Das Rätsel um Stephanie Stewart: Das spurlose Verschwinden einer Brandwächterin in Kanadas unbarmherzigen Wäldern T
Das Rätsel um Stephanie Stewart: Das spurlose Verschwinden einer Brandwächterin in Kanadas unbarmherzigen Wäldern
Kanada ist weltweit bekannt für seine unendlichen Weiten, majestätischen Berge, tiefen, schattigen Wälder und eine atemberaubende, unberührte Natur. Während viele Menschen bei der Vorstellung von Sommerurlaub an sonnige Strände, palmengesäumte Küsten und entspannte Tage am Meer denken, sah das für die damals 70-jährige Stephanie Stewart völlig anders aus. Für sie gab es keinen schöneren Ort auf der Welt als die Einsamkeit der kanadischen Wildnis. Doch Urlaub oder gar ein ruhiger Ruhestand kamen für die resolute Kanadierin zu keinem Zeitpunkt infrage. Stephanie lebte für ihre Arbeit als Brandwächterin. Jeden Sommer verbrachte sie monatelang auf einem abgelegenen Aussichtsturm, um argusäugig darüber zu wachen, dass in den weitreichenden Wäldern nirgendwo ein verheerendes Wildfeuer ausbrach. Besonders die absolute Abgeschiedenheit, die tiefe Stille und die Harmonie mit der Natur schätzte sie an ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit über alle Maßen.

Einsamkeit war für Stephanie kein Fremdwort, sondern ein vertrauter Begleiter. Doch stellt sich im Nachhinein die Frage, ob sie in jenen Sommermonaten wirklich so allein im Wald war, wie es schien, oder ob in Wahrheit jeder ihrer Schritte von unbekannten Augen beobachtet wurde, ohne dass sie es ahnte. Lauerte in den tiefen Wäldern etwa eine dunkle, unheimliche Gefahr, die im Verborgenen auf den richtigen Moment wartete? Diese beklemmende Vermutung hegten jedenfalls ihre Kollegen von der Leitstelle, als sich Stephanie an einem scheinbar ganz gewöhnlichen Tag plötzlich nicht mehr wie gewohnt bei ihnen meldete. Die aufkommende Sorge schien im ersten Moment jedoch unbedeutend, als die Mitarbeiter sie über das Funkgerät überraschend erreichen konnten. Doch die Erleichterung währte nur Sekundenbruchteile: Am anderen Ende der Leitung ertönte keine freundliche, vertraute Begrüßung, sondern lediglich ein schweres, angestrengtes Atmen, bevor der Anruf abrupt abbrach und jeglicher Kontakt zu der erfahrenen Brandwächterin für immer erlosch. Zurück blieben nur eine bedrückende Stille und die quälende Frage, was Stephanie Stewart an jenem Tag zugestoßen sein mag.
Um die Dimensionen dieses mysteriösen Vorfalls zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Realität der kanadischen Wälder. Jedes Jahr entstehen in Kanada Tausende von Wildfeuern, die weite Landstriche bedrohen und in Sekundenschnelle Millionen von Hektar Natur vernichten können. Um diesem immensen Risiko vorzubeugen, hat die Regierung zahlreiche Feuerwachtürme errichtet, die strategisch günstig auf Berggipfeln und erhöhten Standorten platziert sind. In diesen Türmen arbeiten sogenannte Firewatcher, die rund um die Uhr die Umgebung beobachten, Rauchentwicklungen frühzeitig erkennen, Wetterveränderungen dokumentieren und Blitzeinschläge überwachen. Allein in der Provinz Alberta gibt es fast 130 solcher Wachtürme. Der Etherabesc Tower gilt dabei als einer der wichtigsten, da er sich in unmittelbarer Nähe einer Bergbaustadt und des weltberühmten Jasper-Nationalparks befindet. Ein Feuer in dieser Region könnte katastrophale Folgen haben. Daher sind engagierte und verlässliche Brandwächter wie Stephanie von unschätzbarem Wert.
Die Arbeit stellt jedoch enorme Anforderungen an die Psyche. Die Ranger sind tagelang vollkommen isoliert, kommunizieren fast ausschließlich über Funkgeräte und verbringen endlose Stunden in schwindelerregender Höhe. Das schreckt viele Bewerber ab. Umso glücklicher war die Regierung von Alberta, dass Stephanie Stewart diesen harten Job über fast zwei Jahrzehnte mit unermüdlichem Eifer ausübte. Im Jahr 2006 war sie bereits 70 Jahre alt, arbeitete jedoch bereits seit 18 Sommern als Brandwächterin und hatte seit 13 Jahren die Verantwortung für den Etherabesc Tower inne. Gebürtig stammte sie aus der kleinen Bergbaustadt Canmore in der Nähe von Calgary. Mit einer Körpergröße von gerade einmal 1,56 Metern wirkte sie zierlich und wurde von Außenstehenden oft unterschätzt. Doch ihre Tochter Lori beschrieb sie als außergewöhnlich starke, zielstrebige und talentierte Frau, die genau wusste, was sie im Leben wollte. Stephanie war extrem fit: Noch im Dezember 2005, im Alter von 69 Jahren, bestieg sie zusammen mit Familienmitgliedern den 5800 Meter hohen Kilimandscharo in Tansania. Sie unternahm ausgedehnte Radtouren quer durch Kanada, las stapelweise Bücher und pflegte einen riesigen Garten. Sie war eine phänomenale Persönlichkeit, die niemals stillsitzen konnte.
Und eben diese legendäre Zuverlässigkeit machte ihre Kollegen stutzig, als am Morgen des 26. August 2006 die obligatorische Morgenmeldung von Stephanie ausblieb. Jeder Brandwächter war verpflichtet, sich bei Dienstbeginn kurz zu melden, um das Wohlbefinden zu bestätigen und meteorologische Daten durchzugeben. Als dieser Anruf an besagtem Samstagmorgen ausblieb, griff die Basis zum Funkgerät. Stephanie nahm den Anruf zwar entgegen, doch das schwere Atmen und der anschließende Kontaktabbruch schockierten die Mitarbeiter tief. Ein Kollege wurde umgehend zum Etherabesc Tower geschickt, um nach dem Rechten zu sehen.
Vor Ort schien auf den ersten Blick alles friedlich. Die Sonne schien, und Stephanies Pickup-Truck stand unversehrt vor der einfachen WohnHütte am Fuß des knapp 30 Meter hohen Turms. Doch im Inneren bot sich ein völlig anderes, verstörendes Bild. Von Stephanie fehlte jede Spur. Auf dem Holzofen kochte ein Topf mit Wasser auf der allerhöchsten Stufe – und das offenbar bereits so lange, dass das Wasser fast vollständig verdampft war und der Raum eine unerträgliche Hitze angenommen hatte. Auf der Holztreppe, die zur Hütte führte, entdeckten die Beamten verschmierte Blutflecken. Der sofort alarmierte Polizeidienst leitete umgehend eine Vermisstenfahndung ein. Bei einer genauen Inspektion der Räumlichkeiten stellten die Ermittler fest, dass einige persönliche Gegenstände fehlten: ein weinrotes Bettlaken, eine Decke mit markantem Navajo-Muster, zwei Kissen mit blauen Bezügen sowie ihre goldene Armbanduhr.

Zunächst zogen die Ermittler einen Angriff durch ein wildes Tier, etwa einen Grizzlybären, in Betracht. Doch diese Hypothese ließ sich schnell nicht mehr aufrechtchterhalten. Zwar gab es in der Region Raubtiere, doch diese attackieren Menschen äußerst selten ohne Auslöser, und es wurden keinerlei typische Spuren wie Haare oder Kampfspuren in der Nähe gefunden. Auch psychische Probleme oder eine absichtliche, verwirrte Flucht in den Wald schienen angesichts von Stephanies stabiler Persönlichkeit und der Tatsache, dass sie ihr Auto hätte nutzen oder Hilfe per Funk anfordern können, äußerst unwahrscheinlich. Dennoch ließ sich nicht völlig ausschließen, dass sie in einer extremen Schocksituation völlig irrational gehandelt hatte. Nach und nach verdichtete sich jedoch die grauenhafte Gewissheit, dass Stephanie Stewart Opfer eines kaltblütigen Verbrechens geworden sein musste. Die mitgenommenen Decken und Laken könnten von einem Täter genutzt worden sein, um Spuren zu verwischen oder die sterblichen Überreste der 70-Jährigen diskret abzutransportieren. Raub als Hauptmotiv schied weitgehend aus, da bis auf ihre Armbanduhr keine Wertsachen entwendet wurden und sie ohnehin bescheiden lebte. Der kochende Topf auf dem Herd ließ darauf schließen, dass jemand kurz zuvor noch Wasser erhitzt hatte – vielleicht für einen Tee, möglicherweise aber auch in der Absicht, die gesamte Hütte mistamt allen forensischen Beweisen in Brand zu setzen, was glücklicherweise misslang.
Es folgte eine der größten Suchaktionen in der Geschichte der Provinz Alberta. Tausende Freiwillige, Rettungskräfte und Suchhunde durchkämmten ein Gebiet von sieben Quadratkilometern rund um den Turm, während Flugzeuge eine Fläche von über 7.500 Quadratkilometern aus der Luft absuchten. Doch die mühsame Suche bis Ende Oktober blieb völlig erfolglos; der einsetzende Winter erzwang schließlich den Abbruch. Stephanie Stewart blieb unauffindbar.
Die Jahre vergingen, und der Fall schien im Sumpf ungelöster Kriminalakten zu versinken. Doch die Region sollte nicht zur Ruhe kommen. Vier Jahre später, im Juli 2010, ereignete sich ein weiteres, erschreckendes Verbrechen, das ganz ähnliche Züge trug. Das betagte Ehepaar Lyle (77) und Marie (78) McCann befand sich auf einem entspannten Roadtrip durch British Columbia, als auch von ihnen plötzlich jede Spur fehlte. Am 5. Juli wurde in der Nähe von Edson ein vollständig ausgebrannter Wohnwagen der McCanns gefunden. Die Polizei leitete umgehend Ermittlungen ein und geriet bald auf die Spur des damals 38-jährigen Travis Vader. Vader war polizeibekannt, vorbestraft wegen Autodiebstahls und Brandstiftung, und hielt sich bekanntermaßen im Sommer 2006 in exakt derselben Region auf, in der Stephanie Stewart verschwunden war. Obwohl die Leichen der McCanns trotz intensiver Grabungen jahrelang nicht gefunden werden konnten, erhärtete sich der Verdacht gegen Travis Vader massiv. Im September 2016 wurde er schließlich wegen Mordes zweiten Grades schuldig gesprochen und zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt, die später im Berufungsverfahren auf Totschlag herabgestuft wurde. Die Ermittlungsbehörden hegten starke Vermutungen, dass Vader auch für das Verschwinden von Stephanie Stewart verantwortlich sein könnte, da seine Mobilfunkdaten bestätigten, dass er sich zur kritischen Zeit in unmittelbarer Nähe des Etherabesc Towers aufgehalten hatte. Eine formelle Anklage konnte ihm in diesem Fall jedoch bis heute nicht lückenlos nachgewiesen werden, und Vader selbst bestritt jede Verwicklung vehement, bezeichnete die Ermittlungen als Hexenjagd und beteuert bis zum heutigen Tage seine Unschuld.
Doch damit nicht genug: Die unheimliche Serie von unerklärlichen Vorfällen in nordamerikanischen Wäldern reißt nicht ab. Im Oktober 2018 verschwand die 76-jährige Connie Marie Johnson in den abgelegenen Bigfoot Mountains in Idaho spurlos, während sie als Köchin in einem Jagdlager arbeitete. Nur ihr treuer Hund kehrte später allein zurück. Am selben Tag, nur wenige Kilometer entfernt, ereignete sich ein weiterer mysteriöser Vorfall: Der 27-jährige Fernsehproduzent Terence Woods, der für eine Dokumentation des Discovery Channels an einer alten Goldmine drehte, lief plötzlich und ohne jeden ersichtlichen Grund panisch in den dichten Wald davon. Seine Kollegen beschrieben ihn als panisch flüchtend, so als liefe er um sein nacktes Leben. Er wurde nie wieder gefunden.
Die Häufung solcher rätselhaften Ereignisse hat die Behörden in Kanada und den USA zu drastischen Schritten veranlasst. Nach dem Verschwinden von Stephanie Stewart wurden die Sicherheitsmaßnahmen an allen 128 Feuerwachtürmen in Alberta massiv verschärft. Dazu gehörten spezielle Selbstverteidigungskurse für die Wächter, moderne Funkgeräte mit integrierten Paniktasten, das Entfernen von Hinweisschildern für Touristen sowie abschließbare Tore an allen Türmen mit Straßenzugang. Zudem kam die Hypothese auf, dass in den umliegenden Wäldern gelegentlich Obdachlose oder ehemalige Strafgefangene lebten, die sich vor der Zivilisation versteckten. Möglicherweise hatte eine solche Person die Hütte am Etherabesc Tower betreten, um Schutz oder Wärme zu finden, was zu einer tödlichen Konfrontation und dem Mitnehmen von Bettwäsche zur Tarnung führte.
Bis zum heutigen Tag bleibt das Schicksal von Stephanie Stewart ein tiefes Rätsel. Die Familie hält die Erinnerung an die couragierte Brandwächterin weiter lebendig und hat eine Belohnung von 20.000 Dollar für entscheidende Hinweise ausgerufen. Die unendlichen Wälder Kanadas bewahren ihr dunkles Geheimnis weiter, und die offene Akte mahnt uns daran, wie dünn die Decke der Zivilisation ist, sobald man sich in die unbarmherzige Stille der Wildnis begibt.