Sie überlebte ihre eigene Hinrichtung – darf Tennessee es noch einmal versuchen? T
Sie überlebte ihre eigene Hinrichtung – darf Tennessee es noch einmal versuchen?

Nashville, Tennessee. 30. September 2026, 20 .40 Uhr vierzig. In der Notrufzentrale der Stadt geht ein Anruf ein. Er kommt aus dem Hochsicherheitsgefängnis Riverbend. Der Anrufer sagt, so steht es in der Zusammenfassung der Leitstelle: Wir haben heute Abend eine Hinrichtung durchgeführt. Wir haben 10 Gramm Pentobarbital verabreicht.
Die Person ist noch nicht verstorben. Die Person ist Christa Pike. 50 Jahre alt, seit über 30 Jahren im Todestrakt. Sie hat beide Dosen des Gifts bekommen. Und sie lebt. Heute, knapp vier Wochen später, sitzt sie wieder in ihrer Zelle in Nashville. Ihre Anwälte sagen, sie geht ohne Hilfe. Sie spricht in ganzen Sätzen.
Und vor wenigen Tagen haben sie eine Akte bei Gericht eingereicht, die Minute für Minute beschreibt, was in der Hinrichtungskammer passiert ist. Zehn Nadeln. Eine Warnung, die ignoriert wurde. Und ein Notruf, bei dem die Leitstelle erst prüfen musste, ob er echt ist. Diese Akte ist der Anfang einer neuen Frage.
Darf Tennessee Christa Pike ein zweites Mal hinrichten? Wer entscheidet darüber? Und was hat eine Gouverneurswahl in wenigen Tagen damit zu tun? Dieser Film zeigt, was die neuen Dokumente belegen, was Gerichte bisher entschieden haben und was offen ist. Um zu verstehen, warum dieser Fall so viele Menschen bewegt, müssen wir 31 Jahre zurück.
Knoxville, Tennessee, Januar 1995. Christa Pike ist 18. Sie lebt in einem Ausbildungszentrum des Job Corps, eines staatlichen Programms für junge Menschen ohne Abschluss. Dort lernt sie auch Colleen Slemmer kennen. Colleen ist 19. sie kommt aus Florida. Am 12.
Januar locken Pike, ihr 17 -jähriger Freund Tadaryl Shipp und eine weitere junge Frau, Shadolla Peterson, Colleen auf ein abgelegenes Gelände der Universität von Tennessee. Dort wird sie misshandelt und getötet. Zwei Tage nach der Tat wird Pike festgenommen. Sie gesteht. Im März 1996 verurteilt sie ein Geschworenengericht wegen Mordes zum Tod. Shipp bekommt lebenslang, Peterson sagt gegen Pike aus und kommt mit Bewährung davon.
Bei ihrem Urteil ist Christa Pike 20. Damals die jüngste Frau im Todestrakt der Vereinigten Staaten. Heute ist sie die einzige Frau im Todestrakt von Tennessee. Würde der Staat sie hinrichten, wäre es die erste Hinrichtung einer Frau in Tennessee seit mehr als 200 Jahren. Und Colleen Slemmer? Sie wäre heute Anfang 50.
Ihre Mutter erzählt, Colleen habe sich bei den Special Olympics engagiert. Das Stück ihres Schädels, das Pike behalten hatte, bekam die Familie erst nach 16 Jahren zurück. Ihre Mutter, May Martinez, hat 31 Jahre auf diesen 30. September gewartet. Sie ist fast 1000 Kilometer aus Florida nach Nashville gefahren, um im Zeugenraum zu sitzen.
Ihre Anwälte beschreiben später eine Kindheit voller Gewalt. Schon als Kleinkind sei sie wiederholt missbraucht und vernachlässigt worden. Eine bipolare Störung und eine posttraumatische Belastungsstörung werden erst Jahre nach ihrer Festnahme diagnostiziert. Mehr als 20 Jahre verbringt Christa Pike in Einzelhaft.
Im September 2025 setzt das Oberste Gericht von Tennessee ihren Hinrichtungstermin fest. 30. September 2026. Die letzten Tage davor sind ein Wettlauf durch die Gerichte. Am 28. September lehnt Gouverneur Bill Lee ihr Gnadengesuch ab. Am Tag danach weist der Oberste Gerichtshof der USA einen Eilantrag zurück.
Am Morgen des 30. September, etwa eine Stunde vor dem angesetzten Termin, stoppt ein Bundesberufungsgericht die Hinrichtung vorläufig. Tennessee zieht sofort nach Washington. Um 17 .50 Uhr fünfzig hebt der Oberste Gerichtshof den Aufschub auf. Sechs zu drei Stimmen. Der Weg in die Kammer ist frei. Christa Pike hatte vorher in einem Brief geschrieben: Ich habe keine Angst zu sterben.
Ich bin nur nervös wegen des Ablaufs. Was dann geschah, schildert jetzt eine eidesstattliche Erklärung. Geschrieben hat sie Randy Spivey, einer von Pikes Anwälten. Er war an diesem Abend als Zeuge in der Hinrichtungskammer. Seine Anwälte haben die Erklärung am Donnerstag, dem 22.
Oktober, beim Gericht in Nashville eingereicht. Sie soll Pikes Klage gegen das Hinrichtungsprotokoll des Staates stützen. Laut der Erklärung holen Beamte Christa Pike um 18 .21 Uhr einundzwanzig aus ihrer Zelle. Sechs Minuten später wird sie in die Kammer gerollt, festgeschnallt auf der Liege. Um 18 .34 Uhr vierunddreißig beginnt das Team, die Zugänge zu legen.
Ein Teammitglied scheint, so Spivey, Mühe zu haben, eine Vene zu finden. Eine Minute später zeigt Pike dem Team selbst, wo es suchen soll. Als es schließlich klappt, sagt sie sinngemäß: Das versuche ich euch die ganze Zeit zu sagen. Um 18 .
57 Uhr siebenundfünfzig sagt ein Teammitglied, die Vene könnte gerade platzen. Zwei Minuten später funktioniert eine neue Leitung nicht. Die Nadel, so die Erklärung, wirkt stark verbogen. Um 19 .07 Uhr sieben sagt ein Mitglied des Teams: Ich glaube, sie ist geplatzt. Immer wieder neue Einstiche. An beiden Armen. Am Ende, so die Erklärung, waren es ungefähr zehn Nadeln. Genau davor hatten Pikes Anwälte gewarnt.
Monate vorher. Christa Pike hat eine Blutkrankheit und schwierige Venen. Ein Narkosearzt, den die Verteidigung beauftragt hatte, sagte voraus, dass die Venen versagen würden. Und dass das Gift dann nicht ins Blut, sondern ins Gewebe laufen könnte. Laut der neuen Erklärung war das Team auch an diesem Abend gewarnt worden, dass Venen platzen könnten.
Randy Spivey schreibt dazu: All das war vorhersehbar und wurde vorhergesehen. Was mit Christa passiert ist, ist genau das, wovor der Staat gewarnt worden war. Um 19 .13 Uhr dreizehn sagt das Team zu Pike, man habe es. Vier Minuten später kleben sie ihre Hände fest. Um 19 .23 Uhr dreiundzwanzig spülen sie die Leitung mit Kochsalzlösung.
Laut der Erklärung geht das nur mit Mühe. Um 19 .24 Uhr vierundzwanzig verlässt das Team die Kammer. Zwei Minuten später öffnet sich der Vorhang zum Zeugenraum. Spivey hatte schon am Morgen nach der Hinrichtung gesagt, dieser Abend sei nicht nur ineffizient gewesen. Er sei grausam gewesen. Folter. In seiner Erklärung beschreibt er Pike in dieser Stunde so: Sie sei freundlich und höflich geblieben, während man eine Stunde lang mit einer Nadel nach der anderen in ihren Arm gestochen habe.
Um 19 Uhr 27 beginnt Christa Pike ihre letzte Erklärung. Sie sagt, sie verlasse diese Welt so, wie sie den größten Teil ihres Lebens verbracht habe: in Liebe. Zu den Menschen, die sie unterstützen. Und zu denen, die sie hassen. Sie sei in Frieden und bereit zu gehen. Dann fließt das Pentobarbital. Um 19 Uhr 34 sagt Pike: Mein Arm fühlt sich an, als würde er gleich platzen.
Es brennt. Zehn Minuten später ist ihr Atem schwer. Ab 19 Uhr 46 hören die Zeugen ein Schnarchen. Um 19 Uhr 54 hebt Pike den Kopf, stöhnt, schnarcht weiter. Um 20 Uhr 3 ist ihr rechter Arm unterhalb des Ellenbogens violett. Um 20 Uhr 6 sagt ihr Seelsorger zu ihrer Anwältin: Sie lebt noch. Der Vorhang geht zu.
Das Protokoll von Tennessee sieht zwei Sätze Spritzen mit Pentobarbital vor. Der zweite ist für den Fall gedacht, dass der Gefangene nach dem ersten noch lebt. Was passiert, wenn auch der zweite nicht wirkt, regelt das Protokoll nicht. Christa Pike bekommt beide Dosen. Zusammen zehn Gramm. Und um 20 Uhr 25, hört Spivey sie im Zeugenraum immer noch schnarchen und würgen.
Bis zu diesem Abend hatte in den Vereinigten Staaten niemand eine vollständig verabreichte Giftspritze überlebt. Es gab abgebrochene Hinrichtungen, bei denen kein Zugang gelegt werden konnte. Aber niemand hatte das ganze Gift bekommen und war danach noch am Leben. Was in ihrem Arm passiert sein könnte, erklären Mediziner so: Läuft das Mittel nicht in die Vene, sondern daneben ins Gewebe, gelangt zu wenig davon ins Blut.
Der Chirurg Jonathan Groner von der Ohio State University sagte dem Sender NBC, dann reiche es nicht für das tiefe Koma bis zum Tod. Das Brennen spreche für eine Fehlinjektion. Genau das vermutet auch Pikes Verteidigung. Bewiesen ist es nicht. Die Beweise der Hinrichtung liegen beim Staat. Und genau um diese Beweise wird nun vor Gericht gestritten.
Um 20 .40 Uhr vierzig wählt jemand im Gefängnis den Notruf. Die Leitstelle von Nashville hat später eine schriftliche Zusammenfassung veröffentlicht. Die Tonaufnahme selbst hält sie unter Verschluss. Der Anrufer meldet, man habe eine Hinrichtung durchgeführt, 10 Gramm Pentobarbital verabreicht, die Person sei noch nicht verstorben.
Das Ganze habe vor etwa einer Stunde begonnen. Man brauche einen Rettungswagen. Doch der Rettungswagen kann nicht einfach losfahren. Gegen 21 Uhr ruft die Leitstelle bei der Zentrale der Strafvollzugsbehörde an. Sie will sich bestätigen lassen, dass der Notruf echt ist. Um 21 .08 Uhr acht ruft auch Pikes Anwältin Kelly Gleason den Notruf.

Ihre Mandantin lebe noch und atme, sie sei nicht wach, sie schnarche. Sie brauche sofort lebensrettende Hilfe. Um 21 .11 Uhr elf bittet die Leitstelle die Highway Patrol um Begleitung, damit die Sanitäter ins Gefängnis dürfen. Um 21 .28 Uhr achtundzwanzig verlässt der Rettungswagen Riverbend. Vom ersten Notruf bis zur Freigabe für die Sanitäter vergeht mehr als eine halbe Stunde.
In einem Gefängnis, in dem der Staat gerade versucht hat, diesen Menschen zu töten, muss nun dieselbe Behörde dafür sorgen, dass er gerettet wird. Ein Widerspruch, den das Protokoll nicht vorsieht. Und eine der Fragen, die jetzt Gerichte beschäftigen: Wer hat an diesem Abend was entschieden? Und warum hat es so lange gedauert? Christa Pike kommt ins Vanderbilt University Medical Center in Nashville.
Sie ist bewusstlos und wird beatmet. Ihre Arme sind geschwollen, verbrannt, voller Blasen. Dazu kommen eine Lungenentzündung und ein Blutgerinnsel im Arm. Am 5. Oktober, so berichten es ihre Anwälte später, hält das Ärzteteam sie für hirntot. Einen Tag später, am 6. Oktober, wacht Christa Pike auf. Sie spricht.
Ihre Anwälte nennen das medizinisch beispiellos. Sie liegt weiter auf der Intensivstation, mit Handschellen an das Krankenhausbett gefesselt. Arme und Beine kann sie zunächst nicht bewegen. Danach geht es schnell. Wenige Tage später läuft sie mit Hilfe und isst zum ersten Mal wieder selbst. Am 10. Oktober wird sie entlassen.
Zurück ins Debra K. Johnson Rehabilitation Center, das Frauengefängnis in Nashville, in dem sie seit über 30 Jahren lebt. Ihre Anwälte schreiben, sie sei den Rettungskräften und dem medizinischen Team dankbar. Doch der Körper ist nicht alles. Ihr Anwalt Stephen Ferrell sagt, es gebe noch viel Ungewissheit, was ihr Denken angeht.
Sie habe Probleme mit Konzentration und Gedächtnis, verliere manchmal mitten im Gedanken den Faden. Sie sei schwer traumatisiert. Und, so ihre Anwälte, sie mache sich Sorgen um die Familie von Colleen Slemmer. Diese Familie sieht den 30. September ganz anders. May Martinez, Colleens Mutter, sagt einem Sender aus Florida auf der Heimfahrt: Sie habe dort gelegen, geredet, noch gelacht, den Kopf gehoben.
Entschuldigt habe sich niemand bei ihr. Der Staat schulde ihr eine große Entschuldigung. Und dann sagt sie einen Satz, der zeigt, was dieser Abend für sie bedeutet: 31 Jahre. Und wieder lacht sie mir ins Gesicht. Alles, was sie gewollt habe, sei Gerechtigkeit. Colleens Stiefvater Raul Martinez schreibt auf Facebook, Colleens Seele könne nicht ruhen, bis Pike an den zwei Dosen sterbe.
Bevor wir darauf schauen, was jetzt politisch und vor Gericht passiert, eine kurze Bitte. Wenn du solche Recherchen sehen willst, abonniere AKTE 211. Wir haben die Akte, die Notrufzusammenfassung und die Gerichtsbeschlüsse für dich durchgearbeitet. Und wenn du den Kanal darüber hinaus unterstützen möchtest: Eine Kanalmitgliedschaft würde AKTE 211 sehr weiterhelfen.
Sie ist für alle gedacht, die diese Arbeit möglich machen wollen. Den Link findest du unter dem Video. Danke dir. Am Morgen nach der gescheiterten Hinrichtung tritt Gouverneur Bill Lee vor die Presse. Er nennt den Abend eine Tragödie. Niemand habe gewollt, was passiert sei. Es hätte nicht passieren dürfen. Lee sagt alle übrigen Hinrichtungen des Jahres ab.
Zwei Tage später, am 3. Oktober, tritt der Chef der Strafvollzugsbehörde zurück, Frank Strada. Er sagt, so könne eine unabhängige Untersuchung ohne Ablenkung arbeiten. Die Untersuchung übernimmt Ed Stanton, ein früherer Bundesstaatsanwalt. Er kennt die Behörde. Schon 2022 hat er Lee ihn eingesetzt, nachdem eine andere Hinrichtung kurz vorher gestoppt worden war.
Stantons Bericht damals: Tennessee hatte sich bei mehreren Hinrichtungen nicht an sein eigenes Protokoll gehalten. Die Behörde selbst bleibt bei ihrer Linie. Man habe jeden Schritt des rechtmäßigen Protokolls befolgt. Das Mittel sei stets wirksam gewesen. Für Tennessee ist es nicht die erste Panne. 2022 stoppte Gouverneur Lee die Hinrichtung von Oscar Smith kurz vorher, weil das Mittel nicht vorschriftsmäßig getestet worden war.
Im August 2025 stöhnte Byron Black auf der Liege, es tue so weh. Sein implantierter Defibrillator war nicht abgeschaltet worden. Und im Mai 2026 suchte das Team bei Tony Carruthers über eine Stunde lang nach einer Vene, ohne Erfolg. Lee gab ihm ein Jahr Aufschub. Christa Pike ist damit die zweite gescheiterte Hinrichtung in Tennessee innerhalb von sechs Monaten.
Auch international sorgt der Abend für Reaktionen. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, erklärt, die Todesstrafe habe in keiner Gesellschaft Platz. Amnesty International in Deutschland schreibt, der Fall zeige, dass es keine humane Hinrichtungsmethode gibt. Auch die Giftspritze sei eine grausame, unmenschliche und erniedrigende Strafe.
In den USA äußert sich Präsident Donald Trump am Tag danach. Es solle eigentlich nicht sehr schwierig sein, sagt er. Eine interessante Situation. Am 7. Oktober, einen Tag nachdem Pike aufgewacht ist, sitzen ihre Anwälte vor Gericht. Chancellor I’Ashea Myles vom Chancery Court in Nashville, einem Zivilgericht, ordnet an: Der Staat muss alle Beweise der Hinrichtung sichern.
Am nächsten Tag geht die Richterin weiter. Pike hatte schon im Januar gegen das Hinrichtungsprotokoll geklagt. Der Fall war beim Obersten Gericht von Tennessee gelandet, das ihn ohne Entscheidung in der Sache abgewiesen hatte. Nur: Davon hatte das Gericht in Nashville nichts erfahren. Und vor dem Obersten Gerichtshof der USA hatte der Staat erklärt, die Klage sei dort noch anhängig.
Die Richterin nennt das schwer miteinander zu vereinbaren. Sie holt die Klage zurück auf ihren Tisch. Pikes Anwälte wollen damit erreichen, dass Tennessee Pentobarbital nicht mehr verwenden darf. Das Mittel berge, so die Klage, ein hohes Risiko eines qualvollen Todes. Mitte Oktober beantragen die Anwälte mehr Zeit.
Statt 30 Tagen wollen sie vier Monate, um das Ausmaß der Verletzungen zu klären. Der Staat stimmt nur 30 Tagen zu. Für den 23. Oktober war eine Anhörung angesetzt. Einen Tag vorher streicht das Gericht sie. Aus wichtigem Grund, heißt es im Beschluss, werde die Anhörung von der Liste genommen. Beide Seiten verzichten auf eine mündliche Verhandlung.
Die Richterin entscheidet schriftlich. Bis heute ist keine Entscheidung bekannt. Damit sind wir bei der Frage, die über allem steht. Kann Tennessee Christa Pike einfach einen neuen Termin geben? Formal ja. Einen Hinrichtungstermin setzt in Tennessee das Oberste Gericht des Bundesstaats fest, auf Antrag des Generalstaatsanwalts.
Ein Vertreter seines Büros sagte nach dem 30. September, ob und wann es einen neuen Termin gibt, liege beim Obersten Gericht. Einen neuen Termin gibt es bisher nicht. Die einzige Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA zu einem zweiten Versuch ist fast 80 Jahre alt. Louisiana, 1946. Der Elektrische Stuhl, in dem der 17 -jährige Willie Francis sterben soll, ist falsch aufgebaut.
Der Strom tötet ihn nicht. Francis klagt bis nach Washington. 1947 entscheidet das Gericht mit fünf zu vier Stimmen: Ein zweiter Versuch ist erlaubt. Ein Unfall mache die Strafe nicht grausam. Im Mai 1947 wird Willie Francis hingerichtet. Ohio, 2009 Bei Romell Broom suchen die Vollzugsbeamten über zwei Stunden nach einer Vene.
Dann stoppt der Gouverneur die Hinrichtung. Brooms Anwälte argumentieren, ein zweiter Versuch sei eine doppelte Bestrafung. 2016 entscheidet das Oberste Gericht von Ohio mit vier zu drei Stimmen: Der Staat darf es noch einmal versuchen. Der Oberste Gerichtshof der USA nimmt den Fall nicht an. Doch Broom stirbt Ende 2020 in Haft, bevor es zu einem zweiten Versuch kommt.
Und es gibt Fälle, in denen ein Staat es tatsächlich noch einmal versucht hat. Alabama, November 2022. Kenneth Smith liegt rund 85 Minuten auf der Liege, dann bricht das Team ab. 14 Monate später, im Januar 2024, richtet Alabama ihn hin. Mit Stickstoff, als erster Staat der Welt. Auch Alan Miller überlebte 2022 in Alabama einen abgebrochenen Versuch.
Im September 2024 starb er ebenfalls durch Stickstoff. Pikes Fall ist anders. Romell Broom, Kenneth Smith und Alan Miller bekamen beim ersten Versuch kein Gift, weil keine Leitung lag. Christa Pike hat die ganze Menge bekommen. Für das, was sie erlebt hat, gibt es kein Vorbild. Sie hat gelitten, lag bewusstlos auf der Intensivstation, trägt Verbrennungen an den Armen.
Die Rechtsprofessorin Deborah Denno von der Fordham University forscht seit über 30 Jahren zu Hinrichtungsmethoden. Sie sieht für Pike starke Argumente: dass ein zweiter Versuch eine grausame Strafe wäre. Und dass er eine Bestrafung zum zweiten Mal für dieselbe Tat sein könnte. Und Denno nennt noch einen Punkt.
In den USA darf nicht hingerichtet werden, wer nicht versteht, warum er sterben soll. So hat es der Oberste Gerichtshof schon in den Achtzigerjahren entschieden. Wenn Christa Pike dauerhafte Schäden im Denken davongetragen hat, könnte genau das zur entscheidenden Frage werden. Wie es um ihr Denken steht, weiß im Moment niemand genau.
Ihre Anwälte sagen, das werde Monate dauern. Auch deshalb wollen sie vier Monate Zeit. Es gibt einen zweiten Weg, wie dieser Fall enden kann. Nur der Gouverneur von Tennessee kann ein Todesurteil in lebenslange Haft umwandeln. Pikes Anwälte fordern genau das, seit sie im Krankenhaus lag. Bill Lee hat Pikes Gnadengesuch zwei Tage vor der Hinrichtung abgelehnt.
Und seine Zeit läuft ab. Lee darf nicht noch einmal antreten. Am 3. November wählt Tennessee einen neuen Gouverneur. Oder genauer: eine Gouverneurin. Denn beide Kandidatinnen sind Frauen. Für die Republikaner tritt die Senatorin Marsha Blackburn an. Einen Tag nach der gescheiterten Hinrichtung schreibt sie: Die Antwort sei einfach.
Holt den Elektrischen Stuhl zurück und sorgt schnell für Gerechtigkeit für die Opfer. Als eure Gouverneurin werde ich genau das tun. Am 10. Oktober, wenige Stunden nachdem Pike das Krankenhaus verlassen hat, sagt Blackburn bei einer Kundgebung: Die Menschen in Tennessee unterstützten die Todesstrafe. Und sie wollten, dass sie erfolgreich vollstreckt werde.
Ihre Gegenkandidatin, die Demokratin Jerri Green aus Memphis, hält dagegen. Die Todesstrafe sei schon immer unmenschlich, teuer und voreingenommen gewesen. Der Elektrische Stuhl ist in Tennessee übrigens kein neues Thema. Seit 2014 ist er per Gesetz als Ersatz vorgesehen, falls die Giftspritze nicht verfügbar ist.
Der Präsident des Repräsentantenhauses, Cameron Sexton, will in der nächsten Sitzungsperiode auch Gas oder ein Erschießungskommando prüfen. Er sagt, man werde die Alternativen nicht einschränken. Das heißt: Über Christa Pikes Zukunft wird nicht nur vor Gericht entschieden. Sondern auch an der Wahlurne. Ab Januar entscheidet eine neue Gouverneurin, ob Christa Pike Gnade bekommt.
Oder nicht. Und das Parlament könnte ab 2027 die Methoden ändern. Vorher, so berichten Sender in Nashville, ist das nicht möglich. Was steht heute fest? Christa Pike lebt. Sie ist wieder im Gefängnis. Ihre Arme heilen, ihr Denken ist angeschlagen. Ein Hinrichtungstermin existiert nicht. Bis Jahresende gibt es in Tennessee keine Hinrichtungen.
Offen sind die Entscheidung der Richterin über die Fristen, der Bericht von Ed Stanton, ein möglicher Antrag auf einen neuen Termin. Und die Wahl am 3. November. Und offen ist die Frage, die May Martinez gestellt bekommt, als Reporter wissen wollen, was jetzt passieren soll. Ihre Antwort: Es spielt keine Rolle, was ich denke.
Die machen sowieso, was sie machen. 31 Jahre nach dem Tod von Colleen Slemmer hat der Staat sein Urteil nicht vollstrecken können. Ob er es noch einmal versucht, entscheiden jetzt Richter, Wähler und eine neue Gouverneurin. Wir bleiben an diesem Fall dran. Sobald es eine Entscheidung des Gerichts oder einen neuen Termin gibt, erfährst du es hier auf AKTE 211.
Wie andere Menschen im Todestrakt leben und warten, siehst du in unserem Film über Wade Wilson. Abonniere den Kanal, damit du keinen neuen Fall verpasst. Danke fürs Zuschauen.