Warum die DDR ihre „Traudel“ liebte – Das schillernde, schmerzhafte und unvergessliche Leben der Eva-Maria Hagen T
Warum die DDR ihre „Traudel“ liebte – Das schillernde, schmerzhafte und unvergessliche Leben der Eva-Maria Hagen
Es ist das Jahr 1957. Im Kinosaal blicken hunderte Augenpaare gebannt auf die Leinwand. Eine junge, ungestüme Frau steht mitten auf dem geschäftigen Berliner Alexanderplatz, als ihr plötzlich ein kräftiger Windstoß unter den Rock fährt. Eine Szene von solcher Frechheit und Leichtigkeit hatte man in den DEFA-Studios bis zu diesem Tag kaum gesehen. Regisseur Kurt Metzig hatte sich diesen unvergesslichen Effekt unverkennbar bei Marilyn Monroe und ihrem Hollywood-Welterfolg „Das verflixte siebte Jahr“ abgeschaut. Doch die junge Schauspielschülerin, die da so unbekümmert im Wind stand, war keine amerikanische Diva – sie war Eva-Maria Hagen. Während Filmkritiker damals oft ratlos vor dem Streifen standen und mit der unbekümmerten Ästhetik wenig anzufangen wussten, sah das Publikum die Sache vollkommen anders. Die Kinos liefen Sturm, die Säle waren bis auf den letzten Platz gefüllt, und eine ganze Nation schloss diese außergewöhnliche Künstlerin bedingungslos in ihr Herz.

Jahre später strömten die Menschen scharenweise aus allen Ecken der DDR ins brandenburgische Dessau, nur um exakt diese Frau auf der Bühne zu erleben. Sie spielte dort die Elisa in dem weltberühmten Stück „My Fair Lady“, und das Landestheater konnte vermelden, dass die Vorstellung unfassbare 163 Mal restlos ausverkauft war. Ein solches Phänomen gab es im gesamten Kulturleben der Republik nur selten. Doch was damals im Trubel des Erfolgs kaum jemand ahnte: Mit gerade einmal zehn Jahren hatte dieses Mädchen bereits alles verloren, was ein Kind normalerweise schützend umgibt. Ihr bürgerlicher Name war Eva-Maria Hagen, im Volksmund nannte man sie liebevoll den „Bardot des Ostens“. Doch für die Menschen im Osten Deutschlands war sie weit mehr als nur ein hübsches Gesicht oder ein gefeierter Star der Leinwand – sie war schlicht und einfach „unsere Traudel“.
Wenn man die Biografie dieser ausnahmsfähigen Künstlerin betrachtet, stellt sich unweigerlich die tiefgründige Frage: Warum hat die DDR ihre Traudel eigentlich so unendlich geliebt? Man könnte es sich leicht machen und behaupten, es sei allein ihre physische Ausstrahlung gewesen, ihr spitzbübisches Lächeln oder schlicht der Umstand, dass sie zur absolut richtigen Zeit im richtigen Film mitwirkte. Doch eine solche Erklärung greift viel zu kurz. Hübsche Gesichter gab es bei der DEFA im Laufe der Jahrzehnte viele, und an die allermeisten von ihnen erinnert sich heute längst niemand mehr. Bei Eva-Maria Hagen war von Anfang an etwas fundamental anders. Etwas in ihrem Spiel, in ihrer unbändigen Energie und in ihrer scheinbaren Mühelosigkeit berührte die Menschen auf einer tiefen, existenziellen Ebene. Um dieses Geheimnis zu entschlüsseln, muss man verstehen, was die junge Frau vor ihrer Zeit als Traudel durchleiden musste und welche dramatischen Kapitel ihr Leben in den kommenden Jahrzehnten noch schreiben sollte. Die Antwort liegt in einer Reihe von schicksalhaften Wendungen, einer unerbittlichen politischen Maschinerie und einem kleinen, unscheinbaren Zettel, den Traudel im Film stets in ihrem Brustbeutel bei sich trägt. Auf diesem vergilbten Papier steht der Satz, der dem Film seinen Titel gab: „Vergesst mir meine Traudel nicht.“ Für Eva-Maria Hagen selbst hatte dieser Satz eine so monumentale, schmerzhafte Bedeutung, dass er wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Dasein verlief.
Als der Film „Vergesst mir meine Traudel nicht“ am 15. November 1957 im traditionsreichen Berliner Kino Babylon seine glanzvolle Premiere feierte, wussten die Zuschauer sofort, dass diese Hauptfigur absolut aus dem Rahmen fiel. Traudel brennt in einer dunklen Mainacht aus einem Fürsorgeheim aus und rennt auf ihrer fluchtartigen Tournee direkt in das nagelneue Motorrad eines jungen Lehrers. Statt Reue zu zeigen oder sich kleinlaut zu entschuldigen, nutzt sie die Situation eiskalt aus, lässt sich direkt bis nach Berlin chauffieren und behauptet frech, dort bekannte Anwohner zu haben – was natürlich frei erfunden ist. Kurz darauf steht sie im Untermietzimmer bei Frau Palotta vor der Tür, und von diesem Moment an ist es mit der wohlverdienten Ruhe im Haus endgültig vorbei. Traudel schwindelt, wann immer es ihr gerade in den Kram passt, besitzt ein unglaublich flinkes Mundwerk und pflegt einen Jargon, der das Publikum augenblicklich zum Lachen bringt. Doch bei all ihrer vorlauten Art strahlt sie eine solche entwaffnende, reine Arglosigkeit aus, dass man sie am liebsten augenblicklich in den Arm nehmen und vor den Widrigkeiten der Welt beschützen möchte.
Genau diese explosive, herzerwärmende Mischung traf die Menschen damals mitten ins Mark – und sie verfehlte auch Jahrzehnte später ihre Wirkung nicht, wenn man den Film neu entdeckte. Ein solches Mädchen hatte die sozialistische Filmlandschaft bis dahin schlicht noch nie gesehen. Traudel manövriert den armen Lehrer und seinen Zimmernachbarn, einen gutmütigen Volkspolizisten, von einer peinlichen Bredouille in die nächste. Der Polizist, glänzend verkörpert von Horst Kube, verliebt sich schließlich so hemmungslos in sie, dass er ihr sogar einen gefälschten Ausweis mit frei erfundenen Personalien ausstellt. An der Seite von Kube agierte Günther Hark als der vom Schicksal geplagte Lehrer. Regie führte kein Geringerer als Kurt Metzig, den man im DEFA-Kosmos bis dato vor allem für seine ernsten, oft schweren dramatischen Stoffe kannte. Ausgerechnet er wagte sich an eine freche, unkonventionelle Komödie – und fand in Eva-Maria Hagen genau die perfekte Besetzung. Denn sie spielte diese Traudel nicht einfach nur herunter; sie schien das Mädchen aus dem Effeff zu kennen, als wäre es Fleisch von ihrem Fleisch. Wer ganz genau hinsah, konnte spüren, dass hinter dieser Darstellung mehr steckte als schauspielerisches Handwerk. Heute wissen wir: Vieles an dieser Traudel kannte Eva-Maria Hagen aus ihrem eigenen bitteren Erleben, und zwar weit intensiver, als es man ihrem jugendlichen Gesicht damals ansehen konnte.
Geboren wurde Eva-Maria Hagen im Oktober 1934 als Eva-Maria Buchholz in einem kleinen, idyllischen Ort östlich der Oder, genauer gesagt im ostpreußischen oder schlesischen Grenzgebiet. Ihre Eltern arbeiteten hart als Landarbeiter, und doch hatte das kleine Mädchen bis zu seinem zehnten Lebensjahr ein behütetes Zuhause, in dem es unbeschwert heranwachsen konnte. Sie lebte in dem Dorf Kremlin, umgeben von Wiesen und Feldern, bis das verhängnisvolle Jahr 1945 alles mit unerbittlicher Härte hinwegfegte. Zusammen mit ihrer Mutter und den Geschwistern musste sie fluchtartig die Heimat verlassen und landete schließlich in Perleberg in der westlichen Prignitz. Was das junge Mädchen in diesen grauenhaften Monaten des Kriegsendes und der Vertreibung erleben musste, spottete jeder Beschreibung. Jahrzehnte später verarbeitete sie diese kollektiven Schrecken in ihrem autobiografischen Buch „Eva jenseits vom Paradies“. Darin beschrieb sieungslos jene Kriegskinder, Jungen und Mädchen, die seelische Wunden davongetragen hatten, welche sie bis ins hohe Greisenalter begleiteten – vor allem deshalb, weil sich in den Nachkriegswirren schlicht niemand um die vernarbten Seelen dieser Jugend gekümmert hatte.
Wenn man diese schreckliche Hintergrundgeschichte kennt und sich dann noch einmal die Filmfigur der Traudel vor Augen führt, wandelt sich der Blick auf die Leinwand grundlegend. Plötzlich lacht man über manch freche Szene nicht mehr ganz so unbeschwert, sondern mit einer leisen, melancholischen Ahnung. Traudel ist ein Mädchen ohne Familie, das im Grunde nichts auf der Welt besitzt außer eben jenem vergilbten Zettel. Sie lügt und schwindelt, weil sie von der harten Realität gelernt hat, dass man sich in dieser Welt ganz allein durchschlagen muss. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versuchte Eva-Maria Hagen zunächst, ganz pragmatisch Fuß zu fassen. Sie begann eine Lehre als Maschinenschlosserin im Bahnbetriebswerk Wittenberge, auch wenn sie diese Ausbildung letztlich nicht beendete. Im Jahr 1952 zog es sie nach Berlin, wo sie ein anspruchsvolles Schauspielstudium begann. Bereits ein Jahr später stand sie sensationell am Berliner Ensemble auf den Brettern, die die Welt bedeuten, eingebunden in eine legendäre Inszenierung von Bertolt Brecht. Sie heiratete, brachte eine Tochter zur Welt – die spätere Kult-Künstlerin Nina Hagen – und studierte trotz dieser enormen Doppelbelastung einfach diszipliniert weiter. In späteren Interviews beschrieb sie oft, wie sie diese hektischen Jahre bewältigte: Das Theaterspielen, die kreative Verausgabung und die Anerkennung im Beruf gaben ihr die Kraft, mit dem allgegenwärtigen Trauma der Verlorenheit umzugehen. Ganz verschwunden ist dieses dunkle Gefühl der Heimatlosigkeit jedoch nie aus ihrem Herzen.
Die Karriere von Eva-Maria Hagen nahm nach dem Sensationserfolg von „Vergesst mir meine Traudel nicht“ rasant an Fahrt auf. Ab 1958 stand sie fest im Ensemble des renommierten Maxim Gorki Theaters in Berlin unter Vertrag, und parallel dazu riss die Kette der Filmangebote nicht ab. Bis zum Jahr 1965 wirkte sie in rund fünfzig Kino- und Fernsehproduktionen mit. Man begegnete ihr auf den Bildschirmen und Leinwänden so regelmäßig, dass sie im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu einer festen, vertrauten Größe wurde – fast so, als würde sie im Haus nebenan wohnen. Im April 1966 kam dann jener Kinofilm in die Lichtspielhäuser, an den sich Cineasten bis heute lebhaft erinnern: In „Reise ins Ehebett“ verkörperte sie die feurige, rothaarige Sängerin Marie-Lou aus einer rauen Hafenbar, die sich als blinde Passagierin auf ein Schiff schmuggelt. Neben Günther Simon als Kapitän stand in einer kleineren Nebenrolle ein junger Mann vor der Kamera, den das Publikum damals längst über das Radio und den bunten Bildschirm ins Herz geschlossen hatte: Frank Schöbel. Der Film wurde ein triumphaler Erfolg, und für einen Großteil der Bevölkerung war Eva-Maria Hagen von diesem Tag an nicht mehr nur auf die Rolle der frechen Traudel reduziert.
Ihr absolut größter künstlerischer Triumph ereignete sich jedoch nicht im warmen Licht des Filmstudios, sondern auf den Bühnenbrettern in Dessau. Als das dortige Landestheater bei ihr anklopfte und anfragte, ob sie die Rolle der Eliza Doolittle in dem Musical-Klassiker „My Fair Lady“ übernehmen wolle – jenes einfache Blumenmädchen aus London, das durch Disziplin und Bildung in die feine Gesellschaft aufsteigt –, zögerte sie keine Sekunde. In einem bewegenden Brief aus dem Oktober 1966 hielt sie fest, dass dies die absolute Rolle ihres Lebens sei und sie sich durch absolut nichts und niemanden von diesem Vorhaben abbringen lassen werde. Das schrieb keine routinierte Schauspielerin, die lediglich nach dem nächsten Engagement fischte; das schrieb eine Künstlerin, die in dieser Metamorphose eine Parallele zu ihrem eigenen inneren Weg sah. Aus dieser einen Verpflichtung wurde ein ganzes Jahrzehnt des Triumphs. Wer das Glück hatte, sie in Dessau als Eliza zu erleben, der vergaß nie den Moment, wenn sich der Saal verdunkelte und Hagen als zauberhaftes, ungehobeltes Blumenmädchen die Bühne betrat. Vor dem Hintergrund ihrer trostlosen Kindheit in Kremlin bekommt dieser Triumph eine schier magische Dimension: Das einstige Vertriebenenkind hatte auf dieser Bühne endlich einen Ort gefunden, an dem es bleiben durfte und bedingungslos geliebt wurde. Doch dieses Glück sollte nicht ewig währen.
Um zu begreifen, was im schicksalhaften Herbst des Jahres 1976 in der DDR zerbrach, muss das Rad der Zeit noch einmal ins Jahr 1955 zurückgedreht werden. Damals lernte Eva-Maria Hagen den unbequemen Liedermacher und Poeten Wolf Biermann kennen. Zwischen den beiden entbrannte eine tiefe, leidenschaftliche Liebe, und auch als sie sich im Jahr 1972 nach langjähriger Beziehung trennten, blieben sie einander in inniger Seelenverwandtschaft verbunden. Später betonte sie stets, Biermann sei einer der absolut wichtigsten und prägendsten Menschen ihres gesamten Lebens gewesen. Als im November 1976 der politische Druck unerträglich wurde und Biermann während einer Konzertreise in der Bundesrepublik von den DDR-Behörden kurzerhand ausgebürgert wurde, traf Eva-Maria Hagen eine unumstößliche Entscheidung. Sie stellte sich öffentlich, kompromisslos und ohne Zögern an seine Seite. Die Konsequenzen dieses mutigen Schritts ließen nicht eine Sekunde auf sich warten.

Der deutsche Fernsehfunk trennte sich von heute auf morgen von der populären Schauspielerin. Bereits in den Monaten davor waren die Rollenangebote schleichend zurückgegangen, und nun fielen auch in Dessau die Vorhänge für sie für immer. Was genau in jenen Wochen im Detail mit ihr geschah, bekamen viele DDR-Bürger damals nur über den inoffiziellen Flurfunk oder westliche Medien mit. Vor allem aber spürten die Menschen eins: Sie fehlte schmerzhaft. Die Frau, die fast zwanzig Jahre lang den ostdeutschen Alltag geprägt und erhellt hatte, war von einem Tag auf den anderen unsichtbar geworden. Wer ihre Geschichte von Vertreibung und Neubeginn kennt, dem stockt an dieser Stelle der Atem: Zum zweiten Mal in ihrem Leben verlor sie den Ort, an dem sie sich zu Hause fühlte. Einst war es ein kleines Dorf jenseits der Oder gewesen, diesmal war es die schützende Theaterbühne, auf der sie triumphierte. Mit über vierzig Jahren stand sie abermals vor dem absoluten Nichts und wusste nicht, wohin der Weg sie führen würde. Im Jahr 1977 verließ sie die DDR endgültig und zog nach Hamburg in die Bundesrepublik.
Während in der DDR ihr Name im offiziellen Gedächtnis getilgt werden sollte, kannten ihn im Westen zunächst nur die wenigsten. Von der Kultfigur der Traudel wusste man jenseits der Mauer kaum etwas, und das Blumenmädchen aus Dessau war dort ein unbeschriebenes Blatt. Bald verband man den Nachnamen Hagen in Hamburg ohnehin eher mit ihrer Tochter Nina, die im Westen als schrille Punk-Ikone die Musikszene revolutionierte. Da stellt sich die harte, ehrliche Frage: Kann eine Künstlerin, die in ihrer alten Heimat vergöttert wurde, in einer völlig fremden, kalten Großstadt noch einmal ganz von vorn beginnen?
Eva-Maria Hagen bewies, dass sie dazu fähig war – auf ihre ganz eigene, unverwechselbare Art. In Hamburg erfand sie sich neu und machte das Chanson sowie kritische Lieder zu ihrem zweiten beruflichen Standbein. Sie tourte mit Solo-Programmen durch die Republik und nahm hochgelobte Schallplatten auf. Doch damit nicht genug: Sie griff zur Feder und schrieb drei bemerkenswerte Bücher über ihr turbulentes Leben. Und als wäre das noch nicht Beweis genug für ihr schöpferisches Genie, begann sie Ende der neunziger Jahre auch noch zu malen. Ihre kraftvollen, expressiven Ölbilder wurden in zahlreichen Galerien und Ausstellungen präsentiert, und die Kunstkritik überschlug sich vor Lob für diese späte Entdeckung. Die Schauspielerei gab sie dennoch nie ganz auf. Bereits in den achtziger Jahren kehrte sie im Westen vor die Filmkameras zurück, und nach der deutschen Wiedervereinigung stand sie sowohl in den historischen Babelsberger Studios als auch auf großen Theaterbühnen wieder im Rampenlicht – so glänzte sie als Medea und als Brechts Mutter Courage. Sogar in Alfred Bioleks Kult-Kochshow „Alfredissimo“ stand sie im Jahr 1999 am Herd und kochte zur Belustigung des Publikums ein traditionelles Familienrezept: Schweinemedaillons mit Bananen. So schrullig das klingen mochte, so perfekt spiegelte es ihren unkonventionellen Charakter wider.
Für die Arbeit an ihrem autobiografischen Buch „Eva jenseits vom Paradies“ wagte sie schließlich im Jahr 2006 eine schmerzhafte emotionale Reise: Sie fuhr zurück in das polnisch gewordene Dorf Kremlin, an den Ort ihrer frühkindlichen Vertreibung. Die Landschaft sah im Grunde noch genauso aus wie vor über sechzig Jahren, erzählte sie später in Interviews. Doch die Menschen, die dort nun lebten, waren ihr völlig fremd – und kamen ihr dennoch auf unheimliche Weise vertraut vor, fast wie verlorene Verwandte. Denn auch diese Menschen hatten im Jahr 1945 ihre Heimat verlassen müssen, da ihre Dörfer noch weiter im Osten lagen. Das einstige Flüchtlingsmädchen stand Jahrzehnte später also Menschen gegenüber, die exakt dasselbe Schicksal erlitten hatten. Näher konnten sich Fremde kaum kommen.
Vielleicht versteht man erst an dieser Stelle, welche tiefe, monumentale Bedeutung der Zettel auf Traudels Brustbeutel wirklich hatte und woher er stammte. Im Film erfährt der Zuschauer erst im letzten Drittel die herzzerreißende Wahrheit: Der zerknitterte, schmutzige Zettel, den Traudel wie ein Heiligtum behütet, ist der allerletzte Brief ihrer geliebten Mutter. Sie hatte ihn aus dem KZ Ravensbrück geschrieben, als Traudel gerade einmal sechs Jahre alt war. Die Mutter wusste, dass sie ihr Kind nicht mehr beschützen konnte, und flehte in diesen Zeilen alle Menschen an, denen ihre Tochter jemals begegnen würde, sie ja niemals zu vergessen. Genau das war das tiefste Vermächtnis für Eva-Maria Hagen. Sie hat diese verarmte, entwurzelte Waise im Film nicht nur gespielt – sie war selbst genau dieses verlassene Kriegskind gewesen. Und die ostdeutsche Bevölkerung, die ihre Traudel über alles liebte, hat die flehentliche Bitte jener Mutter im Konzentrationslager erfüllt, ohne es damals überhaupt zu wissen: Sie haben ihre Traudel niemals vergessen.
Im August 2022 schloss Eva-Maria Hagen in Hamburg im stolzen Alter von 87 Jahren für immer die Augen. Doch wenn heute im Fernsehen die vertrauten Klänge ertönen und der DEFA-Klassiker wiederholt wird, wenn ein wildes, freches Mädchen durch den winterlichen Schnee rennt, dann wissen wir ganz genau, was in seinem Brustbeutel verborgen liegt. Die Erinnerung an eine Ausnahmekünstlerin, die alle Höhen und Tiefen des deutschen Jahrhunderts durchlitt, bleibt unsterblich.