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Jeffrey Epstein: Die gesamte Wahrheit  T – Part 7

Das ist etwas, wonach sich Jennifer nach dem Tod ihres eigenen Vaters damals sehr sehnt. Die Frau trifft Jennifer immer öfter nach der Schule und bietet an, ja, ein Mittagessen oder eine gemeinsame Limo auszugehen. Die damals 14-Jährige fasst also Vertrauen zu ihr. Nach einigen Gesprächen lässt sich Jennifer von dieser Frau dazu überreden, Epstein zu Hause zu besuchen.

 Er habe sie mit den Worten empfangen, schon viel von ihr gehört zu haben und ihr Wein einschenken lassen, obwohl er gewusst habe, wie alt sie war. Jennifer berichtet, sie sei über ein Jahr hinweg immer wieder zu Epstein nach Hause gegangen. Nach jedem Treffen habe sie 300 Dollar Bargeld von ihm bekommen. Zunächst hätten sich die beiden bei ihren Treffen nur miteinander unterhalten.

 Epstein soll dabei auch immer wieder erwähnt haben, er wolle an Organisationen spenden, die AIDS bekämpfen. Was Jennifer damals sehr wichtig war, weil ihr Vater ja daran gestorben war. Zwar kommt Jennifer diese quasi Freundschaft zu einem Mann wie Jeffrey Epstein schon damals komisch vor, aber sie denkt, dass sie da einfach an einen aufrichtig guten Menschen geraten sei, der jemanden wie ihr das Leben ein wenig leichter machen möchte.

Irgendwann habe sie ihn auf seinen Wunsch hin massiert, wie wir es schon von anderen Betroffenen kennen. Sie habe sich dabei zwar nicht wohlgefühlt, aber auch das Gefühl gehabt, nicht wirklich nein sagen zu können. Zumal die 300 Dollar für jeden Besuche für sie damals unfassbar viel Geld war. So sei Jennifer über ein Jahr hinweg gegroomt worden, ehe Epstein sie im Alter von 15 Jahren missbraucht habe.

Sie habe Angst gehabt und immer wieder gesagt, dass er aufhören soll, was er nicht respektiert hat. Trotzdem hat Jennifer diese Sachen in ihrem jungen Alter nicht als den Übergriff erkannt, der es gewesen ist. Dennoch ging es ihr danach so schlecht, dass sie nie wieder zu Epstein nach Hause gegangen ist. Sie berichtet auch, dass sie danach sogar die Schule geschmissen hat.

Epsteins Leute wussten ja, wo diese ist. Jennifer hatte große Angst, dass jemand sie dort finden könnte. Immer wieder haben Epstein oder seine Leute versucht, sie zu erreichen. Sie hat sich aber nie zurückgemeldet und gehofft, dass der Spuk so ein Ende für sie haben würde. Erst nach einigen Jahren hat sie sich vier Personen anvertraut, ihrer Mutter, ihrem damaligen Freund und zwei weiteren Personen.

Sie hat sich aber aus Scham nicht getraut, zur Polizei zu gehen. Später berichten alle vier Leute, den Jennifer von dem Übergriff erzählt haben will, dass Jennifer ihnen wirklich schon Jahre zuvor davon erzählt hat. Erst im Juli 2019 mit der MeToo-Bewegung und Epsteins Verhaftung im Rücken fühlt sich Jennifer sicher genug, um ihre Geschichte zu erzählen.

Jennifer Rose kündigt an, im August 2019 eine Klage gegen Epstein einreichen zu wollen. Dass sie damit noch warten muss, hat juristische Gründe. Am 14. August 2019 soll im Bundesstaat New York ein neues Gesetz in Kraft treten. Unter dem sogenannten Child Victims Act werden Verjährungsfristen in Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch verlängert, um den Betroffenen mehr Zeit zu geben, Strafanzeige zu erstatten oder ihre Täter zu verklagen oder beides.

Nach dem neuen Gesetz können Opfer sexuellen Kindesmissbrauch bis zum Alter von 28 Jahren Strafanzeige wegen schwerer Straftaten erstatten und bis zum Alter von 55 Jahren eine Zivilklage einreichen. Ab dem Inkrafttreten des Gesetzes sollen Überlebende außerdem für ein Jahr die Möglichkeit bekommen, in New York eine Klage gegen ihre Täter einreichen zu können, unabhängig davon, wie lange der Missbrauch zurückliegt.

Auch wenn in USA juristisch vieles anders läuft als hier bei uns, ist das auch in den Staaten eine besondere Gelegenheit, weil Gesetze in der Regel nicht rückwirkend gelten. Insbesondere vor dem Hintergrund der vielen Vorwürfe gegen Epstein ist das Gesetz eine große Chance, zumal er seine Verbrechen ja nicht nur in Florida, sondern eben auch in New York begangen haben soll.

Es ist also wenig überraschend, dass Jennifer Araoz ankündigt, diese Möglichkeit nutzen zu wollen. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich ihr weitere Betroffene anschließen können. Mit all dem, der Anklage gegen Epstein, den immer neuen Vorwürfen und den Medien, die kritischer sind als je zuvor, scheint auch Epstein klar zu sein, dass er dieses Mal nicht so glimpflich aus der Sache herauskommen kann, wie noch 10 Jahre zuvor.

Ab dem Zeitpunkt, als er das Gefängnis in New York betritt, hat er nicht einmal mehr zwei Monate zu leben. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Epsteins letzte Wochen im Gefängnis ausgesehen haben, sollten wir noch einmal zurück an den Anfang vom Ende gehen, zum 6. Juli 2019. Nach seiner Festnahme am Airport wird Jeffrey Epstein das Metropolitan Correctional Center New York gebracht.

Und schon mit dem Beginn seines Gefängnisaufenthalts scheinen einige Dinge sehr suboptimal zu laufen. So wird Jeffrey Epstein in seinem Aufnahmeformular fälschlicherweise als schwarzer Mann beschrieben. Zudem wird auf dem Formular angegeben, er habe keine Vorstrafen wegen Sexualdelikten. Dabei war er nicht nur 2008 in Florida wegen Anstiftung zur Prostitution und Vermittlung von Minderjährigen zur Prostitution verurteilt worden, sondern sogar als Sexualstraftäter in einer Datenbank registriert. Das scheint dem

Gefängnispersonal erst einmal aber nicht aufzufallen. Zunächst wird Jeffrey Epstein in den allgemeinen Häftlingsbereich eingewiesen. Das ist gleichzeitig auch der Bereich mit den geringsten Einschränkungen im Gefängnis. Später wird das in internen Berichten ebenfalls als ein Versehen bezeichnet, wie es in einer Mail des damaligen amtierenden Direktor des Bureau of Prisons heißt.

 Anscheinend hatte der US Marshals Service nicht angegeben, dass es sich um einen hochrangigen Häftling handelte und das Personal wusste nicht, dass er kommen würde, sodass keine Vorkehrungen getroffen worden war. Obwohl er an dieser Stelle quasi Glück im Unglück hatte, wirkt Epstein am Abend seiner Verhaftung laut eines weiteren internen Berichts benommen und distanziert.

 Eine Gefängnismitarbeiterin fordert deshalb einen Psychologen, an dem mit Gefangenen sprechen und selbstgefährdende Absichten ausschließen soll. Laut den Unterlagen kommt aber erstmal niemand. Erst am nächsten Tag, dem 7. Juli, fällt einem Gefängniswärter auf, dass es sich bei Epstein um einen sogenannten High Profile Gefangenen handeln dürfte.

 Also wird er in die Special Housing Unit des Gefängnisses verlegt. Ein erstes psychologisches Gespräch gibt es laut den Unterlagen dann erst am 8. Juli, also zwei Tage nach seiner Verhaftung. Nach seinem ersten Gerichtstermin wird Epstein ja eine Freilassung auf Kaution verwehrt. Das Gefängnispersonal befürchtet, dass diese Nachricht einen negativen Einfluss auf seine Psyche haben könnte.

Er wird allerdings trotzdem nicht der sogenannten Suicide Watch zugewiesen, sondern zur psychologischen Observierung. Das bedeutet im Wesentlichen, dass Mitgefangene abwechselnd Schichten übernehmen, um ihn in seiner Zelle zu überwachen und alle 15 Minuten seine Handlungen protokollieren. Über die nächsten Tage fallen diese handschriftlichen Protokolle zum Großteil reichlich unspektakulär aus.

Darin sind dann Dinge vermerkt, wie Epstein trinkt Wasser am Waschbecken oder Epstein scheint zu schlafen. Wir werden in den nächsten Folgen noch auf mehr mögliche Versäumnisse zu sprechen kommen, die es während Epsteins Haft gegeben hat. Aber hier sollte ein erster Fehler schon ersichtlich sein. Die Protokolle sind zwar wertvoll und lassen sich im Nachgang analysieren, aber sie sind eben keine Evaluierung von Profis, sondern ganz simple Beschreibung dessen, was die Mitgefangenen, die gerade Schicht hatten, gesehen haben.

Am 9. Juli folgt für Jeffrey Epstein eine formelle Eigengefährdungsrisikobewertung. Er setzt sich also mit einer Psychologen zusammen, die beurteilen soll, ob die Gefahr besteht, dass Epstein sich selbst in absehbarer Zeit etwas antut. Das gilt natürlich zu verhindern, um zu gewährleisten, dass das Verfahren gegen ihn ganz normal weiterlaufen kann.

Die zuständige Psychologin beschreibt Epstein in seinen Unterlagen nach dem Gespräch als höflich, kooperativ, organisiert, klar in seinen Äußerungen und humorvoll. Während der Unterhaltung stellt sich Epstein der Psychologin als Banker mit Big Business vor. Er habe entschieden bestritten, selbstgefährdende Gedanken, Absichten oder Pläne zu haben.

 Es fällt sogar der Satz: “Being alive is fun.” Auch zu dem Grund für seine Haft äußert sich Epstein wenigstens teilweise, wenn auch ohne großartige Erkenntnisse. Er bestreitet, trotz seiner Verurteilung 2008, jemanden sexuell missbraucht zu haben und erzählt, dass in der kommenden Woche eine erneute Anhörung zur Festsetzung der Kaution stattfinden werde, bei der er davon ausgehe, freigelassen zu werden.

Epstein bittet bei dem Gespräch, laut den Notizen der Psychologin, lediglich um ein Telefonat, ein Treffen mit seinem Anwalt und darum, eine Dusche zu benutzen und sich die Zähne putzen zu dürfen. Auf die Expertin macht er einen zukunftsorientierten und damit den Umständen entsprechend stabilen Eindruck. Sie schließt ihre Untersuchung mit dem Fazit, dass eine Suicide Watch nicht notwendig sei.

 Stattdessen bleibt es bei der bisherigen psychologischen Beobachtung. Am Tag darauf, also am 10. Juli, will Epstein in eine Einzelzelle. Aus Sicherheitsgründen wird dies jedoch abgelehnt. Allerdings verbringt Epstein sowieso gar nicht die ganze Zeit in seiner Zelle. Stattdessen trifft er sich mit seinen Anwälten und hat Gespräche mit Psychologen.

 Er darf auch einige private Telefonate tätigen. Eigentlich sollten diese Telefonate aufgezeichnet, protokolliert oder wenigstens in irgendeiner Form überwacht werden. Wie aus später veröffentlichten Unterlagen hervorgehen wird, wird das aber nicht bei jedem Telefonat passieren. Damit liegt ein offensichtlicher Verstoß gegen die Gefängnisvorschriften vor.

Zudem hat Jeffrey Epstein in diesen Tagen zahlreiche Beschwerden. Er wird von Schlafstörungen geplagt, beklagt, die Dritte zu sein und ein das im rechten Arm zu haben. Die Toilette in seiner Zelle ist undicht und die Gefängniskleidung passt ihm nicht. Er beschwert sich darüber, wie alle anderen Gefangenen den typischen orangefarbenen Jumpsuit tragen müssen, wie ihr ihn bestimmt aus Film oder Serien kennt.

Epstein findet die Kleidung und die Art, wie er behandelt wird, lasse ihn wie einen Bad Guy wirken. Dabei habe er doch im Gefängnis nichts Falsches gemacht. Dass er nicht in eine Einzelzelle kommen darf, ist eine erste Enttäuschung für Epstein. Die zweite folgt am 18. Juli. An diesem Tag wird Epsteins erneutes Kautionsgesuch gegen seine eigenen Erwartungen abgelehnt.

 Dieses Mal kann er seinen Reichtum nicht benutzen, um voreilig aus der Nummer rauszukommen. Mutmaßlich lässt er sich alternativ etwas anderes einfallen. Denn fünf Tage später kommt es in der Zelle, die Epstein bewohnt, zu einem Zwischenfall. Am frühen Morgen des 23. Juli 2019 versucht Jeffrey Epstein sich selbst das Leben zu nehmen.

 Zumindest ist das die weitverbreitete Annahme der Geschehnisse. Er wird bewusstlos und mit Verletzungen im Halsbereich in seiner Zelle gefunden. Um seinen Hals ist ein Stück orangefarbener Stoff gewickelt. Als Gefängniswärter die Zelle betreten, sitzt sein Zellengenosse auf einem der Betten und schreit panisch, dass er nichts getan hat.

 Er habe schon versucht, gegen die Tür zu schlagen, um auf sich aufmerksam zu machen. Sofort gehen die Beamten von einem Freitodversuch von Seiten Epsteins aus. Auch wenn genauso die Möglichkeit in Betracht gezogen wird, dass sein Mitinsasse Epstein verletzt haben könnte. Er teilt sich nämlich zu diesem Zeitpunkt eine Zelle mit einem Mann namens Nicholas Tartaglione.

 Tartaglione ist ein ehemaliger Polizeibeamter, der wegen Mordes angeklagt ist. Nachdem Epstein stabilisiert und in eine andere Zelle gebracht wird, wird er zu dem Zwischenfall mit Epstein befragt. Denn als Epstein wieder zu Bewusstsein kommt, erzählt er Gefängnismitarbeitern, er würde glauben, dass Tartaglione ihn angegriffen habe.

 Tatsächlich hat sich Epstein erst am Tag zuvor, am 22. Juli, über seinen Zellengenossen beschwert, weil er Angst vor ihm hatte. Demnach soll Tartaglione Geld von ihm gefordert haben, sonst würde er ihn verprügeln. Nicholas Tartagliones Anwalt sagt, sein Mandant sei bei all seinen Befragungen sehr kooperativ gewesen und habe während der kurzen gemeinsamen Unterbringung mit Epstein nie Probleme mit seinem Mithäftling gehabt.

Nicholas Tartaglione schildert das Ganze in seiner Befragung wie folgt: Er habe Epstein das untere der beiden Betten überlassen, weil er mit seinen 66 Jahren schon etwas älter ist. Tartaglione selbst habe sich seine Matratze auf den Boden gelegt. Am Abend des 22. Juli sei er mit Kopfhörern in den Ohren eingeschlafen.

 Ehe er ein paar Stunden später wieder aufgewacht sei, weil etwas oder jemand seine Beine berührt hatte. Daraufhin habe er das Licht eingeschaltet und gesehen, wie Epstein zusammengesackt mit dem Stoff um seinen Hals auf dem Boden saß, nicht ansprechbar. Tartaglione schildert, er habe daraufhin um Hilfe gerufen. Wenig später war das Gefängnispersonal da.

Von einem tätlichen Angriff oder Streit ist in seiner Version also keine Rede. Später distanziert sich Epstein selbst von seiner ersten Version der Ereignisse und träumt ein, er könne sich nicht daran erinnern, was geschehen sei. Er bittet laut einem CBS-Artikel sogar darum, wieder mit Nicholas Tartaglione in eine Zelle gesteckt zu werden, was er wohl kaum getan hätte, würde er ernsthaft denken, dass er ihn umbringen wollte.

Später wird Tartaglione in Interviews sagen, Epstein habe an diesem Abend einen Abschiedsbrief verfasst und vor seinem Versuch sogar angeboten, Tartaglione dafür zu bezahlen, wenn er ihn umbringen würde. In offiziellen Berichten aus dem Gefängnis ist weder vom Abschiedsbrief noch von so einem Angebot etwas zu lesen.

 Wobei wir ja schon vorher von der zweifelhaften Buchführung in diesem Gefängnis gehört haben und das vielleicht nicht unbedingt was heißen muss. Die ersten Berichte über Epsteins mutmaßlichen Versuch gehen etwa zwei Tage später durch die Presse. In den Medien wird nicht nur auf eine mögliche Selbstverletzung oder einen Angriff durch einen Mithäftling hingewiesen, sondern auch darauf, dass Epstein seine Verletzung möglicherweise nur inszeniert haben könnte.

 Er hat ja zuvor ziemlich erbittert probiert, auf Kaution rauszukommen, ohne Erfolg. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er die Verletzung nur vorgetäuscht hat, um vielleicht doch noch wenigstens in eine andere Einrichtung verlegt zu werden. Bei einem Gerichtstermin eine Woche später sind jedenfalls keine Spuren von Verletzungen an dem 66-Jährigen zu sehen.

Wir werden auf all das in der nächsten Folge noch mal zu sprechen kommen. Nach den Geschehnissen am frühen Morgen des 23. Juli geht es jedenfalls erstmal in Richtung Suicide Watch. Ist ja auch logisch. Was nicht so logisch ist und bis heute für Kopfschütteln sorgt, die Suicide Watch ist nicht von Dauer. Epstein verbringt gerade einmal 31 Stunden unter diesen Auflagen.

 Dann geht es wieder unter die psychologische Beobachtung, wie schon zuvor. Und das, obwohl schon die ersten 5 Minuten der 31-stündigen Beobachtung auffällig verlaufen. Epstein wird zweimal dabei gesehen, wie er auf dem Rande seines Bettes sitzt und sich nach vorne fallen lässt, so als würde er versuchen, sich absichtlich mit dem Kopf nach unten auf den Boden zu stürzen.

 Er wird von einem Mitarbeiter darauf hingewiesen, woraufhin Epstein seinen Daumen reckt und verspricht, damit aufzuhören. Das Protokoll ist in den ersten Stunden nach dem Zwischenfall wieder eher unspektakulär. Insasse Epstein läuft ab und ab. Insasse Epstein hat Hunger. Insasse Epstein hat sich den Hals gewaschen. Gegen Abend wird Epstein gesprächiger und redet laut den Protokollen über verschiedene Themen, über Finanzen, Mathematik und das Gefängnisleben.

Offenbar überzeugt das das Personal hinreichend, um Epsteins Suicide Watch zu beenden. Am Abend des 24. Juli 2019 ist alles wieder beim Alten und es bleibt bei der regulären psychologischen Beobachtung. Kein Monat später wird Jeffrey Epstein nicht mehr am Leben sein. In der nächsten Folge werden wir genau dort weitermachen, wo wir hier aufgehört haben.

 Wir werden uns die letzten Tage von Jeffrey Epstein im Gefängnis ganz genau ansehen. Ebenso wie die Umstände seines Todes und die Theorien und Spekulationen, die es rund um das Thema gibt. Bis dahin hoffe ich, dass euch diese Folge der Reihe wieder gefallen hat. An dieser Stelle einmal ein großes Danke für euer bisheriges Feedback. Auch wenn die Arbeit an der Reihe für uns alle ziemlich kräftezehrend ist, lohnt es sich allemal.

 Wenn ihr uns also unterstützen wollt, lasst doch gerne einen Kommentar oder Like da. Und solltet ihr En Solito noch nicht kostenlos abonniert haben, holt das gerne nach. So verpasst ihr keine neuen Videos mehr und habt die nächste Folge dieser Reihe direkt in eurem YouTube-Feed. Solltet ihr uns noch weiter unterstützen wollen, abonniert uns gerne bei Patreon.

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Ciao, Leute. Bis August 2019. Dutzende Frauen haben das Gefühl, dass sie zum ersten Mal seit Jahren Gerechtigkeit erfahren können. Gerechtigkeit für das, was ihnen angetan wurde. Denn ihr Peiniger, Jeffrey Epstein, wurde endlich festgenommen. Und dieses Mal soll er nicht direkt auf Bewährung wieder rauskommen.

Es sieht alles danach aus, als könnte er dieses Mal wirklich für alle Zeit hinter Gitter wandern. Nun, da Epstein im Gefängnis und der Fall in der Öffentlichkeit ist, fühlen sich viele der Frauen, die durch Epstein Gewalt erfahren haben, bestärkt. Auch viele, die bislang nie mit der Polizei geredet haben, überlegen, eine Aussage zu machen.

Während einige Frauen erleichtert sind, andere kurz davor sind, ihren Mut zusammenzunehmen und wieder andere nervös dem nächsten Gerichtstermin gegenüberstehen, hat Jeffrey Epstein offenbar einen anderen Plan. Er hat es schon einmal geschafft, der Justiz zu entkommen. Und auch wenn sich das Netz um ihn dieses Mal enger zieht, ganz offenbar hatte er auch im Sommer 2019 nicht im geringsten vor, sich den Betroffenen zu stellen.

 Er wird wieder einen Weg finden, sich der Gerechtigkeit zu entziehen, koste es, was es wolle. [schnauben] Seit dem 6. Juli 2019 sitzt Jeffrey Epstein im Metropolitan Correctional Center, kurz MCC, ein. Während er zu seiner ersten Haftzeit Ende der 2000er noch einen ganzen Gefängnistrakt für sich hatte, muss er sich hier eine Zelle teilen.

Nicht nur das, das MCC ist auch nicht gerade als ein Gefängnis bekannt, das top in Schuss ist. Es gibt Mäuse und Kakerlaken und anderes Ungeziefer und die sanitären Anlagen lassen zu wünschen übrig. So auch die Toilette in Jeffrey Epsteins Zelle, die ein Leck hat und über die er sich regelmäßig beschwert.

 Genau wie über die Gefängnisuniformen und den allgemeinen Lärm im MCC. Später findet man in seiner Zelle eine handgeschriebene Notiz. Darauf steht: “Gefängniswärter hat mich eine Stunde lang in Duschen eingesperrt. Tower Noel hat mir verbranntes Essen geschickt. Riesige Käfer krabbeln über meine Hände. No fun.” Anders als zuvor gelingt es Epstein dieses Mal nicht, sich durch seinen Reichtum aus den prekären Bedingungen zu befreien.

Am 23. Juli 2019 versucht er daraufhin mutmaßlich sein Leben zu beenden. An dieser Stelle haben wir die vorangegangene fünfte Folge dieser Serie beendet und setzen genau an diesem Zeitpunkt wieder an. Denn Jeffrey Epstein wird nur kurz unter Suicide Watch gestellt. Obwohl er einen Versuch hinter sich hat, sieht das Gefängnispersonal bei ihm keine erhöhte Eigengefährdung.

Also geht es schon bald wieder in die Special Housing Unit des MCC, wo Epstein sich mit einem Zellengenossen seine bescheidene Unterkunft teilt. Seine Überwachung wird zurückgeschraubt und für den 66-Jährigen kehrt so etwas wie ein normaler Gefängnisalltag ein. Wobei er sich damit ziemlich schwer tut, wie Unterlagen des MCC zeigen.

Wie eben schon erwähnt, beschwert Epstein sich, dass er kaum schlafen kann, Schwierigkeiten habe, sich an das Leben im Gefängnis zu gewöhnen. Gegenüber einem Aufseher bezeichnet er sich selbst als Feigling. Epstein soll in diesen Tagen auch Geld auf mindestens drei der Gefängniskonten von Mitinsassen eingezahlt haben, wohl eine bekannte Taktik, um sich hinter Gittern Freundschaften zu kaufen.

 Auch wenn Epstein dieses Mal weder auf Bewährung rauskommt, noch in Einzelhaft gestellt wird, einen kleinen Trick zur Umgehung der Haftbedingungen hat er doch noch in petto. Um der Einsamkeit seiner Zelle zu entgehen, trifft sich Epstein einfach beinahe jeden Tag mit Anwälten. In vier Terminen mit seinen Verteidigern darf er den privaten Meetingraum im Trakt benutzen.

 Das führt dazu, dass mehrere Leute beobachtet haben wollen, wie Epstein und seine Anwälte bis zu 12 Stunden pro Tag in diesem Meetingraum zusammensitzen, ohne groß etwas zu besprechen. Stattdessen hätten er und sein Team regelmäßig die Snackautomaten im Meetingraum komplett leer gekauft, heißt es später. Auch am 8.

 August 2019 sitzt Epstein mit zwei seiner Anwälte im Meetingraum. Es wird ihr letzter Termin sein. Der 66-Jährige Epstein kümmert sich an diesem Tag um sein Testament. Ob die Gefängnisleitung davon Kenntnis hat, dass ausgerechnet ein Häftling, der gerade einen Versuch hinter sich hat, nun an seinem Nachlass herumbastelt, das ist nicht bekannt.

Jedenfalls macht Epstein einige Anpassungen in seinem letzten Willen. Die größte Änderung: Epstein verfügt, dass sein gesamtes Vermögen in einen nach seinem benannten Treuhandfonds übertragen wird, den 1953 Trust. Der Vorteil bei so einem Treuhandfonds ist, dass die Geschäfte über den Fonds in der Regel geheim gehalten werden müssen.

In dem Dokument wird festgelegt, dass der Nachlass, sollte sich der 1953 Trust als unrechtmäßig erweisen, unter den Treuhändern aufgeteilt werden soll. Insgesamt wird Epsteins Vermögen in diesem letzten Dokument auf 577 Millionen US-Dollar festgelegt. Das umfasst alles, nicht nur was auf seinem Konto oder im Safe rumliegt, sondern auch die verschiedenen Immobilien im In- und Ausland, seine Privatinsel, sowie verschiedene Hedgefonds und Private Equity-Investitionen.

Um die Verwaltung des Treuhandfonds kümmern sich zwei Männer, die wir in der letzten Folge schon kurz kennengelernt haben. Epsteins Steuerberater Richard Kahn, sowie einer seiner Anwälte, Darren Indyke. Vielleicht wirkt es erst einmal etwas merkwürdig, einem Anwalt und seinem Steuerberater die Verwaltung zu überlassen und nicht z.B.

 seinem Bruder oder seiner damaligen Partnerin. Aber im Epstein-Kontext ergibt diese Entscheidung durchaus Sinn. Denn ein Blick in verschiedene Geschäftsbücher verrät, dass sowohl Epsteins Steuerberater Kahn, als auch sein Anwalt Indyke schon zuvor an der Führung mehrerer Unternehmen von Epstein beteiligt war. Darunter sind auch einige von den späteren Gerichtsunterlagen behauptet wird, sie hätten ausschließlich zum Zweck seiner Menschenhandelsgeschäfte existiert.

Wir machen hier zwar einen kleinen Zeitsprung, aber um das System zu verstehen, ergibt das an dieser Stelle Sinn. So war Epsteins Steuerberater Richard Kahn in 2010er laut Unternehmensunterlagen Geschäftsführer einer New York ansässigen Designfirma. Klingt ja erstmal nach einem harmlosen, wenn auch für einen Steuerberater etwas merkwürdigen Nebenverdienst.

In später bei Gericht eingereichten Unterlagen wird jedoch behauptet, genau dieses Unternehmen sei Teil eines Netzwerks von Firmen gewesen, das Epstein nutzte, um Geld an seine Opfer und an die Personen weiterzuleiten, die junge Mädchen und Frauen für seinen Missbrauch rekrutiert haben. So ist Steuerberater Kahn z.B.

 zwar Geschäftsführer dieser ominösen Designfirma, die rechtmäßige Besitzerin der Firma soll aber eine Frau gewesen sein, die von Epstein missbraucht und über genau diese Firma bezahlt wurde. Passend dazu wurde ein Konto der Designfirma ausschließlich durch private Überweisung von Epstein gefüttert. Den Gerichtsunterlagen zufolge sollen Steuerberater Kahn und Anwalt Indyk zudem eine weitere auf den Jungferninseln registrierte Firma von Epstein genutzt haben, um verschiedene Schecks im Wert von insgesamt 300.

000 $ auszustellen. Diese ging zum Teil an junge Frauen und zum Teil an einen Einwanderungsanwalt, der mutmaßlich dafür gesorgt hat, dass mutmaßliche Opfer von Menschenhandel in den USA bleiben konnten. Sowohl Richard Kahn als auch Darren Indyk haben trotzdem immer jegliches Fehlverhalten im Umgang mit Epstein bestritten und wurden nie strafrechtlich angeklagt.

 Beide seien ganz normale Angestellte in einer ganz normalen Tätigkeit gewesen, als Buchhalter und Anwalt eben. Auch wenn sie laut Unterlagen zwischen 2011 und 2019 insgesamt ein eher unnormales Gehalt von 10 respektive 16 Millionen $ durch Epstein und seine Unternehmen bekommen haben. Am 8. August 2019 kümmert sich Epstein also darum, dass diese beiden Männer im Falle seines Todes über sein Vermögen verfügen sollen.

Dieser Fall wird in weniger als 48 Stunden eintreten. Der 9. August ist ein ereignisreicher Tag im Fall Jeffrey Epstein. An diesem Tag werden mehr als 2000 Seiten von Dokumenten veröffentlicht. Damals wirken 2000 Seiten noch wie eine ungeheure Menge. Heute, 7 Jahre später, haben wir es mit mehr als 3 Millionen Dateien zu tun.

Das ist am 9. August 2019 in dieser Form jedoch noch nicht absehbar. An diesem Tag werden Papiere veröffentlicht, die mit dem Verfahren von Epstein-Anklägerin Virginia Giuffre gegen seine Komplizin Ghislaine Maxwell zu tun haben, das 2015 eröffnet wurde. Viele der Aussagen, die von Virginia und anderen Zeugen im Zuge des Verfahrens gemacht wurden, geraten an diesem Tag zum ersten Mal an die Öffentlichkeit.

Leider sind wir jetzt notgedrungen an dem Punkt, an dem es etwas unübersichtlich wird. Wenn ihr auf dieses Video geklickt habt, wisst ihr bestimmt, wie viele Verschwörungstheorien es zum Tod von Jeffrey Epstein gibt. Möglich gemacht wurde das auch durch die Art und Weise, wie die Ermittlungsbehörden mit dem Verlauf des letzten Tages im Leben von Jeffrey Epstein umgegangen sind.

Details wurden ausgelassen, einiges später revidiert, viele wichtige Puzzlestücke wurden erst Jahre später nachgereicht. Deshalb werden wir auch einen etwas längeren Einschub haben, der für den Kontext aber wichtig ist. Direkt am Morgen des 9. August 2019 passiert etwas, das eigentlich nicht vorgesehen ist.

 Als Insasse der Special Housing Unit sollte eigentlich jeder Häftling einen Zellengenossen haben, so auch Jeffrey Epstein. Nach seiner Rückkehr von der Suicide Watch wurde ihm ein neuer Mitbewohner zugewiesen, ein Mann namens Efrain Reyes. Allerdings wird Efrain Reyes an diesem Morgen um 8 Uhr aus der Special Housing Unit verlegt.

 Das Ganze ist ein routinemäßiger Vorgang und ist wohl schon so geplant gewesen. Allerdings wird Jeffrey Epstein trotzdem nicht sofort ein neuer Zellengenosse zugewiesen. So bleibt eine Matratze auf dem Stockbett in seiner Zelle an diesem Tag leer. Der Banker bekommt jetzt auf unverhofften Wege doch, was er sich schon zu Anfang gewünscht hat, nämlich Privatsphäre.

Allerdings nutzt er diese Privatsphäre am 9. August nur begrenzt. Denn auch an diesem Tag trifft sich Epstein wieder mit mehreren seiner Anwälte. Am Nachmittag um 16:00 Uhr beginnt eine junge Frau ihre Schicht im MCC, die für den Verlauf dieses Videos noch sehr wichtig wird. Ihr Name ist Tova Noel. Sie arbeitet seit drei Jahren im MCC und hat einen 16 Stunden langen Arbeitstag vor sich.

 Denn sie ist nicht für eine, sondern gleich zwei 8-Stunden-Schichten eingetragen. Das ist nicht unüblich. In der Nacht vom 9. auf den 10. August werden nur 18 Mitarbeiter des Gefängnisses da sein, die insgesamt 750 Gefangene beaufsichtigen müssen. Neben Noel sind davon auch neun weitere Kollegen in der Nacht dabei, Überstunden zu schieben.

Trotzdem wird ein Posten in dieser Nacht nicht einmal besetzt sein. Vielleicht kurz zur Erklärung. Die erste Trump-Administration versucht schon damals die Ausgaben der Behörden zu verringern. Darunter fällt auch die US-Gefängnisaufsichtsbehörde. Die Folge ist allerdings, dass dort viel zu wenig Personal beschäftigt wird, dass sich zudem mit immer mehr Gewaltdelikten in den Gefängnissen selbst herumschlagen muss.

In manchen Gefängnissen ist die Personallage laut der New York Times 2019 so dünn, dass Köche, Sanitäter oder Aushilfen eingesetzt werden, um die Betreuung der Gefangenen zu gewährleisten. Die Arbeitsatmosphäre im MCC dürfte damals nicht gerade berauschend sein. Und offensichtlich ist Tova Noel schon bei Diensteintritt nicht sonderlich gewillt, ihren Job gewissenhaft zu erledigen.

Thom und Noel sollen eigentlich um 16 Uhr mit einer Zählung der Gefangenen starten. Die beiden füllen auch den Zählbogen des MCC aus und unterschreiben ihn. Auf dem Papier ist die vorgeschriebene Gefangenenzählung also durchgeführt. Das Problem ist, Noel und Thom haben diese Zählung gar nicht gemacht.

 Das werden später interne Videoaufnahmen zeigen. Die beiden haben den Zählbogen einfach so unterschrieben und dann die Leitstelle weitergegeben. Dort sind Beamte dann dafür zuständig, die Zählbögen mit der Insassenliste der Einrichtung abzugleichen. Offenbar fällt in der Leitstelle an diesem Nachtbezirk auch niemandem auf, dass die beiden geschummelt haben.

 Der Bogen von Noel und ihrem Kollegen wird abgestempelt. Damit ist der Job auf dem Papier von allen Instanzen erledigt. Das mag noch nicht direkt etwas mit dem zu tun haben, was später in Epsteins Zelle passieren wird, aber wir sehen, dass man es in der Strafanstalt paradoxerweise mit den Regeln nicht so genau nimmt. Das zeigt sich auch am Abend.

 Epstein bittet einen Gefängnismitarbeiter, er wolle mit seiner Mutter telefonieren. Auch den Namen von diesem Gefängnismitarbeiter kennen wir nicht. Der Einfachheit halber nennen wir ihn mal Rick. Eigentlich dürfen Telefonate von Häftlingen nur unter Aufsicht durchgeführt werden. Das wird auch Rick wissen.

 Allerdings lässt er sich von Epstein breitschlagen. Offenkundig ist Rick nicht klar, dass Epsteins Mutter, mit der er angeblich telefonieren will, bereits seit 15 Jahren tot ist. In früheren Quellen heißt es noch, dass Rick Epstein in eine Duschkabine bringt, wo er in Ruhe telefonieren kann, vermutlich dann eben mit einem Handy. In neueren Berichten heißt es sogar, Rick sei Unit Manager, also quasi Abteilungsleiter in dem Gefängnis und würde Epstein erlauben, eines der Festnetztelefone des MCC zu verwenden.

Welche Version auch immer stimmt, obwohl es streng verboten ist, erlaubt Rick Jeffrey Epstein ein unüberwachtes und inoffizielles Telefonat zu führen. Das Gespräch, das Epstein führt, dauert etwa 20 Minuten. Lange wusste man nicht, an wen der Anruf gegangen ist. Logischerweise jedenfalls nicht an seine tote Mutter.

Mittlerweile ist bekannt, dass Epstein mit einer belarussischen Nummer telefoniert hat. Und aus Belarus kommt Epsteins damalige Lebensabschnittsgefährtin Karina Shuliak. Es wird dementsprechend angenommen, dass sie als letzte außerhalb des MCC mit Epstein gesprochen hat. Um 19:49 Uhr ist das außerplanmäßige Telefonat allerdings beendet.

Epstein wird zurück in seine Zelle gebracht, von Wärter Noel und einer weiteren Person. Epstein wird seine Zelle danach nicht mehr lebend verlassen. Auch um 22:00 Uhr soll eigentlich noch mal eine Zählung durchgeführt werden. Aber wie ihr euch sicherlich denken könnt, passiert auch diese Zählung nicht.

 Cover Noel ist wieder zuständig, dieses Mal mit einem anderen nicht genannten Kollegen. Auch der nimmt es mit dem Papierkram aber offenkundig nicht so genau. Der Bogen wird wieder einfach ausgefüllt und abermals weitergeleitet. Wieder winkt die Leitstelle den gefälschten Zählbogen durch. Und es wird in der Nacht ähnlich chaotisch weitergehen.

Um 22:39 Uhr ereignet sich an diesem Abend etwas, das bis heute für zahlreiche Theorien sorgt. Denn lange wird es heißen, den ganzen Abend über sei niemand in der Nähe von Epsteins Zelle gewesen. Das stimmt aber nicht so ganz. Denn um 22:39 Uhr sieht es so aus, als sei da jemand, der die Treppe zu Epsteins Block hochgeht.

Etwas Klarheit kommt erst im Februar 2026, als mit dem Epstein-Fall ein Logbuch über die Videoaufzeichnung aus dem Gefängnis veröffentlicht wird. So kann man wenigstens nachlesen, wie die Behörden die Geschehnisse einordnen und wir wollen uns für diese Darstellung daran orientieren. Laut diesem Logbuch taucht um 22:39 Uhr eine in orange gekleidete Figur auf, die die Treppe in Richtung von Epsteins Trakt nach oben geht.

 Das Problem ist, die Kameraaufnahmen sind wirklich nicht gut. Man sieht nur in der rechten äußeren Ecke den Rand einer Person. In einer internen FBI-Analyse heißt es später, bei dieser Person könnte es sich möglicherweise um einen Häftling handeln. Eine andere Behörde, das OIG, vermutet hingegen, dass es sich um jemanden gehandelt haben könnte, der orangefarbene Wäsche oder Bettwäsche bei sich getragen hat.

Im Abschlussbericht schreibt diese Behörde von einem nicht identifizierten Gefängnismitarbeiter. Dazu, was genau das OIG ist und wie sich das vom FBI unterscheidet, kommen wir später noch mal ausführlich. Wie gesagt, die Videoqualität ist so mies, dass man nicht einmal sagen kann, ob diese Person am Bildrand orange gekleidet ist, wie die Häftlinge im MCC, oder ob die Person einfach orangefarbene Kleidungsstücke in den Armen trägt.

Daran, da irgendjemanden anhand dieser Bilder zu identifizieren, ist gar nicht zu denken. In der FBI-Notiz steht deshalb sogar nur, ein orangefarbener Lichtblitz scheint die Treppe zum L-Stockwerk hinaufzulaufen. Möglicherweise handelt es sich um einen Insassen, der dorthin begleitet wird. CBS News befragt im Zusammenhang damit später verschiedene Gefängnisangestellte, ob es denn üblich sei, dass Gefangene zu so einer späten Stunde noch hin und her begleitet werden.

Die Antwort darauf ist ein klares Nein. Wobei man hier wohl irgendwie auch anmerken muss, dass im MCC ja auch sonst gerne Protokolle umgangen werden, wie beim C immer mit den Zählungsbögen. Wobei sich, denke ich, alle einig sein werden, die Identifizierung dieser Person auf dem Video hätte für die Rekonstruktion der Ereignisse durchaus entscheidend sein können.

In einer früheren Notiz des OIG heißt es, die Person sei womöglich die Gefängniswärterin Tova Noel. Im Abschlussbericht wird diese Mutmaßung aber wieder gestrichen. Darin heißt es stattdessen konträr zum FBI-Bericht, gegen 22:39 Uhr schien ein nicht identifizierter Vollzugsbeamter die Treppe des El-Tracks hinaufzugehen und tauchte dann um 22:41 Uhr wieder im Blickfeld der Kamera auf.

Das FBI und das OIG sind sich offenkundig nicht einig, wer hier um 22:39 Uhr in die Richtung von Epsteins Zelle geht, ein eskortierter Gefangener oder ein Mitarbeiter. Interessant ist auch, warum die Ereignisse um 22:39 Uhr jetzt so ausführlich diskutiert werden können. 2019 war von dieser rätselhaften Figur nämlich der Öffentlichkeit noch gar nichts bekannt.

 Man hat 2019 natürlich trotzdem auch schon Untersuchung zu Epsteins Tod angestellt. Aber auch in internen Berichten der Behörden aus 2019 wird diese Person oder der orangefarbene Lichtblitz oder wie auch immer man es nennen möchte, gar nicht erwähnt. Behördenvertreter erklären damals sogar ganz explizit, niemand habe in der Nacht vom 9. auf den 10.

 August Epsteins Trakt betreten. Das sagt unter anderem selbst der damalige Generalstaatsanwalt Bill Barr. Noch 2025 wird auch der stellvertretende FBI-Direktor in einem Interview sagen, es gibt ein Video, das sonnenklar zeigt, dass Epstein die einzige Person dort drin und die einzige Person ist, die herauskommt. Man kann es sehen.

Sonnenklar ist bei der Videoqualität sowieso schon ein gewagtes Statement. Und noch dazu können wir ja nun auf diesem Video sehen, dass irgendwas oder irgendwer um 22:39 Uhr an der Tür zu Epsteins Trakt los ist. Diese Treppe, die zu Epsteins Trakt führt, wird in dieser Nacht nur von einer einzigen Kamera erfasst, die auch aufzeichnet.

 Das klingt erstmal vielversprechend. Allerdings hängt die Kamera so, dass der Zugang zu Epsteins Trakt teilweise verdeckt ist. Trotzdem stürzen sich die späteren Untersuchung bei der Rekonstruktion des Geschehens stark auf dieses Videomaterial, weil es eben nichts anderes gibt. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass jemand außerhalb des Kamerawinkels die Treppe hoch ist und die Etage betreten haben könnte, ohne deutlich sichtbar zu sein.

Wir werden an einer späteren Stelle noch mal darauf zurückkommen. Eigentlich sollte man meinen, wenn sich diese mysteriöse Gestalt schon nicht von selbst meldet, um identifiziert zu werden, sollten noch die Gefängnismitarbeiter in der Lage sein, da weiterzuhelfen. Am Abend des 9. August sind die Wärterin Tover Noel und ein Kollege namens Gitto Bonhom für die Aufsicht über die Special Housing Unit zuständig.

Bonhom ist eigentlich gar keine ausgebildete Kraft für den Vollzug, sondern Lagerdienstleister und an diesem Abend wohl sehr müde. Tover Noel wird später erzählen, Bonhom habe eine Doppelschicht geschoben und ca. zwischen 22:00 Uhr und 0:00 Uhr geschlafen. Bonhom selbst wird sagen, er habe an die Zeit zwischen 22:00 Uhr und 0:00 Uhr keine Erinnerung und könnte sich demnach auch nicht entsinnen, ob irgendwer um 22:39 Uhr die Treppe zu Epsteins Trakt hochgelaufen sei.

Er merkt in seiner späteren Aussage allerdings an, dass ein Gefängnisangestellter, der einen Trakt alleine betreten hätte, gegen die Vorschriften verstoßen hätte. Ob Schlafen während der Arbeitszeit nicht auch ein Verstoß gegen die Vorschriften ist, wird leider nicht erwähnt. Um 0:00 Uhr hat Bonhom jedenfalls Feierabend.

 Seine Kollegin Tover Noel bleibt im Dienst. Bonhom wird durch Michael Thomas abgelöst. Eigentlich gehört die unmittelbare Überwachung von Gefangenen gar nicht zu seinem Arbeitsbereich. Aber für die nächtlichen Überstunden gibt es einen guten Bonus, also hat er sich freiwillig gemeldet, um die Schicht vom 9. auf den 10. August zu übernehmen.

Direkt zum Dienstantritt von Thomas steht eigentlich um Mitternacht abermals eine Zählung der Gefangenen an. Es folgt aber wieder das gleiche Prozedere. Noel und Thomas füllen den Bogen einfach aus, schicken ihn zur Leitstelle und die Leitstelle winkt den Bogen durch. Eigentlich sollten die beiden nicht nur die Gefangenen alle paar Stunden zählen, sondern auch alle 30 Minuten eine Kontrollrunde machen.

 Also nachsehen, ob bei den Gefangenen alles in Ordnung ist. Sie lassen dabei nicht nur ein oder zwei Kontrollrunden aus, sondern machen einfach keine einzige. Der Moment, in dem die mysteriöse Figur um 22:39 Uhr auf dem Video zu sehen war, war der letzte aufgezeichnete Augenblick, in dem sich irgendwer in der Nähe von Epsteins Trakt bewegt hat.

Anstatt ihre Kontrollrunden zu machen, sitzen die beiden an ihren Schreibtischen. Sie schauen sich Online-Möbelshops und zum Verkauf stehende Motorräder. Zwischendurch schlafen die beiden wohl auch mal für zwei Stunden. Die Protokolle aus der Nacht vom 9. auf den 10. August selbst würden nicht vermuten lassen, dass Noel und Thomas mit Online-Shopping und Nickerchen beschäftigt waren.

 Denn Thomas füllt Dutzende Protokolle über halbstündige Kontrollrunden aus und unterschreibt sie. Auch für eine weitere Zählrunde um 3 Uhr morgens wird wieder ein Protokoll gefälscht. Das Gleiche passiert mit der Zählung um 5 Uhr morgens. Dazwischen gegen 4 Uhr morgens lässt sich abermals der Supervisor für die Nachtschicht bei Thomas und Noel sehen.

Auf Überwachungskameras ist zu sehen, dass die drei sich kurz unterhalten. Dann geht der Supervisor wieder. Um 5:30 Uhr läuft ein anderer Mitarbeiter kurz durch den Gemeinschaftsbereich der Special Housing Unit. Die Videoüberwachung zeigt, dass niemand sonst die Unit betritt, Zählungen oder Rundgänge durchführt oder den Trakt betritt, in dem Epstein untergebracht ist.

 So heißt es zumindest später. Um 6 Uhr morgens müssen Noel und Thomas allerdings noch mal aktiv werden. Das Frühstück für die Insassen wird geliefert und nach und nach ausgezeigt. Gegen 6:30 Uhr ist der Trakt dran, in dem Epstein einsetzt. Es ist Michael Thomas, der die Zellentür allein öffnet und Epstein leblos vorfindet. Um 6:33 Uhr wird der Alarm ausgelöst.

Jeffrey Epstein ist allein in seiner Zelle und nicht ansprechbar. Um seinen Hals liegt eine Schlinge. Ein anderer Gefangener will um diese Zeit gehört haben, wie jemand rief: “Atme, Epstein, atme.” Dann habe er einen Beamten sagen hören: “Leute, ihr habt den Kerl umgebracht.” Eine weibliche Stimme habe geantwortet: “Wenn er tot ist, werden wir das vertuschen und dein Alibi verschaffen, meine Beamten.

” Die Aussage des Häftlings wurde allerdings nie bestätigt. Savanol selbst sagt später, es sei ihr Kollege Michael Thomas gewesen, der “Atme, Epstein, atme” gerufen habe. Danach habe er noch gesagt: “Wir werden so einen Ärger bekommen.” Savanol läuft nach dem Auslösen des Alarms direkt zum Büro des Supervisors und sagt zu ihm: “Epstein hat sich aufgehängt.

” Sie erzählt dem Supervisor auch direkt, dass sie und Michael Thomas die 3 und 5 Uhr Kontrollrunde nicht durchgeführt hätten. Michael Thomas sagt daraufhin: “Wir haben es verbockt und ich habe es verbockt. Sie trifft keine Schuld. Wir haben gar keine Runden gemacht.” Tatsächlich ist nicht so ganz klar, wie und wo Epstein sich in seiner Zelle erhängt haben soll.

 Klar, man hat die Aussagen der Zeugen, aber keine Fotos oder dergleichen. Epstein wird daraufhin in Erste-Hilfe-Raum des Gefängnisses gebracht. Basierend auf dem, was man weiß, geht man von Folgendem aus: Epstein hat offenbar ein Bettlaken am oberen Stockbett seiner Zelle befestigt. Das andere Ende hat er sich um den Hals gelegt und sich dann nach vorn gestürzt.

So erklären es Vertreter der Strafverfolgungsbehörden und der Gefängnisverwaltung kurz nach seinem Tod den Medien. Nach Erste-Hilfe-Versuchen vor Ort wird Epstein ins New York Downtown Hospital gebracht. Dort wird er jedoch direkt bei seiner Ankunft um 7:36 Uhr für tot erklärt. Doch zum ersten Mal wird Epsteins Tod nicht bei einem renommierten Magazin oder einem Fernsehsender verkündet, auch nicht von einem Sprecher des Gefängnisses oder einem Lokalpolitiker, sondern von einem User im Internetforum 4chan.

Epstein wird also am 10. August um 7:36 Uhr für tot erklärt. 80 Minuten später wird die Nachricht an die Presse gehen. Doch schon vorher passiert etwas Merkwürdiges. Etwa 40 Minuten, nachdem Epstein für tot erklärt wurde und 40 Minuten, bevor die Pressemeldung rausgeht, kann man online schon vom Tod des Bankers lesen.

Und zwar auf dem Internetportal 4chan. 4chan ist so was Ähnliches wie Reddit, also eine Seite, auf der es verschiedene Unterforen zu verschiedenen Nischeninteressen gibt. Man ist da anonym unterwegs und man kann eigentlich alles posten. Und im Fall um Jeffrey Epstein spielt 4chan eine wichtige Rolle.

 Denn 40 Minuten, nachdem Epstein für tot erklärt wird, schreibt ein User das hier: “Frag mich nicht, woher ich das weiß, aber Epstein ist vor einer Stunde durch Erhängen gestorben. Herzstillstand. Screenshotet das.” Fast 30 Minuten später meldet sich ein Nutzer namens Swarm zu Wort. Er postet einen Beitrag, in dem er behauptet, gesehen zu haben, wie Epstein in der Nacht vor der Bekanntgabe seines Todes zur Krankenstation des Gefängnisses gebracht wurde.

 Außerdem erwähnt er die Ankunft eines Kleinbusses, in dem sich laut einem Mitarbeiter, der das Fahrzeug hereingelassen haben soll, ein Mann in einer grünen Militäruniform befunden habe. Der User schließt seinen Beitrag mit den Worten: “Leute, ich zittere gerade, aber ich glaube, sie haben ihn ausgetauscht.” Erst 10 Minuten nach diesem zweiten rätselhaften Post beginnen die ersten Nachrichtenagenturen tatsächlich über den Tod von Jeffrey Epstein zu berichten.

Jetzt fragt man sich, zumindest wie der erste der beiden 4chan-User denn schon vor allen anderen davon gewusst haben kann. Tja, das fragen sich auch die Ermittlungsbehörden bis zum heutigen Tag. Aber hier muss ich ein wenig vorgreifen. Aus den 2026 veröffentlichten Epstein-Akten wird hervorgehen, dass das FBI die Aktivitäten auf 4chan am Morgen des 10. August mitbekommen hat.

Noch im August 2019 wurden intensive Bemühungen angestellt, diese zwei Fortschen-Nutzer aufzuspüren. Der erste User konnte aufgrund einer dynamischen IP-Adresse nie identifiziert werden, wie ein Bundesstaatsanwalt später erklärt. Das FBI hat auch bei Fortschen selbst Daten zu dem Nutzer angefragt. Die Website konnte aber nur sagen, dass der User vier Postings abgesetzt haben soll.

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