Wien, der 22. Juni 1982. Es ist eine Szenerie, die wie aus einem gigantischen Hollywood-Epos entsprungen scheint. Zum ersten und einzigen Mal in der langen, geschichtsträchtigen Historie des Wiener Zentralfriedhofs findet ein Begräbnis bei tiefster Nacht statt. Über 3.000 Trauergäste stehen dicht gedrängt, feierlich beleuchtet von grellen Scheinwerfern und flackernden Lampions, während eine Ehrenformation der österreichischen Luftwaffe im ohrenbetäubenden Tiefflug über das offene Grab donnert. An dem pompösen Grabdenkmal, das eigens von dem berühmten Bühnenbildner Günther Schneider-Siemssen entworfen wurde, prangen zwei markante Schauspielmasken: Eine lacht aus vollem Hals, die andere weint bittere Tränen.

All dies war kein Zufall, sondern sein eigener, testamentarisch streng festgelegter Wunsch. Curd Jürgens, der oft als “normannischer Kleiderschrank” betitelte Weltstar und der absolute Inbegriff des extravaganten Lebemannes, wollte sich genau so von dieser Welt verabschieden: im künstlichen Licht, dramatisch inszeniert, als stünde er ein allerletztes Mal auf jener Bühne, die so lange sein Leben bedeutete. Und noch ein weiteres, schockierendes Detail hatte er verfügt: Nach der Trauerfeier sollte alles, was von seinem privaten Leben zeugte, restlos verbrannt werden. Warum wollte ein Mann, der von Millionen glühend geliebt wurde und der materiell scheinbar alles erreicht hatte, dass seine persönlichsten Erinnerungen für immer in Flammen aufgehen?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir weit in die Vergangenheit reisen – zurück in den Sommer des Jahres 1933. Ein folgenschwerer Autounfall reißt den erst 17-jährigen Curd Jürgens brutal aus seiner unbeschwerten Berliner Jugend. Er sitzt als Beifahrer im Wagen seines Schwagers, als das Schicksal erbarmungslos zuschlägt. Ein ganzes Jahr verbringt der junge Mann im Paulinenhaus des Roten Kreuzes. Doch das Schlimmste an diesem Unfall ist nicht die kräftezehrende Zeit im Krankenbett, sondern eine niederschmetternde ärztliche Diagnose, die sein gesamtes weiteres Leben wie ein dunkler Schleier umhüllen wird: Aufgrund massiver Unterleibsverletzungen mussten seine Samenstränge durchtrennt werden. Curd Jürgens, noch fast ein Kind, wird niemals in der Lage sein, eigene Kinder zu zeugen. Ein schweres medizinisches Geheimnis, das er fortan in sich tragen und über das er zeitlebens fast nie ein Wort verlieren sollte.

Vielleicht ist es genau dieses tiefe Trauma, diese unstillbare und unerfüllbare Sehnsucht nach einem “normalen” Familienleben, die ihn in eine rastlose, fast manische Suche nach Liebe, ständiger Anerkennung und überbordendem Luxus treibt. Fünf Ehefrauen, unzählige flüchtige Affären und eine ständige Flucht in den Exzess pflastern seinen Weg. Er heiratet zunächst die Schauspielerin Lulu Basler, dann Judith Holzmeister und später Eva Bartok. Letztere sorgt nach der Scheidung für einen beispiellosen Medienskandal, als sie im Oktober 1957 in London ein kleines Mädchen namens Diana zur Welt bringt und behauptet, Curd sei der Vater – wohlwissend, dass dies biologisch vollkommen unmöglich ist. Ganze 30 Jahre lang schweigt Eva Bartok, bevor sie schließlich in den 80er Jahren gesteht, dass der wahre Vater angeblich bei einer kurzen Affäre Frank Sinatra gewesen sei. Jürgens erträgt all diese Verstrickungen stoisch, während er sein Herz auf der ständigen Flucht vor sich selbst weiter verzehrt.

Auch seine Affären sind legendär und von atemloser Emotionalität geprägt. Da ist die gerade einmal 19-jährige Romy Schneider, Deutschlands unschuldiges “Sissi”-Idol, die dem 41-jährigen Jürgens bedingungslos verfällt. Im Matrosenpullover wartet sie an der Kaimauer des Hafens auf ihn, schreibt ihm nach der kurzen Romanze sieben brennende Liebesbriefe und stellt Bedingungen an den wesentlich älteren Mann, die dieser nicht erfüllen kann oder will. Sie trennen sich, doch eine tiefe melancholische Verbundenheit bleibt. Als ein Geschenk von Romy – ein gerahmtes Heiligenbildchen mit den handgeschriebenen, flehenden Worten “Ich liebe dich, bitte glaub es mir” – nach seinem Tod in seinen privaten Sachen gefunden wird, offenbart sich unweigerlich, wie viel dieses ungleiche Paar tatsächlich verband. Das Schicksal wollte es so, dass beide im Jahr 1982 sterben sollten, getrennt durch kaum mehr als 20 Tage.

100. Geburtstag von Curd Jürgens: Sie nannten ihn Kleiderschrank

Seine vierte Ehe mit dem französischen Fotomodell Simone Bicheron hält unglaubliche 19 Jahre. Es sind Jahre des unbändigen internationalen Glamours. Das begehrte Paar feiert ausschweifende Partys auf den Bahamas, in Nizza, Wien und Gstaad. Die europäische Boulevardpresse überschlägt sich vor Begeisterung. Doch auch Simone erkennt sehr wohl die quälende innere Leere ihres Mannes. Sie nennt ihr späteres Buch über diese schillernde Zeit überaus treffend “Das geborgte Glück – Die zwei Gesichter meines Lebens”. Als die längste all seiner Ehen schließlich scheitert, bricht der vermeintlich unbesiegbare Weltstar innerlich völlig zusammen. In sein geheimes Tagebuch notiert der Lebemann, der auf Partys noch immer mühelos die Nächte durchtanzte, herzzerreißende Zeilen: “Das Haus ist noch so erfüllt von S., dass ich es kaum ertrage. Nachts ohne Schlaf. Ich bete.”

Dieser Mann, der im hellen Scheinwerferlicht den souveränen Charmeur gibt, ist im Inneren getrieben von massiven Versagensängsten. Er flüchtet sich in einen schier unvorstellbaren Luxus. Elf traumhafte Häuser nennt er sein Eigen, doch ein echtes, wärmendes Zuhause findet er in keinem einzigen davon. Sein Fuhrpark besteht aus Rolls-Royce, Bentley und den neuesten Porsche-Modellen, seinen erlesenen Champagner trinkt er ausschließlich aus riesigen Magnumflaschen. Prominente Ikonen wie Alain Delon, Brigitte Bardot, Richard Burton und Orson Welles gehen in seiner prächtigen Villa in Südfrankreich ein und aus. Doch all der grelle Prunk kann seine innere Dunkelheit nicht aufhellen. Selbst als schwere Arteriosklerose und mehrere lebensbedrohliche Herzinfarkte ihn an den Rand des physischen Ruins bringen, weigert er sich strikt, seinen selbstzerstörerischen Lebensstil zu ändern. Er überlebt eine Nahtoderfahrung, berichtet davon, förmlich die Hölle gesehen zu haben – und trinkt, raucht und isst völlig unbeirrt weiter. “Es ist wichtiger, den Jahren mehr Leben zu geben, als dem Leben mehr Jahre”, lautet sein stoisches, fast trotziges Mantra.

Besonders tragisch ist der unerwartete Verlust einer Frau, die er erst sehr kurz kannte, die ihn jedoch nachhaltig veränderte: Matilda. Die junge Frau Mitte 20 stirbt 1974 auf tragische Weise bei einem Autounfall in der direkten Nähe seiner südfranzösischen Villa. Ihr brutaler Tod stürzt Jürgens in eine lange Phase schwerer Sinnkrise und tiefer Grübeleien. Ausgerechnet dieser Frau widmet der gealterte Weltstar später seine umfassende Autobiografie. In diesem Buch erfindet er einen inneren Kritiker und öffnet sich dem Publikum so weit wie in keiner seiner fünf Ehen zuvor. Er gesteht seine Versagensängste als Mann, lässt seine sorgsam aufgebaute Fassade bröckeln und nennt das Werk vielsagend “…und kein bißchen weise”.

Doch die absolute, endgültige Wahrheit über die komplexe Seele des Curd Jürgens wäre beinahe für immer im Feuer verloren gegangen. Sein testamentarischer Wunsch war unmissverständlich formuliert: Verbrennt nach meinem Tod alles. Die Welt sollte einzig und allein den großen Künstler, den ewigen Bonvivant und unbesiegbaren Star in Erinnerung behalten. Aber seine fünfte und letzte Ehefrau, die Fotografin Margret “Margie” Knitsch, die erst spät den wahren Kern des Mannes erkannte, brachte es nicht übers Herz. Sie widersetzte sich liebevoll, aber bestimmt seiner Anordnung und bewahrte 40 Umzugskartons sicher in der südfranzösischen Villa auf. Erst im Jahr 1997 übergab sie dieses gewaltige Archiv dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt.

Romy Schneider & Karlheinz Böhm: Die ganze Wahrheit hinter ihrer Liebe! |  Wunderweib

Und dort, versteckt zwischen unscheinbaren Lebensmittelmarken aus der armen Nachkriegszeit, alten Lebendmasken und über 2.300 Fotografien, fanden die erstaunten Archivare die völlig ungeschminkte Seele des Superstars. Sie fanden die Liebesbriefe von Romy Schneider, die handschriftlichen Tagebucheinträge, die getrockneten Tränen, die verzweifelten Gebete. Sie fanden den Mann, der nachts die Augen nicht schließen konnte und den allein der Gedanke an den Tod in absolute Panik versetzte.

Curd Jürgens starb mit 66 Jahren an multiplem Organversagen. Er starb an dem rastlosen Leben, das er sich selbst auferlegt hatte. Ein Leben, das stets am extremen Limit kratzte, weil die ruhige Normalität ihm durch jenen tragischen Schicksalsschlag im Jahr 1933 verwehrt geblieben war. “Die Pose hat darüber hinweggetrogen”, sang er einmal so treffend in einem seiner späten Chansons. Und er behielt in allem recht. Er war am Ende seines Lebens vielleicht “kein bisschen weise”, aber er war ein zutiefst fühlender, zerrissener und verletzlicher Mensch, der zeitlebens mutig gegen seine inneren Dämonen ankämpfte. Dank des Ungehorsams einer starken Frau, die ihn wahrhaftig liebte, dürfen wir heute hinter den glitzernden Vorhang blicken – und dort steht nicht mehr nur der umschwärmte Frauenheld, sondern ein faszinierender, sensibler Mann, dessen wahre Größe in seiner tiefen Menschlichkeit verborgen lag.