Marianne Kiefer: Das bewegende Schicksal der legendären Dresdner Kult-Komödiantin zwischen tosendem Applaus, bitterem Neuanfang und verborgener Einsamkeit T
Marianne Kiefer: Das bewegende Schicksal der legendären Dresdner Kult-Komödiantin zwischen tosendem Applaus, bitterem Neuanfang und verborgener Einsamkeit
Sie maß gerade einmal 1,54 Meter, doch auf der Bühne und vor den Fernsehkameras entwickelte sie eine Präsenz, die Generationen von Zuschauern mühelos in ihren Bann zog. Ein ganzes Land kannte Marianne Kiefer als temperamentvolle „Ulknudel des Ostens“, die mit schlagfertigem Witz, resolutem Auftreten und herzerwärmender Komik ganze Festsäle und Millionen Wohnzimmer zum Beben brachte. Ob als unvergessene Tante Paula Zipfel in der populären Lustspielreihe rund um Maxe Baumann oder als lebenskluge, herrlich eigensinnige Olga Knopf in „Drei reizende Schwestern“: Ihr Name stand über Jahrzehnte hinweg für pure Unterhaltung, volksnahe Heiterkeit und unbändige Spielfreude. Später gelang ihr ein Kunststück, das vielen ostdeutschen Künstlern nach der politischen Wende verwehrt blieb – sie eroberte als singende Wirtin im westdeutschen Fernsehen noch einmal eine völlig neue Fangemeinde. Doch hinter dem strahlenden Lächeln und den pointierten Sketchen verbarg sich ein Leben voller schmerzhafter Zäsuren, dramatischer Umbrüche und einer stillen Melancholie, die das Publikum im Scheinwerferlicht niemals erahnen sollte.

Die Wurzeln ihres außergewöhnlichen Talents reichen tief in das pulsierende Dresdner Kulturleben der Zwischenkriegszeit zurück. Im Jahr 1928 erblickte Marianne Kiefer in der sächsischen Kunst- und Musikmetropole das Licht der Welt. Es war ihr förmlich in die Wiege gelegt worden, das Publikum zu unterhalten, denn ihre Eltern waren Conférenciers im Varieté. Bereits als kleines Mädchen lernte sie eine faszinierende, aber auch anspruchsvolle Theaterwelt kennen, in der das Lachen der Menschen kein Zufallsprodukt war, sondern ein hart erarbeitetes Handwerk darstellte. Früh festigte sich in ihr der unerschütterliche Entschluss, denselben Weg einzuschlagen. Sie nahm privaten Schauspielunterricht, trainierte diszipliniert an der Ballettstange und träumte von den großen Bühnenbrettern.
Doch das Schicksal traf die junge Dresdnerin mit unbarmherziger Härte. Im Februar 1945 versank ihre geliebte Heimatstadt in einem beispiellosen alliierten Bombenhagel und einem verheerenden Feuersturm. Das Elternhaus wurde vollständig in Schutt und Asche gelegt. Was die damals Sechzehnjährige in den dramatischen Stunden des Überlebenskampfes im Keller dieses brennenden Hauses mitansehen und durchleiden musste, behielt Marianne Kiefer zeitlebens konsequent für sich. Es war ein tief sitzendes Trauma, das sie zeitlebens nicht mit der Öffentlichkeit teilen wollte. Stattdessen antwortete sie auf das Grauen mit der ihr eigenen Willenskraft: Unmittelbar nach Kriegsende stand sie im Ballhaus Watzke wieder auf den Trümmern ihrer Heimatstadt auf der Bühne. Als blutjunge Tanzsoubrette sang, spielte und tanzte sie gegen die allgegenwärtige Verzweiflung an.
Dieser mutige Neubeginn bedeutete keineswegs den sofortigen Durchbruch zum Ruhm. Es folgten entbehrungsreiche Wanderjahre, geprägt von kleinen Engagements an Theatern in Köthen und Eisleben sowie kräftezehrenden Tourneen durch die Provinz. Viele Jahre lang lebte Kiefer unter äußerst bescheidenen, fast schon armseligen Bedingungen. Sie musste sich jeden einzelnen Erfolg mühsam abtrotzen, gab jedoch niemals auf. Erst als sie im Jahr 1968 ihr vierzigstes Lebensjahr vollendete, wendete sich das Blatt entscheidend. Sie wurde festes Ensemblemitglied am renommierten Friedrichstadt-Palast in Berlin. In diesem legendären Revuetheater wurde schließlich das Fernsehen der DDR auf die quirlige Darstellerin aufmerksam. Schon bald stieg sie in das feste Schauspielerensemble des Deutschen Fernsehfunks auf und avancierte zu einer unverzichtbaren Größe in Heiteren Dramen, Schwänken und Silvesterprogrammen.
Der eigentliche Kultstatus stellte sich zu Beginn der 1980er Jahre ein. In der langlebigen Reihe „Maxe Baumann“ schlüpfte Marianne Kiefer in die Rolle der resoluten Tante Paula Zipfel. Unvergessen bleibt die Folge „Maxe in Blau“ aus dem Jahr 1981, in der sie mit allen erdenklichen Tricks versuchte, ihre Nichte Ramona mit ihrem eigenen Untermieter zu verkuppeln, um das drohende Alleinsein zu verhindern. Wenn Tante Paula auf dem Maskenball unerkannt erschien und die Gesellschaft durcheinanderwirbelte, lachten die Fernsehzuschauer Tränen. Doch wer ganz genau hinsah, konnte erkennen, was diese Figur im Innersten antrieb: Es war keine reine Einmischungssucht, sondern die nackte Angst vor der Einsamkeit. Genau dieses Gefühl kannte die Schauspielerin nur zu gut aus ihrem eigenen Alltag. Während sie vor der Kamera vor Energie sprühte und schlagfertig Anweisungen verteilte, war Marianne Kiefer privat ein zurückhaltender, bisweilen fast schüchterner Mensch. Freunde und Biografen schilderten später ihre beständige Suche nach Halt, nach echter Geborgenheit und nach dem richtigen Lebenspartner.
Ab 1984 festigte sich ihr Ruhm durch eine weitere Kultreihe endgültig: Gemeinsam mit Ingeborg Krabbe und Helga Göring bildete sie in „Drei reizende Schwestern“ ein kongeniales Damentrio, das Fernsehgeschichte schrieb. Als Schneiderin Olga Knopf, die so gern von einer glamourösen Varieté-Vergangenheit schwärmte, brillierte Kiefer mit pointiertem Timing. Millionen verfolgten gebannt die Wirren um ihren Pflegesohn Tassilo, Verwechslungen mit Teppichreinigern und herrlich verfahrene Familienbande. Nach sieben erfolgreichen Filmen fand Olga Knopf schließlich ihr großes Liebesglück und trat vor den Traualtar. Die letzte Episode wurde am 16. Dezember 1991 ausgestrahlt.

Für Marianne Kiefer hielt die Wirklichkeit in diesem Moment jedoch keinen romantischen Schlussakt bereit. Mit dem Jahreswechsel 1991/1992 wurde der Deutsche Fernsehfunk endgültig abgeschaltet. Nach der Wiedervereinigung zerbrachen die vertrauten Strukturen über Nacht, und mit dreiundsechzig Jahren stand die gefeierte Komödiantin plötzlich vor dem Nichts – arbeitslos, ohne festes Engagement und mit der brennenden Ungewissheit, ob ihre Kunst in der neuen Medienlandschaft überhaupt noch gefragt sein würde. Viele ihrer Kollegen resignierten in jenen Umbruchsjahren oder verschwanden dauerhaft aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit.
Marianne Kiefer wählte einen anderen Weg. Im Jahr 1992 nahm sie eine Einladung in die ARD-Talkshow „Boulevard Bio“ an und saß Moderator Alfred Biolek gegenüber. Anstatt falsche Fassaden aufrechtzuerhalten, sprach sie mit entwaffnender Offenheit über die schwierige Lage ostdeutscher Künstler nach dem Mauerfall und ihre eigene bedrückende Arbeitslosigkeit. Ihr unverkrampfter Charme, ihre Würde und ihr spritziger Humor beeindruckten an diesem Abend ein bundesweites Millionenpublikum nachhaltig. Unter den Zuschauern vor dem Bildschirm befand sich auch der NDR-Regisseur Klaus Laubrunn, der ihr enormes Potenzial auf der Stelle erkannte.
Noch im selben Jahr verpflichtete der Norddeutsche Rundfunk die Dresdnerin für die erfolgreiche Unterhaltungssendung „Freut euch des Nordens“. Als singende und moderierende Wirtin Charlotte fand Kiefer zu ihren familiären Wurzeln zurück: Mit über sechzig Jahren stand sie nun genau wie ihre Eltern einst im Varieté als gefeierte Conférencière vor den Kameras und eroberte die Herzen der norddeutschen Zuschauer im Sturm. Plötzlich stand ihr Telefon wieder nicht mehr still, Angebote für Gastrollen folgten, und sie veröffentlichte ihre vielbeachtete Autobiografie unter dem treffenden Titel „Das wäre doch gelacht“. Sie kehrte zudem voller Stolz an traditionsreiche Theaterhäuser in Berlin und an die Dresdner Komödie zurück.
Ihren letzten großen, triumphalen Bühnenauftritt feierte sie im Jahr 2004 an der Seite ihres langjährigen Freundes und Schauspielkollegen Herbert Köfer. In dem Boulevardstück „Du bist nur zweimal jung“ begeisterte die damals Mitte-Siebzigjährige als lebenslustige Rosy noch einmal die Theaterbesucher. Der Titel des Stückes schien sinnbildlich für ihre eigene Biografie geschrieben worden zu sein, denn zweimal in ihrem Leben hatte sie mit bewundernswertem Mut alles auf eine Karte gesetzt und triumphiert: mit vierzig am Friedrichstadt-Palast und mit über sechzig im gesamtdeutschen Fernsehen.
Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Marianne Kiefer zurückgezogen in einem Seniorenstift in Zeuthen bei Berlin, liebevoll umsorgt und begleitet von Herbert Köfer und dessen Ehefrau, die für die kinderlose Künstlerin zu einem unverzichtbaren familiären Rückhalt wurden. Nach langem Ringen mit gesundheitlichen Beschwerden schloss die beliebte Volksschauspielerin im Januar 2008 in einer Rehabilitationsklinik in Kreischa bei Dresden für immer die Augen. Sie starb im Alter von 79 Jahren, nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt, an dem einst ihr entbehrungsreicher, aber glanzvoller Weg begonnen hatte.
Marianne Kiefer hat auf dem Friedhof in Zeuthen ihre letzte Ruhe gefunden. Es ist heute still an ihrer Grabstätte – ganz anders als in den unzähligen Wohnzimmern, Festsälen und Theatern, in denen ihr Humor noch immer nachhallt. Ihr bleibendes Vermächtnis ist das Porträt einer unerschütterlichen Stehauffrau, die zeitlebens bewies, dass man selbst aus tiefsten Krisen mit Würde, Humor und Charakter neu hervorgehen kann.