Als alle den britischen Hund aufgeben wollten – der deutsche Rekrut erkannte, warum er biss
Der Schäferhund reißt sich nach vorne, die Zähne blitzen im grauen Morgenlicht und Hauptfeldwebel Dietrich Rambo taumelt zurück, die Lederleine noch in der Faust, während um ihn herum drei Rekruten erstarren. Niemand rührt sich. Der Hund, ein kräftiger dunkel gezeichneter deutscher Schäferhund, den alle nur Rex nennen, steht mit gesenktem Kopf da, die Ohren flach angelegt, ein tiefes Knurren in der Brust, als hätte man ihm etwas angetan.
dass keiner der Anwesenden begreift. Rambo hebt die Hand, bereit, den Hund mit einem harten Ruck an der Leine zurechtzuweisen, so wie er es ein Dutzend Mal an diesem Morgen schon versucht hat. Und in diesem Moment, einen Atemzug, bevor die Situation kippt, tritt ein 19-jähriger Rekrut aus der Reihe. Sein Name ist Manfred Lena und er ist gerade einmal dre Wochen in Koblens Bubenheim.
Um zu verstehen, wie es zu diesem Morgen kam, muß man zurückgehen nicht Monate, sondern Jahre in ein anderes Deutschland, das gerade erst wieder lernte, was es bedeutet, eine eigene Armee zu haben. Manfred wächst im Allgäu auf, auf einem kleinen Hof am Rand eines Dorfes, wo sein Vater und sein Großvater vor ihm Schafe hielten und mit ihnen Generationen von altdeutschen Hüterhunden.
Für die Familie Lena ist ein Hund kein Werkzeug und kein Schmuckstück, sondern ein Mitglied des Hofes mit eigenem Charakter, dass man lesen lernen muss wie ein Buch, die Ohrenstellung, die Schwanzhaltung, die Art, wie sich das Fell im Nacken aufstellt, wenn etwas nicht stimmt. Manfred ist noch keine sechs Jahre alt, als sein Großvater ihm zum ersten Mal zeigt, wie man einem verängstigten Hund begegnet, nicht mit lauter Stimme, sondern mit Geduld, mit einer Hand, die sich langsam nähert und dem Tier Zeit lässt, selbst zu entscheiden, dass keine
Gefahr droht. “Ein Hund, der nicht gehorcht, ist meistens kein schlechter Hund”, sagt der Großvater einmal zu ihm, “dährend sie gemeinsam einen jungen Rüden an die Herde gewöhnen. Er hat nur noch nicht verstanden, was du von ihm willst. Und das ist dein Fehler, nicht seiner.
Diese Lektion bleibt bei Manfred auch als der Krieg längst vorbei ist und Westdeutschland sich in den Wiederaufbau stürzt. Die Familie Lena hat Glück gehabt. Der Hof liegt abseits der großen Frontlinien und obwohl die Nachkriegsjahre hart sind, bleibt die Tradition der Hütehunde erhalten. Manfred besucht die Realschule im nächsten größeren Ort, wo Englisch inzwischen zum festen Lehrplan gehört.
Ein stiller Nachhall der neuen politischen Wirklichkeit, in der Westdeutschland zunehmend an die westlichen Alliierten gebunden ist. Er ist kein Musterschüler in diesem Fach, aber er hat ein gutes Ohr und die einfachen Kommandosätze und Alltagspasen bleiben bei ihm hängen, so wie sie bei einem der Sprachen eher hört als liest hängen bleiben.
Als Jahr 1955 die Bundesrepublik Deutschland offiziell wieder eine eigene Streitkraft aufstellen darf, ist das im ganzen Land ein Ereignis, über das die Menschen unterschiedlich denken. Manche sehen darin die längst überfällige Rückkehr staatlicher Normalität. Andere blicken mit Unbehagen auf jede Uniform, die an vergangene Zeiten erinnern könnte.
Für Manfred, mittlerweile 18 ist es vor allem eine Gelegenheit. Er hat auf dem Hof seines Vaters keine Zukunft. Sein älterer Bruder wird ihn ohnehin erben und die neu gegründete Bundeswehr sucht Freiwillige, darunter wie Manfred bei einer Informationsveranstaltung in Kempton erfährt, auch für den Aufbau eines gänzlich neuen Bereichs, die Diensthundeusbildung.
Als er hört, dass die ersten Hundestaffeln in Koblens Bubenheim entstehen und dass man dort Rekruten mit Erfahrung im Umgang mit Hunden sucht, zögert er keine Sekunde. Die Fahrt nach Koblens im Frühjahr 1958 ist für Manfred die längste Reise seines Lebens. Die Kaserne in Bubenheim ist noch im Aufbau begriffen.
Provisorische Unterkünfte, halbfertige Übungsplätze, ein Alltag, der sich Stück für Stück erst noch finden muss, so wie die ganze junge Bundeswehr selbst. Es gibt keine jahrzehnte alten Traditionen, an denen man sich orientieren könnte, keine eingespielten Abläufe. Alles wird gerade erst erfunden und das gilt besonders für die Hundestaffel, die als eine der ersten ihrer Art in der neuen Armee aufgebaut wird.
Was Manfred bei seiner Ankunft überrascht, ist, daß die ersten ausgebildeten Diensthunde nicht aus deutschen Zwingern stammen, sondern von der britischen Reheinarmee übernommen werden. Im Rahmen der engen Zusammenarbeit zwischen der jungen Bundeswehr und den westlichen NATOPartnern schicken die Briten erfahrene Hundeführer des Royal Army Veterinary Cor nach Bubenheim, um bei der Übergabe der Tiere zu helfen und die deutschen Rekruten in den Grundlagen der Wach und Schutzhundeusbildung zu unterweisen.
Es ist ein seltsames Bild für Manfred. britische Unteroffiziere in ihrer offenen Battle Dress, die mit deutschen Rekruten in noch ungewohnten grünen Feldanzügen über den staubigen Übungsplatz gehen, während zwischen ihnen ein gutes Dutzend Schäferhunde an ihren Leinen ziehen. Zwei Nationen, die sich vor gerade einmal 13 Jahren noch im Krieg gegenüber standen, arbeiten nun gemeinsam daran, eine neue deutsche Armee aufzubauen.
Und ausgerechnet die Hunde sind es, die als erste diese Verbindung tragen müssen. Unter den Tieren, die übergeben werden, sticht einer besonders hervor. Ein kräftiger, misstrauischer Rüde namens Rex, der von einem britischen Corporal namens Yates geführt wird. Jates ist ein ruhiger, methodischer Mann, der Rex über zwei Jahre lang selbst ausgebildet hat und die Bindung zwischen den beiden ist unübersehbar.
Rex gehorcht aufs Wort, allerdings ausschließlich auf Englisch. Sit, stay, heel, down. Diese vier Worte sind das gesamte Vokabular, mit dem der Hund seine Welt organisiert. Und Jates, der die Übergabe an die Deutschen vorbereitet, erwähnt das nur beiläufig fast wie eine Randnotiz, während er den deutschen Ausbildern die Papiere und Impfnachweise übergibt.
Niemand auf deutscher Seite scheint der Bemerkung viel Gewicht beizumessen. Warum auch, ein Hund ist ein Hund. Und Kommandos sind Kommandos. Man wird ihm eben die deutschen Wörter beibringen, so wie man es mit jedem neuen Diensthund tut. Manfred jedoch hört genau hin. Während der gemeinsamen Übungstage beobachtet er, wie Jates mit Rex arbeitet, wie der Hund bei jedem einzelnen englischen Wort reagiert, noch bevor Jates überhaupt eine Geste macht.
Es ist nicht nur gehorsam, es ist etwas Tieferes. Eine über Monate gewachsene Sprache zwischen Mensch und Tier, die weit über bloße Dressur hinausgeht. Manfred erinnert sich an die Worte seines Großvaters. Ein Hund, der nicht gehorcht, hat meistens nur noch nicht verstanden, was man von ihm will. Nach 10 Tagen gemeinsamer Ausbildung reisen die britischen Hundeführer ab.
Corporal Yates verabschiedet sich kurz von Rex, kniet sich zu ihm herunter, sagt: “Good Boy!” und geht ohne sich noch einmal umzudrehen. Ein knapper disziplinierter Abschied, wie ihn Soldaten oft üben, um sich selbst nicht zu verraten. Von diesem Moment an liegt die Verantwortung für Rex allein bei den deutschen Ausbildern und Hauptfeldwebel Rambo, ein erfahrener, aber ungeduldiger Mann alter Schule, übernimmt die Führung der Übungen.
Am folgenden Morgen beginnt das Problem. Rambo ruft: “Sitz! Rex reagiert nicht. Er ruft es lauter, härter. Sitz. Verdammt. Der Hund weicht zurück, die Ohren angelegt, unsicher, was von ihm verlangt wird. Rambo, der glaubt, es mit einem störrischen oder schlechterzogenen Tier zu tun zu haben, geht näher heran und zerrt an der Leine, um Rex physisch in die Sitzposition zu zwingen.
Für den Hund, der nichts von alledem versteht, weder die fremden Laute noch den plötzlichen harten Zug an seinem Hals, ist das der Moment, in dem aus Verwirrung Angst wird und aus Angst Abwehr. Er knurrt, weicht aus und als Rambo ein zweites Mal zieht, schnappt er beinahe zu. In den folgenden Tagen wiederholt sich diese Szene mit unheilvoller Regelmäßigkeit.
Verschiedene Ausbilder versuchen es, jeder auf seine Weise und jedes Mal endet es in derselben Sackgasse. Befehl, Nichtreaktion, Wiederholung mit mehr Nachdruck, Verweigerung manchmal ein Knurren, einmal beinahe ein Biss. In der Kantine beginnt man über Rex zu sprechen, der englische Hund, der nicht zu gebrauchen sei.
Ein Fehlkauf, den man besser aussortieren sollte, bevor er jemanden ernsthaft verletzt. Rambo, der den Ruf seiner noch jungen Staffel nicht beschädigt sehen will, neigt zunehmend dazu, genau das vorzuschlagen, den Hund als untauglich zu melden und ihn aus dem Bestand zu entfernen. Manfred hört diese Gespräche mit wachsendem Unbehagen.
Er hat in den letzten Tagen beobachtet, wie sich das Verhalten des Hundes verändert, nicht aggressiver wird, sondern verängstigter, vorsichtiger wie ein Tier, das gelernt hat, dass jede Annäherung von Menschen mit Unverständnis und harten Griffen endet. Es erinnert ihn an einen jungen Hütehund auf dem Hof seines Vaters, der einst von einem ungeduldigen Saisonarbeiter grob behandelt worden war und danach wochenlang jedem Menschen misstraute, der zu schnell auf ihn zuging.
Der Hund war damals nicht bösartig gewesen. Er hatte nur Angst gehabt und niemand hatte sich die Zeit genommen, herauszufinden, warum. Abends, wenn die anderen Rekruten in der Kantine sitzen und Karten spielen, geht Manfred manchmal allein am Zwinger vorbei, in dem Rex untergebracht ist, getrennt von den übrigen Hunden, weil man ihn inzwischen als Risiko einstuft.
Er bleibt nicht stehen, spricht den Hund nicht an, will keinen Verdacht erregen, daß er sich in Dinge einmischt, die ihn nichts angehen. Aber er beobachtet genau, wie Rex reagiert, wenn Stimmen vorbeiziehen, wie seine Ohren sich bei bestimmten Tonlagen aufstellen und bei anderen flach bleiben. Einmal hört er, wie ein Koch in der Küche im Scherz “Come on Boy” zu einem anderen Rekruten ruft und sieht, wie Rex im selben Moment am Zwingergitter auftaucht, den Kopf schräg gelegt, aufmerksam, fast hoffnungsvoll.
“Es ist ein kleines Detail, das jedem anderen entgangen wäre. Für Manfred ist es eine Bestätigung dessen, was er längst vermutet. Doch Manfred ist neu, der jüngste und unerfahrenste Rekrut in der Staffel und er zögert sich vorzudrängen. Was soll einjähriger aus dem Allgu, einem Hauptfeldwebel, schon zu sagen haben, der seit Jahren im Dienst ist? Und das noch dazu in einer so jungen, unsicheren Truppe, die selbst erst ihren Platz und ihre Autorität finden muss? Also schweigt er zunächst, sammelt im Stillen weitere
Beobachtungen, auch wenn ihm keine Ruhe lästt, was er sieht. Das Rex bei jedem englischen Wort, das zufällig in einem anderen Zusammenhang fällt, ein Ausbilder, der beim Kartenspielen Stay zu einem Kameraden sagt. ein Rekrut, der im Scherz Sit Down ruft, kurz die Ohren aufstellt, als würde etwas in ihm anspringen.
Er wartet auf den richtigen Moment, um seine Beobachtung vorzubringen. Doch der Morgen, der ihm diese Entscheidung schließlich abnimmt, kommt früher, als ihm lieb ist und lässt für langes zögern keine Zeit mehr. An jenem entscheidenden Morgen, drei Wochen nach der Übergabe, eskaliert die Situation endgültig. Rambo, mittlerweile sichtlich frustriert, unternimmt einen letzten Versuch, Rex im Beisein der versammelten Rekruten zum Gehorsam zu zwingen, bevor er ihn offiziell zur Aussung meldet.
Er ruft die Kommandos einmal, zweimal, dreimal, jedes Mal lauter und als der Hund weiter verweigert, packt er die Leine mit beiden Händen und reißt daran. Rex in die Enge getrieben, fährt herum, die Zähne blitzen. Rambo taumelt zurück und genau in diesem Moment, den Atemzug, bevor jemand eingreift oder etwas Schlimmeres geschieht, tritt Manfred aus der Reihe.
Er hebt beide Hände nicht in Richtung des Hundes, sondern beruhigend in Richtung seines Vorgesetzten. Herr Hauptfeldwebel, darf ich etwas versuchen? Rambo, außer Atem und sichtlich angespannt, starrt ihn einen Moment lang an, bereit den jungen Rekruten zurecht zuweisen. Doch etwas in Manfreds ruhiger Stimme, in seiner Haltung, die Hände offen, der Blick nicht auf den Hauptfeldwebel, sondern auf den Hund gerichtet, lässt ihn zögern.
“Sie haben 10 Sekunden”, sagt er schließlich und tritt einen Schritt zurück. Manfred geht nicht direkt auf Rex zu. Er bleibt stehen, senkt den Blick leicht, so wie sein Großvater es ihm vor Jahren beigebracht hat, und läßt seine Schultern sinken, jede Spannung aus seinem Körper nehmen. Dann mit ruhiger, fast beiläufiger Stimme sagt er einziges Wort: “Sit.
Die Wirkung ist sofort sichtbar. Rex Ohren richten sich auf. Der Körper entspannt sich merklich, und ohne zu zögern setzt sich der Hund hin, den Blick fest auf Manfred gerichtet, als hätte man ihm endlich wieder eine vertraute Sprache angeboten. Nach Tagen des Schweigens in einer Fremden auf dem Übungsplatz ist es vollkommen still.
Rambo starrt auf den sitzenden Hund, dann auf Manfred, als könne er nicht recht glauben, was er sieht. Wie, sagt er schließlich. Hast du das gemacht? Manfred erklärt es so einfach, wie es sich für ihn selbst darstellt. Rex kennt kein Deutsch. Er ist von einem britischen Ausbilder trainiert worden, der ausschließlich englische Kommandos benutzt hat.
Sit, Stay, heel, down. Und niemand hat sich seit der Übergabe die Mühe gemacht, dem Hund die deutschen Entsprechungen tatsächlich beizubringen. Man hat erwartet, daß er einfach versteht, was gemeint ist, so wie man es von einem Menschen erwarten würde, der eine fremde Sprache über Nacht lernt. Für Rex war jedes Sitz, jedes Platz, nichts als Lärm, bedrohlicher Lärm, begleitet von harten Griffen an der Leine, der mit jedem Tag beängstigender wurde.
Er war nie ungehorsam. Er hatte nur nie verstanden, was verlangt wurde. Rambo schweigt lange. Ein Hauptfeldwebel, der gerade von einem seiner jüngsten Rekruten eines Besseren belehrt wurde, ist keine angenehme Situation. Doch Rambo ist auch ein Mann, der Fakten anerkennt, wenn sie ihm so unmißverständlich vor Augen geführt werden.
Zeig es mir noch einmal, sagt er schließlich und Manfred lässt Rex ein weiteres Kommando ausführen. Dann noch eines. Jedesmal reagiert der Hund prompt und ohne Zögern, solange die Worte Englisch sind. In den folgenden Wochen wird Manfred offiziell mit der Aufgabe betraut, Rex schrittweise von den Englischen auf die deutschen Kommandos umzustellen.
Eine Arbeit, die Geduld verlangt und die niemand sonst in der Staffel bereit ist zu übernehmen. Jeden Abend, wenn der reguläre Dienst vorbei ist, geht Manfred mit Rex auf den kleinen provisorischen Übungsplatz hinter den Unterkünften. Er beginnt jedes englische Kommando mit dem entsprechenden deutschen Wort zu koppeln.
Ein Sit gefolgt, unmittelbar von einem sanften Sitz, bis der Hund beginnt, die Verbindung selbst herzustellen. Es ist dieselbe Methode, die sein Großvater einst mit einem verängstigten jungen Rüden auf dem Hof angewendet hat. keine Härte, sondern Wiederholung, Geduld, ein System, das dem Tier Sicherheit gibt, statt sie ihm zu nehmen.
Rambo, der die Fortschritte aus einiger Entfernung beobachtet, ohne sich zunächst weiter einzumischen, beginnt langsam seine Meinung über den jungen Rekruten aus dem Allgu ändern. Was er zunächst als Anmaßung empfunden hatte, ein Neuling, der sich vor versammelter Mannschaft über seinen Vorgesetzten hinwegsetzt, erkennt er nach und nach als etwas anderes.
Eine Art von Aufmerksamkeit, die man nicht in einer Ausbildungsvorschrift lernt. Als nach drei Wochen die letzten Zweifel ausgeräumt sind und Rex zuverlässig auf beide Sprachen reagiert, ist es Rambo selbst, der vorschlägt, dass Manfred fort an offiziell als Hundeführer für Rex eingeteilt wird. Was zwischen Manfred und Rex in jenen Wochen entsteht, ist mehr als eine erfolgreiche Umschulung.
Es ist eine Partnerschaft, die auf genau jenem Prinzip beruht, dass Manfred als Kind gelernt hat. Dass ein Tier, das nicht gehorcht, fast immer etwas zu sagen versucht, das noch niemand gehört hat. Rex, der in den ersten Wochen in Bubenheim als gefährlich und unbrauchbar galt, entwickelt sich innerhalb weniger Monate zu einem der zuverlässigsten Hunde der gesamten Staffel.
Nicht trotz seiner Geschichte, sondern gerade wegen der Geduld, mit der jemand bereit war, sie zu verstehen. Für Manfred selbst ändert sich in diesen Monaten mehr, als er zu Beginn seines Dienstes erwartet hätte. Aus dem unsicheren Neuling, der sich kaum traute, seinem Vorgesetzten zu widersprechen, wird jemand, dem man zunehmend die schwierigeren Fälle anvertraut, Hunde, die aus welchen Gründen auch immer nicht in das gewohnte Ausbildungsschema passen, deren Verhalten sich nicht mit den Standardmethoden erklären lässt.
Rambo selbst, der in den ersten Wochen kaum ein Wort mit dem jungen Rekruten aus dem Allgwechselt hatte, wird zu einer Art Fürsprecher der Manfred gegenüber anderen Vorgesetzten als denjenigen beschreibt, der mit den Augen eines Hundes denkt, nicht mit den Ohren eines Feldwebels. ein Kompliment, dass er nur widerwillig zugibt, aber wiederholt genug ausspricht, dass es sich in der Staffel herumspricht.
Als im Herbst desselben Jahres eine Gruppe von Offizieren aus dem Verteidigungsministerium die neue Hundestaffel in Bubenheim besucht, um sich ein Bild vom Aufbau dieses ungewöhnlichen neuen Bereichs der Bundeswehr zu machen, ist es Rex, den man Ihnen als Vorzeigebeispiel für die gelungene Ausbildung präsentiert, der Hund, der aus britischem Dienst kam und nun ebenso zuverlässig deutschen Kommandos folgt, geführt von einem 19-jährigen Rekruten, der aus einer Familie von Schafhirten stammt.
Die Offiziere applaudieren höflich, notieren sich Zahlen und Ausbildungsfortschritte für ihre Berichte und ziehen weiter zum nächsten Programmpunkt ihres Besuchs. Niemand in dieser Runde erwähnt an jenem Tag die Woche, in der man kurz davor stand, den Hund für untauglich zu erklären. Nur Rambo, der am Rand des Vorführplatzes steht und zusieht, wie Manfred und Rex im Gleichschritt über den Platz gehen, weiß, wie nah diese Geschichte tatsächlich daran war, ganz anders zu enden.
Jahre später, als die Bundeswehr längst zu einer etablierten Institution geworden ist und die Diensthundeschule in Koblens-Bubenheim zu einer festen Einrichtung herangewachsen ist, erinnert man sich dort gelegentlich noch an die Anfänge, an jene ersten unsicheren Monate, in denen Menschen zweier Nationen, die sich wenige Jahre zuvor noch als Feinde gegenüberstanden, gemeinsam lernen mussten, einander und ihren Tieren zu vertrauen.
Es ist eine kleine Geschichte verglichen mit den großen politischen Entscheidungen jener Jahre. Doch sie erzählt etwas, das größere Geschichten oft übersehen, dass Verständigung selten an großen Reden hängt, sondern an der Bereitschaft eines Einzelnen genau hinzuhören, wo andere längst aufgegeben haben zuzuhören.
Manfred Lena bleibt bis zum Ende seiner Dienstzeit bei der Hundestaffel, bildet später selbst jüngere Rekruten aus und gibt die Lektion seines Großvaters weiter, fast wortgleich. an jeden, der bereit ist zuzuhören. Ein Hund, der nicht gehorcht, hat meistens nur noch nicht verstanden, was man von ihm will. Und manchmal, fügt er hinzu, liegt der Fehler nicht beim Hund, sondern bei der Sprache, in der man mit ihm spricht. M.