Es gibt Momente in der öffentlichen Debatte, in denen alle Statistiken, alle politischen Phrasen und alle beschwichtigenden Worte in sich zusammenfallen. Das passiert genau dann, wenn ein Mensch aus der Mitte der Gesellschaft das Wort ergreift, der nicht aus der Theorie, sondern aus der harten Praxis spricht. Wenn ein Bäckermeister vor laufender Kamera mit einem Blick, der mehr verrät als hundert Regierungsberichte, ruhig und ehrlich erklärt, warum sein Betrieb – und mit ihm unzählige andere in Deutschland – am Rande des Abgrunds steht. Es ist ein Aufschrei des deutschen Mittelstands, der uns alle aufrütteln sollte. Denn das, was aktuell in den Backstuben, den Werkstätten und den mittelständischen Büros dieses Landes passiert, ist nichts weniger als ein existenzieller Überlebenskampf.

Die trügerische Lohnspirale und der Preis unseres täglichen Brotes

Eine der drängendsten Fragen, die Verbraucher heute umtreibt, lautet: Warum wird das ganz normale Brötchen, die einfache Schrippe, immer teurer? Die Antwort, die Bäckermeister Exner liefert, ist ein Musterbeispiel für die unbeabsichtigten Folgen gut gemeinter Politik. Wenn der Mindestlohn politisch forciert wird – in einigen Bereichen um bis zu 17 Prozent oder gar 40 Prozent in den unteren Lohngruppen innerhalb von zwei Jahren – dann ist das für den Laien zunächst eine gute Nachricht. Doch für einen handwerklichen Betrieb bedeutet es den Beginn einer wirtschaftlichen Lawine.

Die Realität in einer Bäckerei sieht so aus: Etwa 50 Prozent der Umsätze fließen direkt in die Personalkosten. Wird der Lohn an der Basis angehoben, betrifft das nicht nur die ungelernten Kräfte. Das Prinzip der Leistungsgerechtigkeit verlangt, dass das gesamte Lohngefüge im Unternehmen nach oben korrigiert wird. Der gut ausgebildete Geselle, der jahrelang sein Handwerk gelernt hat und Verantwortung trägt, möchte und kann nicht für denselben Lohn arbeiten wie eine ungelernte Hilfskraft. Erwartungsgemäß fordern also auch die Fachkräfte mehr Geld. Diese Kostensteigerung wird, wie Exner treffend beschreibt, „durchgereicht“.

Doch damit nicht genug: Auch der externe Dienstleister, der die Bäckerei reinigt, der Müller, der das Mehl liefert, und der Fleischer, der den Aufschnitt bringt – sie alle müssen ihre Preise anheben, weil auch ihre Lohnkosten steigen. Am Ende dieser gigantischen Kettenreaktion steigen zudem die an die Inflation gekoppelten Gewerbemieten. Die bittere Konsequenz: Die Preise für Backwaren müssen explodieren, nicht weil der Bäcker plötzlich unverschämt reich werden will, sondern weil ihm schlichtweg keine andere Wahl bleibt, um nicht in die Insolvenz zu rutschen. Die Gewinnmargen in der Branche, so der Meister, waren noch nie so dramatisch schlecht wie heute.

Die Energiekrise als Brandbeschleuniger

Neben den explodierenden Personalkosten ist es die Energiekrise, die dem Mittelstand die Luft zum Atmen nimmt. Backöfen und Kühlaggregate benötigen enorme Mengen an Strom und Gas. Für einen Handwerksbäcker sind diese Ressourcen keine Luxusgüter, sondern absolute Betriebsnotwendigkeit. Die Zahlen, die hier genannt werden, sind erschütternd: Während Gas früher für rund 1,67 Cent bezogen wurde, stieg der Preis auf über 5,3 Cent pro Kilowattstunde – ein Anstieg von über 300 Prozent! Ähnlich katastrophal sieht es beim Strom aus.

Auch wenn Energie „nur“ rund 6 bis 15 Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht, fressen diese Steigerungen in Kombination mit den extremen Lohnkosten und den gestiegenen Rohstoffpreisen (rund 20 Prozent) jeglichen finanziellen Puffer auf. Am Ende bleibt kaum noch etwas übrig, um Rücklagen zu bilden, in neue Technologien zu investieren oder unvorhergesehene Krisen abzufedern. Die kleinen und mittleren Unternehmer ächzen unter einer schier unendlichen Last aus Abgaben, Energiepreisen und bürokratischen Zwangsgebühren. Es ist ein zermürbender Zustand, der viele dazu treibt, das Handtuch zu werfen.

Der Kollaps des Ausbildungssystems: Warum sich Leistung kaum noch lohnt

Handwerk: Potsdamer Bäcker Exner verzweifelt an Bürokratie

Ein weiteres, zutiefst beunruhigendes Phänomen ist die Entwertung der klassischen Berufsausbildung. Das deutsche duale Ausbildungssystem, einst der Neid der ganzen Welt und das Rückgrat unserer wirtschaftlichen Stabilität, bröckelt. Und der Grund dafür liegt in einer fatalen Schieflage auf dem Arbeitsmarkt.

Bäckermeister Exner berichtet aus seinem Alltag, dass Jugendliche immer häufiger Ausbildungsplätze ablehnen. Wenn ein junger Mensch sieht, dass er als völlig Ungelernter dank eines hohen Mindestlohns sofort 15 Euro in der Stunde verdienen kann, schwindet die Motivation drastisch, sich drei Jahre lang in einer Ausbildung für ein geringeres Lehrlingsgehalt (beispielsweise 1100 Euro im ersten Jahr) zu engagieren. Die Frage: „Warum soll ich das lernen, wenn ich das Geld auch so kriege?“, ist das toxische Symptom einer Politik, die kurzfristige finanzielle Anreize über langfristigen Kompetenzaufbau stellt. Wir züchten uns eine Generation heran, der der Anreiz zur Qualifikation systematisch aberzogen wird. Wer aber soll in zehn oder zwanzig Jahren das Land am Laufen halten, wenn uns die qualifizierten Handwerksmeister, die Fachkräfte und die Experten fehlen?

Das Versagen der Jobcenter: Bürokratie statt Vermittlung

Als wäre der Fachkräftemangel nicht schon schlimm genug, offenbart der Blick auf unsere Arbeitsagenturen ein regelrechtes Systemversagen. Sowohl die Expertin Frau Meer als auch die Unternehmerin Frau Grupp bestätigen ein offenes Geheimnis: Das Jobcenter funktioniert in seiner jetzigen Form nicht mehr. Die Mitarbeiter dort sind massiv überlastet. Sie betreuen teilweise dreimal so viele Fälle, wie es machbar wäre. Statt sich als Vermittler oder gar als Sozialarbeiter um die individuellen Probleme und Vermittlungshemmnisse der Arbeitssuchenden zu kümmern, ersticken sie in einem Wust aus Dokumentationspflichten und Sanktionsverwaltungen. Erschreckende 70 Prozent ihrer Arbeitszeit fließen in die reine Verwaltung des Systems, nur magere 30 Prozent bleiben für die eigentliche Kernaufgabe: die Vermittlung von Menschen in Arbeit.

Dieses bürokratische Monstrum produziert absurde und für Unternehmer extrem frustrierende Situationen. Frau Grupp, die ein Unternehmen mit rund 250 Mitarbeitern leitet, schildert Erlebnisse, die einen fassungslos zurücklassen. Bewerber, die vom Jobcenter geschickt werden, erscheinen zum Vorstellungsgespräch und erklären ungeniert: „Ich will hier gar nicht arbeiten. Ich brauche nur Ihre Unterschrift für das Amt, damit ich weiter mein Geld bekomme.“ Solche „Totalverweigerer“ rauben den Betrieben, die ohnehin unter Personalnot leiden, wertvolle Zeit und Nerven. Das System zwingt Menschen zu Alibi-Bewerbungen, um Sozialleistungen wie das Bürgergeld zu sichern, während die Unternehmer als unfreiwillige Statisten in diesem zynischen Theaterstück missbraucht werden. Nicht selten verschwinden diese Personen danach in die Schattenwirtschaft, um schwarz dazuzuverdienen.

Ein Land am Scheideweg: Wir brauchen eine wirtschaftliche Wende

Wolfgang Grupp | swp.de

Das Bild, das sich aus diesen Berichten aus der Mitte der Wirtschaft zeichnet, ist dramatisch. Es ist eine Mischung aus Hilflosigkeit, Frustration und aufsteigender Wut. Wir erleben keinen vorübergehenden Konjunktureinbruch, sondern eine fundamentale Strukturkrise. Die Menschen, die früh morgens aufstehen, um Brötchen zu backen, Betriebe zu leiten, Löhne zu zahlen und Steuern abzuführen, fühlen sich von der Politik nicht nur im Stich gelassen, sondern regelrecht bestraft.

Die endlose Bürokratie, die ständigen Belastungen, die Abgabenlast und ein Sozialsystem, das in Teilen Fehlanreize belohnt anstatt Fleiß zu fördern, haben eine toxische Mischung erschaffen. Es ist kein Wunder, dass nach 15 Jahren der intensiven Diskussion über Fachkräftemangel und Zuwanderung die Lücken in den Betrieben größer sind denn je. Wenn sich Leistung nicht mehr lohnt, wenn der Staat die Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln derart verschlechtert, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn der Motor der deutschen Wirtschaft ins Stottern gerät.

Es ist höchste Zeit für eine ehrliche Bestandsaufnahme und eine radikale Kurswende. Die Stimmen aus dem Mittelstand – wie jene von Bäckermeister Exner und Unternehmerin Grupp – müssen endlich nicht nur gehört, sondern als Leitfaden für politisches Handeln verstanden werden. Es braucht einen konsequenten Bürokratieabbau, bezahlbare Energie, ein Bildungssystem, das den Wert von Facharbeit wieder ins Zentrum rückt, und einen Sozialstaat, der gezielt jenen hilft, die Hilfe brauchen, aber Ausnutzung strikt unterbindet. Nur wenn wir dem Handwerk und dem Mittelstand wieder die Luft zum Atmen geben, hat unser Wirtschaftsstandort eine nachhaltige Zukunft. Die Warnsignale leuchten längst tiefrot – wir dürfen sie nicht länger ignorieren.