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DER KRIEG ZÄHLT NICHT — so sagte die Versicherung, 20 Jahre lang — Götz George, Hamburg 1964

Februar 1964, Hamburg Altona. Das Wirtschaftswunder läuft auf Hochtouren. In den Schaufenstern der Mönkebergstraße stehen Kühlschränke und Fernsehgeräte. Auf den Straßen neue Volkswagen und Opel Rekords. In den Zeitungen Anzeigen für Waschmaschinen und Urlaubsreisen nach Mallorca. Deutschland baut sich auf. Deutschland kauft sich neu.

 In einer Seitenstraße in Altona zwischen einem Bäcker und einem Haushaltswarengeschäft hängt ein Schild Reparatur Lensz, Radio und Elektro. Die Schrift ist ordentlich, das Schild sauber, aber alt. Im Schaufenster liegt ein aufgeklapptes Radio, das aufwartet darauf, wieder ganz zu sein.

 Drinnen, an einem Tisch voller Kabel und Kondensatoren sitzt ein Mann von 30 Jahren und schaut auf einen Umschlag, den er heute morgen erhalten hat. Er hat ihn bereits gelesen. Er liest ihn nicht mehr. In der Kneipe am Ende der Straße sitzt an der Theke ein großer Mann in einer grünen Jacke. Er ist seit einer Stunde da. Er trinkt nicht, er schaut.

Hier ist die Geschichte. Es gibt eine besondere Art von müde, die nichts mit Schlaf zu tun hat. Die kommt, wenn man 20 Jahre lang dieselbe Tür anschaut und weiß, was dahinter ist und trotzdem jeden Morgen aufsteht und klopft. Heinrich Lenz klopft seit 20 Jahren. Er ist 1934 in Hamburg geboren in einer kleinen Wohnung in Altona Ottensen, zweiter Stock, Blick auf den Hinterhof.

Sein Vater Karl war Schlosser, große Hände, ruhige Augen, ein Mann, der selten redete und wenn, dann langsam. Heinrich erinnert sich an drei Dinge. Die großen Hände, den Geruch von Rasiercreme an einem Sonntagmorgen und wie die Tür sich schließt, als Karl geht. Er war 5 Jahre alt, 1939. Karl Lenz wurde eingezogen.

 Er kam nicht zurück. Nicht sofort. Das wäre zu einfach. Er kam jahrelang nicht zurück und dann kam die Nachricht. Gefallen stand in dem Brief, den die Behörde schickte. Kein Ort, kein Datum zunächst, nur das Wort gefallen. Später erfuhren sie das Datum. 1. Mai 1945. Heinrich war 11 Jahre alt, als er das verstand.

 Er rechnete nach, wie Kinder rechnen, langsam mit den Fingern. Der Krieg endete am 8. Mai. Sein Vater starb am ersten Mai. Sieben Tage, eine Woche. Eine Woche. Er hat diese Rechnung seitdem nicht mehr gemacht. Er muss sie nicht machen. Sie ist immer da. Noch dabei? Drückt den Hype Button. Er zeigt uns, dass diese Geschichte die richtigen Menschen gefunden hat.

 Martha Lenz zog Heinrich alleingroß. Sie arbeitete als Putzfrau, Büros, Treppenhäuser, manchmal Privathaushalte. Sie stand um 5 Uhr auf und kam um 7 Uhr heim. Sie kochte, sie wusch, sie schwieg. Über Karl sprach sie nicht, nicht weil sie ihn vergessen hatte. Heinrich wusste das, sondern weil manche Dinge zu groß sind, um ihnen Worte zu geben, ohne dass sie auseinanderbrechen.

Einmal Heinrich war 14, fragte er, Mama, wie war er? Martha stellte den Topf auf den Herd. Sie schaute aus dem Fenster. Sie sagte: “Groß, stille Hände. Mehr nicht. Heinrich verstand. Er fragte nie wieder. Er verließ die Schule mit 14h. Geld war knapp. Er fand eine Lehrstelle bei Hermann Foss, einem Rundfunkmechaniker in Altona.

 Foss war ein geduldiger Mann, der viel wusste und wenig erklärte. Er zeigte, man schaute, man lernte. Heinrich lernte gut. Seine Hände waren ruhig, seine Augen genau. Er mochte Radius, weil in ihnen jedes Problem eine Lösung hatte. Man öffnete das Gehäuse, man schaute, man fand den Fehler, man machte ihn gut.

 So einfach war das. 1958 eröffnete er seine eigene Werkstatt. Klein, ein Raum, ein Tisch, zwei Regale. Aber seins. 1962 lernte er Margot kennen. Margo Hess, 27, Krankenschwester im Barnbeker Krankenhaus. Sie war ruhig wie er, aber auf eine andere Art. Sie war ruhig, weil sie entschieden hatte, ruhig zu sein.

 Er war ruhig, weil er nie gelernt hatte, laut zu sein. Sie nieschten sich an. Im Herbst 1962 verlobten sie sich. “Wenn wir genug gespart haben”, sagte er. Ich weiß”, sagte sie und wartete. Dann wurde Martha krank, Lunge. Die Ärzte sagten: “Ein Jahr, vielleicht zwei, es war 8 Monate. Die Ersparnis ging für die Klinik.

” Im Frühjahr 1963 starb Martha Lenz, 61 Jahre alt, in dem Bett, in dem sie 30 Jahre lang allein geschlafen hatte. Heinrich stand danach in der leeren Wohnung. Er schaute auf Karls Foto auf dem Regal. Das einzige Foto, das Martha aufbewahrte. Karl in Uniform 1939 vor der Kaserne. Er schaut nicht in die Kamera, er schaut irgendwohin zur Seite, als würde er schon wissen, dass er nicht wiederkommt.

 Neben dem Foto la Karls Uhr. Silber, schlicht, graviert auf der Rückseite. KL 1938. Sie war 1945 mit den persönlichen Sachen zurückgeschickt worden. Sie lief nicht mehr. Niemand hatte sie je aufgezogen. Die Versicherungsakte hatte Martha 1945 angelegt. Nordwestebensversicherung AG Hamburg. Karl hatte eine Lebensversicherung gehabt, klein, aber vorhanden.

 Martha den Antrag ausgefüllt, so gut sie konnte. Die Formulare waren lang, die Sprache schwer, aber sie hatte es versucht. Die Antwort kam nach sech Wochen. Ablehnung: Kriegsrisiko außerhalb der Versicherungsbedingungen. Savash Risky Sigorta Kapsamitioner. Martha hatte Widerspruch eingelegt. Einen Brief, zwei Briefe, drei, jedes Mal dasselbe.

 Vertragsbedingungen, Vertragsbedingungen, Vertragsbedingungen. 1950 kam das neue Bundesversorgungsgesetz. Neue Anträge, neue Formulare, neue Hoffnung. Aber Karl war Volkssturmmann gewesen. Eine Grauzone, sagten die Behörden. Das Verfahren dauere. Das Verfahren dauerte 14 Jahre. Als Martha starb, stand in der Akte noch immer in Bearbeitung.

Heinrich nahm die Akte mit. Er stellte einen neuen Antrag als Erbe. Er schrieb einen Brief 23. Im Januar 1964 kam die Antwort von Dr. Hartmann, Nordwest, Lebensversicherung AG. Da der ursprüngliche Anspruch nicht anerkannt wurde, kann auch der abgeleitete Erbanspruch nicht berücksichtigt werden. 20 Jahre, 20 Antworten, immer dasselbe.

Heinrich legte den Brief auf den Tisch. Er schaute auf seine Hände, dann stand er auf, zog die Jacke an und ging in die Kneipe am Ende der Straße. Die Kneipe hieß: “Zur Elbe. Hans Brenner, 55”, führte sie seit 15 Jahren. Er hatte einen rechten Arm, der Linke war 1943, irgendwo in Russland geblieben. Er schenkte Bier mit links ein, so selbstverständlich, als wäre es immer so gewesen.

 Er redete wenig, er hörte alles. Heinrich kam jeden Abend. Hans stellte das Bier hin ohne zu fragen. An jenem Dienstagabend war noch jemand in der Kneipe, am anderen Ende der Theke. Groß, breite Schultern, grüne Jacke, dunkler Pullover. Ein Pilz vor ihm, dass er nicht trank. Er schaute in den Raum, nicht neugierig, nicht gelangweilt.

 So wie jemand schaut, der versteht, was er sieht. Hans kannte ihn. Er hatte ihm das Bier hingestellt und war weitergegangen. Er würde später sagen, manche Männer brauchen keine Begrüßung. Heinrich setzte sich. Er legte den Umschlag auf den Tisch. Er schaute ihn an. Hans wischte die Theke. Er schaute kurz zu dem Mann am anderen Ende.

 Der Mann hatte es gesehen. Er stand auf. Er nahm sein Glas. Er setzte sich neben Heinrich ohne zu fragen. Heinrich schaute ihn an. “Ich hab’s gesehen”, sagte der Mann. Den Umschlag. Heinrich schwieg. Versicherung. Eine Pause dann. Ja. Seit wann? Heinrich schaute auf den Umschlag. Seit 20 Jahren. Der Mann sagte nichts. Er schaute auf den Umschlag.

 Dann auf Heinrich. Erzählen Sie mir. Und Heinrich erzählte: Die sieben Tage, die Uhr, die Akte, die 20 Briefe. Margo, die wartete, Martha, die nie aufgehört hatte zu klopfen. Er erzählte alles, so wie man Dinge erzählt, die man zu lange nicht ausgesprochen hat, ruhig und gleichmäßig wie Wasser, das endlich einen Weg findet. Der Mann hörte zu.

 Er stellte keine Fragen. Er unterbrach nicht. Als Heinrich fertig war, schwiegen sie. “Wann ist Ihr Vater gestorben?”, sagte der Mann dann. 1. Mai 1945 und der Krieg? 8. Mai. Der Mann nickte. Er schaute auf den Tisch. 7 Tage. Ja. Stille. Hans polierte ein Glas, das schon sauber war. “Wo ist das Büro?”, sagte der Mann.

 “Welches Büro?” “Von der Versicherung.” Heinrich schaute ihn an, er kannte das Gesicht. Er hatte es irgendwo gesehen, im Fernsehen, auf einem Plakat. Er wusste im Moment nicht wo. Es spielte keine Rolle. Herrengraben Nummer 12. Der Mann stand auf. Er legte einen Geldschein auf den Bierdeckel, ohne nachzuschauen, welcher es war.

 “Sie kennen den Mann nicht”, sagte er. Er meinte Hartmann. “Ich schon.” Er zog die Jacke zurecht. Er ging zur Tür. “Warten Sie”, sagte Heinrich. “Wer sind Sie?” Der Mann drehte sich einmal um. Er schaute Heinrich an. Jemand, der zugehört hat. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Hans stellte ein neues Bier hin.

 Er sagte nichts, aber er schaute auch zur Tür. “Und ich sage euch, das ist wirklich passiert. Wenn dich diese Geschichte berührt, drück Hype. Wir lesen jeden einzelnen. Was am nächsten Morgen im Büro von Dr. Hartmann Nordwest Lebensversicherung AG Herrengraben 12 Hamburg geschah, hat Hartmann nie öffentlich beschrieben. Was bekannt ist, um 9:15 Uhr betrat ein großer Mann in einer grünen Jacke das Gebäude.

 Er nannte seinen Namen der Sekretärin. Die Sekretärin wurde sehr still. Sie ließ ihn durch. Er saßzig Minuten bei Hartmann. Hartmann schaute auf die Akte, der Mann schaute auf Hartmann. Wissen Sie, wann der Mann gestorben ist? Das steht in der nicht in die Akte. Schauen Sie mich an. Hartmann schaute auf.

 Wann? Am 1. Mai 1945. Und wann war Kriegsende? Hartmann schwieg. 8. Mai, sagte der Mann. Sieben Tage. Das ist der Unterschied zwischen ihren Vertragsbedingungen und einem Leben. Er lehnte sich leicht vor. Die Mutter hat 20 Jahre geklopft. Sie ist gestorben, während die Akte noch offen war. Das wissen Sie.

 Hartmann schaute auf seine Hände. Wiederholen Sie das, sagte der Mann. Was? Was Sie wissen laut. Hartmann räusperte sich. Die Mutter hat 20 Jahre Widerspruch eingelegt. Sie ist verstorben, während das Verfahren noch lief. “Schreiben Sie die Quittung”, sagte der Mann. “Ich muss zunächst.” “Schreiben Sie die Quittung!” Hartmann griff zum Stift.

 Seine Hand zitterte leicht. Er schrieb: “Den Namen, den Betrag. Anerkannt.” Er stempelte blau. Der Mann schaute auf das Dokument, dann auf Hartmann. “Das reicht”, sagte er. Er stand auf. Er zog die Jacke zurecht. Er ging zur Tür. Er drehte sich nicht um. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Hartmann saß noch lange so.

 Er schaute auf den Stempel. Er schaute auf die Akte. 20 Jahre, drei Generationen von Formularen, 18 Ablehnungsschreiben und jetzt ein Stempel, blau, nass, unumkehrbar. Das ist der Teil, der mich jedes Mal trifft. Drei Wochen später kam ein Umschlag. Nordwestlebensversicherung AG. Kein roter Stempel. Diesmal drin.

Ein Check. Vollauszahlung der Versicherungssumme 20 Jahre Verzugszinsen. Und ein einzelner handgeschriebener Satz auf dem Begleitschreiben. Das war schon immer ihres. Heinrich las den Satz. Er las ihn zweimal. Er stand in der Werkstatt, die Kabel um ihn herum, das aufgeklappte Radio auf dem Tisch. Er schaute auf den Check, dann auf Karls Uhr, die auf dem Regal stand.

 Er nahm die Uhr, er zog sie auf, sie lief. “Wo schaust du gerade zu? Schreibt dein Bundesland in die Kommentare. Ich will sehen, wie weit diese Geschichte reicht.” Noch am selben Abend rief Heinrich Margo an. Margo sagte er. “Ja, wann kannst du?” Eine Pause dann, wann du willst. Epilog. Heinrich und Margot Lenz heirateten im September 1964 in Altona.

 Kleine Feier, Standesamt, danach ein Mittagessen im Gasthaus. Hans Brenner war dabei. Er unterschrieb die Zeugenunterschrift mit links, so selbstverständlich, als wäre es immer so gewesen. Die Werkstatt wuchs. In den 70er Jahren, als Fernsehgeräte in jeden Haushalt kamen, lief das Geschäft gut. Heinrich nahm zwei Lehrlinge an, einen 1971, einen 1974, beide blieben.

 Der erste eröffnete 1982 seine eigene Werkstatt in Wzbeck. Der II. Übernahm Reparatur Lenz, als Heinrich 1994 in Rente ging. Magot und Heinrich hatten zwei Kinder, eine Tochter 1966 und einen Sohn 1969. Der Sohn heißt Karl. Karls Uhr steht heute auf dem Tisch des Sohnes. 20 Jahre warten, 18 Ablehnungsschreiben. Eine Mutter, die gestorben ist, bevor die Antwort kam.

 Das ist eine Rechnung, die Heinrich nie gemacht hat. Er hat sie nie gebraucht. Hans Brenner führte die zur Elbe bis, dann schloß er: “Die Knie”, sagte er. Er zog zu seiner Schwester nach Harburg. Er starb 1985. Heinrich erfuhr die Wahrheit im Herbst 1964. Hans erzählte es ihm eines Abends, kurz bevor die Kneipe schloß. Er sagte nur: “Der Mann, der neulich da saß, du weißt, wer das war, oder?” Heinrich schwieg.

“Götz George”, sagte Hans. “Hab ihn erkannt, als er reinkam. Hab nichts gesagt.” Heinrich trank sein Bier aus. Er stellte das Glas hin. “Warum hat er das getan?”, sagte er schließlich. Hans schaute ihn an. Er schaute auf seinen fehlenden Arm, dann auf Heinrich. “Weil sieben Tage kein Unterschied sind”, sagte er, “Das weiß jeder, außer Versicherungen.

” In der Werkstatt von Reparatur Lenz in Hamburg Altona, auf dem Regal über dem Arbeitstisch, steht eine silberne Taschenuhr, auf der Rückseite graviert: KL 1938. Sie läuft. Das Morgenlicht fällt jeden Tag durch das Schaufenster der alten Werkstatt in Altona und liegt auf der Uhr.

 Es bleibt eine Weile, dann zieht es weiter. Wenn dich diese Geschichte erreicht hat, tu mir einen gefallen.

 

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