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Der tiefe Fall der Meinungsfreiheit: Wie die Hexenjagd auf Thomas Gottschalk die bittere Doppelmoral des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entlarvt

Wir leben in einer Ära des rasanten gesellschaftlichen Wandels, in der die Grenzen dessen, was gesagt, gedacht und gezeigt werden darf, scheinbar täglich neu verhandelt und nicht selten extrem verengt werden. Die deutsche Medienlandschaft befindet sich im Zentrum eines gewaltigen kulturellen Bebens. Was früher als harmlose Unterhaltung, pointierte Satire oder schlichtweg als legitime Meinungsäußerung galt, wird heute unter das unbarmherzige Mikroskop einer hypersensiblen, moralisch aufgeladenen Öffentlichkeit gelegt. Ein besonders drastisches und alarmierendes Beispiel für diese Entwicklung liefert derzeit der Umgang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, namentlich des ZDF, mit einer seiner größten und verdientesten Ikonen: Thomas Gottschalk. Die Ereignisse der letzten Wochen und Monate gleichen einem inszenierten Kesseltreiben, das tiefe und sehr unbequeme Fragen über Zensur, Doppelmoral und den wahren Zustand unserer viel beschworenen Meinungsfreiheit aufwirft.

Um die volle Tragweite dieses beispiellosen Skandals zu begreifen, muss man zunächst einen Blick auf die historische Bedeutung werfen, die Thomas Gottschalk für die deutsche Fernsehlandschaft und insbesondere für das ZDF hat. Über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg war er das unangefochtene Gesicht der Samstagabendunterhaltung. Mit seiner Sendung “Wetten, dass..?” lockte er regelmäßig ein Millionenpublikum vor die Bildschirme – Quoten, von denen die heutigen Fernsehmacher in ihren kühnsten Träumen nicht einmal mehr zu fantasieren wagen. Gottschalk bescherte dem Sender astronomische Einschaltquoten, internationale Strahlkraft und enorme Einnahmen. Er war der Garant für das große, generationenübergreifende Lagerfeuer des Fernsehens. Seine lockere, oft spontane und unkonventionelle Art war sein Markenzeichen. Hollywoodstars, Politiker und Spitzensportler rissen sich darum, auf seiner legendären Couch Platz nehmen zu dürfen, um ihre neuesten Filme, Bücher oder Musikalben vor einem gigantischen Publikum zu promoten. Gottschalk war kein politischer Scharfmacher, kein Intellektueller mit erhobenem Zeigefinger, sondern ein Entertainer durch und durch, der den Menschen Leichtigkeit und Freude in die Wohnzimmer brachte.

Doch diese glorreichen Zeiten scheinen in der heutigen, oft von Empörung getriebenen Kultur nichts mehr wert zu sein. Der Auslöser für die massive Kritikwelle, die nun schonungslos über den gealterten und gesundheitlich angeschlagenen Entertainer hereinbricht, ist an Absurdität kaum zu überbieten. Gottschalk hatte es gewagt, in aller Öffentlichkeit eine sehr simple, aber heutzutage brandgefährliche Beobachtung auszusprechen: Man könne eben nicht mehr alles sagen. Dieser eine Satz reichte aus, um ihn zur Zielscheibe einer unbarmherzigen Kampagne zu machen. Seit diesem Moment prasselt Kritik und Häme pausenlos auf ihn ein. Die scharfsinnige politische Kabarettistin Simone Solga, bekannt für ihre messerscharfen Analysen und ihr furchtloses Benennen unbequemer Wahrheiten, hat diese absurde Entwicklung kürzlich in einem brillanten Beitrag seziert. Sie deckt auf, wie das ZDF nun offenbar krampfhaft versucht, das “dunkelste Kapitel” seiner Vergangenheit – womit tragischerweise Thomas Gottschalk gemeint ist – aufzuarbeiten.

Laut Solga haben betriebsinterne feministische Kreise im Sender plötzlich im Nachhinein entdeckt, dass Gottschalk in seinen Shows Frauen angeblich schlecht und herabwürdigend behandelt habe. Eine Behauptung, die nicht nur für Solga, sondern auch für Millionen von Zuschauern völlig aus der Luft gegriffen wirkt. Wenn man sich die alten Aufzeichnungen ansieht, entsteht vielmehr das Bild von weiblichen Gästen, die sich überaus freiwillig, strahlend und äußerst zielgerichtet zu ihm auf das Riesensofa setzten. Es war schlichtweg die beste PR-Plattform Europas. Es ging um Karrieren, um Plattenverkäufe und um Kinostarts. Doch nun wird nachträglich ein Narrativ der Unterdrückung und des innerlichen Leidens dieser Frauen konstruiert. Es ist die Gnadenlosigkeit der späten Rache, wie Solga es treffend formuliert, getrieben von einer ideologischen Agenda, die historische Kontexte ignoriert und Vergangenes mit den ultra-strengen Maßstäben der Gegenwart richtet. Dass sich der Sender nun ausgerechnet gegen den Mann wendet, der ihm seine größten Erfolge bescherte, zeugt von einer erschütternden Respektlosigkeit und einer tiefen geschichtlichen Vergesslichkeit.

Die wahre Brisanz in Solgas Analyse liegt jedoch in der schonungslosen Offenlegung der unfassbaren Doppelmoral, die bei den selbsternannten moralischen Instanzen herrscht. Während man sich heldenhaft und mit vollem rhetorischem Einsatz auf den “Kreuzzug” gegen den alten weißen Mann Gottschalk begibt, herrscht bei echten, lebensbedrohlichen Problemen von Frauen in unserer Gesellschaft ein ohrenbetäubendes Schweigen. Solga legt den Finger tief in die Wunde: Wo ist der Aufschrei der gleichen feministischen Kreise, wenn es um reale Gewalt auf den Straßen geht? Wenn Messerattacken das Sicherheitsgefühl von Frauen im öffentlichen Raum massiv beeinträchtigen? Noch drastischer wird es beim grauenhaften Thema der Genitalverstümmelung. In Deutschland leben fast 70.000 Frauen, die Opfer dieser barbarischen Praxis wurden, und rund 17.000 Mädchen gelten als hochgefährdet. Doch weil diese Verbrechen oft im Zusammenhang mit spezifischen kulturellen Hintergründen stehen, hüllt man sich lieber in politisch korrektes Schweigen. Es ist offensichtlich wesentlich bequemer, ungefährlicher und karrierefördernder, sich an einem unbewaffneten, im Ruhestand befindlichen Showmaster abzuarbeiten, als sich den wirklich dunklen und gefährlichen Realitäten von Gewalt gegen Frauen entgegenzustellen. Diese Heuchelei, so macht Solga deutlich, ist der eigentliche Skandal.

Dieser eklatante Widerspruch in der Haltung der öffentlich-rechtlichen Sender wird noch deutlicher, wenn man einen anderen, hochaktuellen Fall betrachtet, der parallel zu der Gottschalk-Hexenjagd für enormes Aufsehen gesorgt hat. Es geht um den Rapper Danger Dan und den hochdekorierten Starpianisten Igor Levit. Für die Satiresendung “Die Anstalt” war offenbar ein Auftritt geplant, bei dem ein Lied präsentiert werden sollte, das unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Rechtsextremismus extrem fragwürdige Botschaften transportiert. Wie in der Berichterstattung und auch von Solga scharf angemerkt wurde, enthält dieses Werk Textpassagen, die von vielen Beobachtern als direkte Handlungsanweisungen zu handfesten Straftaten interpretiert werden. Die Rede ist von Aufrufen zu Vandalismus, Identitätsbetrug, Nötigung und gar einer Verherrlichung linksextremer Gewalt, inklusive Grußbotschaften an die berüchtigte sogenannte Hammerbande, die für brutale und menschenverachtende Überfälle verantwortlich gemacht wird.

Hier offenbart sich die absolute Absurdität der aktuellen Lage. Auf der einen Seite wird ein Thomas Gottschalk für Jahrzehnte zurückliegende, im damaligen Zeitgeist völlig normale und beiderseitig gewollte Show-Interaktionen medial an den Pranger gestellt und systematisch demontiert. Auf der anderen Seite wird überlegt, Künstlern, deren Texte laut Kritikern massiv zur Gewalt aufstacheln, eine gebührenfinanzierte Bühne zur besten Sendezeit zu bieten. Glücklicherweise schien selbst dem ZDF diese offene Zurschaustellung von Extremismus letztendlich zu brisant zu sein, weshalb der Auftritt von Danger Dan und Igor Levit in der geplanten Form untersagt und die Künstler für diese Ausgabe ausgeladen wurden. Doch allein die Tatsache, dass es überhaupt erst zu dieser Auseinandersetzung kommen musste, zeigt, wie tief der moralische Kompass in Teilen der Redaktionen bereits verschoben ist. Die Reaktionen auf diese Absage ließen natürlich nicht lange auf sich warten. Sofort wurde von Seiten der Künstler und ihrer Unterstützer Zensur gerufen, das hohe Lied der Kunstfreiheit angestimmt und eine Zerrüttung des Vertrauensverhältnisses beklagt.

Genau an diesem Punkt schließt sich der Kreis zu Thomas Gottschalk, und die tiefe Ratlosigkeit, die uns alle erfassen sollte, wird greifbar. Haben wir in Deutschland nun Meinungsfreiheit oder haben wir sie nicht? Gilt die Kunst- und Meinungsfreiheit nur für jene, die sich auf der vermeintlich “richtigen”, sprich politisch linken Seite des Spektrums verorten? Wenn ein Rapper in seinen Texten mit Straftaten kokettiert, wird dies von weiten Teilen des Feuilletons als mutiger, subversiver Akt gefeiert und mit Preisen überhäuft. Wenn jedoch ein altgedienter Moderator völlig zu Recht anmerkt, dass der Debattenraum immer enger wird und man ständig Angst haben muss, das Falsche zu sagen, wird er als aus der Zeit gefallen, reaktionär oder gar toxisch gebrandmarkt und zum Abschuss freigegeben. Es ist eine asymmetrische Kriegsführung um die Deutungshoheit in unserem Land, bei der mit völlig unterschiedlichen Maßstäben gemessen wird.

Die weitreichenden Konsequenzen dieser Entwicklung für unsere Gesellschaft sind fatal. Wenn die Menschen das Gefühl bekommen, dass Institutionen wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk, die durch Zwangsgebühren von allen Bürgern finanziert werden und per Gesetz zur Neutralität und Ausgewogenheit verpflichtet sind, eine einseitige ideologische Agenda verfolgen, zerbricht das ohnehin schon fragile Vertrauen endgültig. Die Zuschauer sind nicht dumm. Sie durchschauen das falsche Spiel, bei dem harmlose Fehltritte der Vergangenheit mit dem medialen Fallbeil bestraft werden, während tatsächliche verbale Entgleisungen und Gewaltaufrufe aus einer bestimmten politischen Richtung toleriert oder gar gefördert werden. Der Fall Gottschalk ist somit weit mehr als nur das persönliche Drama eines alternden Stars. Er ist ein Symptom einer tiefen gesellschaftlichen Krankheit, einer Cancel Culture, die Vergebung, Kontext und menschliches Maß verloren hat.

Simone Solga hat mit ihrem brillanten und mutigen Einwurf einen unverzichtbaren Beitrag zur Aufklärung geleistet. Sie hat ausgesprochen, was Millionen von Bürgern denken, sich aber aus Angst vor genau jener Stigmatisierung, die Gottschalk gerade widerfährt, nicht mehr laut zu sagen trauen. Es wird höchste Zeit, dass wir als Gesellschaft den Mut aufbringen, dieser grassierenden Scheinheiligkeit entschieden entgegenzutreten. Wir müssen zurückkehren zu einer Kultur des offenen Diskurses, in der Meinungen ausgetauscht und gestritten werden darf, ohne dass sofort die existenzielle Vernichtung des Gegenübers gefordert wird. Eine Demokratie lebt von der Vielfalt der Stimmen, auch derer, die anecken oder uns unbequem erscheinen. Wenn wir zulassen, dass eine laute, radikale Minderheit bestimmt, was sagbar ist und wer aus der Geschichte getilgt werden soll, haben wir nicht nur einen großen Entertainer verloren, sondern das Fundament unserer freiheitlichen Grundordnung massiv beschädigt. Wir müssen uns entscheiden, ob wir in einer Gesellschaft der Angst und der Denunziation leben wollen, oder ob wir die Meinungsfreiheit in all ihren Schattierungen – den guten, den schlechten und den unbequemen – wieder als das höchste Gut verteidigen, das sie ist.

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