Katja Paryla: Das faszinierende Leben jener Ausnahme-Schauspielerin, die als liebenswerte Kult-Hexe eine ganze Generation verzauberte T
Katja Paryla: Das faszinierende Leben jener Ausnahme-Schauspielerin, die als liebenswerte Kult-Hexe eine ganze Generation verzauberte
Es gibt Fernsehmomente, die brennen sich so tief in das kollektive Gedächtnis ein, dass schon wenige Worte oder ein einzelner vertrauter Tonfall genügen, um eine ganze Epoche wiederauferstehen zu lassen. Wer sich an den Neujahrstag des Jahres 1979 erinnert, sieht vielleicht sofort jenes vertraute Bild vor sich: Eine knorrige, eigenwillige Gestalt steht ratlos in einem DDR-Kaufhaus, mustert die angebotenen Haushaltswaren und entscheidet sich am Ende keineswegs für ein traditionelles Reisigbündel, sondern für einen handlichen Staubsauger des Typs Omega aus dem volkseigenen Betrieb Elektrowärme Altenburg. Wenige Augenblicke später erhob sich diese sonderbare Reisegruppe in die Lüfte, schwebte hoch über dem Berliner Alexanderplatz und landete mitten in den Herzen eines Millionenpublikums.

Die Rede ist von der Hexe Emma aus der legendären siebenteiligen Fernsehserie „Spuk unterm Riesenrad“. Doch wer steckte hinter dieser Kunstfigur, die Kinder nicht das Fürchten lehrte, sondern sie stattdessen mit Wärme und Humor zum Lachen brachte? Es war Katja Paryla. Am Nachmittag brachte sie mit ihrer unnachahmlichen Mimik die Jüngsten vor der Mattscheibe zum Schmunzeln, während sie am selben Abend auf den ehrwürdigen Brettern des Deutschen Theaters in Berlin stand, um die großen antiken Tragödien der Weltliteratur mit markerschütternder Wucht zu verkörpern. Um zu verstehen, warum ausgerechnet diese Hexe von den Menschen so innig geliebt wurde, muss man tiefer blicken als nur auf den bloßen Unterhaltungswert einer Kinderproduktion. Es ist die Geschichte einer faszinierenden Künstlerin, einer Jahrhundertstimme und eines Werdegangs, der von historischer Zerrissenheit, unbändiger Theaterleidenschaft und tiefer menschlicher Wärme geprägt war.
Das Geheimnis der Hexe Emma lag zuallererst in ihrer dramaturgischen Entwicklung. Nach dem Drehbuch von Klaus-Ulrich Wiesner und unter der feinfühligen Regie von Günter Meyer begann das Abenteuer denkbar turbulent: Drei Berliner Kinder namens Tammy, Umbo und Keks helfen in den Sommerferien ihren Großeltern im Vergnügungspark im Plenterwald an der Geisterbahn aus. Bei einer wilden Rauferei mit angebranntem Grießbrei geraten die lebensgroßen Holzfiguren der Schaubude ins Visier und werden verschmutzt. Um sie zu reinigen, tauchen die Kinder die Gestalten kurzerhand in das Wasser der Spree – nicht ahnend, dass die fließenden Wellen uralte Zauberkräfte wecken. Plötzlich erwachen der Riese Otto, das garstige Rumpelstilzchen und die Hexe Emma zum Leben. Doch die Geschichte verweilt nicht im starren Schema von Gut und Böse. Während das Rumpelstilzchen unerbittlich nach Macht, Beute und Gold giert, schlagen die Hexe und der gutmütige Riese einen völlig unerwarteten Pfad ein. Sie entdecken, wie erfüllend es ist, Gutes zu tun, sich nützlich zu machen und den Menschen beizustehen.
Mit jeder weiteren Episode verlor die Hexe etwas von ihrer hölzernen Unnahbarkeit und gewann an greifbarer Menschlichkeit. Als das Rumpelstilzchen auf der düsteren Burg Falkenstein im Harz schließlich das Mädchen Keks in seine Gewalt bringt, ist es die Hexe Emma, die gemeinsam mit den Kindern für die Rettung sorgt. Ihre Verwandlung vollzieht sich nicht durch Zaubersprüche, sondern durch Mitgefühl: Aus einer Spukfigur wird ein echter Mensch. Gekrönt wurde dieser Wandel von jenem poetischen Augenblick, der bis heute nachklingt: Nach dem abenteuerlichen Flug über die Dächer des Prenzlauer Bergs, getragen von den sphärischen Synthesizerklängen des Komponisten Thomas Natschinski, landet die Hexe im nächtlichen Wald. Sanft blickt sie in das fahle Licht und spricht jene Zeilen, die später an unzähligen Kinderbetten zum Gutenachtritual wurden: „Flugs, ihr Geister, geht zur Ruh, decket euch mit Mondlicht zu.“ Man durfte sich anfangs ein wenig vor ihr fürchten, doch am Ende schützte sie die Träume der Kinder.
Dass diese scheinbar einfache Märchenfigur eine derartige seelische Resonanz entfalten konnte, verdankte sie der Herkunft und der fundierten Ausbildung ihrer Darstellerin. Katja Paryla war kein zufälliges Fernsehgesicht, sondern entstammte einer traditionsreichen Theaterdynastie. Am 25. Januar 1940 erblickte sie in Zürich das Licht der Welt. Ihre Eltern, beides überzeugte und engagierte Theaterleute, hatten nach dem Anschluss Österreichs 1938 ihre Heimat verlassen müssen und am Zürcher Schauspielhaus Zuflucht gefunden. Ihr Vater Emil Paryla wählte fortan den Künstlernamen Emil Stör, um Verwechslungen mit seinem berühmten Schauspieler-Bruder Karl Paryla zu vermeiden. Trotz dieses traditionsreichen familiären Umfelds schien Katjas Weg auf die Theaterbühne zunächst keineswegs vorgezeichnet. Nach dem Krieg zog die Familie zunächst nach Wien, doch als in den 1950er Jahren die Engagements für den Vater ausblieben, siedelte man nach Ost-Berlin über.
Dort wandte sich das junge Mädchen zunächst einer ganz anderen Kunstform zu. Katja Paryla studierte Modegestaltung an der renommierten Kunsthochschule in Berlin-Weißensee und schloss dieses anspruchsvolle Studium mit einem glänzenden Diplom ab. Ihr Gespür für Formen, Kostüme, Ausdruck und Stoffe sollte ihr späteres Schaffen zeitlebens bereichern. Doch die Magie der Bühne ließ sie nicht los. Im Jahr 1960 fasste sie den mutigen Entschluss, sich an der staatlichen Schauspielschule in Berlin zu bewerben. Zwischen 1961 und 1963 eignete sie sich das schauspielerische Rüstzeug von der Pike auf an. Bereits während ihrer Ausbildungszeit, im Jahr 1962, stand sie in der Inszenierung „Die Heirat des Heiratsschwindlers“ auf der traditionsreichen Bühne des Deutschen Theaters – Seite an Seite mit ihrem Vater. Vater und Tochter teilten sich das Rampenlicht, traten jedoch unter verschiedenen Namen auf: er als Emil Stör, sie voller Stolz als Katja Paryla.
In den folgenden anderthalb Jahrzehnten formte sie ihr schauspielerisches Profil an den wichtigsten Spielstätten Ost-Berlins. Nach ersten Jahren an der Volksbühne gehörte sie ein ganzes Jahrzehnt lang zum festen Ensemble des Maxim-Gorki-Theaters, bevor sie Ende der 1970er Jahre fest an das Deutsche Theater wechselte. Ulrich Seidler, renommierter Theaterkritiker der Berliner Zeitung, beschrieb ihre Stimme rückblickend als ein beinahe magisches Instrument von seltener Modulationsfähigkeit. Als Katja Paryla 1978 für die Dreharbeiten zu „Spuk unterm Riesenrad“ vor die Fernsehkameras trat, brachte sie das schwere Gepäck und die Virtuosität von über fünfzehn Jahren intensiver Theaterarbeit mit. Sie sprach den banalen Text einer Kinderserie mit demselben Ernst, derselben rhythmischen Präzision und derselben emotionalen Tiefe wie klassische Verse auf der Theaterbühne. Genau diese künstlerische Ernsthaftigkeit spürten die Zuschauer instinktiv: Kinder wurden nicht belehrt oder mit billigen Albernheiten abgespeist, sondern als vollwertige Theaterbesucher im Wohnzimmer ernst genommen.
Dass die Zuneigung des Publikums keine flüchtige Laune war, bewies sich knapp vier Jahre später. Am ersten Weihnachtsfeiertag 1982 strahlte das Fernsehen der DDR den Serienauftakt von „Spuk im Hochhaus“ aus. Erneut stammte das Konzept aus den Federn von Wiesner und Meyer, und wieder stand Katja Paryla im Zentrum des Geschehens. Diesmal entführte die Erzählung das Publikum nicht in eine verstaubte Geisterbahn, sondern mitten in die sozialistische Lebensrealität: in ein modernes Plattenbau-Hochhaus im Berliner Stadtteil Friedrichshain. Die Vorgeschichte basierte auf einer klassischen Schauersage. Vor zwei Jahrhunderten hatten die Wirtsleute August und Jette Deelschmidt ihre Gäste skrupellos beraubt und vergiftet. Zur Strafe für ihre Schandtaten waren sie verflucht worden: Nach 200 Jahren Schlaf durften sie erst dann ihre ewige Ruhe finden, wenn sie sieben aufrichtige, uneigennützige gute Taten vollbracht hatten.

An der Seite des populären Heinz Renhack als August und gemeinsam mit Stefan Lisewski, der zuvor den Riesen Otto verkörpert hatte und nun als pflichtbewusster Hausmeister Kegel auftrat, brillierte Paryla als resolute Jette. Was die Zuschauer damals so tief berührte, war das Fehlen von pompösem Hokuspokus. Die guten Taten der beiden ruhelosen Geister waren alltäglich, lebensnah und warmherzig: Sie stahlen den Honigmandelkuchen der einsamen alten Oma Kroll, um ihn im gesamten Treppenhaus zu verteilen und die Nachbarn ins Gespräch zu bringen. Sie nahmen das schüchterne Mädchen Ulrike, das frisch aus dem Erzgebirge in die anonyme Hochhauswelt gezogen war, bei der Hand und führten es in die Hausgemeinschaft ein. Und sie schlichteten den ewigen Zank zwischen den Nachbarinnen Frau Vogel und Frau Mogel. Katja Paryla spielte diese handfeste Geisterwirtin mit spitzbübischem Witz und erstaunlicher Authentizität. Eine bemerkenswerte Randnotiz unterstreicht ihre künstlerische Kontinuität: Bereits 1965 hatte sie an der Berliner Volksbühne in Peter Hacks’ Stück „Moritz Tasso“ eine Figur namens Jette gespielt. Aus der Bühnen-Jette wurde so viele Jahre später die TV-Geisterfrau. Für ihre herausragenden schauspielerischen Leistungen wurde Katja Paryla 1983 folgerichtig mit dem angesehenen Kunstpreis der DDR geehrt.
Trotz ihrer ungeheuren Popularität auf dem Bildschirm blieb das Theater stets der eigentliche Mittelpunkt ihres Lebens. In den 1980er Jahren wurde Katja Paryla zur festen Größe in den visionären Inszenierungen des Meisterregisseurs Alexander Lang am Deutschen Theater Berlin. Als Titania im „Sommernachtstraum“ von 1980, als Iphigenie im Jahr 1984 und als kraftvolle, tragische Medea 1986 prägte sie die Theaterlandschaft nachhaltig. Sie selbst bezeichnete diese Phase in späteren Rückblicken als ihre künstlerisch wichtigste und intensivste Epoche. Sie beherrschte das epische Theater im Brechtschen Sinne ebenso wie das schwere Antikendrama und die feinsinnige Komödie. Doch mit dem Weggang von Alexander Lang, der 1986 in den Westen übersiedelte, brach für sie am Deutschen Theater eine schmerzhafte Lücke auf. Rollenangebote wurden spürbarer rarer, und die vertrauten kreativen Arbeitsbeziehungen lockerten sich.
Anstatt jedoch zu resignieren, eröffnete Katja Paryla ein neues, mutiges Kapitel ihrer Laufbahn. Sie wechselte auf den Regiestuhl und inszenierte 1990 am Deutschen Theater erstmals ein eigenes Stück. Nach Stationen am Berliner Schillertheater führte sie ihr künstlerischer Weg nach der Wende an das Deutsche Nationaltheater in Weimar, wo sie von 1994 bis 2001 vor allem als profilierte Regisseurin Akzente setzte und dem Geist ihres Mentors Lang treu blieb. Von 2004 bis 2008 stand sie als engagierte Schauspieldirektorin an der Spitze des Schauspiels Chemnitz, lehrte am Düsseldorfer Schauspielhaus, gab ihr enormes Wissen an junge Schauspieltalente weiter und wurde zur anerkannten ordentlichen Professorin sowie zum Mitglied der Berliner Akademie der Künste berufen. Während das Fernsehpublikum oft rätselte, wohin die markante Frau verschwunden war, bildete sie im Verborgenen die nächste Generation aus und half jungen Mimen, ihre eigene schauspielerische Stimme zu finden.
Unterdessen entwickelte das Serien-Epos um die drei Geisterbahnfiguren ein eigenes, weltweites Nachleben. Der Fernsehstoff von „Spuk unterm Riesenrad“ wurde wegen des überwältigenden Erfolgs für die Kinos adaptiert, und das dazugehörige Kinderbuch erreichte in den 1980er Jahren eine Gesamtauflage von weit über einhunderttausend Exemplaren. Die Serie überwand mühelos den Eisernen Vorhang: Bereits im Herbst 1979 lief sie in den Regionalprogrammen der Bundesrepublik Deutschland, und in den Folgejahren wurde sie in Ländern wie Spanien, Kanada, China und Ägypten ausgestrahlt. Im Sommer 2012 erlebte der Stoff sogar eine Renaissance auf Theaterbühnen in Berlin, Dresden und Rostock, wobei die Darsteller im Berliner Spreepark direkt vor dem damals verfallenen Original-Riesenrad probten.
Am 25. August 2013 schloss Katja Paryla in ihrem Haus im brandenburgischen Wölsickendorf bei Bad Freienwalde nach einer schweren Krankheitsphase für immer die Augen. Sie wurde 73 Jahre alt. Als die Kostümbildnerin Hannelore Wedemeyer die traurige Nachricht im Namen der Familie überbrachte, wählte die Berliner Zeitung für ihren Nachruf keinen Zitatfetzen aus Shakespeares oder Goethes Dramen, sondern jenen unvergesslichen Satz einer scheinbar kleinen Fernsehhexe: „Decket euch mit Mondlicht zu.“ Es war die schönste und ehrlichste Würdigung einer Künstlerin, die zeitlebens keine Unterschiede zwischen großer Weltliteratur und kindlichem Staunen machte.
Wenn im Frühjahr 2027 das neue, 45 Meter hohe Riesenrad im heutigen Berliner Spreepark erstmals wieder Besucher in luftige Höhen trägt, schließt sich ein faszinierender historischer Kreis. Auch wenn Regisseur Thomas Stuber die Geisterbahngeschichte 2024 mit einer Neuverfilmung für eine junge Generation auf die Kinoleinwand brachte, bleibt Katja Parylas Schaffen unerreicht. Ihre Darstellung der Hexe Emma erinnerte daran, dass wahre Wandlung möglich ist, dass Güte immer über Eigensinn siegt und dass Kunst die Kraft besitzt, über Generationen hinweg Geborgenheit zu spenden.