Schonungslose Beichte von Sarah Kuttner: Warum die beliebte Autorin jetzt die Notbremse ziehen muss T
Schonungslose Beichte von Sarah Kuttner: Warum die beliebte Autorin jetzt die Notbremse ziehen muss
Es sind Worte, die tief unter die Haut gehen und ein Schlaglicht auf eine Schattenseite werfen, die im glamourösen Kulturbetrieb nur allzu oft totgeschwiegen wird: Sarah Kuttner, eine der bekanntesten Moderatorinnen, Autorinnen und Kolumnistinnen des Landes, wendet sich mit einer beispiellosen Offenheit an ihre Fans. Ihr Geständnis ist frei von geschönten PR-Floskeln und schonungslos ehrlich. Die 46-jährige Berlinerin gesteht ein, dass sie sich und ihre psychischen Kräfte massiv überschätzt hat. Während ihrer aktuellen Lesereise zu ihrem Erfolgsroman „Mama und Sam“ geriet sie an persönliche Grenzen, die sie nun zu radikalen Konsequenzen zwingen. Ein geplanter Auftritt in der Schweiz fällt ins Wasser, und mehr noch: Kuttner stellt unmissverständlich in den Raum, dass dies die definitiv letzte Lesereise ihres Lebens sein könnte.
Eigentlich hatte sich die Autorin mit großer Vorfreude auf ein ganz besonderes Literatur-Highlight vorbereitet. Mitte September sollte sie beim renommierten Lesefestival „Rahmenhandlungen“ in Bad Ragaz in der Schweiz auftreten. Das Konzept der Veranstaltung gilt als außergewöhnlich und sympathisch: Gelesen wird an unkonventionellen, intimen Orten vor einem kleinen, handverlesenen Publikum. Ohne störende Mikrofone, ohne unpersönliche Distanz, sondern mit unmittelbarer Nähe zu den Zuhörerinnen und Zuhörern. Genau diese Atmosphäre schätzt Kuttner normalerweise sehr. Sie liebt den direkten Austausch mit den Menschen, die ihre Bücher lesen, mit ihr fühlen und ihre Geschichten teilen. Doch bei der Terminplanung hatte sie einen entscheidenden, existenziellen Faktor ausgeblendet: ihre eigene physische und psychische Belastbarkeit.
Die Anreise aus ihrer Heimat bis in den Schweizer Kurort nimmt rund sechs Stunden pro Strecke in Anspruch. Eine Reisezeit, die auf dem Papier machbar klingt, für Sarah Kuttner in ihrer aktuellen Verfassung jedoch einer unüberwindbaren Hürde gleichkommt. Die Erfahrungen der vergangenen Lesetermine hatten ihr bereits unmissverständlich vor Augen geführt, wie sehr solche langen Fahrten, das ständige Kofferpacken und die wechselnden Hotelzimmer an ihren Nerven zehren. Das Reisen selbst, fernab des eigenen Schutzraumes und der vertrauten Routine, entwickelte sich schleichend zu einer unerträglichen Belastungsprobe. Um sich selbst vor einem ernsthaften gesundheitlichen Zusammenbruch zu schützen, zog sie schließlich die Reißleine und sagte ihre Teilnahme in Bad Ragaz schweren Herzens ab.
In einem emotionalen Video auf Instagram sprach Sarah Kuttner offen und ungeschminkt darüber, wie tief die vergangenen Wochen an ihre Substanz gegangen sind. Sie versteckte sich nicht hinter nebulösen Ausreden, sondern legte die Karten auf den Tisch. Auf früheren Stationen der Tournee sei es regelmäßig zu Momenten der totalen Überforderung gekommen. Immer wieder habe sie abseits der Bühne bitterlich geweint, weil die Kombination aus Scheinwerferlicht, fremden Betten, anonymen Hotelkorridoren und ständiger Reisetätigkeit eine seelische Erschöpfung hervorrief, die kaum noch zu bändigen war.
Dabei hatte sich Kuttner im Vorfeld der Tournee eigentlich gut vorbereitet gefühlt. Ein einmonatiger Urlaub sollte als Erholungsphase dienen, um die leeren Akkus wieder aufzuladen und ausreichend Energie für die anstehenden Auftritte zu tanken. Doch die Annahme, nach vier Wochen Pause wieder voll funktionstüchtig und belastbar zu sein, erwies sich als schmerzhafter Trugschluss. Kuttner räumte schonungslos ein, dass sie sich und ihre geistigen Fähigkeiten schlichtweg überschätzt habe. Der Glaube, alles wie gewohnt wegstecken zu können, platzte wie eine Seifenblase. Nun plagt sie die quälende Sorge, ob sie den verbleibenden Teil ihrer Buchlesereise unter den aktuellen Bedingungen überhaupt noch zu Ende bringen kann.
Besonders hellhörig macht eine weitere Bemerkung der Autorin, die tiefere Zukunftsfragen aufwirft: Kuttner glaubt, dass die derzeitige Tournee ihre letzte Lesereise überhaupt sein könnte. Ein Gedanke, der ihren zahlreichen treuen Anhängern schwer im Magen liegen dürfte. Dabei betont sie ausdrücklich, dass dieser Entschluss keineswegs an ihrem Publikum liegt. Der Kontakt zu den Fans, das Vorlesen der eigenen Texte und die gemeinsame Zeit im Saal bereiten ihr nach wie vor unendliche Freude. Die eigentliche Lesung auf der Bühne ist das, wofür ihr Herz schlägt. Doch das gesamte Drumherum – das Reisen, das ständige Ankommen an fremden Orten, das Fehlen jeglicher Privatsphäre und Ruhe – raubt ihr jede Vitalität. Für Kuttner steht die nüchterne Erkenntnis im Raum, dass das traditionelle Tour-Format für sie als Mensch nicht mehr tragbar ist. Die psychische Gesundheit wiegt schwerer als das Pflichtbewusstsein gegenüber einem straffen Terminkalender.
Dass diese Lesereise eine besondere emotionale Schwere mit sich bringt, liegt zweifellos auch an dem Buch, das Sarah Kuttner derzeit vorstellt. Ihr im Jahr 2025 erschienener Roman „Mama und Sam“ ist keine leichte Kost, sondern eine tiefgründige, aufwühlende Erzählung über Verlust, Schmerz und menschliche Abgründe. Im Zentrum der Handlung steht eine Tochter, die nach dem überraschenden Tod ihrer Mutter deren Nachlass sichten und ordnen muss. Bei dieser schmerzhaften Nachlassverwaltung stößt sie auf eine bittere Wahrheit: Die Mutter war zu Lebzeiten einem sogenannten Love Scammer – einem skrupellosen Heiratsschwindler – ins Netz gegangen. Der Betrüger nutzte die emotionale Einsamkeit der Frau schamlos aus, erschlich sich ihr tiefstes Vertrauen und brachte sie um ihr gesamtes Erspartes.

Für die hinterbliebene Tochter beginnt mit dieser Entdeckung eine rastlose Suche nach Antworten. Zwischen alten Briefen, ungeöffneten Rechnungen, gelöschten Chatnachrichten und zahllosen offenen Fragen versucht sie zu begreifen, wie es zu diesem Desaster kommen konnte. Gleichzeitig entfaltet sich durch diesen Prozess eine neue, ungeahnte Nähe zu der Verstorbenen – eine emotionale Verbindung, die es zu Lebzeiten in dieser Intensität nie gegeben hatte. Die Auseinandersetzung mit Enttäuschung, Scham, Trauer und bedingungsloser Liebe macht den Roman zu einem berührenden Leseerlebnis. Es ist mehr als verständlich, dass die tagtägliche Beschäftigung mit diesen hochgradig sensiblen und aufwühlenden Themen auf der Bühne auch an der Autorin selbst nicht spurlos vorübergeht. Die inhaltliche Nähe zu den existenziellen Fragen des Romans verstärkt den psychischen Druck, der durch die äußeren Reiseumstände ohnehin schon aufgebaut wurde.
In einer Gesellschaft, in der ständige Verfügbarkeit, Funktionieren und Durchhalteparolen oft an erster Stelle stehen, setzt Sarah Kuttner mit ihrem Schritt ein starkes, heilsames Zeichen. Anstatt die Zähne zusammenzubeißen, Beruhigungsmittel zu schlucken oder gute Miene zum bösen Spiel zu machen, steht sie offen zu ihren Schwächen und ihrer Verwundbarkeit. Sie beweist, dass es keine Schande ist, Grenzen anzuerkennen und rechtzeitig die Notbremse zu ziehen. Ein Termin kann abgesagt werden, Verträge lassen sich anpassen – doch die eigene seelische Gesundheit lässt sich nicht ersetzen. Kuttners schonungslose Beichte ist ein Plädoyer für Achtsamkeit und Selbstfürsorge, das weit über die Literaturszene hinaus Beachtung und Respekt verdient.
