Eine Gesellschaft auf der Suche nach dem richtigen Maß

Es scheint, als vergehe kaum ein Jahr, ohne dass ein neuer Hashtag die sozialen Medien erobert und die Debatte über Sexismus, Gleichberechtigung und das Zusammenleben von Männern und Frauen völlig neu entfacht. Was einst als notwendige und berechtigte Bewegung begann, um echten Machtmissbrauch und schwerwiegende sexuelle Übergriffe ans Licht zu bringen, hat sich in den Augen vieler Kritiker längst verselbstständigt. In einer jüngsten und viel beachteten Diskussionsrunde traf die Publizistin und Autorin Birgit Kelle genau diesen wunden Punkt – und das Publikum feierte sie dafür mit tosendem Applaus. Ihre glasklare Analyse wirft ein grelles Licht auf eine Gesellschaft, die zunehmend verlernt hat, zwischen einer harmlosen, wenn auch vielleicht unbeholfenen Annäherung und einer tatsächlichen Straftat zu unterscheiden.

Aus einer Mücke einen Elefanten machen

Birgit Kelle spricht in der Talkrunde das aus, was sich viele Menschen – Männer wie Frauen – nur noch hinter vorgehaltener Hand zu sagen trauen. Ihre zentrale These ist ebenso provokant wie erfrischend ehrlich: Es stört sie massiv, dass sich zu den wirklich ernsten und diskussionswürdigen Fällen von Sexismus zunehmend ein „aufgeblasenes Nichts“ gesellt. Die Autorin kritisiert scharf, dass Frauen heute dazu neigen, aus jeder Kleinigkeit einen Skandal zu konstruieren. Jede Frau, die auch nur einen vermeintlich falschen oder zu langen Blick eines Mannes auf sich spürt, generiere sich inzwischen allzu schnell als Opfer.

Dieses ständige Beschwören einer Opferrolle erweist den Frauen laut Kelle jedoch einen gewaltigen Bärendienst. Es verwässert die tatsächlichen Straftatbestände und liefert jenen Kritikern Argumente, die behaupten, es gäbe in unserer Gesellschaft überhaupt kein Sexismus-Problem. Kelle fordert daher eine längst überfällige verbale Abrüstung. Man müsse endlich wieder lernen, das alltägliche zwischenmenschliche Spiel von Annäherung, Flirt und Zurückweisung als das zu sehen, was es ist: menschlich. Männer können schlichtweg nicht hellsehen. Nicht jede plumpe oder ungeschickte Annäherung ist böswillig oder gar kriminell motiviert. Manchmal, so Kelle, stelle sich ein Mann auch einfach nur „dämlich an“.

Die wachsende Verunsicherung der Männer

Ein Aspekt, der in der hitzigen Feminismus-Debatte fast vollständig untergeht, ist die Perspektive der Männer. Kelle berichtet von unzähligen Zuschriften, die sie von Männern unterschiedlichsten Alters erhalten hat. Diese Nachrichten zeichnen das Bild einer tiefgreifenden, gesellschaftlichen Verunsicherung. Die ständige Kriminalisierung männlichen Verhaltens führt zu einer fatalen Entwicklung, die man durchaus als Vorstufe einer männerfeindlichen Gesellschaft deuten kann.

Die Beispiele aus Kelles Berichten sind ebenso absurd wie erschreckend real. Da gibt es Unternehmer, die sich schlichtweg weigern, Vorstellungsgespräche oder Mitarbeitergespräche mit jungen Frauen allein unter vier Augen zu führen. Zu groß ist die Angst, dass ein falsches Wort oder eine unbedachte Geste im Nachhinein vollkommen aus dem Kontext gerissen und gegen sie verwendet werden könnte. Die Anwesenheit einer Sekretärin im Raum ist für diese Männer zur reinen Selbstschutzmaßnahme geworden.

Ein anderes, fast schon tragikomisches Beispiel ist die klassische betriebliche Weihnachtsfeier. Ein Mann schildert Kelle seine absolute Hilflosigkeit, als sich eine Praktikantin ungefragt auf seinen Schoß setzte. Er wollte diese Situation nicht, er hatte sie nicht dazu eingeladen, doch als Mann stand er sofort unter dem enormen gesellschaftlichen Druck, eine solche Situation souverän, charmant oder gar erfreut zu meistern. Selbst Geistliche bleiben von dieser Dynamik nicht verschont. Kelle erzählt von Pfarrern, die große Probleme mit aufdringlichen Frauen – in Kirchenkreisen intern oft zynisch als „Kanzelschwalben“ bezeichnet – haben, welche sie fast ihren Beruf gekostet hätten. Die Angst, durch eine unbedachte Situation vollkommen ruiniert zu werden, sitzt bei vielen Männern inzwischen tief. In den USA gibt es bereits spezielle Kurse für Männer, die ihnen beibringen sollen, wie man sich am Arbeitsplatz überhaupt noch verhalten darf, ohne ins Fadenkreuz von #MeToo zu geraten.

Die Kriminalisierung des Alltags: Gefängnis für Catcalling?

Birgit Kelle – Wikipedia

Die politische Reaktion auf diese gesellschaftliche Dauer-Empörung treibt mitunter seltsame Blüten. So wird derzeit ernsthaft von der SPD gefordert und auf höchster Ebene diskutiert, das sogenannte „Catcalling“ – also das Hinterherpfeifen, das Rufen von derben Sprüchen oder anzüglichen Bemerkungen auf der Straße – als echten Straftatbestand ins Gesetzbuch aufzunehmen. Wer künftig einer Frau auf der Straße etwas Derbes hinterherruft, könnte im schlimmsten Fall sogar mit einer Haftstrafe belegt werden.

Auch wenn verbale Belästigung für die betroffenen Frauen unangenehm und lästig ist, stellt sich hier ernsthaft die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Kelle argumentiert, dass wir den Umgang zwischen Mann und Frau niemals restlos mit Gesetzen regeln können. Eine „Sexismus-Polizei“, die jeden verbalen Fehltritt an der Bar oder auf der Straße ahndet, ist eine absolut dystopische Vorstellung, die das natürliche Kennenlernen zwischen den Geschlechtern endgültig zerstören würde.

Selbstbewusstsein statt Staatseingriff

Anstatt den Staat als ultimativen Beschützer anzurufen und sich in die Abhängigkeit von immer neuen, strengeren Gesetzen zu begeben, fordert Kelle eine Rückbesinnung auf die persönliche Stärke der Frau. Aus ihrer eigenen Erfahrung als ehemalige Kellnerin weiß sie, dass man in diesem Beruf durchaus einiges erlebt und ein dickes Fell braucht. Doch die Lösung liegt für sie nicht in der Kriminalisierung der Kunden, sondern in der eigenen Wehrhaftigkeit.

„Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil“, lautet die simple, aber effektive Devise. Wenn Frauen an der Bar belästigt werden, müssen sie in der Lage sein, dem Mann klar und deutlich die Meinung zu geigen. Ein selbstbewusstes Auftreten, eine scharfe verbale Zurückweisung und das Ziehen klarer persönlicher Grenzen sind weitaus effektivere Mittel als der ständige Ruf nach dem Gesetzgeber. Kelle betont, dass die Erwartungshaltung ohnehin paradox sei: Einerseits wird von Männern nach wie vor erwartet, dass sie mutig den ersten Schritt beim Kennenlernen machen, andererseits wird genau dieser Schritt bei Nichtgefallen sofort als toxische Übergriffigkeit gebrandmarkt.

Die wahre Herausforderung: Erziehung und kulturelle Konflikte

Die Lösung dieses hochkomplexen gesellschaftlichen Knotens liegt für Birgit Kelle nicht in Gerichtssälen oder neuen politischen Beschlüssen, sondern im heimischen Kinderzimmer. Als Mutter von Söhnen und Töchtern nimmt sie die Frauen selbst in die Pflicht. Es sind die Mütter, die maßgeblich in der Hand haben, wie die nächste Generation von Männern mit Frauen umgeht. Jungen muss von klein auf beigebracht werden, dass Frauen denselben Wert und denselben Respekt verdienen wie sie selbst. Und Mädchen müssen so stark und tough erzogen werden, dass sie nicht bei jedem unangenehmen Spruch innerlich zusammenbrechen, sondern sich effektiv zur Wehr setzen können. Ein klares „Nein“ muss wieder als unverhandelbare Grenze akzeptiert werden – das wissen gut erzogene Menschen ohnehin.

Birgit Kelle der Talk-Show Maybrit Illner am 10.02.2011 in Berlin Thema der  Sendung: Quotenstreit

Doch der Videobeitrag lenkt den Blick am Ende noch auf eine weitaus unangenehmere, oft tabuisierte Wahrheit. Während sich die mediale und politische Debatte an Pfiffen auf der Straße abarbeitet, geraten die echten, handfesten Bedrohungen für Frauen aus dem Fokus. Seit der großen Flüchtlingswelle im Jahr 2015 sind die Statistiken für gewaltsame, tatsächliche sexuelle Übergriffe in Deutschland signifikant angestiegen. Beinahe täglich gibt es Meldungen über Vorfälle, die weit über verbale Entgleisungen hinausgehen.

Exemplarisch wird der Fall aus einem hessischen Schwimmbad genannt, in dem junge Mädchen – das jüngste Opfer war gerade einmal elf Jahre alt – massiv belästigt wurden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk verzichtete in seiner Berichterstattung oft auf die Nennung der Herkunft der mutmaßlichen Täter, während andere Medien offenlegten, dass es sich um syrische Staatsangehörige handelte. Dieser kulturelle Clash ist das eigentliche Problem, das dringend gelöst werden muss. Wenn Menschen aus patriarchalischen Kulturen ins Land kommen, die keinerlei tief verankerten Respekt vor westlichen Frauen und deren Freiheiten besitzen, helfen keine Hashtags und keine Gesetze gegen Catcalling.

Wir befinden uns an einem Scheideweg. Entweder wir verlieren uns weiter in akademischen Debatten über Mikro-Aggressionen und kriminalisieren unbeholfene Männer am Arbeitsplatz, oder wir fokussieren uns wieder auf das Wesentliche: den harten juristischen Durchgriff bei echter Gewalt, die Erziehung zu gegenseitigem Respekt und die Stärkung des weiblichen Selbstbewusstseins. Birgit Kelle hat den Weg aufgezeigt – nun liegt es an der Gesellschaft, ihm zu folgen.