Kimmichs Appell an die Nation: Warum positiver Patriotismus zur neuen Provokation wurde
Es ist Sommer, die Fußball-Weltmeisterschaft in Nordamerika steht vor der Tür, und normalerweise wäre dies die Zeit, in der Deutschland in ein Meer aus Schwarz-Rot-Gold eintauchen würde. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Wenn man durch die deutschen Straßen fährt, sucht man vergebens nach den kleinen Fähnchen an den Autospiegeln oder den großen Flaggen an den Fenstern, die einst das Bild der „Sommermärchen“ prägten. Mitten in dieser atmosphärischen Leere erhebt Kapitän Joshua Kimmich seine Stimme und fordert genau das ein, was für viele längst zum Tabu geworden ist: „positiven Patriotismus“.
Kimmich, der als Kapitän der Nationalmannschaft eine exponierte Stellung einnimmt, erinnert an die Wirkung der Heim-WM vor 20 Jahren. Er war damals gerade einmal elf Jahre alt, doch die Euphorie, die das Land erfasste, hat sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Er spricht von einer Zeit, in der Menschen sich in den Armen lagen, gemeinsam feierten und Deutschland als gastfreundliche und weltoffene Nation präsentierten. Dieses Bild, so Kimmich, präge uns bis heute – doch die Realität im Jahr 2026 scheint eine völlig andere Sprache zu sprechen.
Warum löst eine einfache Deutschlandfahne heute so heftige Reaktionen aus? Es ist bezeichnend, dass selbst in der Presse über den „Patriotismus-Check“ diskutiert wird. Artikel, die das Zeigen einer Deutschlandfahne zur WM gar als „Verbrechen gegen die guten Sitten“ brandmarken, zeigen, wie tief der Graben in unserer Gesellschaft mittlerweile verläuft. Es ist eine Entwicklung, die viele Bürger fassungslos zurücklässt. Wer heute noch stolz seine Nationalfarben zeigt, muss befürchten, dass sein Eigentum – etwa das Auto – Ziel von Vandalismus wird. Ein bedrückendes Szenario, das zeigt, dass der Patriotismus in Deutschland nicht nur kritisch gesehen, sondern zunehmend kriminalisiert oder zumindest stigmatisiert wird.
Dieses Phänomen erstreckt sich weit über die private Ebene hinaus. Wenn man sich das aktuelle Rebranding des Deutschen Fußball-Bundes ansieht, fragt man sich unwillkürlich: Wo sind die Farben geblieben? Das neue DFB-Logo verzichtet konsequent auf die nationalen Farben Schwarz, Rot und Gold. Auch bei offiziellen Anlässen, wie etwa der Abreise der Nationalmannschaft in die USA, sucht man vergeblich nach den Farben unserer Nation. Ein Unternehmen wie die Lufthansa, das seine 100-jährige Geschichte feiert, präsentiert sich in Blau, aber von nationaler Verbundenheit fehlt jede Spur. Es drängt sich der Eindruck auf, als würde eine gezielte Entkoppelung stattfinden – der Fußball soll, so scheint es, von jeglicher nationalen Identität gereinigt werden.
Kimmichs Forderung zielt auf eine Rückbesinnung ab. Er wünscht sich, dass wir als Gesellschaft wieder zusammenrücken, ohne dabei andere auszuschließen. Doch der Widerstand, auf den er mit seinen Worten stößt, ist symptomatisch für ein Land, das sich in einer Identitätskrise befindet. Viele Menschen haben das Gefühl, dass ihre Herkunft und ihre Liebe zum Land von der Politik nicht mehr nur ignoriert, sondern regelrecht geleugnet wird. Diese Entfremdung ist das Ergebnis einer jahrelangen, wenn nicht gar jahrzehntelangen Politik, die den Zusammenhalt in der Gesellschaft zugunsten einer abstrakten, globalen Ideologie aufs Spiel gesetzt hat.

Besonders absurd wird die Situation, wenn man die Kommunikation der politischen Elite betrachtet. Wenn der Bundeskanzler versucht, die Nationalmannschaft per Videoanruf zu motivieren, wirkt das in den Augen vieler Bürger eher wie eine unfreiwillige Satire – eine „Stromberg-Folge“ des politischen Alltags. Die Distanz zwischen denen, die das Land regieren, und denjenigen, die es bewohnen, könnte kaum größer sein. Dass ein solches Video überhaupt veröffentlicht wird, zeigt, wie sehr der Bezug zur Lebensrealität der Menschen verloren gegangen ist.
Die Fußball-Nationalmannschaft und ihre Kapitän Joshua Kimmich stehen in diesem Sommer an einer Front, die weit über das Spielfeld hinausgeht. Der Sport war historisch immer ein verbindendes Element, eine Sprache, die jeder verstand und die über politische Differenzen hinweg Brücken baute. Wenn uns nun sogar dieser letzte gemeinsame Nenner abhandenkommt, ist das ein alarmierendes Signal. Dass Kimmich trotz der massiven Anfeindungen, die er in der Vergangenheit für seine persönlichen Ansichten und seine kritische Haltung erfahren hat, weiterhin für ein Stück Normalität eintritt, verdient Respekt.
Doch kann ein Fußballturnier wirklich die Wende bringen? Kimmich glaubt an die verbindende Kraft des Sports. Er hofft, dass ein erfolgreicher Start in das Turnier in Nordamerika den Grundstein für eine gesellschaftliche Debatte legen könnte, die uns aus dieser Lähmung befreit. Es ist ein optimistischer Blick in eine Welt, die aktuell von Unruhe, politischer Instabilität und einem Gefühl der Ohnmacht geprägt ist. Viele Bürger teilen diese Hoffnung, doch die Skepsis überwiegt. Zu oft wurden in den letzten Jahren Hoffnungen enttäuscht, zu oft wurde das, was uns als Nation ausmacht, in Frage gestellt.
Wir müssen uns ehrlich fragen: Was für ein Land wollen wir sein? Ein Land, das sich seiner Geschichte und seiner Symbole schämt, oder eines, das sich auf seine Werte besinnt und diese stolz, aber offen nach außen trägt? Der Patriotismus, von dem Kimmich spricht, ist kein aggressiver Nationalismus. Es ist ein positiver Ausdruck von Zugehörigkeit. Dass dies heute als Provokation empfunden wird, spricht nicht gegen den Patriotismus, sondern gegen das Klima der Intoleranz, das sich in unseren öffentlichen Debatten breitgemacht hat.
Der kommende Fußballsommer wird zum Gradmesser für unsere Gesellschaft. Werden wir in der Lage sein, wieder gemeinsam zu feiern, die Flaggen zu zeigen und uns als ein Land zu begreifen? Oder werden wir weiter in eine Identitätskrise abgleiten, in der jedes Zeichen der Verbundenheit als Angriff gewertet wird? Kimmich hat den Ball ins Spiel gebracht. Es liegt nun an uns – als Fans, als Bürger und als Gesellschaft –, ob wir diesen Ball aufgreifen oder ob wir uns weiter in einer Atmosphäre der Distanz und der gegenseitigen Vorwürfe verhärten lassen.
Es ist Zeit für eine Rückbesinnung. Nicht, um andere auszugrenzen, sondern um uns selbst wieder zu finden. Der Fußball sollte uns dabei helfen, die politische Schwere für einen Moment beiseitezuschieben und uns auf das zu besinnen, was uns verbindet: ein gemeinsames Gefühl der Heimat. Wenn uns das gelingt, wäre schon viel gewonnen. Wenn nicht, werden wir im Rückblick auf diesen Fußballsommer wohl vor allem eines sehen: eine verpasste Chance. Eine Chance für einen Neuanfang, der in einem Land, das so dringend Zusammenhalt braucht, bitter nötig wäre. Es liegt an uns, diese Chance zu nutzen – und zwar auf und neben dem Spielfeld. Joshua Kimmich hat den ersten Schritt gemacht, nun müssen wir folgen.