Als die 10.000 Gefangenen 1955 zurückkehrten – eine Frau in Friedland erkannte ihren Mann nicht
Es ist der 1. Oktober 1955, kurz nach 2 Uhr nachmittags, als der Zug in Friedland einrollt. Niemand am Bahnsteig zählt die Waggons, aber später wird man sagen, es waren mehr als das kleine Dorf bei Göttingen je gesehen hatte. Rauch, Bremsen, das Kreischen von Metall auf Metall und dann für einen Moment absolute Stille, tausende Augen, die auf die Türen starren.
Erich Baumann steht in einem der hinteren Wagen, gedrängt zwischen Männern, die er in den letzten Wochen kaum kennengelernt hat, obwohl sie 12 Jahre auf demselben Kontinent gelitten haben. Er trägt eine wattierte Jacke, grau geworden von Staub und Kälte, eine Wintermütze mit heruntergeklappten Ohrenschützern und in einem groben Jutesack, der über seiner Schulter hängt, alles was ihm auf dieser Erde noch gehört, ein selbstgeflochtenes Tragenetz, ein Löffel, ein Stück Brot von der letzten Verpflegungsstation, mehr nicht. Sein Gesicht ist nicht mehr
das Gesicht, das seine Frau vor 12 Jahren zum letzten Mal gesehen hat. Die Haut [musik] liegt eng über den Knochen. Die Haare sind grau, obwohl er gerade erst 37 ist. 12 Jahre in sowjetischer Gefangenschaft hinterlassen keine Narben, die man zeigen kann. Sie hinterlassen ein anderes Gesicht. Alles begann im Februarin in den Trümmern von Stalingrad, als die Reste der sechsten Armee kapitulierten.
Erich war Funker gewesen, kein Held, kein Offizier, nur einer von hunderttausenden, die in Kolonnen durch den Schnee getrieben wurden, in ein Gefangensein, von dem niemand wusste, wie lange es dauern würde. An diesem ersten Tag, während sowjetische Soldaten die Reihen der Gefangenen nach Wertsachen durchsuchten, tat Erher ich etwas, dass er sich selbst nie ganz erklären konnte.
Er zog den Ehering vom Finger, presste ihn in die Handfläche und in einem Moment der Unaufmerksamkeit seines Bewachers nähte er ihn mit einem Restzwirren in den Saum seines Mantels ein. Kein Plan, kein Kalkül, nur der Instinkt, dass es das einzige war, was noch an das Leben davor erinnerte. und daß er es nicht hergeben würde.
Zwöllf Jahre lang trug er diesen Mantel oder einen ähnlichen, wenn der Erste zerfiel und mit ihm den Ring versteckt im Stoff durch Lager in der Nähe von Vuta, durch Kohlengruben und Baustellen, durch Winter, in denen Männer neben ihm erfroren und Sommer, in denen die Arbeit an den Eisenbahnstrecken kein Ende zu nehmen schien.
Er sprach selten über Zuhause. Die Männer, die zu viel über Zuhause sprachen, so hatte er gelernt, waren oft die ersten, die Aufgaben. Die Arbeit selbst kannte keine Jahreszeiten, nur unterschiedliche Grade der Kälte. Im Sommer groen sie Fundamente für Eisenbahndämme im aufgeweichten Permafrostboden. Im Winter brachen sie mit Spitzhacken Kohle aus Flöen, die kaum hoch genug waren, um aufrecht zu stehen.
Erich verlor in diesen Jahren mehr Kameraden, als er später je genau beziffern konnte. Einer von ihnen, ein junger Lehrer aus Thüringen, war im dritten Winter neben ihm eingeschlafen und morgens nicht mehr aufgewacht. Erich lernte danach seine Erinnerungen an Elisabeth nicht mehr wie ein Trostpflaster zu benutzen, dass er sich täglich auflegte, sondern wie etwas, das er tief genug vergrub, um es überhaupt zu bewahren.
Einmal im Winter 1949, bei einer plötzlichen Verlegung in ein anderes Lager, mussten alle Gefangenen ihre Kleidung vollständig ausziehen und vorzeigen, während Wachen jeden Saum, jede Naht mit den Fingern abtasteten. Erich stand in der Reihe den Mantel über dem Arm und rechnete in diesem Moment fest damit, dass sechs Jahre Vorsicht in wenigen Sekunden zu nichte gemacht würden.
Karl Reimers, ein Bergmanns Sohn aus dem Ruhrgebiet, der neben ihm stand, ließ im entscheidenden Moment absichtlich seine Blechschüssel fallen, die schppernd über den gefrorenen Boden rollte. Der Wachposten, der Erichs Mantel gerade in der Hand hielt, drehte sich für zwei drei Sekunden nach dem Lärm um, reichte den Mantel danach zurück, ohne die Naht weiterz prüfen.
Erich und Karl sprachen nie wieder darüber. Es brauchte keine Worte zwischen Männern, die wußten, was sie einander gerade geschenkt hatten. Als im September 195 das Gerücht durch das Lager ging, Moskau habe zugesagt, die letzten Gefangenen freizulassen, glaubten die wenigsten sofort daran.
Zu oft schon hatten ähnliche Gerüchte die Runde gemacht und sich als nichts als Hoffnung ohne Grundlage erwiesen. Erst als die ersten Namenslisten tatsächlich verlesen wurden, begriffen Männer wie eherig, dass es diesmal real war. Manche weinten, andere saßen nur da, unfähig, die Nachricht in etwas zu übersetzen, das sich wie Freude anfühlte nach so vielen Jahren, in denen Hoffnung meist and Wort für Enttäuschung gewesen war.
Aber es gab eine Gewohnheit. die er nie ablete, wenn die Arbeit besonders schwer war, wenn die Kälte in die Knochen kroch oder der Hunger die Gedanken vernebelte, pfiff eherig leise, fast unbewusst eine Melodie, den Walzer, zu dem er und Elisabeth im Sommer 1941 in der Dorfwirtschaft getanzt hatten, bevor er zur Wehrmacht eingezogen wurde.
Er wusste selbst nicht mehr, wann er damit angefangen hatte. Es war einfach da, wie ein Herzschlag, den man nicht kontrollieren kann. Die anderen Gefangenen kannten das Pfeifen so gut wie seinen Namen. In Deutschland, in einem kleinen Dorf, nicht weit von Göttingen, hatte Elisabeth Baumann in diesen 12 Jahren gelernt, mit einer Ungewissheit zu leben, die keinen Namen hatte.
Kein Totenschein, keine offizielle Nachricht, nur Schweigen. Freundinnen hatten wieder geheiratet, nachdem ihre Männer für gefallen erklärt worden waren, Elisabeth nicht. Sie hatte weder einen Beweis für seinen Tod, noch einen für sein Leben. Und so wartete sie Jahr für Jahr, während die Menschen um sie herum langsam aufhörten zu fragen.
Zweimal im Jahr schrieb sie an den Suchdienst des deutschen Roten Kreuzes, der seit Kriegsende versuchte, vermisste Soldaten und Kriegsgefangene über Kontinente hinweg ausfindig zu machen. Zweimal im Jahr kam dieselbe Antwort zurück in nüchternem Behördendeutsch. Kein gesicherter Hinweis auf Verbleib oder Schicksal.
Kein Nein, aber auch kein Ja. Elisabeth bewahrte jeden dieser Briefe auf in einer Zigarrenkiste im Nachttisch. Nicht weil sie Hoffnung aus ihnen zog, sondern weil sie der Beweis dafür waren, daß sie nie aufgehört hatte zu fragen. Im Dorf gab es Stimmen, die es gut meinten und trotzdem weh taten.
Die Pastorin sprach sie einmal nach dem Gottesdienst an, vorsichtig, mit gesenkter Stimme, ob sie nicht langsam nach vorne blicken solle, es gäbe schließlich noch ein Leben zu leben. Eine Nachbarin, selbst Witwe seit Stalingrad, hatte drei Jahre zuvor wieder geheiratet und schien seither leichter durchs Leben zu gehen. Elisabeth hörte sich das an, nickte höflich und deckte an jedem Sonntag weiterhin den Tisch für zwei, auch wenn sie am Ende allein aß.
Es war keine Weigerung, die Wirklichkeit anzuerkennen. Es war die schlichte Tatsache, dass niemand ihr je gesagt hatte, sie solle aufhören zu warten. Im September 1955 änderte sich alles. Konrad Adenauer reiste nach Moskau und was in den Zeitungen als diplomatischer Erfolg gefeiert wurde, war für Familien wie die Baumanns etwas anderes.
Eine Zahl, 10 000. Die letzten zehntausend deutschen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten sollten freikommen. Elisabeth hörte die Nachricht im Radio, stehend in der Küche, das Geschirrtuch noch in der Hand und musste sich am Tisch festhalten. Die Wochen danach vergingen C. Man wusste nicht, wer auf den Listen stand, wer in welchem Zug saß, wer überhaupt noch lebte.
Die Behörden konnten keinen Namen bestätigen, nur dass die ersten großen Transporte im Oktober über den Grenzbahnhof Herrhausen und weiter nach Friedland kommen würden. Also packte Elisabeth eine kleine Tasche, nahm den Zug und stellte sich am 1. Oktober zwischen tausende andere Frauen, Mütter und Kinder, die alle dasselbe taten, warten und in jedes ankommende Gesicht hineinsehen, in der Hoffnung, es wiederzuerkennen.
Das Lager Friedland war zu diesem Zeitpunkt schon 10 Jahre alt. Gegründet im September 1945 als Auffanglager für Vertriebene und Flüchtlinge aus dem Osten. Wohlfahrtsverbände hatten Lager voller Kleidung und Decken errichtet. Suppenküchen liefen im Dauerbetrieb und über dem Gelände hing die Friedlandglocke, die seit 1949 als Glocke der evangelischen Lagerkapelle diente und seit dem Frühjahr 1954 auf einem ställernen Gestell in Form eines Kreuzes über der Weltkugel montiert war.
Ihr Klang war für zehntausende Heimkehrer und Vertriebene inzwischen zum Symbol geworden, nicht des Sieges, sondern der bloßen Tatsache angekommen zu sein. Schon in den Jahren zuvor hatte Friedland hunderttausende Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und Aussiedler aus Osteuropa aufgenommen, jeder mit seiner eigenen Geschichte von Verlust.
Doch die Ankünfte im Oktober 195 unterschieden sich von allen vorherigen. Es waren keine vertriebenen Tricks mehr, sondern Männer, von denen viele Familien schon vor Jahren aufgehört hatten, überhaupt noch Nachrichten zu erwarten. Die Zeitungen im ganzen Land druckten Fotos der Ankunft auf ihren Titelseiten und in unzähligen Wohnzimmern saßen Familien vor dem Radio, während Reporter versuchten in Worte zu fassen, was sich auf dem Bahnsteig von Friedland abspielte.
Am Bahnsteig selbst roch es nach Kohlerauch, nassem Wollstoff und der Suppe, die aus den Feldküchen der Wohlfahrtsverbände dampfte. Helferinnen in weißen Schürzen liefen mit Broten und Decken zwischen den Ankommenden umher. Andere hielten handgeschriebene Schilder mit Namen in die Höhe, in der Hoffnung, dass der Gesuchte sie zufällig sehen würde.
Ein Radioreporter sprach mit gedämpfter Stimme in ein Mikrofon. Seine Worte gingen im allgemeinen Stimmengewirr fast unter. Über allem lag jener besondere Lärm, der weder Freude noch Trauer eindeutig zuzuordnen war, sondern beides gleichzeitig. Als die Wagontüren aufgingen, ergoß sich eine Menge ausgemärgelter Männer auf den Bahnsteig, viele so verändert, dass selbst enge Verwandte sie nicht auf den ersten Blick erkannten.
Manche wurden sofort erkannt und in Umarmungen gerissen, die minutenlang nicht endeten. Andere gingen an Reihen von Gesichtern vorbei, ohne dass jemand nach ihnen rief, weil niemand sie erkannte oder weil niemand für sie gekommen war. Ein älterer Mann neben Erich im Wagon hatte während der gesamten Fahrt von seiner Tochter gesprochen, die ihn hier erwarten sollte, ein kleines Mädchen von damals sechs Jahren.
Als er ausstieg und in die Menge rief, meldete sich niemand. Er blieb einfach stehen, mitten im Strom der anderen und wartete weiter. Den Blick starr auf das Bahnhofsgebäude gerichtet. Wenige Meter weiter lief eine alte Frau plötzlich los mit einer Geschwindigkeit, die ihr niemand mehr zugetraut hätte, und warf sich einem Mann in einer ähnlichen wattierten Jacke an den Hals, noch bevor er sein Gesicht ganz zu ihr gewandt hatte.
Sie hatte ihn an seinem Gang erkannt, an der Art, wie er beim Gehen leicht das linke Bein nachzog, eine Verletzung aus dem Jahr 1943. Manche Wiederkennungen an diesem Nachmittag gingen so schnell, dass sie fast beiläufig wirkten. Andere brauchten länger, wie ein Motor, der im Kalten erst zögernd ansprang, bevor er richtig lief.
Erich stieg als einer der letzten aus seinem Wagon, langsam, den Jutesack über der Schulter und ging in die Menge hinein, ohne zu wissen, wonach er eigentlich suchte. Z Jahre hatten auch sein Bild von ihr verändert. Er fragte sich, ob sie überhaupt noch hier lebte, ob sie ihn erwartete, ob sie ihn so wie er jetzt aussah überhaupt wieder erkennen würde.
Die Angst, unerkannt an ihr vorbeizugehen, war fast größer als die Angst, die er in 12 Jahren Gefangenschaft gekannt hatte. Elisabeth stand in der dritten Reihe der Wartenden, presste ein Foto an ihre Brust, ein Bild von 1941, das einzige, das ihr geblieben war. Sie verglich jedes Gesicht mit diesem Foto und keines passt.
Die Männer, die vorbeikamen, waren zu alt, zu mager, zu fremd. Ein Mann in einer wat wartierten Jacke ging drei Schritte an ihr vorbei, den Blick gesenkt, und sie sah ihn nicht wirklich an. Warum sollte sie auch? Nichts an ihm erinnerte sie an den Mann auf dem Foto und dann über das Murmeln der Menge und das ferne Leuten der Friedlandlocke hinweg hörte sie es leise, fast verloren im Lärm, aber unverkennbar. Eine Melodie.
Der Walzer aus der Dorfwirtschaft. Sommer 1941. Sie hatte diese Melodie 14 Jahre lang nicht gehört, außer in ihrem eigenen Kopf an schlaflosen Nächten. Ihr Körper reagierte, bevor ihr Verstand begriff, warum. Sie drehte sich um. Der Mann in der wattierten Jacke war stehen geblieben ein paar Schritte weiter und pfiff, ohne es zu merken, wie er es z Jahre lang bei jeder schweren Stunde getan hatte.
Er hatte nicht bemerkt, dass er es gerade jetzt tat, in diesem Moment an diesem Bahnsteig. Es war einfach da gewesen, ein Reflex, den die Erschöpfung und die Überforderung an die Oberfläche gespült hatten. Elisabeth sah nicht sein Gesicht zuerst. Sie sah die Haltung, die Art, wie er den Kopf leicht zur Seite neigte, während er pfiff, genau wie damals auf der Tanzfläche.
Und in diesem Moment war es egal, wie sehr sich seine Züge verändert hatten. Sie wusste es, bevor sie es beweisen konnte. Erig, er hörte auf zu pfeifen und drehte sich um. Für einen Herzschlag standen beide da, unfähig sich zu bewegen, während um sie herum hunderte andere Wiedersehen stattfanden, hunderte andere Namen gerufen wurden.
Dann ließ er den Jutesack von der Schulter gleiten und sie überbrückte die letzten Schritte zwischen ihn. Es gab keine großen Worte. Was hätte man auch sagen sollen nach z Jahren Schweigen, nach z Jahren, in denen keiner wusste, ob der andere noch lebte. Erich löste mit zitternden Fingern die letzten Fäden am Saum seines Mantels, dort wo er sie im Februar 1943 selbst hineingenäht hatte, und holte den Ring hervor, abgegriffen, aber unversehrt.
Er nahm Elisabeths Hand und schob ihn zurück an ihren Finger dorthin, wo er z Jahre lang hätte sein sollen. Sie sagte nichts, sie hielt seine Hand fest, als könnte sie ihn damit ein zweites Mal verlieren. Und über ihnen lähin die Friedlandglocke. wie sie es bei jeder Ankunft tat, unabhängig davon, wer erkannt wurde und wer nicht.
Später, als sie gemeinsam durch das Lagertor gingen, vorbei an den Helferinnen mit ihren Broten und Decken, vorbei an anderen Familien, die noch immer suchtten oder noch immer feierten, sprach keiner der beiden viel. Erich trug den Jutesack wieder über der Schulter, aber jetzt hielt er mit der freien Hand Elisabeths Hand Ring wieder an ihrem Finger, als hätte er ihn nie verlassen.
Es gab noch Jahre vor ihnen, um die zwölf Verlorenen aufzuholen, um sich wieder aneinander zu gewöhnen, um die Fremdheit abzulegen, die 12 Jahre unweigerlich zwischen zwei Menschen wachsen lassen. Aber das würde später kommen. An diesem Nachmittag im Oktober 1955 reichte es, dass sie beide wussten, wo der andere war.
Was diese Geschichte von so vielen anderen unterscheidet, ist nicht die Tragik der Trennung, die tausende deutsche Familien in jenen Jahren teilten. Es ist die Art, wie Erinnerung überlebt, wenn Gesichter es nicht mehr können. 12 Jahre Zwangsarbeit, Hunger und Kälte hatten aus einem jungen Funker, aus einem Norddeutschen Dorf einen fremden alten Mann gemacht, den selbst seine eigene Frau auf den ersten Blick nicht wiederkannte.
Aber eine Melodie, gepfiffen ohne Absicht an einem Ort, an dem ztausende auf einziges Gesicht warteten, reichte aus, um 12 Jahre zu überbrücken. Erich Baumann war einer von etwa 10 deutschen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten, die zwischen Oktober 1955 und Januar 1956 aus sowjetischer Gefangenschaft nach Deutschland zurückkehrten.
Das Ergebnis von Verhandlungen, die Konrad Adenauer wenige Wochen zuvor in Moskau geführt hatte. Für die Bundesrepublik war es ein diplomatischer Meilenstein. Für Familien wie die Baumanns war es etwas viel einfacheres. Das Ende einer Ungewissheit, die ein Jahrzehnt gedauert hatte. Das Lager Friedland nahm in jenen Monaten Zug um Zug auf.
Jeder mit seiner eigenen Menge aus Hoffnung und Angst und die Friedlandlocke läutete bei jeder Ankunft weiter. Ein Klang, der für zehntausende zum letzten und zugleich ersten Ton eines neuen Lebens wurde. Manche fanden niemanden, der auf sie wartete. Manche fanden Familien, die sich in den Jahren völlig verändert hatten. Und manche wie Erich und Elisabeth Baumann fanden sich durch nichts weiter als eine Melodie, die 12 Jahre lang niemand außer ihnen beiden gekannt hatte.
Der Ring, den Erich im Schnee von Stalingrad versteckt und durch 12 Jahre sowjetischer Lager getragen hatte, blieb von diesem Tag an wieder an Elisabeths Hand. Er erzählte niemandem außerhalb der Familie, wie er es geschafft hatte, ihn all die Jahre zu verbergen. Durch Durchsuchungen, durch Lagerwechsel, durch die schiere Erschöpfung, die jeden Gedanken an Besitz meist auslöschte.
Für ihn war es nie ein Geheimnis gewesen, dass er bewahren wollte. Es war einfach das einzige, das er nicht bereit war herzugeben in Zöf Jahren, in denen ihm fast alles andere genommen wurde. Am Bahnhof von Friedland in den Wochen und Monaten nach dem 1. Oktober 1955 wiederholte sich diese Szene auf unterschiedliche Weise immer wieder.
Manche erkannten sich an einer Narbe, andere an einer bestimmten Art zu gehen, wieder andere gar nicht, bis ein Name gerufen wurde und beide Seiten inne hielten. Die Gesichter hatten sich verändert, die Stimmen manchmal auch, aber es gab immer irgendetwas, das die 12 Jahre überdauert hatte und sei es nur eine Melodie, die einen Mann pfiff, ohne zu wissen, dass er es tat.
Für Elisabeth Baumann war es genau das gewesen, nicht das Gesicht auf dem Foto von 1941, dass sie allerre Brust gedrückt hatte, sondern ein paar Takte eines Walzers, den sie beide in einer Dorfwirtschaft getanzt hatten, in einem Sommer, der Jahrzehnte entfern schien und der doch für einen Moment am Bahnsteig von Friedland wieder ganz nah war.
Die Züge nach Friedland fuhren noch monatelang weiter, bis in den Januar 1956 hinein. Jeder mit seiner eigenen Fracht aus Hoffnung, Erschöpfung und Ungewissheit. Für die Bundesrepublik war der Tag, an dem die letzten Gefangenen heimkehrten, ein politischer Erfolg verhandelt in einem Moskauer Bankettsaal.
Für Erich und Elisabeth Baumann und für tausende Familien wie Sie war er etwas, das sich in keiner Verhandlung ausdrücken ließ. Der Moment, in dem eine Melodie über einen Bahnsteig trug, was Jahre Schweigen, nicht hatten zerstören können.