Als die Amerikaner den deutschen Gefangenen auslachten – bis er ihre Ernte vor dem Frost rettete
Es ist der 28. September 1944. Auf einem Hügel über dem Missouri River, nahe der kleinen Stadt Hermann, steht ein Mann zwischen den Rebzeilen und riecht die Luft. Es ist kein Duft, den man beschreiben kann. Es ist eine Kälte, die zu früh kommt, ein Wind, der sich gelegt hat, ein Himmel, der zu klar ist. Josef Lens kennt dieses Zeichen seit seiner Kindheit und er weiß was es bedeutet, Stunden bevor irgendjemand sonst auf diesem Hofes ahnt: “In dieser Nacht wird der Frost kommen und wenn niemand etwas unternimmt, wird er die
gesamte Ernte vernichten, bevor sie überhaupt eingebracht werden konnte. Josef ist deutscher Kriegsgefangener. Er trägt die grobe Baumwolljacke mit dem großen weißen PW auf dem Rücken. Prisoner of War”. Damit ihn niemand mit einem freien Mann verwechselt. Er hat kein Recht hier zu widersprechen, kein Recht gehört zu werden.
Und doch wird er in den nächsten Stunden versuchen, einen amerikanischen Pharma davon zu überzeugen, ihm zu vertrauen, mit einem Wissen, das aus einer Welt stammt, die dieser Farmer nie betreten hat. Mehr als 400.000 deutsche Soldaten wurden zwischen 1943 und 1946 als Kriegsgefangene in die Vereinigten Staaten gebracht.
Sie saßen nicht hinter Stacheldraht und warteten. Sie arbeiteten in Baumwollfeldern in Mississippi, in Zuckerrübenfeldern in Colorado, in Obstplantagen in Washington und in kleinen deutschen Siedlungsstädten wie Hermann, Missouri, wo Auswanderer aus Rheinland und Franken ein halbes Jahrhundert zuvor Weinberge angelegt hatten, weil das Land am Fluss sie an die Heimat erinnerte.
Was in diesen Monaten zwischen den Gefangenen und den Familien geschah, die sie aufnahmen, wurde nirgendwo aufgeschrieben. Es geschah in Stellen, auf Feldern, in den stillen Minuten zwischen zwei Männern, die sich eigentlich hätten hassen sollen. Josef Lenz war einer von ihnen. Er stammte aus Rüdesheim am Rhein, aus einer Familie, die seit vier Generationen Wein anbaute.
Sein Großvater hatte ihm die Weinberge gezeigt, als er kaum laufen konnte. Sein Vater hatte ihm beigebracht, den Himmel zu lesen, den Boden zu riechen, die Reben zu verstehen wie ein lebendiges Wesen mit eigenem Willen. Josef sollte den Hof einmal übernehmen. Stattdessen wurde er 1943 in Nordafrika von amerikanischen Truppen gefangen genommen, auf ein Schiff verladen und über den Atlantik gebracht, in ein Land, das er sich nie hätte vorstellen können.
Das Lager, in dem er landete, war ein kleines Nebenlager bei Hermann. eines von hunderten solcher Außenposten, die dem großen Kriegsgefangenenlager in der Region zugeordnet waren. Die Landwirtschaft im mittleren Westen litt unter akutem Arbeitskräftemangel. Fast jeder junge Mann war selbst im Krieg. Die deutschen Gefangenen füllten diese Lücke, ob die Pharma es wollten oder nicht.
Das Leben im Lager war eintönig, aber nicht grausam. Die Männer schliefen in einfachen Baracken, aßen besser als viele Zivilisten in Deutschland zu dieser Zeit und wurden jeden Morgen in Lastwagen zu den umliegenden Höfen gefahren. Josef sprach kaum Englisch, als er ankam. Er lernte es aus Notwendigkeit, Wort für Wort, während er Kisten stapelte und Zäune reparierte.
Nachts, wenn die anderen gefangenen Karten spielten oder Briefe an Familien schrieben, die sie vielleicht nie wiedersehen würden, saß Josef oft allein und zeichnete mit einem Stück Kohle die Umrisse von Rebzeilen auf Papierfetzen, Weinberge, die er sich aus der Erinnerung zusammensetzte, weil es das einzige war, was ihm noch gehörte. Frank Dobs wollte es nicht.
Er warzig, hatte den Weinberg von seinem Schwiegervater übernommen, einem der letzten deutschstämmigen Winzer, die Prohibition überlebt hatten, ohne die Reben zu roden. 20 Jahre lang hatte Dobs zugesehen, wie sein Schwiegervater die Weinberge mühsam wieder aufgebaut hatte, nachdem der Alkoholverbot fast die gesamte Weinregion um Hermann zerstört hatte.
Jetzt 1944 mit zwei Söhnen an der Front im Pazifik war Dobs allein mit seiner Frau und den letzten 30 Hektar Reben, die die Familie noch besaß. Und jetzt sollte er ausgerechnet deutschen Kriegsgefangenen vertrauen, um seine Ernte einzubringen. “Ich will keine Deutschen auf meinem Land”, sagte er dem Lagerkommandanten, als die vier Männer im Lastwagen ankamen.

“Mein Schwiegervater ist nach Amerika gekommen, um diesem Land zu entkommen. Der Soldat, der die Männer eskortierte, zuckte nur mit den Schultern. Es gab keine Wahl. Ohne Arbeitskräfte würde die Ernte verrotten. Also standen Josef und drei andere Gefangene am ersten Morgen zwischen den Reben, während Dobs sie musterte, als wären sie Fremdkörper auf seinem eigenen Boden.
Die ersten Wochen waren schweigsam. Dobs gab knappe Anweisungen, wandte sich ab, sprach kein Wort mehr als nötig. Die anderen Farmarbeiter, junge Burschen, die zu jung für die Front waren oder ältere Männer, die zurückgeblieben waren, machten sich offen über die Gefangenen lustig. “Schaut euch das an!”, rief einer von ihnen, als Josef zum ersten Mal mit bloßen Händen die Erde zwischen den Rebstöcken prüfte, den Kopf leicht geneigt, als würde er dem Boden zuhören.
“Der Fritz redet mit der Erde, Gelächter.” Joosef sagte nichts. Er hatte gelernt, daß Schweigen in diesem Land sicherer war als jedes Wort. Einmal in der zweiten Woche hatte einer der jüngeren Farmarbeiter, ein Junge namens Billy, der wegen eines schwachen Herzens vom Militärdienst befreit worden war, Josef absichtlich eine schwere Kiste mit Werkzeug direkt vor die Füße geworfen, sodass sie umkippte.
Beweg dich, Fritz”, hatte er gerufen, während die anderen lachten. Josef hatte die Kiste ohne ein Wort aufgehoben und weitergearbeitet. Es war nicht das erste Mal, dass er lernte, Demütigung einfach zu absorbieren, wie ein Feld den Regen absorbiert, ohne sich zu verändern. Aber er beobachtet, er sah, wie die Reben hier anders wuchsen als am Rein.
Dichter, wilder, weniger beschnitten, weil niemand mehr die alte Sorgfalt aufbrachte, die sein Großvater jedem Rebstock gewidmet hatte. Er sah, dass die Bewässerungsgräben verstopft waren. Er sah, dass die Trauben an manchen Stöcken schon reif waren, an anderen noch Wochen brauchten. Ein Zeichen, dass niemand mehr die Sorten Sorten reingepflanzt hatte, wie es sein Großvater für lebenswichtig gehalten hätte.
Und er sah in den ersten Septembertagen, daß die Nächte kälter wurden, als es für die Jahreszeit üblich war. In den Wochen davor hatte Josef gelernt, die Wachsamkeit der Wachsoldaten zu lesen, wie er einst die Wolken über dem Reintal gelesen hatte. Er wusste, wann er sprechen durfte und wann Schweigen klüger war. Die Genfer Konvention garantierte den Gefangenen bestimmte Rechte.
angemessene Verpflegung, keine Zwangsarbeit an militärischen Zielen, Post nach Hause. Aber sie garantierte keinem Gefangenen, dass ein Farmer seinem Rat vertraute. Josef wusste das und trotzdem beschloss er, an jenem Septemberabend sein Schweigen zu brechen, weil er etwas gesehen hatte, das ihm keine Ruhe ließ. Junge Reben, die sein Großvater als Rarität bezeichnet hätte, gepflanzt von Männern, die längst gestorben waren, kurz davor wegen eines einzigen kalten Nachtwinds zu verderben. Am 20.
September sprach er zum ersten Mal mehr als drei Worte zu Dobs: “Die Nächte sind zu kalt”, sagte er in seinem gebrochenen Englisch, während er auf die Reben zeigte, “Für September. Zu kalt.” Dobs sah ihn nur an, ohne zu antworten, und ging weiter. Was sollte ein deutscher Gefangener über amerikanisches Wetter wissen? Aber Josef hatte recht.
Und die Tage bewiesen es. Die Temperaturen fielen jede Nacht ein wenig weiter. Der lokale Radiosender in Hermann kündigte am Abend des 27. September eine ungewöhnliche Kaltfront an, die aus Kanada herunterzog. Wochen früher als jemals zuvor in der Erinnerung der ältesten Farmer der Gegend. Die meisten Trauben waren noch nicht geerntet.
Ein harter Frost so früh im Jahr würde nicht nur die Ernte dieses Jahres vernichten. Er würde die Rebstöcke selbst beschädigen, ihre Fähigkeit im nächsten Jahr überhaupt zu tragen. Für einen Familienbetrieb, der ohnehin am Rand des Überlebens stand, konnte das das Ende bedeuten. An diesem Abend, dem 27. September ging Joseph zu Dobs, obwohl er wusste, dass Gefangene keine Farmentscheidungen zu kommentieren hatten.
Er fand ihn vor der Scheune, wo Dobs mit gesenktem Kopf da und in den klaren Sternen übersehten Himmel starrte. Genau die Art von Himmel, die jeder Winzer am Rhein fürchtete. Klarer Himmel bedeutete keine Wolkendecke, keine Isolierung, ungehinderte Wärmeabstrahlung in der Nacht. Klarer Himmel im September, bedeutete Frost. Mr. Dobs”, sagte Joseph.
“ich kann helfen, wenn Sie mir erlauben.” Dobs drehte sich um, mehr überrascht über die Tatsache, dass der Gefangene ihn direkt ansprach als über den Inhalt. “Was willst du tun?” “Beten.” “Rauch”, sagte Josef. “Wir machen Rauch über den ganzen Reben, die ganze Nacht.” Er erklärte es so gut sein Englisches zuließ, unterstützt von Handzeichen und den paar Brocken, die er sich in den vergangenen Monaten angeeignet hatte.
In seiner Heimat am Rhein hatten Winzer seit Generationen eine Technik gegen späten Frost verwendet, die heute fast vergessen war. Feuchtes Stroh und grünes Holz wurden zwischen den Rebzeilen zu kleinen Haufen aufgeschichtet und kurz vor Mitternacht angezündet, sodass sie nicht offen brannten, sondern dicht und schwer qualmten.
Der Rauch legte sich wie eine dünne Decke über den Weinberg, hielt die Bodenwärme zurück, die sonst ungehindert in den klaren Nachthimmel entwich. und hob die Temperatur an den empfindlichsten Stellen oft nur um zwei oder dread. Aber genau diese 2 oder drei Grad entschieden zwischen einer geretteten Ernte und einer Verlorenen. Sein Großvater hatte es Frostwächter genannt, die Wächter, die die ganze Nacht wach blieben, damit die Reben schlafen konnten.
Dorps hörte zu mit verschränkten Armen, das Gesicht unbewegt. Dann sagte er das, was Josef erwartet hatte: “Wir machen das hier nicht so. Wir haben nie Feuer im Weinberg gemacht. Sein Schwiegervater hatte nie von so etwas gesprochen oder es war mit ihm gestorben, verloren in den 20 Jahren der Prohibition, als niemand mehr etwas über das Weinbauen lehrte, weil es nichts mehr zu lehren gab. Josef nickte nur.
Er hatte nicht erwartet, dass man ihm sofort glaubte, aber er ging nicht. “Eine Stunde”, sagte er, “Geben Sie mir eine Stunde und drei Männer. Wenn es nicht hilft, habe ich Ihre Zeit verschwendet. Aber wenn ich recht habe und sie nichts tun, verlieren sie alles. Es war nicht die Überzeugung, die Dorps schließlich umstimmte.
Es war die Verzweiflung. Er hatte nichts zu verlieren, außer ein paar Stunden Schlaf und etwas Stroh, das ohnehin herum lag. Um 10 Uhr abends, mit dem Thermometer bereits nahe am Gefrierpunkt, gab er widerwillig grünes Licht. Seine Frau, Margaret Dobs, hatte die ganze Szene von der Veranda aus beobachtet. Später erzählte sie Nachbarn, sie habe ihren Mann noch nie so unschlüssig gesehen, hin und her gerissen zwischen dem Stolz eines Mannes, der sich nichts von einem Kriegsgefangenen sagen lassen wollte und der nackten Angst, in einer einzigen
Nacht den Ertrag eines ganzen Jahres zu verlieren. Als er schließlich nickte und “Tu es”, murmelte, klang es weniger wie eine Entscheidung als wie eine Kapitulation. Josef arbeitete die ganze Nacht. Er zeigte den drei anderen Gefangenen und zwei skeptischen Farmarbeitern, wie man das Stroh feucht genug hielt, um zu schwälen, statt zu lodern, wie man die Haufen im richtigen Abstand zueinander platzierte, damit der Rauch den gesamten Hang bedeckte und nicht nur einzelne Streifen, wie man das Feuer so klein hielt, dass es keine
Gefahr für die Reben selbst darstellte. Sie arbeiteten mit bloßen Händen, mit Taschenlampen, deren Batterien zur Neige gingen, in einer Kälte, die von Stunde zu Stunde bissiger wurde. Gegen 2 Uhr morgens hing eine graue Wolke über dem gesamten Weinberg, dick genug, dass man von einem Ende zum anderen kaum die Umrisse der Männer erkennen konnte.
Frank Dobs stand die ganze Nacht am Rand des Hangs. Er sagte kein Wort, aber er ging nicht ins Haus. Einmal gegen Mitternacht, als der Wind kurz auffrischete und drohte den Rauch zu verwehen, sah er, wie Josef ohne zu zögern in den dichtesten Qualm hineinlief, um zwei umgekippte Haufen neu zu schichten, obwohl ihm der Rauch die Augen tränen ließ und er minutenlang hustend am Boden kniete.
Kein Aufseher hatte ihn dazu gezwungen. Niemand hätte es bemerkt, wenn er es gelassen hätte. Dobs bemerkte es. Am Morgen des 28. September lag raureif auf den Feldern der Nachbarn. Auf zwei benachbarten Höfen, wo niemand etwas gegen den Frost unternommen hatte, waren die ungeernteten Trauben braun und schlaff, über Nacht regelrecht gekocht von der Kälte, ein Anblick, der jeden Winzer in der Gegend das Fürchten lehrte.
Auf dem Hof von Frank Dobs aber, unter der dünnen grauen Rauchdecke, die sich erst in den ersten Sonnenstrahlen langsam auflöste, hingen die Trauben unversehrt an den Stöcken. Kein einziger Rebstock war beschädigt. Die Ernte, die in dieser Nacht hätte vernichtet werden können, war gerettet.
Die Nachricht verbreitete sich schnell in der kleinen Gemeinde. Nachbarn, die tags zuvor über die Weindeutschen gespottet hatten, kamen am Nachmittag vorbei, um mit eigenen Augen zu sehen, was aus einer Nacht mit brennendem Stroh geworden war. Manche standen einfach stumm zwischen den Reihen und betrachteten die unversehrten Trauben, während auf ihren eigenen Feldern nur wenige Kilometer entfernt die Ernte verloren war.
Ein alter Nachbar, der seit vierzig Jahren in der Gegend Wein anbaute, soll gesagt haben, er habe so etwas noch nie gesehen und dass er nicht gewusst habe, dass es überhaupt eine Methode dagegen gab. Dobs ging selbst durch die Reihen, prüfte Traube um Traube mit den Händen, als könne er es nicht glauben.
Als er zu der Stelle kam, wo Joosef erschöpft an einem Pfosten lehnte, mit rußgeschwärzten Händen und roten Augen vom Rauch, blieb er stehen. Er sagte lange nichts. Dann streckte er die Hand aus. Nicht zum Gruß, sondern um Josef aufzuhelfen, der sich langsam aufrichtete. Es war die erste Berührung zwischen den beiden Männern seit Wochen.
“Woher wusstest du das?”, fragte Dobs schließlich. “Mein Großvater”, sagte Josef. “Er hat es von seinem Großvater gelernt. So haben wir immer die Ernte gerettet, wenn der Frost zu früh kam.” Dobs nickte langsam. Etwas in seinem Gesicht hatte sich verändert. Eine Härte, die die ganze Nacht übergebröckelt war und nun endgültig zerfiel.
Er hatte 21 Jahre lang zugesehen, wie sein Schwiegervater um jeden Rebstock kämpfte, der die Prohibition überlebt hatte, ohne wirklich zu verstehen, warum. Jetzt in dieser einen Nacht hatte ein deutscher Kriegsgefangener ihm mehr über das Weinbauen beigebracht als zwei Jahrzehnte auf seinem eigenen Land. In den folgenden Wochen änderte sich etwas zwischen ihnen, langsam und ohne große Worte, wie es zwischen Männern geschieht, die nicht gewohnt sind, über Gefühle zu sprechen.
Dobs begann Josef nach den anderen Rebzeilen zu fragen, nach der Bodenbeschaffenheit, nach der richtigen Zeit zum Schneiden im Winter. Josef, der seinen eigenen Hof am Rhein vielleicht nie wiedersehen würde, fand in den Weinbergen von Missouri etwas, das er seit seiner Gefangennahme nicht mehr gespürt hatte. Das Gefühl, gebraucht zu werden für das, was er wirklich konnte.
Nicht nur als billige Arbeitskraft, sondern als Mann mit Wissen, dass etwas wert war. Auch Billy, der Junge, der Josef die Werkzeugkiste vor die Füße geworfen hatte, änderte sein Verhalten. Er kam eines Nachmittags zu Josef, ohne dass jemand ihn dazu aufgefordert hätte, und fragte, ob er ihm zeigen könne, wie man erkennt, welche Reben im nächsten Frühjahr beschnitten werden müssten.
Es war keine große Entschuldigung, aber es war eine Frage gestellt mit echtem Interesse und Josef beantwortete sie, als wäre nichts zwischen ihnen vorgefallen. Manchmal hatte er in den Monaten der Gefangenschaft gelernt, ist das die einzige Form der Wiedergutmachung, die man bekommt. Nicht Worte, sondern die stille Anerkennung, dass man etwas kann, dass andere nicht können, als der Winter kam.
und die Ernte44 sicher eingebracht und zu den ersten Fässern Wein seit Jahren verarbeitet worden war, Lud Dorps Josef und die anderen Gefangenen zu einem Essen ein gegen die Vorschriften des Lagers, das solche Vertraulichkeiten eigentlich verbot. Es gab keine große Rede, keine Versöhnungsszene, wie man sie sich vielleicht vorstellt.
Nur ein Teller heiße Suppe an einem kalten Abend, geteilt zwischen Männern, die sich noch drei Monate zuvor nicht einmal angesehen hatten. Im Frühjahr 1946 wurde Josef Lens zurück nach Deutschland verschifft, wie fast alle deutschen Kriegsgefangenen in dieser Zeit. Bevor er ging, gab ihm Frank Dobs etwas, das er nie erwartet hätte.
Eine kleine Tüte mit getrockneten Rebenablegern aus seinem eigenen Weinberg, verpackt in feuchtem Stroh, damit sie die Überfahrt überstehen würden. “Für deinen Großvater”, sagte Dobs, “falls er noch lebt, damit er weiß, dass sein Wissen hier Wurzeln geschlagen hat.” Josef kehrte nach Rüdesheim zurück und fand seinen Hof beschädigt, aber stehend vor.
Sein Großvater lebte noch, alt und schwach, aber bei klarem Verstand. Josef erzählte ihm die ganze Geschichte von der kalten Nacht in Missouri, von dem amerikanischen Pharma, der ihm nicht glauben wollte und von der Rauchdecke, die eine fremde Ernte gerettet hatte. Sein Großvater soll gelacht haben, so erzählt es die Familie noch heute und gesagt haben, dass ein guter Winzer überall auf der Welt denselben Himmel liest, ganz gleich auf welcher Seite eines Krieges ersteht.
Was aus Frank Dorps Weinberg in Hermann wurde, ist heute schwer im Detail nachzuzeichnen. Viele der kleinen deutschstämmigen Weingüter entlang des Missouri River kämpften noch Jahrzehnte mit den Folgen der Prohibition, bevor die Region erst in den späteren Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ihre Weinbautradition wiederbeleben konnte, aber die Geschichte von jener Nacht im September 1944, als ein deutscher Kriegsgefangener und ein misstrauischer amerikanischer Farmer gemeinsam gegen den Frost kämpften, wurde in der Familie Dobs über
Generationen weitergegeben. Als Erinnerung daran, dass Wissen keine Nationalität kennt und dass manchmal der Mann, den man am wenigsten willkommen heißt, derjenige ist, der am Ende alles rettet. Mehr als vierend deutsche Kriegsgefangene lebten während des Krieges in amerikanischen Lagern. Die meisten von ihnen unbekannt, ihre Geschichten nie erzählt.
Joseph Lenz war nur einer von ihnen, aber in einer einzigen kalten Nacht zwischen den Rebzeilen eines Hofes, den er nie besitzen würde, bewies er etwas, das kein Vorurteil und kein Krieg auslöschen konnte. Das Wissen, das über Generationen weitergegeben wird, manchmal der einzige Schutz ist, den man gegen eine Welt hat, die einen nicht verstehen will, und dass echte Anerkennung nicht aus Worten kommt, sondern aus der stillen Geste eines Mannes, der in einer sternenklaren, viel zu kalten Nacht die Hand ausstreckt, um einem anderen aufzuhelfen. M.