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Als der britische Offizier die Lok aufgeben wollte – der alte Schlosser rettete die Kohlezüge

Es ist kurz nach 5 Uhr morgens im Dezember 1946 noch dunkel über dem Bahnbetriebswerk Bielefeld und die Kälte ist so tief, dass sie das Metall selbst zum Klingen bringt, wenn ein Hammer dagegen schlägt. Auf Gleis 4 steht eine Lokomotive der Baureihe 52, eine sogenannte Kriegslock mit 20 beladenen Wagons Ruhkohle im Schlepp und sie rührt sich nicht von der Stelle.

 Der Injektor, jenes kleine unscheinbare Messingteil, das dem Kessel unter Dampfdruckwasser zuführt, ist bis in den letzten Winkel durchgefroren. Ohne ihn kann die Lokomotive keinen Wasserdruck aufbauen. [musik] Ohne Wasserdruck sinkt der Kesselstand und ohne ausreichenden Kesselstand darf und wird niemand diese Maschine fahren lassen.

 Neben dem Führerstand steht Captain Edmund Talbert vom Cole Control Group der Control Commission for Germany, die Hände tief in den Taschen seines Mantels vergraben und starrt auf seine Armbanduhr, als könnte er sie durch bloßes Ansehen dazu bringen, langsamer zu laufen. Hinter ihm, mit angezogener Zündflamme in der Hand, kniet ein junger Schlosser namens Fritz Bühler vor dem Injektor, bereit, die blaue Flamme direkt gegen das gefrorene Messing zu halten.

 Machen Sie schon, sagt Telbert auf seinem holprigen Deutsch. Wir haben keine Zeit für Zärtlichkeiten mit einem Stück Metall. In diesem Moment, als Fritz den Hahn der Lötlampe bereits dreht, ertönt über den ganzen Bahnsteig hinweg ein einziger scharfer Ruf nicht anzünden. Ein älterer Mann kommt mit langen Schritten über das vereiste Gleisbett gelaufen, ohne auf sein eigenes Gleichgewicht zu achten.

Die Hand bereits ausgestreckt, um die Lötlampe zu packen, bevor sie das Messing berührt. Um zu verstehen, warum dieser Ruf in diesem Moment über allem anderen entschied, muss man nicht Stunden, sondern Jahrzehnte zurückgehen an einen anderen kalten Ort, weit im Osten in einem ganz anderen Krieg. August Went warzig Jahre alt, als er an jenem Dezember morgen 1946 über das Gleisbett rannte.

 Und er arbeitete seit über zwei Jahrzehnten als Logschlosser im Bahnbetriebswerk Bielefeld. Geboren 1897 im Ravensberger Land, war er mit 17hn Jahren als Lehrling in die Werkstatt eingetreten, in der schon sein Vater und sein Großvater gearbeitet hatten. Doch bevor er sein Handwerk in Bielefeld vollständig erlernen konnte, wurde er 1916 zur Feldeisenbahntruppe des kaiserlichen Heeres eingezogen, jener technischen Truppengattung, deren Aufgabe es war, Gleise zu verlegen, Lokomotiven instand zu halten und den Nachschub an der Front am Laufen zu

halten, weit entfernt von jedem Schützengraben. Man schickte ihn an die Ostfront nach Kongresspolen, wo deutsche Feldbahnen und requirierierte russische Lokomotiven den Nachschub für ganze Divisionen sicherten, mitten in Wintern gegen die der Dezember in Westfalen, wie wenn später oft sagte, wie ein laues Lüftchen wirkte.

 Dort in einem improvisierten Bahnbetriebswerk na Białwistock im brutalen Winter 1916 auf 1917 hatte ein alter Werkmeister namens Kowalski, ein Pole, der schon unter der zeraristischen Bahnverwaltung gearbeitet hatte und dessen Wissen die deutschen Besatzer notgedrungen respektierten, weil ohne ihn gar nichts mehr fuhr, dem 19-jährigen Wend etwas beigebracht, das in keinem Lehrbuch der Reichsbahn stand, wie man einen zugefrorenen Injektor sicher wieder zum Leben erweckt, ohne ihn zu zerstören.

 “Messing hasst schnelle Wärme”, hatte Kowalski ihm in seinem gebrochenen Deutsch erklärt, während er selbst mit einem in heißem öl getränkten Lappen arbeitete. Es zieht sich zusammen, wenn es friert. ungleichmäßig, an manchen Stellen mehr als an anderen. Kommt jetzt plötzlich Hitze von einer Flamme dazu, dehnt sich das Metall so schnell aus, dass es reißt von innen dort, wo du es nicht siehst, bis es dir in der Hand zerspringt, wenn du am wenigsten damit rechnest.

 Die einzig sichere Methode hatte der alte Pole gezeigt, war Geduld, Dampf aus dem Kessel kontrolliert über ein Ablassventil auf den gefrorenen Teil leiten, langsam in Stößen dazwischen mit heißem wasser getränkte Lappen um das Gehäuse wickeln, das Eis von außen nach innen auftauen lassen, nie von innen nach außen erzwingen.

 Es dauerte länger als eine Flamme, aber es funktionierte und es zerstörte kein einziges Bauteil, dass man in jenem Winter 1000 km von jedem Ersatzteillager entfernt ohnehin nicht hätte ersetzen können. Bent erlebte in jenem Winter auch das Gegenteil, einen jungen Kameraden, kaum älter als er selbst, der aus reiner Ungeduld eine Lötlampe an einen zugefrorenen Wasserstandsanzeiger hielt, weil ein Offizier auf schnelle Ergebnisse drängte und er wenige Minuten später zusehen musste, wie das Glas mit einem Knall zersprang und die Lokomotive

für drei Tage ausfiel, statt für 20 Minuten. Kowalski, der das Malur wortlos begutachtete, sagte nur einen Satz, den Wend sein Leben lang behielt. Die Eile des Offiziers ist nicht dein Problem. Dein Problem ist das Metall, und das Metall hat es nicht eilig. Went kehrte 1918 nach Bielefeld zurück mit einer Handvoll Erinnerungen, die er nie zu Papier brachte und einem Wissen in den Fingern, das er seit fast 30 Jahren nicht mehr gebraucht hatte, bis zu diesem Dezembermgen 1946.

In der Zwischenzeit hatte Went ein ganzes Leben in Bielefeld aufgebaut. Er heiratete 192 eine Weberstochte aus der Sennestadt, bekam mit ihr einen Sohn Karl, der als Kind stundenlang neben ihm in der Werkstatt saß und ihm beim Reinigen der Werkzeuge zusah, mit derselben stillen Faszination, die Wend einst selbst als Lehrling empfunden hatte.

 Karl wollte wie sein Vater Logschlosser werden und hatte gerade seine Lehre begonnen, als er 1944 mit 19 Jahren zum Volkssturm eingezogen wurde und im Frühjahr 1945 bei den Kämpfen um den Rhein ums Leben kam. Eine jener Nachrichten, die in jenen Monaten in tausend deutschen Haushalten ankamen und die Wend, wie seine Kollegen berichteten, nie wieder ganz verwandt.

 Seine Frau starb im Herbst 1945 an einer Lungenentzündung. geschwächt von Hunger und Kälte, sodass Wend im Winter 1946 allein in einer kleinen Werkswohnung nahe dem Bahnhof lebte und mehr Stunden im Bahnbetriebswerk verbrachte, als irgendjemand von ihm verlangte. Nicht weil ihn dort etwas bestimmtes erwartete, sondern weil die Werkstatt, wie er einmal zu Fritz Bühler sagte, der einzige Ort ist, an dem noch alles so funktioniert, wie es soll, wenn man sich nur genug Mühe gibt.

 Der Winter 1946 auf 1947, der später als der Hungerwinter in die Geschichte eingehen sollte, war nach übereinstimmenden Berichten der Kälteste, den Nordwesteuropa seit Menschengedenken erlebt hatte. Der Rein fr in der britischen und französischen Zone auf einer Länge von rund 60 km zu, sodass Kohle Käe, die sonst den Großteil des Transports übernahmen, wo stillen.

Was auf dem Wasserweg nicht mehr befördert werden konnte, musste die Eisenbahn zusätzlich schultern, ausgerechnet in einem Land, dessen Schienennetz erst zur Hälfte wieder instand gesetzt war und dessen Lokomotivpark noch immer unter dem Mangel an Ersatzteilen litt. Bielefeld war in diesen Monaten kein gewöhnlicher Bahnhof.

 Bis zum Jahresende 1946 hatte hier die Reichsbahngeneraldirektion für das britische Besatzungsgebiet ihren Sitz, die zentrale Verwaltung, von der aus jeder Kohlezug der Zone koordiniert wurde. Was in Bielefeld ins Stocken geriet, geriet in der gesamten britischen Zone ins Stocken und Kohle war in jenem Winter keine gewöhnliche Ware.

 In Köln plünderten verzweifelte Menschen bis zu 18 000 Tonnen Kohle. täglich von haltenden Zügen, sodass die britische Militärregierung schließlich bewaffnete Wachen auf die Kohlezüge stellen musste, nur um sie überhaupt ans Ziel zu bringen. Auf den Bahnsteigen von Bielefeld wurde in jenen Wochen so gut wie kein Zug ohne Bewachung mehr abgefertigt, seit auch hier wie anderen Orts in der Zone hungrige und frierende Menschen versucht hatten, sich von den langsam vorbeirollenden Kohlewagons zu bedienen.

 Der Zug, der an diesem Dezembermgen auf Gleis 4 stand, war für das städtische Krankenhaus Bielefeld bestimmt, dessen Kohlevorrat, wie der Verwalter am Vortagisch mitgeteilt hatte, für keine drei Tage mehr reichte. Es ging nicht um Komfort. Es ging darum, ob in den Krankensälen, in denen Säuglinge und alte Menschen in dünnen Decken lagen, die Öfen am brennen blieben oder nicht.

 Und jede Stunde, die Zug auf dem vereisten Gleisbett verlor, war eine Stunde, die man in den Krankenseälen unmittelbar zu spüren bekommen würde. Captain Admond Talbert wusste all das und genau das triebile. Er war kein grausamer Mann und auch kein besonders ungeduldiger, jedenfalls nicht in gewöhnlichen Zeiten. Aber er stand seit sechs Wochen unter einem Druck, der von London bis in die kleinste Dienstanweisung der Cole Control Group durchsickerte.

 Jede Verzögerung eines Kohlezuges wurde inzwischen bis ins Kriegskabinett hinaufgemeldet, seit Berichte über frierende Krankenhäuser und Schulen, die britische Presse erreicht hatten. Als er an jenem Morgen erfuhr, dass ausgerechnet der Krankenhauszug wegen eines eingefrorenen Bauteils feststeckte, sah er nur zwei Möglichkeiten.

 Bauteil sofort mit Gewalt frei zu bekommen oder die Lokomotive abzukoppeln und durch eine andere zu ersetzen, was nach seiner Einschätzung mindestens vier weitere Stunden gekostet hätte, die das Krankenhaus nicht hatte. Als der alte Schlosser mit der ausgestreckten Hand auf ihn zulief und nicht anzünden rief, hielt Telber das im ersten Moment für nichts weiter als die Zaghaftigkeit eines Mannes, der seine besten Jahre hinter sich hatte und sich vor Verantwortung scheute.

 “Wer sind Sie, dass Sie mir hier hineinren?”, fragte er scharf, während Went die Lötlampe aus Fritz Bülers Hand nahm und den Hahn zudrehte. “Ich arbeite seit 26 Jahren an diesen Maschinen, Captain”, antwortete Went ruhig, ohne die Stimme zu heben. “Und ich sage Ihnen, wenn dieser junge Mann diese Flamme ans Messing hält, reißt der Injektor von innen.

 Dann haben Sie nicht vier Stunden Verzögerung, sondern zwei Tage, weil wir dann auf ein Ersatzteil warten müssen, dass es in ganz Westfalen vielleicht nicht einmal gibt.” Talbert musterte den alten Mann einen Moment lang, den öligen Blaumann, die vernarbten Hände, die tiefen Falten um die Augen, die von Jahrzehnten in zugigen Werkstätten erzählten.

 Und in seinem Gesicht stand deutlich zu lesen, dass er dieser Einschätzung wenig Vertrauen entgegenbrachte. “Und was schlagen Sie stattdessen vor, dass wir warten, bis das Ding von selbst auftaut?”, fragte er, den Sarkasmus kaum verbergend. “Ich schlage vor, dass Sie mir 20 Minuten geben”, sagte Went. Keine Flamme. Dampf aus dem Ablaßventil in Stößen und heißes Wasser von außen.

 Es dauert länger, aber es funktioniert und es zerstört nichts. Der Kompanieverwalter der Reichsbahn, der neben T und ebenfalls unter dessen Druck arbeitete, warf ein zögerliches Wort für Wend ein. Er kenne den alten Schlosser seit Jahren. Er sei der zuverlässigste im ganzen Werk. Talbert sah auf seine Uhr, dann auf die lange Reihe der wartenden Kohlewagons, dann noch einmal auf Wend.

Minuten”, sagte er schließlich, “Keine Sekunde mehr. Und wenn es nicht funktioniert, übernehme ich persönlich die Verantwortung dafür, dass diese Lokomotive verschrottet und durch eine andere ersetzt wird, egal was das kostet.” Went nickte nur knapp und machte sich sofort an die Arbeit. Er schickte Fritz Bühler, den jungen Schlosser, der die Lötlampe hatte halten sollen, los, um einen Eimer mit kochendem Wasser aus der Werkstatt Küche zu holen und begann selbst das Ablassventil am Kessel zu öffnen, ganz behutsam, sodass ein dünner Dampfstrahl

mit einem leisen Zischen über den gefrorenen Injektor strich. Er wiederholte diesen Vorgang mehrmals. In kurzen Stößen von wenigen Sekunden dazwischen legte er die Handfläche flach auf das Messingehäuse, um zu spüren, wie weit die Wärme bereits vorgedrungen war. eine Technik, die er seit fast 30 Jahren nicht mehr angewendet hatte und die ihm dennoch in den Fingern lag, als wäre es gestern gewesen.

 Als Fritz mit dem heißen Wasser zurückkam, tränkte Wend mehrere Lappen darin und wickelte sie sorgfältig um das Gehäuse des Injektors, wechselte sie aus, sobald sie abkühlten, wieder und wieder, während um ihn herum eine kleine Gruppe von Werkstattarbeitern, Bahnamten und schließlich auch Telbert selbst zusahen in eisiger Kälte.

Den Atem in weißen Wolken vor dem Gesicht. Niemand sprach. Man hörte nur das leise Zischen des Dampfes, das Tropfen von schmelzendem Eis auf das Gleisbett und gelegentlich das Klicken von Talberts Taschenuhr, die er alle paar Minuten aus der Manteltasche zog. In den ersten Minuten geschah scheinbar nichts.

 Das Messing blieb kalt unter Wenz Handfläche, das Eis im Inneren unverändert und mehr als einer der Umstehenden warf besorgte Blicke zu Talbert hinüber, dessen Kiefer sich sichtbar anspannte, ohne dass er ein Wort sagte. Went, selbst schien das nicht zu beunruhigen. Er arbeitete in einem eigenen fast meditativen Rhythmus. Dampf, Lappen, Handfläche Dampf, Lappen, Handfläche, als hätte die Uhr, die Talbert alle paar Minuten aus der Manteltasche zog, für ihn keine Bedeutung mehr.

 Nach etwa Minuten begann sich am unteren Rand des Injektorgehäuses ein dünner Wasserfilm zu bilden. Ein Zeichen, das Eis im Inneren zu schmelzen begann, statt sich weiter zu verhärten. Went arbeitete unbeirrt weiter, ohne die Geschwindigkeit zu erhöhen, obwohl jeder um ihn herum spürte, wie die Zeit lief. Jetzt nicht hetzen”, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu irgendjemandem, als Fritz vorschlug, den Dampfstärker aufzudrehen, um schneller fertig zu werden.

 Wer jetzt hetzt, verliert alles, was wir in den letzten 10 Minuten gewonnen haben. Bei Minute 17 öffnete er das Ablassventil ein letztes Mal, hielt inne, legte sein Ohr fast an das Metall, so wie ein Arzt einem Patienten lauscht und richtete sich dann auf. Jetzt, sagte er und wies den Heizer an, den Injektor vorsichtig zu betätigen.

 Ein Zischen, ein Stottern, dann ein gleichmäßiges sattes Rauschen von Wasser, das seinen Weg in den Kessel fand, wie es tausende Male zuvor getan hatte und wie es an diesem Morgen niemand mehr für möglich gehalten hatte. Der Kessel stand, der die ganze Nacht über gefährlich gesunken war, begann sichtbar zu steigen. Ein leiser erleichterter Ausruf ging durch die kleine Gruppe der Umstehenden und selbst der junge Fritz Bühler, der noch vor einer halben Stunde bereit gewesen war, mit offener Flamme zu arbeiten, schlug Wend anerkennend auf die

Schulter. Talbert sagte zunächst nichts. Er trat näher an die Lokomotive heran, betrachtete den nun unversehrten Injektor, aus dem gleichmäßig Wasser in den Kessel strömte. Und dann sah er auf seine Taschenuhr. Minuten und 40 Sekunden waren seit seiner Zusage vergangen. “Sie hatten noch 20 Sekunden übrig”, sagte er schließlich, und in seiner Stimme lag zum ersten Mal an diesem Morgen kein Spott, sondern etwas, dass man vorsichtig als Respekt hätte bezeichnen können.

 “Wie haben Sie das gewusst?” Mit dem Dampf, mit den Lappen. Das steht in keinem Handbuch, dass ich je gesehen habe. Went wischte sich die Hände an einem öligen Tuch ab, bevor er antwortete, mit derselben ruhigen Sachlichkeit, mit der er die ganze Zeit übergearbeitet hatte. Das habe ich nicht aus einem Handbuch, Captain. Das hat mir ein alter Pol gezeigt im Winter 1916 an einer Front, die es heute nicht einmal mehr auf der Landkarte gibt.

 Er sagte mir damals: “Metall vergisst nicht, wie man mit ihm umgeht. Man muß nur alt genug sein, um sich noch daran zu erinnern, wer es einem gezeigt hat. Talbert betrachtete den alten Schlosser einen Moment lang schweigend, dann reichte er ihm, was in diesem Moment auf einem vereisten Gleisbett in Bielefeld eine ungewöhnliche Geste war. Die Hand.

Danke, Mr. Went, ich glaube, ich habe Sie heute morgen falsch eingeschätzt. Der Zug fuhr umrund ab mit gerade einmalig Minuten Verspätung gegenüber dem ursprünglichen Fahrplan und traf noch am selben Vormittag am städtischen Krankenhaus ein, wo die Öfen in den folgenden Tagen, wie der Verwalter später berichtete, ohne weitere Unterbrechung brannten.

 Für die Ärzte und Pflegerinnen dort war es nur eine von unzähligen Lieferungen in jenem harten Winter, eine Randnotiz in einem Monat voller Mangel. Niemand von ihnen erfuhr je, dass ein neun-jähriger Feldeisenbahner, der 30 Jahre zuvor in einem fremden Winter an einer längst vergessenen Front von einem polnischen Werkmeister etwas gelernt hatte, das ihn genau in diesem Moment retten sollte.

 August Went selbst sprach in den folgenden Jahren nur selten von jenem Dezembermorgen, wenn ihn jüngere Kollegen im Bahnbetriebswerk fragten, woher sein Wissen über die alten Maschinen komme, das ihm den Ruf des zuverlässigsten Mannes der Werkstatt eingebracht hatte, antwortete er meist nur: “Man müsse einer Maschine Zeit geben, bevor man ihr Gewalt antuh.

” Ein Satz, der wie eine kleine Weisheit aus der eigenen Erfahrung klang, ohne daß die meisten je erfuhren, dass er ursprünglich von einem Mann stammte, dessen Namen die Geschichte sonst nirgendwo festgehalten hat. Captain Talbert, so berichtete es Jahre später ein Kollege aus der Cole Control Group, erwähnte den Vorfall in seinem eigenen Bericht an die vorgesetzte Dienstelle mit einem Satz, der über die trockene Sprache solcher Meldungen deutlich hinausging, dass die Erfahrung der einheimischen Facharbeiter, so ungewohnt

es für manche britische Offiziere sein mochte, in diesem Winter oft mehr wert sei als jede Vorschrift aus London. Es ist eine kleine Geschichte verglichen mit den großen Ereignissen jenes bitteren Winters. Kein Vertrag, keine Rede, kein Ereignis, das in die Geschichtsbücher einging. Kein Zeitungsredakteur in London oder Bielefeld hielt sie für berichtenswert kein Denkmal erinnert an sie und selbst im Bahnbetriebswerk selbst verblasste sie mit den Jahren zu einer jener Werkstattgeschichten, die nur noch die Ältesten kannten. Aber sie erzählt

etwas, dass sich in unzähligen Werkstätten, Bahnhöfen und Fabrikhallen der Nachkriegszeit auf ähnliche Weise wiederholte, wenn auch fast nie mit Zeugen und fast nie mit einer Feder, die es festhielt, das Vertrauen zwischen ehemaligen Feinden selten mit einem einzigen großen Moment begann, sondern mit kleinen unscheinbaren Beweisen, einem Injektor, der nichts zerbrach, weil ein alter Mann sich an einen noch älteren erinnerte, an einen polnischen Werkmeister.

dessen Namen sonst niemand mehr kennt und mit einem britischen Offizier, der an einem bitterkalten Dezember Morgen bereit war, seine Uhr zwanzig Minuten lang stillzuhalten, genau hinzusehen und am Ende zuzugeben, daß er sich geirrt hatte. M.

 

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