Brandmauer im Selbstzerstörungsmodus: Warum die CDU an ihrem eigenen Kulturkampf zu zerbrechen droht T
Brandmauer im Selbstzerstörungsmodus: Warum die CDU an ihrem eigenen Kulturkampf zu zerbrechen droht
Es ist eine Episode, die wie aus einem Drehbuch über die Demontage der Christdemokraten wirkt. Ein eigentlich harmloses Foto, ein kurzer Moment der Heiterkeit, sorgt derzeit innerhalb der CDU für einen Kulturkampf, der das Potenzial hat, die Partei in ihrem Mark erschüttern zu lassen. Während die Bundespartei unter Friedrich Merz versucht, mit einer immer schärferen Brandmauer-Rhetorik gegen die AfD zu punkten, brodelt es an der Basis, besonders in den ostdeutschen Bundesländern. Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern werden zum Schauplatz einer Machtprobe, die nicht weniger als das Schicksal der Union entscheiden könnte.

Der Kern des Konflikts ist das Unvermögen der CDU-Führung, den Spagat zwischen den eigenen dogmatischen Vorgaben und der politischen Realität vor Ort zu meistern. Friedrich Merz hat die Rhetorik, mit der er die AfD angreift, in den vergangenen Monaten stetig radikalisiert. Er verglich die Partei in Mecklenburg-Vorpommern implizit mit den dunkelsten Traditionen des Unrechtsregimes des Nationalsozialismus. Doch während Merz auf der großen Bühne versucht, die AfD aus dem demokratischen Diskurs zu verbannen, zeigt die Praxis im Landtag von Sachsen-Anhalt ein völlig anderes Bild: Der CDU-Fraktionschef Gido Heuer und der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund begegnen sich mit einer Normalität, die dem offiziellen Kurs der CDU Hohn spricht.
In einem Video, das mittlerweile für hitzige Debatten sorgt, ist zu sehen, wie Heuer und Siegmund in bester Stimmung auf einem Podium sitzen, gemeinsam scherzen und sich duzen. Es ist der Inhaber-Alltag eines Parlaments, in dem Abgeordnete unterschiedlicher Couleur zusammenarbeiten müssen. Doch für die CDU-Führung wird dieser Moment zum Skandal. Warum? Weil die eigene Rhetorik so weit von der Realität entfernt ist, dass jeder menschliche Kontakt zu einem politischen Verrat umgedeutet wird. Als Gido Heuer versuchte, sich zu rechtfertigen, geriet er vom Regen in die Traufe. Die Behauptung, er habe dem AfD-Kollegen lediglich ins Mikrofon gegriffen, um eine „Unwahrheit“ richtigzustellen, wurde durch die Videoaufnahmen umgehend als Schutzbehauptung entlarvt. Er wusste, dass er beim Lügen erwischt wurde – doch die Ideologie der Brandmauer lässt in der Welt von Friedrich Merz keine andere Wahl mehr zu.
Dieser Vorfall ist jedoch nur das Symptom einer tiefen, strukturellen Krise. Die CDU ist in einem gefährlichen Zirkelschluss gefangen. Sie glaubt, das Phänomen AfD durch verbale Ausgrenzung und die Stigmatisierung von Wählern bewältigen zu können. Doch das Gegenteil tritt ein. Wenn die Partei in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern nach den anstehenden Wahlen vor der Entscheidung steht, entweder den Wahlsieger zu tolerieren oder mit den Linken zu koalieren, droht ein interner Bruch. Prominente Köpfe wie Karl-Josef Laumann oder Herbert Reul haben bereits angedeutet, sie würden die Partei bei einer Kooperation mit der AfD verlassen. Doch die Frage ist: Ist ein solcher Austritt für den Wähler noch von Belang?
Die Strategen der Union scheinen zu verkennen, dass die Anhänger der AfD im Osten nicht darauf warten, was die Berliner Parteielite beschließt. Wenn die CDU – die Partei, die unter Helmut Kohl die Einheit des Landes maßgeblich vorangetrieben hat – sich nun mit der Ex-SED zusammengetan sieht, um den Wählerwillen zu konterkarieren, könnte dies als ein Akt des Verrats wahrgenommen werden. Historisch gesehen hat die Union ihre Identität aus der Freiheit und der Überwindung des Sozialismus bezogen. Eine Allianz mit der Linkspartei, um eine konservative Opposition zu verhindern, wäre das endgültige weltanschauliche Eingeständnis der Entkernung.

Der Druck wächst von allen Seiten. Friedrich Merz, dessen Kurs in der eigenen Partei zunehmend kritisch hinterfragt wird, hält an der „letzten Patrone“ fest: dem Wahlkampf gegen die Vergangenheit. Er präsentiert sich als heldenhafter Widerstandskämpfer gegen ein vermeintliches „Viertes Reich“. Doch diese Erzählung verfängt immer weniger. Selbst aus dem engsten Umfeld des Parteichefs, wie etwa aus dem Kreis seiner Wirtschaftsberater, gibt es Stimmen, die vor den tatsächlichen Gefahren einer linksorientierten Wirtschaftspolitik warnen – und diese als weitaus bedrohlicher für den Industriestandort Deutschland einstufen als die AfD.
Was wir derzeit erleben, ist der schleichende Erosionsprozess der alten Volksparteien, wie wir sie aus der Bonner Republik kennen. Ähnlich wie in Frankreich oder Italien, wo historische Volksparteien nahezu vollständig verschwunden sind, steht Deutschland möglicherweise vor einer fundamentalen Neuordnung der politischen Landschaft. Eine neue liberale Kraft, eine Bewegung, die nicht an den alten Machtarithmetiken und dogmatischen Brandmauern festhält, könnte die Lücke füllen, die die erodierende Union hinterlässt.
Die Angst, die bei CDU und CSU vor den „Lichterketten“ des Establishments herrscht, ist groß. Das Trauma der vergangenen Jahre, in denen man sich durch den Druck der Straße zu Handlungen gezwungen sah, sitzt tief. Doch dieser Kurs der Anpassung hat die CDU in eine Falle gelockt. Man kommt aus der eigenen Rhetorik nicht mehr heraus, ohne das Gesicht zu verlieren. Wer den politischen Gegner als existenzielle Bedrohung für den Staat markiert, kann später nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.
Am Ende wird diese künstlich aufrechterhaltene Mauer vermutlich nicht durch die CDU selbst fallen, sondern von den Wählern hinweggefegt werden. Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass ihr Votum in einer Weise missachtet wird, die demokratische Prozesse ad absurdum führt, wird die Reaktion nicht ausbleiben. Wir könnten Demonstrationen erleben, die an die historische Dynamik der Friedlichen Revolution erinnern, wenn das Gefühl überhandnimmt, dass die Stimme des Einzelnen in einem korporatistischen System nichts mehr zählt.
Die CDU steht an einem Wendepunkt. Sie kann sich entscheiden: Führt sie den Kurs der Ausgrenzung konsequent weiter und riskiert dabei ihre eigene Spaltung und den Verlust der ostdeutschen Basis, oder findet sie den Mut zur politischen Neuausrichtung? Bisher deutet alles darauf hin, dass die Partei in der Falle sitzt, die sie sich selbst gebaut hat. Die Zeit der alten Volksparteien läuft ab, und die kommenden Wahlen könnten der Katalysator sein, der das Ende dieser Ära endgültig besiegelt. Der Kulturkampf innerhalb der Union ist nur der Vorbote eines Wandels, der Deutschland in den kommenden Jahren nachhaltig verändern wird.