Es ist ein Szenario, das die meisten von uns bisher nur aus dystopischen Hollywood-Filmen kannten: Sie setzen sich am frühen Morgen in Ihr Auto, der Motor startet mit dem vertrauten Geräusch, und der Blick auf die Tankanzeige verrät, dass es höchste Zeit für einen Boxenstopp ist. Sie steuern die nächste Tankstelle an, doch statt leuchtender Preisanzeigen und brummendem Betrieb erwartet Sie nur ein karges Schild mit der Aufschrift: „Ausverkauft – Kein Benzin mehr verfügbar“. Was nach Fiktion klingt, ist in diesen Tagen in unzähligen Regionen Europas bereits bittere, unausweichliche Realität geworden. Ein eklatanter Spritmangel greift auf dem Kontinent um sich, und die Folgen spüren wir alle hautnah.

Die Ursachen für diese beispiellose Krise sind komplex, doch die Auswirkungen auf den Alltag der hart arbeitenden Bürger sind gravierend und sofort spürbar. Werfen wir einen Blick an die deutsch-tschechische Grenze. Dort spielen sich täglich Szenen ab, die eher an einen Überlebenskampf als an einen geordneten europäischen Binnenmarkt erinnern. Getrieben von der geradezu erdrückenden Last exorbitanter Steuern und Abgaben auf Kraftstoffe im eigenen Land, sehen sich immer mehr deutsche Autofahrer gezwungen, die Grenze zu überqueren, um ihr Fahrzeug überhaupt noch finanzieren zu können. Es geht hierbei längst nicht mehr um den kleinen Spareffekt für die Urlaubskasse, sondern für viele Menschen schlichtweg um die Existenzgrundlage – den Weg zur Arbeit. Aus purer Verzweiflung nehmen diese Bürger immense Risiken in Kauf. Sie füllen nicht nur ihre Autotanks bis zum Anschlag, sondern befüllen gleich mehrere Reservekanister, im vollen Bewusstsein, dass der Zoll an der Grenze drakonische Strafen verhängen kann, sollten sie erwischt werden. Der Staat treibt seine eigene Bevölkerung durch eine verfehlte Abgabenpolitik förmlich in die Kriminalisierung. Die bittere Ironie dieser massenhaften Flucht an die ausländischen Zapfsäulen: Den Menschen im Nachbarland wird buchstäblich der Sprit weggekauft. Erste Tankstellen in Tschechien und der Slowakei melden bereits komplette Leermeldungen. Ein Dominoeffekt der Unterversorgung wurde in Gang gesetzt.

Doch das Problem beschränkt sich bei Weitem nicht nur auf Grenzregionen. Ein Blick nach Frankreich offenbart das erschreckende Ausmaß dieser Krise. Auf offiziellen Versorgungskarten leuchten hunderte Tankstellen tiefrot oder orange – das unmissverständliche Signal für akuten Spritmangel oder den völligen Ausverkauf. Selbst in der Weltmetropole Paris stehen Autofahrer vor verwaisten Zapfsäulen. Wenn in den Avenues der französischen Hauptstadt der Verkehr mangels Treibstoff zum Erliegen kommt, ahnt man, dass dies erst die Spitze des Eisbergs ist. Auch in Großbritannien eskaliert die Situation zusehends. Dort sehen sich unabhängige Tankstellenbetreiber teilweise sogar gezwungen, ihren Betrieb vorübergehend komplett einzustellen. Der Grund dafür ist jedoch nicht nur der fehlende Nachschub, sondern eine tiefgreifende soziale Verwerfung: Kunden werden zunehmend aggressiv. Fälschlicherweise werfen sie den Pächtern vor, die Preise aus reiner Profitgier in die Höhe zu treiben, um die Krise schamlos auszunutzen. Dabei sind diese Betreiber nichts weiter als die letzten, schwächsten Glieder einer globalen Lieferkette und die Überbringer der schlechten Nachrichten. Die Wut der Bürger entlädt sich am falschen Ort, angefacht durch ein tiefes Unverständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge und nicht selten befeuert durch populistische Halbwahrheiten.

Inmitten dieser hochexplosiven Gemengelage ruft die Politik nach Lösungen – und offenbart dabei erschreckende Wissenslücken. Wenn Politiker wie Lars Klingbeil über staatliche Maximalpreise für Kraftstoffe philosophieren, schlagen Ökonomen die Hände über dem Kopf zusammen. Solche starren Preiseingriffe in einen hochdynamischen Markt setzen die natürlichen Ausgleichsmechanismen von Angebot und Nachfrage außer Kraft. Die Folge ist eine unausweichliche Rationierung. Tankstellen haben ohne flexible Preisgestaltung keine Möglichkeit mehr, auf Engpässe zu reagieren. Das Resultat sind Panikkäufe: Jeder versucht, den Tank so schnell wie möglich randvoll zu machen, solange es noch geht. Am Ende profitieren die Schnellen, während der Rest vor leeren Tanks steht. Es drohen staatlich verordnete Abgabebegrenzungen, bei denen Autofahrer vielleicht nur noch zwanzig Liter pro Fahrzeug tanken dürfen – ein Horrorszenario für Pendler, Speditionen und Handwerksbetriebe.

Während die arbeitende Mitte der Gesellschaft also buchstäblich auf dem Trockenen sitzt und jeden Cent dreimal umdrehen muss, offenbart sich auf höchster politischer Ebene ein Schauspiel, das an Zynismus kaum zu überbieten ist. Wie unlängst durch Berichte bekannt wurde, investieren Ministerien gewaltige Summen in ihre eigene Öffentlichkeitsarbeit. Weil Politikerinnen wie Katharina Reiche für ihre unglücklichen und oft weltfremden Äußerungen in der Öffentlichkeit heftig kritisiert wurden, fließen nun Millionenbeträge aus Steuergeldern in die Hände hochbezahlter PR-Agenturen wie Scholz & Friends oder FGS Global. Die Rede ist von Rahmenvereinbarungen mit einem Höchstwert von sagenhaften zwölf Millionen Euro. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Während Familien nicht wissen, wie sie den Schulweg ihrer Kinder oder die Fahrt ins Büro bezahlen sollen, verwendet die Regierung den Reichtum des Landes darauf, das eigene Image aufzupolieren und sich vor der berechtigten Kritik der Wähler abzuschirmen. Es geht offensichtlich nicht mehr darum, die fundamentalen Probleme der Energieversorgung zu lösen, sondern nur noch darum, das politische Versagen rhetorisch besser zu verpacken.

Monitoringbericht zur Energiewende von Wirtschaftsministerin Reiche  erwartet | MDR.DE

Den absoluten Höhepunkt der Respektlosigkeit gegenüber dem mündigen Bürger bilden jedoch die gut gemeinten “Spartipps”, die derzeit aus den Ministerien herabregnen. Inspiriert von Ratschlägen aus Nachbarländern wie Österreich, werden die Menschen dazu angehalten, durch ihr persönliches Verhalten die gigantische Versorgungskrise zu lösen. Die Empfehlungen lesen sich wie eine satirische Glosse: Man solle doch bitte früh schalten, vorausschauend fahren, den Motor an der Ampel abstellen und – der absolute Gipfel der Bevormundung – das Gewicht im Auto reduzieren. Wenn wir also weniger Sprit verbrauchen wollen, sollen wir am besten selbst noch ein paar Kilo abnehmen, damit der Wagen leichter wird. Alternativ rät man uns, Kurzstrecken doch einfach wieder öfter zu Fuß zurückzulegen. Es fehlt nur noch der offizielle Ratschlag, wieder auf Pferdekutschen umzusteigen, um das System zu entlasten. Solche Kampagnen, die Millionen kosten, vermitteln den Bürgern das Gefühl, für dumm verkauft zu werden. Nach Jahrzehnten der Automobilforschung feiert die Politik es als intellektuellen Durchbruch, den Menschen zu erklären, dass ein stehendes Auto ohne laufenden Motor keinen Kraftstoff verbraucht.

Diese ganze Entwicklung wirft eine fundamentale Frage auf: Wie lange kann ein System noch funktionieren, das sich derart weit von der Lebensrealität der Menschen entfernt hat? Die aktuelle Kraftstoffkrise in Europa ist nicht einfach nur ein logistisches Problem oder die Folge geopolitischer Verwerfungen. Sie ist vor allem ein Symptom für das tiefgreifende Versagen einer politischen Klasse, die den Bezug zur Basis verloren hat. Wer Millionen in das Marketing investiert, während die kritische Infrastruktur des Kontinents bröckelt, darf sich über die schwindende Loyalität der Bürger nicht wundern. Die Menschen brauchen keine teuren Werbekampagnen, die ihnen erklären, warum sie zu Fuß gehen sollen. Sie brauchen eine Politik des gesunden Menschenverstands, der wirtschaftlichen Kompetenz und der echten Verantwortung. Bis diese Erkenntnis jedoch in den Ministerien ankommt, bleibt uns Bürgern wohl vorerst nur eins: Der bange Blick auf die Tankanzeige – und die Hoffnung, dass die nächste Zapfsäule noch nicht versiegt ist.