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Das tragische Geheimnis der Hexe Baba Jaga: Der Mann, der für unser Lachen durch die Hölle ging T

Das tragische Geheimnis der Hexe Baba Jaga: Der Mann, der für unser Lachen durch die Hölle ging

Es ist ein frostiger Vormittag im Dezember. Die Familie sitzt eng beisammen im warmen Wohnzimmer, der Fernseher flimmert und taucht den Raum in ein nostalgisches Licht. Auf dem Bildschirm läuft „Abenteuer im Zauberwald“, jener legendäre Märchenfilm, der ganze Generationen geprägt hat. Ein Kind sitzt auf dem Teppich, ganz nah am Bildschirm, gebannt von der Magie der Bilder. Doch als plötzlich die finstere Hexe Baba Jaga auftaucht, mit ihrer krummen Nase, dem boshaften Blick und der schrillen Stimme, zieht das Kind unwillkürlich die Schultern hoch und rutscht ein Stück zurück, bis es Schutz an den Knien der Großmutter sucht. Die Großmutter lacht leise. Sie kennt diese Szene in- und auswendig, denn sie saß einst genauso zitternd vor genau diesem Fernseher. Was das Kind jedoch nicht weiß und was auch die Großmutter lange Zeit nicht ahnte: Unter den dreckigen Lumpen und der zentimeterdicken Schminke der gruseligsten Frau der Filmgeschichte verbarg sich in Wahrheit ein Mann. Ein Mann, der ein Leben voller schockierender Entbehrungen, unfassbarer Schmerzen und tiefer Einsamkeit führte.

Sein Name war Georgi Milljar. Er war der Schauspieler, der sich selbstironisch als den offiziellen Vertreter der finsteren Mächte im sowjetischen Kino bezeichnete. Wir alle haben über ihn gelacht, wir haben uns vor ihm gefürchtet, wir kennen jede seiner unheimlichen Gesten. Doch sein wahres Gesicht hat sich kaum jemand gemerkt. Das Leben dieses Mannes verlief ganz und gar nicht wie in einem der bunten Märchen, in denen er mitwirkte. Es war vielmehr eine Aneinanderreihung von schicksalhaften Verlusten, körperlichen Torturen und einem jahrzehntelangen Warten auf das persönliche Glück.

Die Geschichte von Georgi Milljar beginnt nicht in der bitteren Armut, die er später auf der Leinwand verkörperte, sondern in einem unvorstellbaren Reichtum. Er wurde in eine Familie hineingeboren, die der Oberschicht angehörte. Sein Vater war ein erfolgreicher französischer Brückenbauer, der jedoch verstarb, als Georgi noch keine drei Jahre alt war. Seine Mutter stammte aus einer einflussreichen und extrem wohlhabenden Familie; sie war die Tochter eines reichen Goldminenbesitzers aus dem fernen Irkutsk. Der junge Georgi genoss eine exzellente Erziehung, umgeben von Gouvernanten und dem Luxus der vorrevolutionären Zeit. Doch die politischen Ereignisse des Jahres 1917 rissen diese privilegierte Welt brutal in Stücke. Die Familie verlor in den Wirren der Revolution fast ihren gesamten Besitz. Aus ihrer herrschaftlichen und weitläufigen Wohnung wurde eine sogenannte Kommunalka – eine sowjetische Gemeinschaftswohnung, in der sie sich plötzlich mit fremden Familien Küche und Bad teilen mussten. Den einstigen Besitzern blieb lediglich ein einziges, winziges Zimmer. Die Mutter sah sich aus schierer Angst vor politischer Verfolgung sogar gezwungen, den familiären Hintergrund zu verschleiern und den Familiennamen zu ändern. Aus dem vornehmen Milieu wurde das unauffällige und schlichte „Milljar“.

Dieser abrupte Sturz in die Armut und die ständige Notwendigkeit, die eigene Identität zu verbergen, prägten den jungen Georgi tiefgreifend. In offiziellen Fragebögen gab er später an, aus einer Familie einfacher Angestellter zu stammen. Ein Junge aus bestem Hause wurde so zu einem Mann, der es meisterhaft verstand, sich unsichtbar zu machen – und der paradoxerweise freiwillig die hässlichsten, monströsesten Gestalten annahm, die das Kino zu bieten hatte. Vielleicht war es ein psychologischer Schutzmechanismus. Wer in so jungen Jahren erlebt hat, wie man von heute auf morgen alles verliert, fürchtet sich nicht mehr davor, sich auf der Leinwand lächerlich oder abscheulich zu machen. Hinter der Maske der Monster war er sicher.

Der Wendepunkt in seiner Karriere und in der Geschichte des sowjetischen Kinos ereignete sich im Jahr 1939. Der berühmte Regisseur Alexander Rou bereitete die Dreharbeiten zu seinem Märchenfilm „Die schöne Wassilissa“ vor. Rou stand vor einem massiven Problem: Ihm fehlte die perfekte Besetzung für die Rolle der Baba Jaga. Zahlreiche renommierte Schauspielerinnen sprachen für die Rolle vor, darunter sogar die legendäre Faina Ranewskaja. Doch Rou lehnte sie alle kategorisch ab. Keine von ihnen erschien ihm unheimlich und abstoßend genug. In seiner Verzweiflung wandte sich der Regisseur an Georgi Milljar, der im Jahr zuvor bereits in einem seiner Filme aufgetreten war. Die Antwort, die Milljar seinem Regisseur gab, klang zunächst wie ein zynischer Scherz. Sinngemäß erklärte er, dass dies schlichtweg keine Rolle für eine Frau sei. Welche Schauspielerin, so argumentierte er, würde es schon ertragen, auf der großen Leinwand derart hässlich, abstoßend und furchteinflößend dargestellt zu werden? Er hingegen habe keinerlei Eitelkeiten. Er würde alles ertragen. Und er meinte es todernst.

Um diese ikonische Hexe zu erschaffen, griff Milljar auf scharfe Beobachtungen aus seiner eigenen Vergangenheit zurück. Er kombinierte die Charakteristika von zwei Frauen, die er im realen Leben studiert hatte. Zum einen erinnerte er sich an eine alte, verhärmte Griechin, die er einmal in Jalta gesehen hatte, wie sie gebeugt, mit einer markanten Hakennase und einem stechend bösen Blick ihre Ziegen auf einem Hügel hütete. Zum anderen nutzte er die perfide Boshaftigkeit einer Mitbewohnerin aus seiner Gemeinschaftswohnung, die, wie er später berichtete, eine Meisterin darin war, Menschen gegeneinander aufzuhetzen und Zwietracht zu säen. Aus der Verschmelzung dieser beiden realen Personen wurde die schrecklichste Hexe der Filmgeschichte geboren.

Doch der Ruhm verlangte einen bestialischen Tribut. Die Dreharbeiten im Sommer waren die reinste Hölle. In einem ohnehin schon glühend heißen Studio bei unerträglichen Temperaturen musste Milljar unter Schichten von dicker, stickiger Theaterschminke und schweren Kostümen agieren. In einer spezifischen Szene verlangte das Drehbuch, dass die Hexe aus einem riesigen Ofen über eine metallene Rinne nach draußen rutschte. Milljar, ein Perfektionist durch und durch, wiederholte diesen physisch extrem anspruchsvollen Stunt mehr als zwanzig Mal. Die Metallrinne hatte sich durch die heißen Studioscheinwerfer derart aufgeheizt, dass er sich bei den Aufnahmen schwere Verbrennungen zuzog. Der Schmerz war real, doch die Kamera lief weiter. Seine Darstellung war so erschreckend realistisch, dass Kinder, die sich zufällig auf dem Studiogelände aufhielten, weinend und schreiend davonliefen, wenn er in seinem Kostüm an ihnen vorbeiging. Genau diesen rohen, ungefilterten Schrecken hatte Rou gewollt, und Milljar hatte ihn geliefert – bezahlt mit seiner eigenen Haut und gesundheitlichen Qualen.

Diese Rolle machte ihn über Nacht in der gesamten Sowjetunion berühmt. Doch das Martyrium für die Kunst hatte gerade erst begonnen. Wenige Jahre später forderte eine andere Rolle ihm noch weitaus mehr ab. Es handelte sich um die Figur des Kaschtschei, den unsterblichen, grausamen Zauberer aus der russischen Folklore, der traditionell nur noch aus Haut und Knochen besteht. Die Dreharbeiten fanden mitten in den dunkelsten Jahren des Zweiten Weltkriegs statt, weit entfernt von Moskau in der Evakuierung in Dushanbe. Für diese unfassbar gruselige Figur brauchte Milljar fast überhaupt keine Schminke mehr. Das Schicksal hatte ihm auf grausamste Weise die Arbeit der Maskenbildner abgenommen. Er war an schwerer Malaria erkrankt und die Infektion hatte seinen Körper fast vollständig ausgezehrt. Er wog zu diesem Zeitpunkt nur noch besorgniserregende fünfundvierzig Kilogramm. Später erzählte er in seinem typischen, schwarzen Humor, er habe damals fünfundvierzig Kilo gewogen – und fügte leise hinzu: „Mit Schuhen.“ Mit diesem Scherz überspielte er eine Lebensphase, die von blankem Horror und dem Kampf ums nackte Überleben geprägt war. Am Set war er mit diesem Leid nicht allein. Seine Filmpartnerin Galina Grigorjewa hatte gerade erst eine lebensbedrohliche Typhus-Erkrankung überstanden. Ihr Kopf war komplett kahlgeschoren, sie musste unter einer heißen Perücke spielen. Zwei Menschen, die dem Tod gerade erst von der Schippe gesprungen waren, standen völlig entkräftet vor der Kamera und erschufen ein fantasievolles Märchen für Kinder. Was das Publikum später auf der Leinwand für ein meisterhaftes Make-up und Spezialeffekte hielt, war bittere Realität. Es war sein eigener, von Krankheit zerstörter Körper.

Während Milljar auf der Leinwand als absoluter Meister der Verwandlung brillierte, war sein privates Leben von einer erdrückenden Einsamkeit gezeichnet. Er war als junger Mann wohl einmal kurz verheiratet gewesen, doch diese Verbindung zerbrach rasch. Danach zog er sich völlig zurück und lebte jahrzehntelang wieder mit seiner Mutter zusammen – in jenem einen, kärglichen Zimmer in der lauten, beengten Gemeinschaftswohnung. Es gab keine Maske für zu Hause, keinen Glamour, nur den tristen sowjetischen Alltag. Erst als seine Mutter verstarb, wagte er den Gedanken an ein eigenes, neues Leben. Zu diesem Zeitpunkt war Georgi Milljar bereits fünfundsechzig Jahre alt.

Sein langjähriger Freund und Regisseur Alexander Rou soll ihn damals inständig gebeten haben, seinen Lebensabend nicht in dieser bitteren Isolation zu verbringen. Zufällig war einige Zeit zuvor eine neue Nachbarin in die Gemeinschaftswohnung gezogen, eine Frau namens Maria Wassiljewna. Sie war knapp sechzig Jahre alt, eine pragmatische Witwe, die ihre Kinder nach dem Tod ihres Mannes unter großen Opfern ganz allein großgezogen hatte und beim Wachdienst eines Ministeriums hart arbeitete. Milljar begann, sie immer häufiger in ihrem Zimmer zu besuchen. Es entwickelte sich eine zarte, späte Vertrautheit. Eines Tages fasste der fünfundsechzigjährige Leinwand-Schurke all seinen Mut zusammen und machte ihr einen Heiratsantrag. Maria Wassiljewna reagierte zunächst völlig überrascht und lehnte ab. Sie erklärte ihm, sie sei eine alte Frau und brauche in ihrem Alter wahrhaftig keinen Mann mehr. Doch Milljars Reaktion auf diese Zurückweisung ging in die Geschichte ein und zeigt das wunderbare Wesen dieses Mannes. Er schaute sie an und antwortete todernst: „Ich bin doch gar kein Mann. Ich bin die Baba Jaga.“

Dieser entwaffnende Witz brach das Eis. Sie heiratete ihn. Es ist ein Moment von unglaublicher cineastischer und menschlicher Poesie: Ausgerechnet in dem Augenblick, in dem es um sein eigenes, lang ersehntes privates Glück geht, nutzt dieser Mann nicht die großen, pathetischen Worte eines klassischen Liebhabers, sondern greift auf seine berühmteste und hässlichste Rolle zurück. Die Figur, die ihn physisch so viel gekostet hatte, schenkte ihm nun jene Geborgenheit, die ihm sein ganzes Leben lang gefehlt hatte. Die beiden blieben fast fünfundzwanzig Jahre lang ein unzertrennliches Paar, bis zum Ende seines Lebens. Weggefährten berichteten später, dass er sie liebevoll „Mantschka“ nannte und in all den Jahrzehnten nie ein einziges grobes Wort über seine Lippen kam. Der Mann, der auf der Leinwand Kinder in Angst und Schrecken versetzte, war im wahren Leben die personifizierte Sanftmut.

Doch auch im Alter blieb ihm das künstlerische Leid nicht erspart. 1972 wollte Alexander Rou einen neuen Film drehen, „Der Hirsch mit dem goldenen Geweih“, und forderte Milljar erneut für die Rolle der Hexe an. Milljar weigerte sich zunächst lautstark. Er fühlte sich ausgebrannt, er hatte die Figur bereits so oft interpretiert und wollte sich nicht wiederholen. Erst der brillante Maskenbildner Anatoli Iwanow konnte ihn umstimmen, indem er ihm vorschlug, die Hexe diesmal völlig anders anzulegen – so, als würde sie sich seit zweihundert Jahren in den Wechseljahren befinden. Milljar war sofort begeistert von dieser psychologischen Tiefe. Er dachte sich für eine Szene sogar einen völlig eigenen, komplexen Tanz aus. Doch als er die fertigen Aufnahmen aus Jalta sah, brach ihm das Herz. Der Kameramann hatte die Szene lediglich von der Hüfte aufwärts gefilmt. Von seinem mühsam einstudierten Tanz war auf der Leinwand absolut nichts zu sehen. Der Mann, der Jahrzehnte zuvor über sein lebensbedrohliches Untergewicht gewitzt hatte, brach nun, mit fast siebzig Jahren, in bittere Tränen aus. Es war der letzte Film seines Freundes Rou, der kurz darauf 1973 verstarb. Danach wurde es spürbar stiller um Milljar. Erst 1988, im hohen Alter von fünfundachtzig Jahren, erhielt er die offizielle staatliche Auszeichnung als Volkskünstler. Seine bescheidene Reaktion: Man habe ihn zwar erst spät geehrt, aber vom Publikum geliebt wurde er schon immer.

Und diese Liebe reichte weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus, besonders in die DDR. Als „Abenteuer im Zauberwald“ Mitte der 1960er Jahre in die deutschen Kinos und wenig später ins Fernsehen kam, wurde der Film zu einem generationenübergreifenden Kulturgut. Was jedoch kaum ein deutscher Zuschauer wusste: In der DDR-Fassung lieh die Synchronsprecherin Ruth Kommerell der Hexe ihre markante Stimme. So ahnte kein einziges Kind im geteilten Deutschland, dass unter der Maske der grässlichen Alten in Wahrheit ein Mann steckte. Während Milljar bei dreißig Grad Frost in den Lumpen der Hexe stundenlang draußen frieren musste und sich mit Hexenschuss durch den Schnee quälte, wurde er in Deutschland als böse Hexe unsterblich.

Wenn heute wieder ein Kind ganz nah an den Bildschirm rutscht und die Schultern hochzieht, weil die Baba Jaga durch den finsteren Märchenwald humpelt, dann wirkt die Magie des Kinos noch immer. Aber die wahre Magie liegt nicht in den Effekten oder der Maske. Sie liegt in der beispiellosen Hingabe von Georgi Milljar. Ein Mann, der durch Revolutionen alles verlor, der Schmerzen und schwere Krankheiten ertrug, der Jahrzehnte auf die Liebe warten musste und der dennoch bereit war, sich in ein hässliches Monster zu verwandeln, nur damit wir am Ende lächeln und träumen dürfen. Hinter dem schrecklichsten Gesicht des Märchenwaldes schlug das größte und wärmste Herz der gesamten Filmgeschichte.

Disclaimer: This story is fictional and created for entertainment purposes only. Any names, characters, places, or events are fictitious or used fictitiously. No real person or organization is intended to be portrayed.

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