München, Mitte Januar 1999. Es ist der Abend des glanzvollen Deutschen Filmballs. Das Licht der Kameras blitzt, Prominente flanieren über das Parkett, und mittendrin steht Günter Strack. Er trägt einen eleganten Anzug, lächelt herzlich in die Objektive der Fotografen, schüttelt unzählige Hände, beantwortet geduldig die Fragen der Journalisten und hebt freundlich das Glas. In seinem langen Leben hat er über 400 Rollen in Film und Fernsehen verkörpert, doch an diesem Abend spielt er wohl die schwerste seines gesamten Lebens: Er spielt den Mann, dem es gut geht. Nur zwei Tage später, am 18. Januar 1999, bricht er in seinem Haus im mittelfränkischen Münchsteinach zusammen. Herzversagen. Er wurde nur 69 Jahre alt.

Kurz vor seinem Tod griff er zum Telefonhörer, um seine Tochter Susanne anzurufen. Obwohl ihr Geburtstag erst am darauffolgenden Tag anstand, bestand er unnachgiebig darauf, genau in diesem Moment mit ihr zu sprechen. Eine halbe Stunde nach diesem intensiven Gespräch hörte sein Herz auf zu schlagen. Ahnte Günter Strack, dass seine Zeit abgelaufen war? Was verbarg dieser Mann, den die gesamte Bundesrepublik für eine wahre Frohnatur, für den Inbegriff der Gemütlichkeit und für einen der glücklichsten Menschen hielt?

Das Trauma einer zerstörten Jugend

Wer den Menschen Günter Strack wirklich verstehen will, muss weit in die Vergangenheit zurückblicken, in eine Zeit und an einen Ort, der von Zerstörung und unermesslichem Leid geprägt war. Die Geschichte beginnt in Darmstadt. In der schicksalhaften Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 wurde die Stadt durch einen massiven britischen Bombenangriff in ein flammendes Inferno verwandelt. Über 230 Luftminen und fast 300.000 Brandbomben regneten vom Himmel. Achtzig Prozent der historischen Innenstadt wurden in Schutt und Asche gelegt, über 11.000 Menschen verloren in dieser einzigen, grausamen Nacht ihr Leben. Auch das geliebte Landestheater, der Ort, an dem der damals 13-jährige Günter nur zwei Jahre zuvor stolz als Statist auf der Bühne gestanden hatte, brannte bis auf die eisigen Grundmauern nieder.

Das Schicksal schlug in jenen Tagen noch brutaler zu. Nur acht Tage nach dem verheerenden Bombardement, am 19. September 1944, fiel sein älterer Bruder Volkmar in der Eifel. Er wurde exakt an seinem 18. Geburtstag erschossen, als er mutig versuchte, verwundete Kameraden aus dem feindlichen Feuer in Sicherheit zu ziehen. Er wurde in dem kleinen Ort Büdesheim begraben – einem Dorf, von dem die Familie Strack bis dato nie ein Wort gehört hatte.

Im Frühjahr 1945, das Land lag noch immer in tiefen Trümmern, machten sich der erst 16-jährige Günter und seine Mutter Dorothea auf einen über 200 Kilometer langen Fußmarsch von Darmstadt nach Büdesheim, um das Grab des geliebten Sohnes und Bruders zu besuchen. Irgendwann auf dieser kräftezehrenden Route verließen die Mutter die Kräfte. Sie blieb stehen und weinte, dass sie nicht mehr weiterkönne. In diesem Moment übernahm der junge Günter die Verantwortung. Er stützte sie, half ihr weiter, trug die Last. In diesen extremen Momenten des Überlebenskampfes formte sich ein inneres Mantra, das ihn sein gesamtes restliches Leben begleiten und unerbittlich antreiben sollte: „Ich will das schaffen.“

Der steile Aufstieg und die Liebe seines Lebens

Trotz der allgegenwärtigen Zerstörung verlor er seinen großen Traum nie aus den Augen. Bereits 1946, das Landestheater lag noch in Schutt und Asche, stand Günter Strack wieder in einem Notquartier auf der Bühne. Er meldete sich eigenmächtig vom Gymnasium ab und bestand bravourös die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Es folgten Jahre des klassischen Theateraufbaus mit Stationen in Oberhausen, Wiesbaden und Hannover.

In Wiesbaden geschah schließlich jenes Wunder, das seinem Leben den ultimativen Halt geben sollte. Ende der fünfziger Jahre saß eine junge Frau im Publikum des Wiesbadener Opernhauses. Ihr Name war Lore Henn. Die Faszination war derart gewaltig, dass sie nach der Vorstellung nach Hause lief, ihren Vater weckte und ihm entschlossen erklärte: „Ich werde den Strack heiraten.“ Bei der nächsten Aufführung saß sie in der allerersten Reihe. Beim Schlussapplaus trafen sich ihre Blicke. „Es hat mich regelrecht umgeschmissen“, erinnerte sich Strack später an diesen magischen Moment. Bei einem Candlelight-Dinner am darauffolgenden Tag machte er ihr bereits einen Heiratsantrag. Von diesem Moment an nannte er sie liebevoll „Lorsche“.

Sie heirateten in der romantischen Kapelle des Jagdschlosses Kranichstein. Lore brachte ihren kleinen Sohn Michael aus einer früheren Beziehung mit in die Ehe, den Günther bedingungslos adoptierte und beschützte. 1959 machte die Geburt der gemeinsamen Tochter Susanne das Familienglück komplett. Anfang der sechziger Jahre zog die junge Familie schließlich nach Münchsteinach im Steigerwald, wo sie über 30 Jahre lang leben sollten.

Ein Leben ohne Pausen: Der rastlose Publikumsliebling

4. Juni 1929 - Geburtstag von Schauspieler Günter Strack, Stichtag -  Stichtag - WDR

Die Karriere von Günter Strack nahm beispiellose Ausmaße an. Er wurde zu einem der bekanntesten und beliebtesten Schauspieler Deutschlands. Ob in „Ein Fall für zwei“ an der Seite von Klaus Theo Gärtner, als liebevoller Onkel Ludwig in „Diese Drombuschs“, als charismatischer Pfarrer in „Mit Leib und Seele“ oder als fränkischer Kommissar in der Sat.1-Erfolgsserie „Der König“ – Strack lieferte stets ab. Dazu kamen über 150 Hörspielproduktionen, Synchronrollen für Hollywood-Größen wie Spencer Tracy oder die unverkennbare Stimme von Obelix.

Doch hinter diesem gigantischen Erfolg stand ein Mann, der ein essenzielles Wort niemals gelernt hatte: Nein. Er konnte keine Bitte abschlagen, kein Engagement ablehnen. Seine Frau Lore wurde zu seiner Managerin, sie verhandelte Verträge, hielt ihm den Rücken frei und sagte die Termine ab, die er aus reiner Höflichkeit und innerer Unsicherheit zugesagt hatte. Obwohl sein Terminkalender oftmals zwei Jahre im Voraus komplett ausgebucht war, plagten ihn massive, irrationale Zukunftsängste. Seine Tochter Susanne offenbarte später, dass ihr Vater ständig um sein eigenes Überleben besorgt gewesen sei. Die tiefe Narbe, die der Zweite Weltkrieg in seiner Seele hinterlassen hatte, ließ ihn glauben, er müsse immer weiterarbeiten, um seine Familie vor dem Ruin zu bewahren.

Gleichzeitig kümmerte er sich aufopferungsvoll um seine Mitmenschen. So drängte er seinen Kollegen Klaus Theo Gärtner einst so lange, bis dieser ein Formular für die Pensionskasse unterschrieb, um im Alter finanziell abgesichert zu sein. Für die Bewohner in seiner Heimatgemeinde Münchsteinach war er nicht der unnahbare Star, sondern der nahbare Nachbar, der sich im örtlichen Gesangsverein engagierte, den Nikolaus auf dem Adventsmarkt spielte und montags ganz normal zur Sparkasse ging.

Der Zusammenbruch und das stille Leid

1996 schien er auf dem absoluten Höhepunkt angekommen zu sein. Er veröffentlichte ein Buch mit dem programmatischen Titel „Das Leben positiv gestalten – ein Stück vom Glück“. Darin schwärmte er von seiner Familie, seinem Beruf und seiner großen Leidenschaft, dem Weinbau. Sein Fazit: „Alles ist gut.“

Doch der menschliche Körper lässt sich nicht endlos ausbeuten. Noch im selben Jahr, am 28. Juni 1996, erlitt Günter Strack einen schweren Schlaganfall. Er fiel in ein dreiwöchiges, künstliches Koma. Eine hartnäckige Infektion erschwerte die Heilung, die Rehabilitation dauerte Monate. Als er endlich wieder aufwachte, musste er mühsam wieder sprechen und gehen lernen. Zum ersten Mal in seinem Erwachsenenleben war sein Terminkalender vollkommen leer.

Hörbücher mit Günter Strack – Der Audio Verlag

Die Fernsehwelt wartet jedoch nicht. Die lukrative Hauptrolle in Dieter Wedels Mehrteiler „Der König von St. Pauli“, auf die er sich so sehr gefreut hatte, wurde umbesetzt. 1999 löste Sat.1 die Verträge für seine Erfolgsserie „Der König“ auf. Der Mann, der niemals Nein sagen konnte, musste nun erleben, wie ihm gnadenlos abgesagt wurde. Tochter Susanne erkannte die tiefe Tragik dieser Phase: Obwohl er weiterhin lächelte und eifrig Pläne schmiedete, nahm ihm die Erkenntnis, seine große Berufung nicht mehr wie gewohnt ausüben zu können, zusehends den Lebenswillen. Das Stillstehen war das Einzige, was er in seinen über 400 Rollen nie geprobt hatte.

Das unvergängliche Erbe und eine unendliche Liebe

Zweieinhalb Jahre kämpfte er tapfer gegen den körperlichen und seelischen Verfall an, bis sein Herz im Januar 1999 endgültig aufhörte zu schlagen. Seine Beerdigung geriet zu einem nationalen Ereignis, Tausende nahmen Abschied von dem Mann, der für so viele ein väterlicher Freund gewesen war.

Doch die Geschichte endet nicht am Grab von Günter Strack. Seine geliebte Frau Lore, sein „Lorsche“, blieb in dem großen Haus in Münchsteinach zurück. Ganze 15 Jahre lang überlebte sie ihn. In dieser Zeit verließ sie das gemeinsame Anwesen kaum noch. Der Schreibtisch ihres Mannes, an dem einst die Geschicke eines echten Superstars gelenkt wurden, blieb all die Jahre exakt so stehen, wie er ihn verlassen hatte. Seine Bücher, seine Briefe, seine persönlichen Gegenstände – nichts davon wurde weggeräumt. Sie schöpfte Kraft aus dem tiefen Glauben an die Wiedergeburt und der festen Gewissheit, ihren Günter eines Tages wieder in die Arme schließen zu können. Am Neujahrsmorgen 2014 verstarb auch Lore Strack und folgte ihrem geliebten Mann.

Günter Strack war weit mehr als nur ein begnadeter Schauspieler. Er war ein Getriebener seiner eigenen, tragischen Vergangenheit, ein liebevoller Familienvater und ein Mann, der das Publikum so sehr liebte, dass er sich ihm voll und ganz opferte. Sein Vermächtnis lebt weiter – in den unzähligen, unvergesslichen Fernsehstunden und in dem Wissen, dass hinter jedem strahlenden Lächeln oft eine Geschichte verborgen liegt, die weit tiefer geht, als das Kameraauge jemals erfassen könnte.