Es ist der 11. Mai 1973. In Manhattan, genau an der geschäftigen Ecke Lexington Avenue und 61. Straße, pulsiert das Leben der Millionenmetropole. Menschen eilen zur Arbeit, Taxis hupen, die Luft flirrt vor urbaner Energie. Mitten in diesem alltäglichen Chaos bricht ein großgewachsener, gut aussehender Mann auf dem harten Asphalt zusammen. Ein massiver Herzinfarkt reißt ihn unvorbereitet zu Boden. Passanten strömen sofort herbei, versuchen verzweifelt zu helfen, doch für den Mann kommt jede Rettung zu spät. Das Erschütternde an dieser Szene ist jedoch nicht nur der plötzliche Tod an sich. Es ist die Anonymität. Kein einziger Mensch auf dieser belebten Straße erkennt das Gesicht des Toten. Er hat keine Ausweise bei sich, keine Papiere, nichts, was seine Identität preisgeben könnte. Erst als jemand im allgemeinen Trubel seine goldene Armbanduhr umdreht und die feine Gravur auf der Rückseite entziffert, offenbart sich die schockierende Wahrheit: Der Mann auf dem Gehweg ist Lex Barker.

Drei Tage nach seinem 54. Geburtstag starb der Mann, der als Old Shatterhand und Tarzan Millionen von Menschen in Europa und der Welt begeisterte, völlig allein und unerkannt auf einer amerikanischen Straße. Er war an jenem Tag auf dem Weg zu seiner Verlobten, der Schauspielerin Karen Kondazian. Doch er kam nie an. Lex Barker hatte einmal den prophetischen und zugleich tief traurigen Satz geäußert: „Allein sein ist wie tot sein.“ Am Ende seines rastlosen Lebens wurden diese Worte grausame Realität.

Der verstoßene Millionenerbe

Um die tiefen emotionalen Abgründe und die unstillbare Sehnsucht nach Liebe im Leben des Lex Barker zu verstehen, muss man zu seinen elitären Wurzeln zurückkehren. Alexander Crichlow Barker Jr., wie er mit bürgerlichem Namen hieß, erblickte am 8. Mai 1919 in Rye im US-Bundesstaat New York das Licht der Welt. Sein Geburtshaus war kein gewöhnliches Gebäude, sondern ein herrschaftlicher Backsteinbau inmitten einer privaten Parkanlage. Die Barkers gehörten zum sogenannten „Social Register“, dem exklusiven Adressbuch der elitären New Yorker Oberschicht. Sein Vater war ein äußerst wohlhabender Bauunternehmer und Börsenmakler, die Ahnenreihe reichte bis zu Roger Williams, dem historischen Gründer der Kolonie Rhode Island, zurück.

Der Lebensweg des jungen Alexander schien perfekt vorgezeichnet: Elite-Internat, ein Studium in Princeton, und anschließend die Übernahme des lukrativen Familienunternehmens. Doch tief in ihm brannte eine völlig andere Leidenschaft. Lex wollte Schauspieler werden. Als er diese Entscheidung verkündete, reagierte die aristokratische Familie mit purer Entrüstung. Sie ließen ihn ohne zu zögern fallen und enterbten ihn komplett. Mit gerade einmal 19 Jahren stand der Junge, der in luxuriösen Wohnzimmern mit prasselndem Kaminfeuer aufgewachsen war, urplötzlich auf der Straße. Ohne Geld, ohne familiäres Sicherheitsnetz. Er schuftete hart in einer glühenden Stahlfabrik und studierte in den Abendstunden weiter.

Der Weg ins Rampenlicht wurde brutal unterbrochen, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Barker meldete sich freiwillig zur Infanterie. Er kämpfte an den unerbittlichen Fronten in Nordafrika, Sizilien und Italien. Auf Sizilien erlitt er eine katastrophale Kopfverletzung. Eine schwere Silberplatte in seinem Schädel wurde zu einem lebenslangen, unsichtbaren Andenken an die Schrecken des Krieges. Hochdekoriert mit dem Silver Star und dem Purple Heart kehrte er als Major in die Heimat zurück – äußerlich ein strahlender Held, innerlich ein Mann auf der ewigen Suche nach einem Platz im Leben.

Im goldenen Käfig Hollywoods

1949 schien sich das Blatt endlich zu wenden. Barker wurde als Nachfolger des legendären Johnny Weissmuller zum zehnten „Tarzan“ der Filmgeschichte gekürt. Groß, durchtrainiert, blendend aussehend – er war die perfekte fleischgewordene Fantasie der Kinogänger. Fünf Filme lang schwang er sich durch den Zelluloid-Dschungel, doch die Rolle, die ihn berühmt machte, wurde gleichzeitig zu seinem Gefängnis. Hollywood sah in ihm nur den muskulösen Wilden im Lendenschurz. Ernste, tiefgründige Rollen blieben ihm verwehrt.

Auch sein Privatleben glich einer Achterbahnfahrt. Die erste Ehe mit Constance Thurlow, aus der seine Kinder Lynne und Alexander stammten, scheiterte. Es folgte eine blitzartige, nur 18 Monate währende Ehe mit Arlene Dahl. Doch der wahre Hollywood-Sturm brach erst los, als er 1952 auf einer glanzvollen Party die berühmteste Frau der Welt traf: Lana Turner.

Sie war die umschwärmte Leinwandgöttin, er der auf einen Typus reduzierte Tarzan-Darsteller. Beide waren sie verletzte Seelen, die verzweifelt vor dem Alleinsein flohen. 1953 heirateten sie im italienischen Turin, Turner fiel vor lauter Aufregung in Ohnmacht. Doch hinter den dicken Mauern ihrer Villa in Beverly Hills zerbrach das Glamour-Märchen schnell. Während sie einen Hit nach dem anderen drehte, saß Barker frustriert zu Hause und wartete vergeblich auf Anrufe von Regisseuren. Eine Totgeburt im Jahr 1956 stürzte das Paar in tiefe Verzweiflung, gefolgt von Depressionen und Alkoholproblemen.

Als Lana Turner 1957 die Scheidung einreichte, geschah dies unter Vorzeichen, die Barkers Ruf in Amerika für immer ruinieren sollten. Turners Tochter Cheryl Crane erhob erst Jahrzehnte nach Barkers Tod furchtbare Missbrauchsvorwürfe. Barker konnte sich gegen diese schmutzigen Kampagnen, die erst 1988 publiziert wurden, niemals wehren. Er verlor in jenen Jahren nicht nur seine Frau, sondern sein gesamtes Zuhause, seinen Ruf und jede Perspektive in Amerika. Zutiefst verletzt und desillusioniert packte er seine Koffer und floh nach Europa.

Die große Liebe und der unfassbare Schmerz

Lex Barker - IMDb

In Europa, genauer gesagt in der aufblühenden Filmstadt Cinecittà in Rom, fand der gebrochene Star schließlich das, was er sein ganzes Leben lang gesucht hatte. Ende der fünfziger Jahre traf er Irene Labhardt. Sie war eine Schweizer Schauspielschülerin aus Luzern, Anfang zwanzig, warmherzig, bodenständig und völlig unbeeindruckt vom falschen Glanz Hollywoods. Sie sah nicht den gefallenen Star mit der Silberplatte im Kopf, sie sah den klugen, sensiblen Mann, der fünf Sprachen fließend sprach und die Literatur liebte.

Am 14. März 1959 heirateten sie in Rom. Für Barker war es die vierte Ehe, aber die erste, in der er wirklich bedingungslos glücklich war. Als ein Jahr später ihr gemeinsamer Sohn Christopher zur Welt kam, hatte Lex Barker endlich einen sicheren Hafen gefunden. Irene war es auch, die sein berufliches Schicksal entscheidend lenkte. Als der deutsche Produzent Horst Wendlandt Barker für die Rolle des Old Shatterhand in „Der Schatz im Silbersee“ anfragte, wollte dieser zunächst lachend ablehnen. Ein deutscher Western? Das klang absurd. Doch Irene, die mit den Büchern von Karl May bestens vertraut war, wusste um die gigantische Strahlkraft dieser Heldenfigur in Deutschland. Sie überredete ihren Mann – und schenkte ihm damit die größte Rolle seiner Karriere.

1962 löste der Film in Deutschland eine beispiellose Hysterie aus. Millionen strömten in die Kinos. Barker wurde als „Sexy Lexi“ verehrt, eine ganze Generation wuchs mit seinem heldenhaften Gesicht und der unverwechselbaren Melodie von Martin Böttcher auf. Doch in genau dem Moment, als Barker auf dem absoluten Gipfel des Erfolgs stand, schlug das Schicksal mit unbarmherziger Härte zu. Im Oktober 1962, kurz nach den ersten Dreharbeiten, starb Irene Labhardt an einer aggressiven Form der Leukämie. Sie wurde nur 26 Jahre alt.

Für Lex Barker brach die Welt komplett zusammen. Die Frau, die ihn gerettet und ihm den Weg zum Triumph geebnet hatte, durfte diesen nicht mehr miterleben. „Sie war die einzige große Liebe meines Lebens“, gestand er später völlig zerstört. Das Leben hatte ihm exakt drei Jahre des perfekten Glücks gewährt, um es ihm dann gnadenlos wieder zu entreißen.

Das einsame Ende auf dem Asphalt

Datei:10-09-1953 11840 Lana Turner en Lex Barker (4489142741).jpg –  Wikipedia

Auf der Leinwand rettete Barker als Old Shatterhand unbeirrt weiter Menschen in Not, doch innerlich blutete er aus. Unfähig, den unerträglichen Schmerz der Einsamkeit zu ertragen, stürzte er sich bereits zwei Monate nach Irenes Tod in seine fünfte und letzte Ehe mit der spanischen Schönheitskönigin Carmen „Tita“ Cervera. Es wurde eine hochtoxische Verbindung, die in einem jahrelangen, hässlichen Scheidungskrieg mündete.

Die Ära der Karl-May-Filme endete, neue anspruchsvolle Rollen blieben aus. Lex Barker zog sich immer weiter auf seine Yacht zurück. Er rauchte Kette, trank zu viel und versteckte seine feine, verletzliche Künstlerseele hinter einer rauen Fassade.

Am 11. Mai 1973 schloss sich der tragische Kreis auf jener kalten Straße in Manhattan. Ein Mann, der Millionen begeisterte und ein Vermögen erspielte, starb ohne jemanden, der in diesem letzten Moment seine Hand hielt. Seine sterblichen Überreste liegen heute nicht in seiner Heimat New York und auch nicht in Deutschland, wo er abgöttisch geliebt wurde. Er fand seine letzte Ruhe an der französischen Riviera – irgendwo zwischen den Welten, in denen er immer gesucht, aber nie dauerhaft verweilt hatte.

Was bleibt, ist das Vermächtnis eines außergewöhnlich charismatischen Mannes, der gegen die inneren Dämonen seiner Vergangenheit kämpfte und uns auf der Leinwand zeigte, wie Heldenhaftigkeit aussieht. Doch die wichtigste Rolle seines Lebens – die eines geliebten und geborgenen Ehemannes – durfte er nur für einen flüchtigen, grausam kurzen Moment spielen.