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Als ein britischer Arzt dem Gefangenen das Skalpell gab — kurz darauf nannten sie ihn einen Helden

Es ist der vierte Abend in Folge, an dem Major Thomas Alderton nicht nach Hause geht. Das Lazarett des Kriegsgefangenenlagers liegt [musik] still. Draußen fallen die ersten Herbstblätter auf den aufgeweichten Boden. Ein Wachposten geht an den Baracken vorbei, [musik] die Schritte gleichmäßig wie ein Metronom.

 Die Glühbirne über dem Operationstisch flackert kurz und bleibt dann an. Alderton steht vor einem Patienten, der nicht auf sein Eingreifen warten kann. Ein junger Gefreiter der britischen Armee, 18 Jahre alt mit [musik] einem Schrapnellfragment tief im Bauchraum. Die Blutung lässt sich nicht stillen. Alderton hat alles versucht, was er weiß.

 Er hat die Hände an der Wunde, er hat die Instrumente, er hat die Ausbildung. Was er nicht hat, ist die Erfahrung mit dieser spezifischen Art von Verletzung, die man nur bekommt, wenn man jahrelang an der Front operiert. Er dreht sich um. Am anderen Ende des Raumes steht ein Mann in der grauen Uniform eines deutschen Kriegs gefangenen. Er sagt nichts, er wartet.

Alderton hält dem Mann das Skalpell hin. Was in dieser Nacht im Operationsraum geschieht, ist gegen jedes Protokoll, gegen jede Regulation der britischen Armee und gegen den ausdrücklichen Befehl seines Vorgesetzten. Wenige Wochen später werden sie Alderton dafür einen Helden nennen. Dies ist die Geschichte von Karl Fechner und davon, was es bedeutet in einer fremden Sprache, in einem fremden Land mit fremden Händen zu retten, [musik] was noch zu retten ist.

 Karl Fechner ist 34 Jahre alt, als er aufhört zu kämpfen. Es ist der 11. Juli 1944. Die Normandie riecht nach verbranntem Metall und nassem [musik] Lehm. Fechner bewegt sich seit drei Tagen durch ein Schlachtfeld, das sich täglich verschiebt. Mal sind die Deutschen hier vorne, mal dort, mal nirgends. Er ist Stabsarzt, kein Soldat im eigentlichen Sinn.

 Er trägt einen Helm und eine Uniform, aber keine Waffe. Seine Waffe ist ein Lederbeutel mit Instrumenten, die er seit 12 Jahren nicht mehr aus den Augen lässt. Der Beutel gehörte seinem Vater. Wilhelm Fechner war Feldarzt im Ersten Weltkrieg. Er überlebte Verdun, überlebte die Marne, überlebte den Winter 1917 und kam 1919 mit einem einzigen Koffer zurück nach Göttingen.

 In dem Koffer lagen keine Andenken, keine Fotografien, keine Auszeichnungen, nur seine chirurgischen Instrumente. Sauber abgewischt, in Leder gerollt, die Griffe nach innen. Auf der Schließe aus Messing stand eingraviert WF 1914. Karl Fechner trug diesen Beutel durch sein Medizinstudium, durch seine Assistenzzeit am Universitätsklinikum, durch die ersten Kriegsjahre.

Er operierte in Feldlzarretten, auf Klappliggen, einmal auf dem Boden eines Bauernhauses in der Nähe von Smolensk, während draußen Artillerie fiel. Den Beutel legte er nie weit weg. Er wußte genau, wo er war. Auf dem Tisch unter dem Stuhl im Tornister immer. Am 11. Juli 1944 kommt eine Granate.

 Fächner liegt im Schlamm. Als er aufsteht, ist die Welt um ihn herum eine andere. Zwei britische Soldaten stehen über ihm, Gewehre im Anschlag und einer von ihnen sagt etwas, dass er nicht versteht. Seine Ohren klingeln. Der Boden unter ihm ist feucht. Er riecht Rauch. Er hebt die Hände, den Lederbeutel hat er noch.

 Er wird später nicht sagen können, wie lange er dann in einem behelfsmäßigen Sammelpunkt gewartet hat. Stunden wahrscheinlich zwischen anderen Männern, die alle nichts sagten. Irgendwann kommt ein britischer Soldat, der ein paar Wörter Deutsch spricht und fragt nach dem Beutel. Fächner erklärt, was darin ist.

 Der Soldat schaut hinein, schließt ihn wieder und gibt ihn zurück. Mehr passiert nicht. Der Transport nach England dauert vier Tage. Fächner verbringt sie in einem Schiffsbauch zwischen drei anderen Männern, die alle dasselbe Gesicht tragen. Das Gesicht von jemandem, der noch nicht ganz begriffen hat, dass der Krieg für ihn vorbei ist.

Es riecht nach Schweiß und Salzwasser. Jemand schläft, jemand anderes weint leise, sodass er glaubt, es falle nicht auf. In Southampton gehen sie von Bord. Ein Bus bringt sie nach Norden. Durch Fenster, die zu schmal sind, um etwas wirklich zu sehen, zieht England vorbei. Grüne Felder, weiße Schafe, Ortschaften mit roten Backsteinhäusern.

Ein Land, das vom Krieg kaum berührt scheint. Keine ausgebombten Straßen, keine verbrannten Felder. Fechner drückt die Stirn gegen das Glas und schaut hinaus und denkt an nichts bestimmtes. Featherstone Park liegt in Northumberland, nahe der schottischen Grenze. Ein ehemaliges Herrenhaus, umgeben von Stacheldraht und Wachposten.

Aber es ist kein hartes Lager. Die Betten haben Matratzen. Es gibt Mahlzeiten, wenn auch Karge. Die Wachen sind korrekt, manchmal sogar freundlich. Und es gibt ein Lazarett, ein kleines schlecht ausgestattetes Gebäude am Rand des Geländes, das von einem einzigen britischen Militärarzt betreut wird. Das Lager hat eine eigene Ordnung, wie alle Lager.

 Es gibt Appelle und Zählungen und Stunden, in denen man nicht weiß, womit man die Zeit füllen soll. Es gibt Männer, die Karten spielen und Männer, die schreiben und Männer, die nur daitzen und an Dinge denken, die sie besser nicht denken würden. Fächner ist keiner davon. Am zweiten Tag findet er das Lazarett, am dritten sitzt er darin. Major Thomas Alderton ist 48 Jahre alt, leicht übergewichtig und chronisch überlastet.

Er ist kein schlechter Arzt. Er ist ein erschöpfter Arzt, einer, der seit Kriegsbeginn das Lager kaum verlassen hat, einer, der Erkältungen behandelt und Knochenbrüche und gelegentlich ernstere Dinge allein, ohne Unterstützung mit den Mitteln, die er hat. Er braucht keine Hilfe, das sagt er sich jedenfalls.

 Am dritten Tag bemerkt er Fechner. Fechner sitzt in der Ecke des Lazarets und beobachtet. Er sagt nichts, er stellt keine Fragen. Aber Olderton sieht, wie er zuschaut, wie er die Instrumente auf dem Tisch mit einem kurzen Blick inventarisiert. Der Blick eines Mannes, der in einer Sekunde weiß, ob ein Set vollständig ist oder nicht.

 Wie er als Alderton einen Verband anlegt, fast unmerklich den Kopf schüttelt. Sie sind Arzt, sagt Alderton auf Englisch. Fechner sieht ihn an. Stabsarzt. Ja. Dann setzen sie sich woanders hin. Die ersten Wochen vergehen. Fechner setzt sich nicht woanders hin. Er kehrt jeden zweiten Tag ins Lazarett zurück. Er fragt nicht, er beobachtet.

 Alderton ignoriert ihn solange er kann. Er sagt sich, dass er keine Verwendung für einen deutschen Arzt hat. Er sagt sich, dass es gegen die Vorschriften ist. Er sagt sich viele Dinge. Dann an einem Dienstagmorgen, Ende September, bringt man einen Gefangenen herein mit einer entzündeten Wunde am Unterarm. Die Entzündung hat begonnen, sich auszubreiten.

Die Haut rund um die Wunde ist gerötet, warm, geschwollen. Alderton debridiert die Wunde, säubert, verbindet. Er arbeitet sauber und schnell. Als er fertig ist, steht Fechner neben ihm. Das Drainagemuster stimmt nicht, sagt Fechner. Auf Englisch langsam, aber klar. Alderton sieht ihn an. Was? Die Entzündung breitet sich nach Proximal aus.

 Wenn Sie jetzt nicht noch einmal trainieren und den Abflusskanal korrigieren, verliert er in drei Tagen den Arm. Eine Pause. Auderton schaut auf die Wunde, dann auf Fächner, dann wieder auf die Wunde. Er trainiert noch einmal. Diesmal anders. In drei Tagen ist die Entzündung zurückgegangen. Der Mann behält seinen Arm. Alderton sagt kein Wort darüber, aber ab dem nächsten Montag stellt er keine Fragen mehr, wenn Fechner ins Lazarett kommt.

Was folgt, ist kein Austausch. Es ist kein Gespräch. Es ist etwas Schweigsames, das langsam eine Form annimmt, wie zwei Männer, die denselben Weg gehen, ohne das je abgesprochen zu haben. Fechner assistiert. Er greift nicht ein. Er operiert nicht. Er gibt keine Anweisungen. Das erlaubt die Regulation nicht. Aber er ist da.

 Er reicht Instrumente. Er hält Wunden offen. Er sagt manchmal einen Satz, ruhig, ohne Nachdruck. Und Alderton hört manchmal hin und tut manchmal, was Fechner sagt, ohne es direkt zuzugeben. Eines Abends, als das Lazarett leer ist und draußen der Regen gegen die Fenster schlägt, fragt Alderton, ohne aufzuschauen, wo haben sie operieren gelernt? Göttingen sagt Fechner und danach überall.

Ihr Vater war auch Arzt. Fechner sieht kurz zu dem Lederbeutel, der auf der Ablage liegt. Feldarzt, Erster Weltkrieg. Auderton nickt langsam, als wäre das eine Antwort auf eine Frage, die er sich selbst schon gestellt hatte. Meiner auch. Sie sagen eine Weile nichts. Der Regen macht weiter. Irgendwo im Lager bellt ein Hund.

Die Instrumente, sagt Alderton schließlich, die tragen sie immer bei sich. Sie gehörten ihm. Er hat sie ihnen gegeben. Fechner schüttelt den Kopf. Er ist 1931 gestorben. Herzinfarkt. Ich habe sie aus seinem Koffer genommen. Eine kurze Pause. Er hätte es gewollt. Alderton sieht ihn an. Dann sieht er weg.

 Etwas in seinem Gesicht verändert sich kurz, kaum sichtbar. Gehen Sie schlafen, Fächner. Der November bringt Frost und neue Ankünfte. Das Lager füllt sich. Alderton hat kaum noch Zeit zu schlafen. Fechner ist jetzt täglich im Lazarett. Offiziell ist er nicht dort. Alderton hat ihm keine formelle Genehmigung erteilt, aber er hat auch keine Wache angewiesen, ihn wegzuschicken.

Es ist eine dieser Nächte, in denen alles auf einmal schiefzugehen scheint, als sie ihn hereintragen. Private James Cardright, 18 Jahre. Britischer Soldat aus der Lagerwache. Er ist in der Dunkelheit über loses Gelände gestolpert und mit der rechten Seite gegen eine Kante gestürzt. Die Wunde am Rumpf sieht zunächst handhabbar aus, aber das ist nicht das eigentliche Problem.

 Das Problem ist, was beim Aufprall in den Bauchraum eingedrungen ist und was jetzt blutet auf eine Weise, die sofort Angst macht. Er untersucht, er tastet, er drückt, er beobachtet die Färbung. Er sieht das Blut, das sich zu schnell sammelt. Und er erkennt die Art der Verletzung. Er kennt sie aus Lehrbüchern.

 Er hat sie noch nie selbst operiert. Er dreht sich um. Fächner steht an der Tür. In diesem Moment laufen in Aldertons Kopf alle Regulationen gleichzeitig ab. Wie ein Stapel Akten, der Umfeld. Ein Kriegsgefangener darf keinen britischen Soldaten behandeln. Ein Kriegsgefangener darf kein chirurgisches Besteck in die Hand nehmen. Ein Kriegsgefangener ist Feind des Empire.

Rechtlich, formal, ohne Ausnahme. Junge Cardright hat noch vielleicht 20 Minuten. Alderton greift das Skalpell und hält es Fechner hin. Was in den nächsten 90 Minuten geschieht, wird Fechner später nie vollständig beschreiben, nicht weil er es vergessen hätte. sondern weil manche Dinge besser in den Händen bleiben als in Worten.

Er operiert. Alderton assistiert. Zum ersten Mal ist es umgekehrt. Der Lederbeutel liegt offen auf dem Tisch. Die Pinzette seines Vaters mit den Initialen WF14 liegt zwischen Fechners Fingern. Er arbeitet ohne zu sprechen. Olderton reicht, hält, saugt ab, erfolgt ohne Fragen, so wie Fächner monatelang gefolgt ist.

 Ruhig, präzise, ohne Widerspruch. Einmal sagt Fechner einen Satz auf Deutsch, dann auf Englisch. Alderton tut, was er sagt. Der Junge auf dem Tisch atmet flach, aber er atmet. Die Glühbirne flackert, bleibt an. Draußen ist Northamberland still, kalt, gleichgültig. Um 2 Uhr morgens ist die Blutung gestillt.

 Um 2:30 Uhr schläft James Cartridge. Auderton lehnt gegen die Wand und schaut auf seine eigenen Hände. Er sagt nichts. Fechner sagt nichts. Sie räumen auf. Am nächsten Morgen erstattet der wachhabende Bericht. Das ist seine Pflicht und er tut sie. Noch am selben Tag erscheint ein Offizier aus dem Hauptquartier. Alderton sitzt ihm gegenüber und beantwortet jede Frage ruhig und vollständig, so wie er immer antwortet, wenn er weiß, dass er richtig gehandelt hat.

 Ja, er hat einem deutschen Kriegsgefangenen erlaubt, einen britischen Soldaten zu operieren. Nein, er hat keine Genehmigung eingeholt. Nein, er würde es nicht anders machen. Das Disziplinarverfahren wird eingeleitet. Alderton nimmt es zur Kenntnis und geht ins Lazaret zurück. Er hat Patienten. Niemand sagt ihm, er solle die Arbeit einstellen.

 Niemand sagt ihm, was er tun soll. Er tut, was er immer getan hat. Fächner bleibt ebenfalls. Er wartet nicht ab, was aus dem Verfahren wird. Er geht täglich ins Lazarett und tut seine Arbeit, die offiziell keine ist. Drei Wochen später sitzt James Cartright aufrecht in seinem Bett und trinkt Tee. Er fragt die Krankenschwester, wer ihn operiert hat. Sie zögert.

 Er fragt noch einmal: “Ruhig, ohne Druck.” Sie sagt ihm die Wahrheit. Am folgenden Tag verlangt Cartright eine offizielle Aussage zu machen. Seine Aussage ist kurz und klar. Er lebt. Ohne die Entscheidung von Major Alderton würde er das nicht. Er ist eighthn Jahre alt, kommt aus Sunderland, hat noch nicht viel getan mit seinem Leben.

 Er würde gerne noch ein paar Jahre damit verbringen. Das Disziplinarverfahren wird eingestellt. Ein General reist eigens nach Featherstone Park, um Alderton die Hand zu schütteln. Eine Lokalzeitung druckt eine kleine Geschichte. Drei Absätze, keine Details. Der Name des deutschen Arztes fehlt. Die Überschrift lautet: Camp Doctor makes the right call.

Jemand steckt die Zeitung unter Aldertons Tür. Er liest sie einmal, legt sie weg und geht wieder arbeiten. Was folgt, sind sieben Monate, die Fächner später als die ruhigsten seines Lebens beschreiben wird. Nicht die angenehmsten, die ruhigsten. Das ist ein Unterschied. Er und Alderton arbeiten zusammen, nicht immer offiziell, aber täglich.

 Fechner hat inzwischen genug Englisch gelernt, um komplizierte Diagnosen zu besprechen, um Fragen zu stellen, um präzise zu sagen, was er meint, ohne Umwege. Alderton hat aufgehört, so zu tun, als wäre das ungewöhnlich. Sie sprechen selten über den Krieg. Sie sprechen manchmal über Medizin, einmal über Göttingen, einmal über einen bestimmten Eingriff am Zwölfingerdarm, den beide zu verschiedenen Zeitpunkten ihrer Ausbildung auf unterschiedliche Weise gelernt haben und über den sie vorsichtig, mit Abstand, fast förmlich

anderer Meinung sind. Es ist das einzige Mal, dass Fechnerton lachen sieht. Es gibt Dinge, die sie nie besprechen, woher jeder von ihnen kommt. Nicht wirklich. was sie vor dem Krieg gedacht haben über den anderen, über das andere Land, was sie sich vorgestellt haben, wenn sie das Wort Feind gehört haben.

 Diese Dinge [musik] bleiben unausgesprochen. Nicht weil sie unangenehm wären, sondern weil sie nicht mehr so wichtig erscheinen wie früher und weil die Zeit, die man zum Sprechen aufwenden müsste, Zeit wäre, die man besser nutzen könnte. Alderton ist ein sparsamer Mann. Fechner hat gelernt, das zu respektieren.

 Einmal kommt ein junger britischer Assistenzarzt für drei Wochen ins Lager, frisch aus dem Studium, voller Energie und richtiger Meinungen. Er schaut Alderton und Fächner bei einer Wundbehandlung zu und sagt anschließend leise, aber hörbar, er finde das Arrangement merkwürdig. Alderton sieht ihn kurz an, dann sagt er, was er in zwei Jahren mehr gesehen hat als Sie in 20, das nennt man Erfahrung.

 Schauen Sie zu und lernen Sie. Der junge Arzt sagt nichts mehr. Im Frühjahr 1945 treffen die ersten offiziellen Meldungen ein. Der Krieg nähert sich seinem Ende. Die Repatrierungen werden vorbereitet. Im Mai ist der Krieg vorbei. Im Sommer beginnt die Liste. Karl Fechner, Stabsarzt. Repatrierung vorgesehen für den 4. August 1946. Fechner findet den Brief an einem Dienstagmgen auf seinem Bett in der Baracke. Er liest ihn zweimal.

 Dann faltet er ihn sorgfältig und steckt ihn in die Brusttasche. Er geht ins Lazarett. Auderton ist bereits da, steht mit dem Rücken zur Tür und beugt sich über etwas auf dem Tisch. “Sie haben von der Liste gehört?” “Ja”, sagt Auderton ohne sich umzudrehen. 4. August. Ich weiß, eine Pause. Draußen fährt ein Wagen über den Kiesweg.

“Die Stelle in Göttingen”, sagt Fechner. Ich weiß nicht, ob sie noch existiert, aber ich werde suchen. Das werden Sie, sagt Alderton. Sie werden etwas finden. Stille. Dann dreht sich Auderton um. In seinen Händen hält er den Lederbeutel. Fechner schaut ihn an und sagt nichts. Ich habe ihn aufgehoben sagt Orderton.

Die Nacht damals. Sie hatten ihn auf dem Tisch liegen lassen. Er legt den Beutel auf die Ablage zwischen ihnen. Die Initialen. WF14. Ich habe nachgeschaut. Wilhelm Fechner Göttingen, ihr Vater. Fechner bewegt sich nicht. Nehmen Sie ihn mit, sagt Alderton. Er gehört nicht hierher. Am 4. August 1946 verlässt Karl Fechner das Lager Featherstone Park.

 Er trägt einen kleinen Koffer und einen Lederbeutel mit chirurgischen Instrumenten, die 1914 einem anderen Mann gehörten und seit 1931 ihm. Alderton steht nicht am Tor. Das ist keine Überraschung. Er ist nicht der Typ dafür. Fechner hätte es nicht erwartet und wäre auch nicht sicher gewesen, was er dann hätte sagen sollen.

Aber als der Bus auf die Straße biegt, sieht Fechner durch das Fenster einen Mann in Zivil auf dem Gehweg stehen. Er schaut in eine andere Richtung, die Hände in den Taschen. Er sieht aus wie jemand, der zufällig da ist. Fechner sieht ihn bis zur nächsten Kurve. Dann ist er weg. Karl Fechner kehrt nach Deutschland zurück in ein Land, das er kaum wieder erkennt.

 Er findet keine Stelle in Göttingen. Die Klinik ist teilweise zerstört, die alten Strukturen aufgelöst. Er findet etwas anderes in einer kleinen Stadt, nicht weit davon. Ein Krankenhaus, das Ärzte sucht und nicht fragt, woher sie kommen. Er arbeitet dort 30 Jahre lang. Er ist bekannt als ruhig und genau.

 Seine Instrumente hängt er jeden Abend an denselben Haken neben dem Waschbecken. Den Lederbeutel legt er auf das Regal über dem Schreibtisch. Nicht weit weg, immer. Thomas Alderton stirbt 1971 in Newcastle. Er hat nach dem Krieg noch dreig Jahre lang als Arzt gearbeitet in einem kleinen Krankenhaus, wo er für seine Geduld bekannt war und dafür, daß er jungen Assistenzärzten immer zuhörte, auch wenn sie Fehler machten.

 Besonders wenn sie Fehler machten. Ob er je wieder von Karl Fechner gehört hat, ist nicht überliefert. Was überliefert ist, ist das Folgende. In den Akten des Lazarets Featherstone Park heute im Nationalarchiv in London findet sich unter dem Datum des 4. November 1944 ein kurzer handschriftlicher Vermerk. Er ist von Aldertons Hand.

 Tinte leicht verblasst, die Buchstaben eng und gerade. Er lautet Patient stabilisiert, Eingriff erfolgreich alle verfügbaren Mittel eingesetzt. Mehr steht da nicht. Es muß gereicht haben.

 

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