in Miami einreichen, was die Berichterstattung in den Medien hoffentlich deutlich einschränken würde. Möchtest du das mal prüfen?” Es ist vor allem das Mitgefühl mit den Betroffenen, das Julie dazu bringt, nicht locker zu lassen.
Ihre Motivation verstärkt sich nur noch mehr, als 2017 die #metoo-Bewegung an Fahrt aufnimmt. In Folge der Vorwürfe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein wird immer mehr Frauen zugehört, die von sexualisierter Gewalt in jeglicher Form berichten. Die Bewegung trägt erheblich dazu bei, dass das Thema enttabuisiert wird und in der breiten Öffentlichkeit ein neues Bewusstsein dafür entsteht, was viele Frauen und Mädchen durchmachen.
Nicht nur in Hollywood, sondern in allen Ecken und Enden dieser Welt. Und dieses neue Bewusstsein ermöglicht es Julie K. Brown, sich vollends in ihre Recherchen zum Fall Jeffrey Epstein zu stürzen. Es gelingt ihr, mehrere der inzwischen jungen Frauen aufzuspüren, die in den 2000ern als Teenagerinnen Vorwürfe gegen Epstein erhoben und keine Gerechtigkeit erfahren haben.
Gemeinsam mit ihrer Kollegin Emily Mitchell kann sie einige Betroffene davon überzeugen, sich für Video-Interviews zusammenzusetzen. Ende 2017 setzt sich als erste Michelle Lytle vor die Kamera. Sie berichtet davon, wie sie im Alter von 14 Jahren von Epstein sexuell genötigt wurde. Es folgen weitere Gespräche mit Betroffenen wie Courtney Wild oder Virginia Giuffre.
Acht Frauen setzen sich für die Interviews vor die Kamera. Insgesamt spüren sie aber zehnmal so viele auf. Am Ende sprechen sie mit insgesamt mehr als 80 Frauen, die angeben, von Epstein und oder Bekannten von ihm missbraucht worden zu sein. Darüber hinaus spricht sie auch mit Polizisten, die damals versucht haben, den Fall aufzuklären und selbst in ihren Ermittlungen ausgebremst wurden.
Julie reist für ihre Recherchen nicht nur durch Florida, sondern mitunter auch nach New York, um dort Gerichtsdokumente einsehen zu können. Für die Gespräche mit den betroffenen Frauen geht es für die Journalistinnen in verschiedene Bundesstaaten. Teilweise bezahlen Brown und Mitchell ihre Reisen von ihrem eigenen Geld, wenn das Budget der Zeitung knapp wird.
Es ist alles nicht nur eine mühevolle Kleinarbeit, sondern erfordert auch unschätzbares Fingerspitzengefühl und Geduld. Immerhin bittet Julie hier junge Frauen darum, Erinnerungen aufzuwühlen, die sie nach wie vor sehr belasten. Viele von ihnen haben sich vor schon mal getraut, ihre Geschichten zu erzählen, nur um von der Justiz im Stich gelassen zu werden.
Sie informiert auch die Anwälte von Epstein über ihr Vorhaben, einen großen Bericht über seine Machenschaften zu schreiben. Allerdings scheinen sie Julies Arbeit nicht sonderlich ernst zu nehmen und unterschätzen sie damit maßlos. Für Julie ist das in dem Moment gut. Sie kann ohne die Drohungen arbeiten, die Kollegen vor ihr erhalten haben.
Also stürzt sie sich für beinahe zwei Jahre in die Arbeit. In vielen Berichten über Jeffrey Epstein und die Vorwürfe gegen ihn geht es erstaunlich wenig um die Mädchen und Frauen, denen er Schaden zugefügt hat, sondern eher um seinen Reichtum, seine Häuser in New York, New Mexico und Florida, um seinen Privatjet oder seine eigene Insel.
Oder um seine prominenten Freundschaften zu einflussreichen Männern wie Bill Clinton, Donald Trump oder Prinz Andrew. Julie entscheidet, dass über all das fürs Erste genug geschrieben wurde. Die schillernde Fassade von Epstein interessiert sie nicht wirklich. Sie ist ein Teil der Geschichte, aber für Julie nicht der Kern.
Der Kern, das sind die vielen Frauen, die angeben, von Epstein missbraucht worden zu sein. Sie entscheidet sich, sich in ihrem Artikel auf zweierlei Dinge zu konzentrieren. Zum einen auf den skandalösen Plea Deal zwischen Jeffrey Epstein und der Staatsanwaltschaft aus dem Jahr 2008 und auf die Frauen, die im Zuge dessen von der Justiz im Stich gelassen wurden.
Julie K. möchte den Überlebenden ein Gesicht geben und aufzeigen, wie sie mitunter noch Jahre oder Jahrzehnte später unter dem leiden, was Epstein ihnen angetan hat. Julie K. Brown und ihre Kollegin Emily Mitchel können ihre Expertisen und Skills für ihre Arbeit perfekt miteinander verbinden.
Julie hat durch frühere Recherchen das Know-how zum Justizsystem in Florida und kann beleuchten, wie verwerflich der Deal zwischen Epstein und der Justiz wirklich war. Und genau wie Emily ist sie einfühlsam genug, um den Betroffenen einen Raum zu geben, in dem sie sich öffnen können. Mit der Zeit wird Julie klar, dass sie mit einem Artikel zum Fall Jeffrey Epstein nicht auskommen wird.
Stattdessen wird ihre Recherche zu einer ganzen Serie verarbeitet. Der erste Artikel geht im November 2018 online und wird alles verändern. Und damit sind wir an dem Punkt, mit dem wir das Video eröffnet haben. Julie K. Brown sitzt in der Redaktion des Miami Herald, ihre Kolleginnen und Kollegen um sie herum.
Der erste Artikel aus Julies Reihe geht online und zu dem Titel Perversion of Justice. Und langsam, aber sicher entwickelt er sich im Laufe des Tages zum meistgeklickten Artikel. Schon da ist die Freude groß. Doch die Recherche wird nicht nur der meistgelesene Artikel des Tages werden, es wird der meistgelesene Artikel überhaupt auf der Website des Miami Herald.
Andere Zeitungen, sowie Fernseh- und Radiosender greifen Julies Erkenntnisse auf. Nicht nur kann sie überzeugend darstellen, wie mit Alexander Acosta ein Kabinettsmitglied an dem großzügigen Deal zu Epsteins Gunsten beteiligt war, auch die Schilderung der betroffenen Frauen berühren Leserinnen und Leser in den ganzen USA. Ende 2018 verbreiten sich die Artikel von Julie K. Brown wie ein Lauffeuer.
Die Serie holt mehr als 9,5 Millionen Besucher auf die Website des Miami Herald. Allein auf der Seite der Zeitung werden die Videointerviews mit den Betroffenen mehr als 850.000 Mal angeklickt. Millionen weitere Aufrufe gibt es über YouTube-Uploads. Julie hat natürlich gehofft, dass ihre Recherchen ankommen und vielleicht sogar etwas bewirken werden.
Doch damit, dass ihre Artikel so viral gehen, konnte sie nicht rechnen. Julie bekommt viel verdientes Lob für ihre Arbeit, auch wenn sie dieses Lob bescheiden direkt an die betroffenen Frauen weiterreicht, die sich getraut haben, ihre Geschichte zu erzählen. Es ist den Artikeln von Julie K. Brown zu verdanken, dass die umfangreiche Vertuschungsaktion der Behörden aufgedeckt wurde, durch die Epstein mit einer außergewöhnlich milden Strafe davonkam, die ihn lediglich zu 13 Monaten Haft verpflichtete.
Es war auch Julie Brown, die publik gemacht hat, dass es der damalige oberste Bundesstaatsanwalt in Miami, Alexander Acosta war, der die Vereinbarung im Jahr 2008 heimlich mit ausgehandelt hatte. Und dass damit ein Mitglied der ersten Trump-Administration knietief in diesem Skandal drinsteckt. Während bald alle großen Sender und Zeitungen über den Fall Epstein berichten, werden er und seine Leute offenbar zunehmend nervös.
Später wird die Staatsanwaltschaft Jeffrey Epstein vorwerfen, dass er in diesen Tagen beginnt, Bestechungszahlungen an mögliche Komplizen zu überweisen, um sich ihr Schweigen zu kaufen, damit im Zuge des Medienrummels niemand weiter gegen ihn auspackt. Das lassen zumindest Epsteins Kontobewegungen aus diesem Zeitraum vermuten.
Zwei Tage, nachdem der erste Artikel bei Miami Herald online geht, überweist Epstein demnach 100.000 Dollar in einen Treuhandfonds, der von einer Person gemanagt wird, die in dem 2007er Deal als möglicher Kokonspirator genannt wird. Wie aus vorangegangenen Folgen wisst, waren das vier Personen: Sarah Kellen, Leslie Groff, Adriana Ross und Nadja Mackinkova.
Nur drei Tage später sollen vom selben Konto noch einmal 250.000 Dollar an eine weitere mögliche Kokonspiratorin überwiesen worden sein. An welche der vier Frauen das Geld ging, ist nicht bekannt. Aber es wirkt, als wolle Epstein versuchen, den Schaden durch Julie Browns Arbeit für sich zu begrenzen. Später wird die Epstein-Überlebende Virginia Giuffre angeben, dass sie in diesem Zeitraum nach dem Erscheinen der Reportage einen Anruf vom FBI bekommen habe.
Man habe ihr telefonisch mitgeteilt, ihr Leben sei in ernsthafter Gefahr und sie und ihre Familie sollten sich umgehend an die Bundespolizei ihres neuen Heimatlandes Australien wenden. In dieser Zeit verfasst sie auch einen Tweet, der heute noch oft zitiert wird. Darin schreibt sie: “Ich gebe öffentlich bekannt, in keinster Weise selbstmordgefährdet zu sein.
Selbiges habe ich auch meiner Therapeutin und meinem Hausarzt mitgeteilt. Sollte mir etwas zustoßen, bitte ich Sie, um meiner Familie willen, das nicht unter den Teppich zu kehren und mir dabei zu helfen, sie zu beschützen. Zu viele böse Menschen wollen mich zum Schweigen bringen.” Ich weiß, dass dieser Tweet vor allem heute, nachdem sich Virginia Giuffre tatsächlich 2025 das Leben genommen hat, oft misstrauisch betrachtet wird.
Aber ich glaube, eine zeitliche Kontextualisierung ist hier hilfreich. Post wurde eben im unmittelbaren ersten Medienrummel abgesetzt und nach einer Warnung durch das FBI. Also in einer Situation, in der Virginias Wahrnehmung und offenbar auch in der der Ermittler eine unmittelbare Lebensgefahr bestand, auf die sie ausdrücklich von Bundesbehörden aufmerksam gemacht wurde.
Was genau das FBI damals zu dieser Warnung an sie verleitet hat, ist leider bis heute nicht bekannt. Epsteins unmittelbarer Zirkel scheint sich nämlich eher erst einmal auf die Presse zu fokussieren, denn zur selben Zeit legen sich auch seine Anwälte mal wieder richtig ins Zeug. Sie konzentrieren sich besonders auf das Lob, das Brown für ihre Recherchen einfährt.
Obwohl vor allem der Schock über den nachlässigen Deal, die Beteiligung von Alexander Costa und das Leid der Frauen die Hauptthemen in den Medien sind, dreht sich auch einiges um Brown selbst. Und darum, wie es wohl nach einer so bahnbrechenden Recherche für sie weitergehen könnte. Sogar von einem Vorschlag für den Pulitzer-Preis ist die Rede.
Das stößt Epsteins Lager offenbar so sauer auf, dass sich sein Anwalt Alan Dershowitz mit einem offenen Brief an das Komitee des Pulitzer-Preises wendet. Die Überschrift: Belohnen Sie keine Fake News. Natürlich seien die Anschuldigungen gegen Epstein völlig überzogen und unwahr. Dershowitz selbst schließt sein Schreiben pointiert mit folgenden Worten ab: Schande über Brown, Schande über den Miami Herald und Schande über das Pulitzer-Komitee, wenn es Browns Berichterstattung nicht untersucht und solche Fake News und diesen schlampigen
Journalismus durch eine Auszeichnung noch fördert. Ob es nun an Alan Dershowitz Schreiben liegt oder an was anderem, tatsächlich wird Julie K. Brown trotz des großen Erfolges ihres Artikels nicht in die engere Auswahl für den Pulitzer-Preis aufgenommen. Allerdings bewegt ihr, wie Dershowitz es nennt, schlampiger Journalismus weitaus mehr, als ihr Preise zu bescheren.
Denn das Thema wird in den Medien so groß, dass auch die Politik nicht länger wegsehen kann. Mit der erhöhten Sichtbarkeit des Themas in den Medien beobachten auch immer mehr Medien, wie einige Betroffene und ihr Anwalt Brett Edwards noch immer versuchen gegen den Deal aus 2008 anzugehen. Unter den Lesern von Julie K. Browns Reportagen ist auch das damalige Senatsmitglied Ben Sasse.
Er fordert das Justizministerium der Vereinigten Staaten auf, auf Basis von Browns Recherchen eine interne Untersuchung einzuleiten. In einem Brief an das Ministerium schreibt er unter anderem: “Der Fakt, dass dieses Monster, Epstein, so ein pathetisch harmloses Urteil erhalten hat, ist ein Desaster, das uns alle erzürnen sollte.
Ich bin insbesondere verstört hinsichtlich der Berichte, die darauf hindeuten, dass Bundesstaatsanwälte sich solch eine Mühe gegeben haben, diesen Sweetheart Deal für Epstein zu arrangieren und ihn den Frauen und Mädchen vorzuenthalten, die missbraucht wurden und hätten Einspruch einlegen können, offenbar unter Verstoß gegen Bundesrecht.
” Und Ben Sasse hat mit seinen Forderungen Erfolg. Im Februar 2019 gibt das Justizministerium bekannt, den mehr als 10 Jahre zuvor ausgehandelten Plea Deal für Jeffrey Epstein noch einmal zu überprüfen. Dieser Deal hatte ja verhindert, dass Epstein wegen des Vorwurfs, Dutzende minderjähriger Mädchen missbraucht zu haben, vor einem Bundesgericht angeklagt werden zu können.
Es heißt nun, die Abteilung für berufliche Verantwortlichkeiten des Justizministeriums werde Vorwürfe untersuchen, wonach Anwälte des Ministeriums bei der Erledigung der Strafsache Epstein möglicherweise berufliches Fehlverhalten begangen haben. Ebenfalls im Februar 2019 bestimmt ein Bundesrichter, dass die Bundesstaatsanwaltschaft unter Acosta mit dem Deal das Gesetz verletzt hat, weil die Betroffenen nicht zureichend über die Abmachung informiert wurden.
Und mit dieser Entscheidung des Bundesrichters gerät Alexander Acosta, der inzwischen unter Donald Trump Arbeitsminister der Vereinigten Staaten ist, endgültig unter Druck. Zunächst wehrt er sich vehement gegen jegliche Anschuldigung, beharrt darauf, zum damaligen Zeitpunkt die bestmögliche Entscheidung getroffen zu haben.
Zudem sei er nicht allein für den Deal verantwortlich gewesen. Im Mai 2019 erklärt er: diese Angelegenheit wurde bis hin zur stellvertretenden Generalstaatsanwaltschaft weitergeleitet und zwar nicht, weil wir nicht genug unternommen hätten, sondern weil man uns vorwarf, zu aggressiv vorgegangen zu sein. Allerdings kommt der Costas defensives Verhalten nicht sonderlich gut an.
Parallel dazu beginnen die US Marshals, Jeffrey Epsteins Angaben zu seinen Auslandsreisen zu überprüfen, denn eigentlich müsste er als registrierter Sexualstraftäter jede bevorstehende Reise bei den Behörden melden. Die New Yorker Staatsanwaltschaft hat allerdings Zweifel daran gemeldet, ob er das auch immer gewissenhaft getan hat oder zumindest vollständig wahrheitsgemäß.
So informierte Epstein die Behörden etwa durchaus, als er im März 2019 seine Privatinsel besucht. Allerdings werden den Marshals Datensätze zugespielt, die zeigen, dass er mit seinem Privatjet nach Frankreich fliegt. Laut einem öffentlich zugänglichen Flight Tracker ist Epstein oder zumindest sein Jet im selben Monat auch in Österreich und in Monaco.
Jedoch war keines der Länder in seinem Meldeformular angeführt. Von der Bundesluftfahrtbehörde der USA bekommen die Marshals im Laufe der ersten Jahreshälfte 2019 den Hinweis, dass der Privatjet von Epstein noch mehrere weitere Länder angeflogen ist, offenbar ohne dass Epstein entsprechende Reisen gemäß seiner Pflicht angekündigt hat.
Laut später veröffentlichten Dokumenten bekommen die Marshals in diesem Zeitraum auch einen Tipp, der darauf schließen lässt, dass Epstein trotz des zunehmenden Drucks aus der Öffentlichkeit weiterhin seine Verbrechen begeht. Von einer Fluglotsin auf den Jungferninseln kommt ein entsprechender Tipp.
Die Lotsin teilt den Marshals mit, sie habe Epstein 2018 zweimal beim Aussteigen aus seinem Flugzeug gesehen, einmal entweder im Juni oder Juli und dann noch einmal im November. Beide Male sei er in Begleitung von Mädchen gewesen. Die Fluglotsin schätzt ihr Alter auf 11 oder 12 Jahre. Ein anderes Mal habe sie Epstein in Begleitung eines etwa 16 Jahre alten Mädchens gesehen.
Justiz kann hier nun also eins und eins zusammenzählen und wird bald darauf längst überfällige Konsequenzen ziehen. Epstein selbst hat nun PR-mäßig einiges zu tun, die Welt davon zu überzeugen, dass er kein schlimmer Straftäter ist, soll er sich 2019 auf ein Interview mit der australischen Fernsehsendung 60 Minutes vorbereiten.
Dabei bekommt er prominente Unterstützung von niemand geringerem als Steve Bannon. Dieser hat zuvor die Wahlkampf-Kampagne für Donald Trump geleitet. Laut späteren Aussagen von Bannon selbst coacht er Epstein zwar nicht für ein 60 Minutes Interview, sondern will selbst eine Doku über ihn drehen. Unabhängig vom Zweck der Treffen zwischen Epstein und Bannon, Epstein will vor der Kamera möglichst gut rüberkommen, um sein Image aufzupolieren.
Es existieren insgesamt um die 15 Stunden Videomaterial, in dem Epstein vor der Kamera sitzt und von Bannon interviewt wird. Dabei sind mitunter Kommentare aus dem Off zu hören, wie Bannon Epstein lobt. Da fällt etwa die Bemerkung, Epstein sei auf den Aufnahmen sympathisch, nicht bedrohlich, überhaupt nicht unheimlich, eine sympathische Figur.
Außerdem rät Bannon Epstein ab und an direkt in die Kamera zu schauen. Und am Rande gibt er ihm auch den Tipp, auf gar keinen Fall über seine rassistischen Theorien über schwarze Personen zu sprechen. Laut dem Journalisten Michael Wolff, der die Aufnahmen komplett gesehen hat, ist Steve Bannon am Ende zufrieden mit Epstein.
Hauptsächlich rät Mr. Bannon Mr. Epstein, er soll an seiner Botschaft festhalten, nämlich, dass er kein Pädophiler sei. Bei allem Eindruck wird es aber nie zu einem Interview mit 60 Minutes kommen und auch die angebliche Doku von Bannon über Epstein wird nie produziert. Während im Hintergrund die Ermittlungsbehörden eng zusammenarbeiten, reißen die Presseberichte zur Causa Epstein nicht ab.
Durch die neue Aufmerksamkeit für das Thema melden sich auch Frauen, die ihre Hoffnung auf Gerechtigkeit eigentlich schon längst aufgegeben hatten. Am 16. April 2019 reicht Maria Farmer eine eidesstattliche Erklärung bei einem New Yorker Gericht ein. Vielleicht kennt ihr den Namen von Maria noch aus der ersten Folge dieser Serie.
Maria gibt in ihrer Erklärung an, dass sowohl sie als auch ihre damals 15 Jahre alte Schwester Annie 1996 Opfer von Übergriffen durch Jeffrey Epstein wurden. Maria hat sich schon damals sowohl beim Police Department von New York City als auch beim FBI gemeldet. Allerdings wurde nichts unternommen. Die eidesstattliche Erklärung von Maria wird nicht einfach so beim Gericht eingereicht.
Sie ist eines von 15 Beweisstücken, die einer Verleumdungsklage angehängt sind. Diese Verleumdungsklage wurde wiederum von Virginia Giuffre eingereicht. Dieses Mal geht Virginia aber nicht gegen Epstein oder Maxwell vor, sondern gegen Epsteins Anwalt Alan Dershowitz. Wie schon in früheren Gerichtsunterlagen schildert Virginia Giuffre auch in dieser Klage, dass Epstein und Maxwell einen Sexhandelsring mit minderjährigen Mädchen betrieben hätten, von dem Alan Dershowitz gewusst haben.
Virginia selbst sei als Minderjährige gezwungen worden, mit Dershowitz und anderen prominenten, wohlhabenden Männern intim zu werden. Dershowitz wehrt sich weiterhin gegen die Vorwürfe und behauptet, er habe Giuffre nie geschafft. Er sagt außerdem, er verfüge über Dokumente und andere Beweise, die belegen, dass sie lügen würde.
Die Erklärung von Maria und die weiteren angehängten Beweisstücke sollen Virginias Version der Geschehnisse untermauern und dass Dershowitz im Auftrag von Epstein böswillig falsche Informationen verbreitet habe, um sie und andere Opfer einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Durch die Aussagen, wie die von Maria, können einige Angaben von Dershowitz in Frage gestellt werden.
So hat Alan Dershowitz z.B. behauptet, er habe bei einem Besuch bei Epstein und dessen verschiedenen Anwesen in Palm Beach, New Mexico, New York niemals minderjährige Mädchen gesehen. Allerdings hält nicht nur Virginia Giuffre dagegen, sondern ihre Erklärung eben auch Maria Farmer. In der Erklärung heißt es von Maria: “Ich habe dabei mehrfach beobachtet, wie Dershowitz in der New Yorker Villa nach oben ging, während sich gleichzeitig junge Mädchen unter 18 Jahren im Obergeschoss des Hauses aufhielten.
” Auch Sarah Ransome, die zuvor schon Klage gegen Epstein eingereicht hatte, steuert eine Aussage zu Virginias Klage gegen Dershowitz bei. Sie behauptet, ähnlich wie Virginia, von Epstein an andere Männer weitergegeben worden zu sein. Unter anderem eben auch an Alan Dershowitz. Im April 2019 sorgen die Dokumente vor dem Hintergrund der Berichterstattung über Epstein für weiteres Aufsehen.
Zumal Maria Farmer ja noch einmal äußert, sie habe sich schon mehr als 20 Jahre zuvor beim FBI und der Polizei gemeldet. Es wird so langsam klar, dass die Ungereimtheiten der Aufarbeitung mutmaßlich noch weiter zurückreichen als bis in die 2000er. Der öffentliche Unmut gegenüber den Behörden nimmt zu, bis diesem Juli 2019 endlich handelt.
Seit den Artikeln von Julie K. Brown ist etwa ein halbes Jahr vergangen. Es ist Samstag, der 6. Juli 2019 und wir befinden uns am Teterboro Airport im US-Bundesstaat New Jersey. Der Flughafen liegt zwar nicht im Bundesstaat New York, aber nur etwa 10 Meilen von New York City entfernt. Für Reisende, die es in den Big Apple zieht, ist eine Landung am Teterboro Airport deshalb eine bequeme Option.
An diesem Tag befinden sich unter den Fluggästen und dem Personal allerdings auch FBI-Beamte am Flughafen. Sie warten auf einen ganz bestimmten Jet, der sich nun im Landeanflug auf Teterboro befindet. Es ist kein herkömmlicher Linienflug, sondern ein Privatjet, der gerade aus Paris zurückkehrt. Das Flugzeug gehört Jeffrey Epstein.
Der Banker ist höchst persönlich an Bord und soll an diesem Tag festgenommen werden. Direkt nach der Landung am Teterboro Airport klicken die Handschellen. Epstein wird von der Landebahn abgeführt und in einen Polizeiwagen gesetzt. Laut den Notizen von FBI-Beamten weiß Epstein direkt, warum. Im Auto fragt er demnach: “Geht es hierbei um Sex-Trafficking und geht es um Minderjährigkeit?” Und ja, genau darum geht es.
Denn es wurde eine Anklageschrift für Jeffrey Epstein vorbereitet. Darin wird ihm vorgeworfen, zwischen 2002 und 2005 einen Trafficking-Ring betrieben zu haben. Damit sind die Mechanismen gemeint, die aus Folge 2 dieser Reihe kennst. Wie Jeffrey Epstein Teenagerin hunderte von Dollar in Bar zahlte, damit er sie auf seinem Anwesen in Palm Beach und auch in seiner Menschen New York missbrauchen konnte.
In der Anklageschrift heißt es weiter, dass er mit Mitarbeitern und Komplizen zusammenarbeitete, um die Mädchen in seinen Wohnsitz zu locken. Und dass er einige seiner Opfer dafür bezahlte, weitere Mädchen für ihn zu rekrutieren, die er missbrauchen konnte. Soweit, so bekannt. Dass jemand direkt nach der Landung verhaftet wird, spricht für eine gewisse Dringlichkeit der Sache.
Experten munkeln deshalb schon kurz nach der Festnahme, dass mehr dahinter stecken könnte. Dass bei Epstein vielleicht nicht einfach nur eine hohe Fluchtgefahr vorliegt, sondern dass er womöglich auch laufend noch in kriminelle Aktivitäten involviert sein könnte. In der Anklageschrift geht es erst einmal um Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung und die Beteiligung an einer Verschwörung zum Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung.
Die Anklage betrifft zunächst drei nicht namentlich genannte minderjährige Opfer. Eines in New York und zwei in Florida. Schon Tage nach Epsteins Verhaftung sagt die Staatsanwaltschaft aber, der Fall könnte möglicherweise Dutzende oder sogar Hunderte weiterer Frauen betreffen, die Epstein zwischen 2002 und 2006 sowohl in Florida als auch in New York als Teenagerin missbraucht hat.
Ganz offensichtlich nehmen die Ermittlungsbehörden die Dutzenden Hinweise zum organisierten Trafficking bei Epstein nun endlich ernst. Im Falle einer Verurteilung droht ihm eine Gesamtstrafe von bis zu 45 Jahre. Während Epstein in ein Gefängnis gebracht wird, durchsucht die Polizei seine große Menschen New York City.
Dabei werden laut Medienberichten nicht näher benannte Beweise gefunden, die Vorwürfe des Sex-Traffickings gegen Epstein stützen. Und Hunderte bis Tausende sexuell anzügliche Fotos von ganz oder teilweise nackten weiblichen Personen, von denen einige aussehen, als seien sie minderjährig. Bizarerweise findet das FBI in der Menschen auch ein Plastikcontainer, der unter einem Bücherregal versteckt ist.
Und dieser Container ist mit lauter Festplatten gefüllt. Alle tragen ein manipulationssicheres Beweismaterial-Klebeband, wie es etwa die Polizei für Beweisstücke in der Ermittlung benutzt. Es ist unklar, weshalb Festplatten mit so einem Kleber ausgerechnet in Epsteins Privatresidenz herumliegen.
Gibt es aber Anlass für Spekulation. Ebenso wie der Inhalt eines verschlossenen Safes. Um daran zu kommen, setzen die FBI-Beamten kurzerhand eine Säge ein. Im Safe werden zahlreiche weitere Fotos gefunden, darunter CDs und Festplatten mit handschriftlichen Vermerken wie “Young Name plus Name verschiedene Nudes One” oder “Girl Pics Nudes”.

Weiterhin findet man im Safe mehr als 70.000 Dollar Bargeld sowie 48 kleine Diamanten. Dabei liegt auch ein Pass, der laut Medienberichten in Österreich ausgestellt wurde, aber Saudi-Arabien als Wohnsitz seines Besitzers ausweist. Der Pass enthält ein Foto von Jeffrey Epstein, aber einen anderen Namen. Das Dokument ist zwar schon in den 80ern abgelaufen, aber einige Male gestempelt in Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Spanien und Saudi-Arabien.
Epsteins Anwälte begründen später, ein Freund habe ihm diesen Pass gegeben. Es sei eine Zeit lang unter der Hand empfohlen worden, dass US-Bürger jüdischer Herkunft bei internationalen Reisen zu Sicherheitszwecken einen Pass mit nicht-jüdischem Namen bei sich tragen soll. Ich glaube, ich muss euch nicht erzählen, dass keine Behörde jemals jemanden zur Dokumentenfälschung ermutigen würde.
Die Anwälte sagen jedenfalls, Epstein habe den Pass ohnehin nie benutzt und die Stempel seien demnach nicht von ihm. Laut einem Bericht der New York Times wird im zweiten Stock der Menschen zudem ein Gemälde gefunden, das zwar strafrechtlich nicht relevant ist, aber Bände spricht. Es soll sich um eine Auftragsarbeit handeln, die eine fotorealistische Gefängnisszene mit Stacheldraht, Vollzugsbeamten und einem Wachposten zeigt, in deren Mütze Herr Epstein dargestellt ist.
Die Die Yorker Menschen wird infolge der Durchsuchung beschlagnahmt. Das alles klingt ja so schrecklich es auch sein mag nach einer erfolgreichen Durchsuchung für die Beamten, wenn es dann nicht ein Problem mit dem Durchsuchungsbefehl geben würde, wie die BBC später berichtet. Anschauen und dokumentieren dürfen die FBI Beamten alles, aber erst einmal nichts mitnehmen.
Als die Ermittler mit einem neuen Durchsuchungsbefehl zurückkommen, ist der Inhalt des Safes verschwunden. In Ermittlungsberichten heißt es, dass sowohl Epsteins Steuerberater und Buchhalter Richard Kahn das Hauspersonal angewiesen hat, den Inhalt des Safes in zwei Koffer zu packen und zu Kahn selbst nach Hause zu bringen.
Das FBI hält daraufhin Rücksprache mit den Anwälten von Richard Kahn. Er erklärt sich schließlich bereit, die beiden Koffer unberührt auszuhändigen, solange die FBI Beamten nicht bei ihm zu Hause aufkreuzen. Leider erklärt er nicht, wer ihm denn die Anweisungen gegeben hat, den Inhalt des Safes verschwinden zu lassen, auch wenn wir da sicherlich gerade alle eine konkrete Idee haben.
Interessant ist darüber hinaus, was die BBC unter Berufung auf eine Quelle berichtet, die den Ermittlungen nahe stehen soll, nämlich dass diese Quelle nie davon mitbekommen habe, dass Richard Kahn überhaupt jemals im Zusammenhang mit den strafrechtlichen Ermittlungen gegen Epstein befragt oder untersucht worden sei.
Und das, obwohl Kahn nicht nur sein Buchhalter war, sondern ja sogar im Zuge der Hausdurchsuchung Kontakt mit dem FBI hatte. 2026 wird Kahns aktueller Anwalt äußern, sein Mandant sei den Behörden gegenüber immer kooperativ gewesen. Richard Kahn und Epsteins langjähriger Anwalt Darren Indyk sind die alleinigen Nachlassverwalter von Epstein und verwalten auch heute noch sein gesamtes Vermögen und seinen gesamten Besitz.
Die beiden werden in späteren Folgen dieser Reihe noch eine große Rolle spielen. Für die Frauen, die unter der Gewalt von Jeffrey Epstein leiden mussten, bedeutet seine Verhaftung eine große Erleichterung. Auch wenn es nicht die Verbrechen an ihnen selbst sind, wegen der er zunächst angeklagt werden soll. Die Tatsache, dass nach all den Jahren überhaupt noch etwas passiert und es Hoffnung darauf gibt, dass Epstein dieses Mal einen echten Prozess über sich ergehen lassen muss, verleiht ihnen Hoffnung.
Der damalige US-Staatsanwalt von Manhattan sagt in einem Statement treffend: “Auch wenn die vorgeworfenen Taten bereits einige Jahre zurückliegen, haben die Opfer, damals Kinder und heute junge Frauen, nicht weniger Anspruch auf eine gerichtliche Aufarbeitung.” Am 11. Juli 2019 erscheint Jeffrey Epstein erstmals vor Gericht.
Mit Courtney Wild, Michelle La Carter und Annie Farmer sind drei Betroffene von Epsteins Verbrechen bei der Anhörung dabei. Der Richter erlaubt ihnen ein paar Worte zu sagen und zum Ausdruck zu bringen, wie nachhaltig Epsteins Verbrechen ihr Leben geprägt haben. Es ist das erste Mal, dass Betroffene von Epsteins Gewalt die Chance haben, in einem Gerichtssaal vor einem Richter und der Öffentlichkeit etwas zu sagen.
Und das mehr als 20 Jahre, nachdem Annie Farmer Schwester Maria Epstein erstmals beim FBI gemeldet hat. Die drei Frauen hören im Gerichtssaal gemeinsam mit den Journalisten und Richtern auch, wie Epstein die Vorwürfe gegen seine Person zurückweist. Er sei nicht schuldig, wie er dem Richter auf Nachfrage versichert.
Eigentlich will Epstein gegen eine Kautionszahlung wieder aus der U-Haft heraus. Er bietet an, 100 Millionen US-Dollar zu hinterlegen und sich in seiner New Yorker Menschen den Hausarrest zu begeben. Die Staatsanwaltschaft hält aber dagegen, verweist auf das erhöhte Fluchtrisiko, unter anderem gestützt auf den gefälschten Pass, der genau in dieser Menschen im Safe lag.
Und nicht zuletzt wegen der unermesslichen Ressourcen von Epstein, die auch ein privates Flugzeug, ebenso wie Helikopter und Anwesen in mehreren Ländern umfassen. Das Kautionsgesuch wird infolgedessen auch abgelehnt. Der zuständige Richter urteilt, Epstein sei eine Gefahr für die Öffentlichkeit.
Dementsprechend muss er hinter Gittern bleiben. Auch wenn Epsteins Team natürlich dagegen hält. Seine Verteidiger äußern Unverständnis über die Verhaftung ihres Mandanten und nennen die ganze Gelegenheit eine uralte Sache. Doch die Beschwichtigung und Relativierung wirken an diesem Punkt nicht mehr. Zumal nach den Recherchen des Miami Herald nun auch die Reaktion der Politik genau beleuchtet werden.
So wird etwa immer wieder auf einen Artikel verwiesen, in dem Präsident Donald Trump Jeffrey Epstein noch 2002 als einen guten Freund bezeichnete. Ganz zu schweigen von dem Umstand, dass mit Alexander Acosta der Mann in Trumps Kabinett sitzt, der den Deal mit Epstein maßgeblich mit ausgehandelt haben soll. Vielfach fordert man Acosta’s Rücktritt und spekuliert, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass Acosta trotz seiner Rolle im Plea Deal für Epstein noch Minister werden konnte.
Etwa eine Woche nach der Festnahme von Epstein gibt der Costa bekannt, sein Amt als Labour Secretary niederzulegen. Bei der Pressekonferenz dazu betont Donald Trump, das sei alleine Costas Entscheidung und er habe ihm gesagt, er müsse sein Amt nicht verlassen. Acosta’s etwas schwammig anmutende Begründung für seinen Rücktritt ist, dass er nicht möchte, dass der kontroverse Epstein-Deal die tollen Errungenschaften der ersten Trump-Administration überschattet.
Von persönlicher Reue ist in diesem Statement keine Spur. Noch zwei Tage zuvor hat er sein damaliges Handeln abermals verteidigt. Immerhin räumt der Costa ein, die Entscheidung Epstein während seiner eigentlichen Haft eine Arbeitserlaubnis zu überlassen sei, Zitat, “kompletter Bullshit” gewesen und er und seine Kollegen hätten geplant, dass Epstein seine Strafe vollständig absitzt.
Wie ihr aus Folge 2 wisst, ist das aber nicht passiert. Mit der erneuten Festnahme Epsteins endet die Laufbahn von Alexander Acosta im Weißen Haus. Heute sitzt er im Verwaltungsrat eines Medienunternehmens und hat sich aus der Bundespolitik zurückgezogen. Am 22. Juli 2019 geht eine weitere Frau an die Öffentlichkeit, die angeblich von Epstein missbraucht worden zu sein.
Ihr Name ist Jennifer Rose. Sie reicht an diesem Tag eine Klageschrift ein. Darin beschreibt sie, dass eine Assistentin von Epstein sie im Alter von 14 Jahren direkt vor ihrer Highschool rekrutiert habe. Das war im Jahr 2001. Eine sympathische Dame habe sie vor der Schule angesprochen und sie nach ihren Eltern, ihren finanziellen Verhältnissen und solchen Dingen gefragt.
Jennifer erzählt hier ein bisschen was von sich, dass ihr Vater zwei Jahre zuvor an AIDS gestorben war und dass sie sich wünscht, einmal Schauspielerin am Broadway zu werden. Genau deshalb sei sie auf die Talented Unlimited Highschool gegangen, wo ein besonderer Wert auf Kreatives gelegt wird. Die Schule ist keine besonders große oder renommierte, aber selbst so eine Ausbildung könnte Jennifers Familie auch kaum bezahlen.
Die Frau hört ihr aufmerksam zu und beginnt von einem Freund von ihr zu erzählen, Jeffrey Epstein. Dieser würde ganz in der Nähe wohnen und sei ein gutherziger Kerl, der Jennifer später bestimmt mit ihrer Karriere weiterhelfen könnte. Die Frau, die Jennifer auf damals etwa Mitte 20 schätzt, erzählt, Epstein sei für sie selbst so etwas wie eine Vaterfigur.
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