Die ungeschönte Wahrheit eines Bäckermeisters

Es gibt Momente in politischen Talkshows, die schneiden direkt durch die üblichen Phrasen und treffen den harten Kern der Realität. Ein solcher Moment ereignete sich kürzlich, als ein Bäckermeister vor laufenden Kameras sein Schweigen brach und schonungslos offenlegte, wie es wirklich um das deutsche Handwerk und den Mittelstand bestellt ist. Mit ruhiger, aber unmissverständlicher Stimme schilderte er die täglichen Kämpfe in einer Branche, die traditionell das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bildet, nun aber zunehmend unter einem Berg von Krisen erstickt. Seine Worte sind kein politisches Kalkül, sondern ein echter Hilfeschrei aus der Praxis. Wer ihm zuhört, begreift sofort: Die Margen in der Bäckerbranche waren noch nie so miserabel wie heute.

Im Zentrum der Debatte stehen vor allem zwei gigantische Kostentreiber, die sich wie eine Schlinge um den Hals vieler Kleinunternehmer legen: die explodierenden Löhne und die unaufhaltsam steigenden Energiekosten. Der Bäcker macht anhand eines einfachen Beispiels deutlich, was passiert, wenn der gesetzliche Mindestlohn massiv angehoben wird. Wenn eine ungelernte Hilfskraft plötzlich 15 Euro pro Stunde verdient, schwindet bei Auszubildenden und gelernten Gesellen rapide die Motivation.

Warum Arbeit sich lohnen muss

„Dafür hätte ich ja jetzt keine Ausbildung machen müssen“, sei ein Satz, den der Bäckermeister immer häufiger von seinem qualifizierten Personal höre. Die Folge: Wenn der Mindestlohn steigt, müssen zwangsläufig auch alle anderen Lohngruppen im Unternehmen angehoben werden, um den Abstand zwischen gelernten und ungelernten Kräften zu wahren und die Leistungsbereitschaft zu honorieren. Das schlägt unmittelbar durch. In einer klassischen Bäckerei machen die Lohnkosten rund 50 Prozent des gesamten Umsatzes aus. Ein Anstieg der Löhne führt somit unvermeidlich zu höheren Preisen für das tägliche Brötchen.

Doch damit nicht genug. Wenn die Löhne steigen, müssen auch alle Zulieferer – vom Reinigungspersonal über den Müller bis hin zum Fleischer – ihre Preise anpassen. Diese Kettenreaktion treibt die Rohstoffkosten nach oben. Hinzu kommen indexierte Mieten, die sich an der allgemeinen Inflation orientieren. Es ist ein Teufelskreis, der den Endkunden belastet und den Unternehmer an den Rand der Verzweiflung treibt. Besonders frustrierend ist für viele Ausbildungsbetriebe die Einstellung mancher Jugendlicher. Ausbildungsplätze mit einer Vergütung von 1.100 Euro im ersten Lehrjahr werden abgelehnt, weil viele junge Menschen der Ansicht sind, sie bekämen „auch so Geld“, ohne sich durch eine anstrengende Ausbildung quälen zu müssen.

Der Energie-Schock und das Höfesterben im Handwerk

Neben den Lohnkosten ist die Energiekrise der zweite massive Sargnagel für das Bäckerhandwerk. Die Öfen und Kühlaggregate benötigen enorme Mengen an Strom und Gas. Der Bäcker berichtet von Preissteigerungen, die jegliche Vorstellungskraft sprengen. Der Gaspreis stieg für seinen Betrieb von 1,67 Cent auf 5,3 Cent pro Kilowattstunde – ein Plus von über 300 Prozent. Auch beim Strom haben sich die Kosten für viele Betriebe drastisch erhöht. Energie macht in einer Bäckerei je nach Betrieb rund sechs bis 15 Prozent des Gesamtumsatzes aus.

Zieht man nun 50 Prozent für Löhne, 20 Prozent für Rohstoffe und 15 Prozent für Energie ab, bleibt am Ende kaum noch etwas übrig, um Mieten, Verpackungen, Instandhaltungen oder gar Zwangsgebühren zu bezahlen. Viele Mittelständler fühlen sich vom Staat im Stich gelassen und erdrückt von einer unendlichen Last an Abgaben. Die bittere Konsequenz: Immer mehr Kleinunternehmer werfen das Handtuch. Sie haben schlichtweg keine Kraft mehr, gegen die Windmühlen der Bürokratie und der Kostenexplosion anzukämpfen.

Das System Jobcenter: Verwaltung statt Vermittlung

Robert Habeck zieht die Wut des Mittelstands auf sich | FAZ

Ein weiteres großes Thema der Debatte ist der Arbeitsmarkt und die Rolle der Jobcenter. Warum finden Betriebe keine Mitarbeiter, obwohl es offiziell Millionen Arbeitslose und Bürgergeld-Empfänger gibt? Die Antworten aus der Praxis sind erschütternd. Die Mitarbeiter in den Jobcentern sind völlig überlastet. Sie haben oft dreimal so viele Fälle auf dem Tisch, wie sie bewältigen können. Anstatt Menschen individuell zu betreuen und passgenau in Arbeit zu vermitteln, ersticken sie in Bürokratie.

Eine Unternehmerin in der Runde, die rund 250 Mitarbeiter beschäftigt, bestätigt dieses Dilemma aus eigener Erfahrung. Sie schätzt, dass 70 Prozent der Arbeitszeit in den Jobcentern für die Verwaltung des Systems draufgehen und nur 30 Prozent für die tatsächliche Arbeitsvermittlung übrig bleiben. Die Betriebe erhalten zwar Vermittlungsvorschläge, doch die Realität bei den Bewerbungsgesprächen ist oft ein schlechter Scherz.

Menschen erscheinen zu den Terminen und erklären den Unternehmern ganz offen: „Wissen Sie was, arbeiten will ich hier nicht. Ich brauche hier nur die Unterschrift, damit ich das Geld wiederbekomme.“ Sie rauben den Betrieben wertvolle Zeit und blockieren Kapazitäten, nur um den formalen Anforderungen für den Bezug von Sozialleistungen zu genügen. Es ist die Mentalität der „Totalverweigerer“, die das System schamlos ausnutzen – möglicherweise um anschließend noch schwarz dazuzuverdienen.

Die Illusion vom Fachkräftemangel

Ulrike Malmendier, Mitglied Sachverständigenrat für Wirtschaft, zu  möglichen Maßnahmen für einen Wirtschaftsaufschwung

Die Diskussion deckt noch einen weiteren wunden Punkt auf. Seit rund 15 Jahren wird in Deutschland das Narrativ gepflegt, man müsse Fachkräfte aus dem Ausland anwerben, um die Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu schließen. Doch die Praxis zeigt ein anderes Bild. Viele der Menschen, die kommen, sprechen die Sprache nicht oder haben keine verwertbare Qualifikation. Sie landen in einem System, das sie nicht adäquat vermitteln kann, oder reihen sich in die Schlangen der Jobcenter ein. Die Vermittlungshemmnisse sind massiv, und die erhoffte Lösung für den Fachkräftemangel bleibt eine Illusion, solange das heimische Ausbildungssystem durch falsche Anreize untergraben wird.

Der ehrliche Auftritt dieses Bäckermeisters und der Unternehmerin ist ein Weckruf. Er zeigt auf dramatische Weise, dass die soziale Marktwirtschaft in Deutschland aus den Fugen geraten ist. Wenn sich harte Arbeit, eine solide Ausbildung und unternehmerisches Risiko nicht mehr lohnen, weil das System diejenigen belohnt, die sich auf Sozialleistungen ausruhen, steht der Wohlstand des gesamten Landes auf dem Spiel. Es braucht dringend ein Umdenken – weniger Bürokratie, eine echte Entlastung bei Energie und Steuern und vor allem wieder den Respekt vor der ehrlichen Arbeit derer, die dieses Land jeden Tag buchstäblich am Laufen halten.