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Als der britische Offizier der deutschen Grubenlampe nicht traute – sie rettete drei Menschenleben

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By sonds6
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Herbst 1946. Der Winter, der bald über England hereinbrechen wird, wird der Härteste seit Jahrzehnten sein. Doch noch weiß das niemand. Was man in diesen Wochen weiß, ist etwas anderes. Ohne Kohle aus dem Ruhrgebiet wird Großbritannien nicht durch diesen Winter kommen. Die Fabriken stehen still, die Elektrizitätswerke drosseln den Betrieb und in London berätt man in fensterlosen Räumen darüber, wie man aus einem zerschlagenen Land noch das herausholen kann, was man selbst am dringendsten braucht.

 Wenige Monate später, im Januar und Februar 1947, wird sich dieser Mangel in einer Weise zeigen, die noch Jahrzehnte später in britischen Geschichtsbüchern nachzulesen sein wird. Schneverwehungen legen ganze Bahnstrecken lah Kohlezüge bleiben stecken und in Millionen englischer Haushalte bleibt der Ofen kalt.

 Was man in den Amtsstuben der Besatzungsbehörden schon jetzt weiß, ist, daß jede Tonne Kohle, die aus dem Ruhrgebiet nicht gefördert wird, im Winter darauf in England schmerzhaft fehlen wird. Diese Dringlichkeit ist es, die jede Vorsicht, jeden Einwand, jede Bedenkzeit zu einem Luxus macht, den sich, wie man in London glaubt, niemand mehr leisten kann.

 Im Ruhrgebiet, in der britischen Besatzungszone heißt die Antwort auf diese Frage ein Satz, der auf keinem offiziellen Papier so steht, aber überall verstanden wird. Die Zechen müssen wieder fördern. Koste es was es wolle. Männer, die vor wenigen Monaten noch als Kriegsgefangene hinter Stacheldraht in England oder Schottland saßen, werden entlassen, um genau dorthin zurückzukehren, wo sie vor dem Krieg gestanden haben, unter die Erde.

Man nennt es wieder Aufbau. Manche nennen es im Stillen nur beim eigentlichen Namen. Einer dieser Männer heißt Wilhelm Rot. Er ist 31 Jahre alt aus Recklinghausen und er kennt die Zeche Heinrich Robert bei Hamm, seit er ein Kind war. Sein Vater hat dort gearbeitet, sein Großvater ebenfalls. Wilhelm selbst fuhr mit 17 zum ersten Mal ein, lange bevor er die Uniform der Wehrmacht trug, lange bevor er in der Normandie in britische Gefangenschaft geriet.

 Jetzt im Herbst 1946 ist er zurück, nicht als Gefangener im eigentlichen Sinn mehr, aber auch nicht wirklich frei. Er ist einer von tausenden ehemaligen Soldaten, die im Rahmen des britischen Programms zur Wiederbelebung der Ruhkohleförderung an die Zechen zurückbeordert wurden. Die Engländer nennen es intern ein Vorhaben mit dem Codenamen Coluttle.

 Für Wilhelm ist es einfach zurück in die Grube, zurück zu dem, was er kann. unter der Aufsicht von Männern, die seine Sprache nicht sprechen. Als er im September6 mit dem Zug nach Recklinghausen zurückkehrt, findet er eine Stadt vor, die kaum wieder zu erkennen ist. Ganze Straßenzüge liegen in Trümmern. Die Fördertürme der umliegenden Zechen stehen jedoch seltsam unversehrt wie stumme Zeugen über den zerstörten Dächern.

 Seine Mutter lebt noch in einem halb notdürftig reparierten Haus nahe der Zeedlung, gemeinsam mit der Witwe seines gefallenen Bruders. Als Wilhelm ihr erzählt, dass man ihn zurück in den Bergbau beordert hat, sagt sie nur einen Satz, den er nie mehr vergisst, dass die Grube ihr den Mann genommen habe und nun auch noch den Sohn verlangen wolle.

Wilhelm entgegnet ihr nichts. Er weiß, dass er keine Wahl hat. Ohne die Arbeit auf der Zeche gibt es keine zusätzlichen Lebensmittelkarten, keine Kohle für den eigenen Ofen, keinen Platz in einer Gesellschaft, die gerade erst wieder zu atmen beginnt. Die Zeche selbst steht unter der Kontrolle einer britischen Behörde, die alle nur die Kohlekontrolle nennen.

 Offiziell die North German Coal Control, kurz NGC, ein Stab britischer Offiziere und Ingenieure, die übermengen, Sicherheit und Personal wachen sollen. In der Praxis heißt das: “Ein britischer Offizier entscheidet, wie viel Kohle an einem Tag aus welchem Flötz kommen muss und deutsche Steiger und Bergleute müssen liefern.” Der Offizier, der für Wilhelms Schicht zuständig ist, heißt Captain Alister Finch. Er ist kein Bergmann.

 Vor dem Krieg war er Ingenieur in einer Textilfabrik in Manchester. Jetzt trägt er eine Uniform und eine Verantwortung, die ihm sichtlich zu groß ist. Finsch hat eine Zahl im Kopf, die ihm aus London vorgegeben wurde. Eine Tonnenzahl, die die Zeche bis zum Einbruch des Winters erreichen soll. Diese Zahl ist für ihn wichtiger als alles andere.

 und er miraut den deutschen Bergleuten zutiefst nicht aus persönlicher Bosheit, sondern aus einer tiefen, unreflektierten Überzeugung, die viele britische Besatzungsoffiziere in jenen Monaten teilen, dass ein Volk, das einen solchen Krieg begonnen hat, in allem, was es tut, nicht vertrauenswürdig sein kann. auch nicht dort unten in der Dunkelheit der Stollen.

 Wilhelm hat davon in den ersten Wochen wenig gespürt. Er hat gearbeitet, geschwiegen, die Blicke der Wachen und Aufseher ignoriert. Doch an einem Morgen im späten Oktober ändert sich etwas. Die Zeche muss ein neues Flötz aufschließen. Tiefer als die bisher bearbeiteten Abbaustrecken in einem Bereich, der seit Jahren als schwierig gilt.

 Alte Bergleute sprechen ungern darüber. Es ist ein Flötz mit hohem Gasaufkommen, bekannt für plötzliche Wettereinbrüche. An diesem Morgen versammelt sich die Frühschicht am Schacht. Ein deutscher Steiger, ein älterer Mann namens Robert Lindemann, der seit Jahrzehnten auf der Zeche arbeitet, hat Bedenken geäußert.

Er hat Finsch gesagt, dass dieses Flöts zusätzliche Vorsicht erfordert, daß man die Bewetterung, die Belüftung der Stollen erst verbessern müsse, bevor man dort in voller Stärke fördert. Finch hat ihm nicht widersprochen, aber auch nicht zugehört. Die Zahl aus London duldet keinen Aufschub.

 Lindemann selbst war schon steiger, als Wilhelms Vater 1929 hier verunglückte. Er hat den Jungen Anton Rot persönlich aus dem verqualmten Stollen Tragen helfen, gemeinsam mit den wenigen anderen, die den Unglückstag überlebten. Das ausgerechnet er es ist, der nun Wilhelm bei der morgendlichen Einteilung wiedererkennt, ist für beide Männer ein stiller, schwerer Moment.

Lindemann legt Wilhelm kurz die Hand auf die Schulter und sagt ihm leise, er solle die Augen offen halten in diesem neuen Flös. Mehr kann und darf er unter den Augen der britischen Aufsicht nicht sagen. Es ist eine Warnung von einem alten Mann an den Sohn eines Toten weitergereicht in wenigen Worten, wie es unter Bergleuten seit Generationen üblich ist.

 Als die Namen für die Einteilung verlesen werden, hört Wilhelm seinen eigenen. Er soll mit einer kleinen Gruppe in genau dieses Flöts einfahren. Das gefährlichste an diesem Tag, das Schwierigste der ganzen Zäche. Es ist keine Strafe im ausgesprochenen Sinn, aber es fühlt sich wie eine an. Unter den Bergleuten, die an diesem Morgen am Schacht stehen, ist ein leises Raunen zu hören.

 Jeder weiß, wessen Namen zuerst genannt werden, wenn ein Vorarbeiter beweisen will, dass die Deutschen tun, was man ihnen befieht, ohne zu murren. Wilhelm sagt nichts. Er nimmt seine Lampe, prüft den Docht und fährt ein. Der Weg zum neuen Flö führt tiefer als alles, was Wilhelm in den vergangenen Wochen kennengelernt hat. Der Förderkorb sackt in wenigen Sekunden mehrere hundert Meter in die Tiefe.

 Das Licht der Oberfläche verschwindet und übrig bleibt nur der schmale gelbliche Schein der Grubenlampen und die schwere feuchtwarme Luft, die jedem, der nicht daran gewöhnt ist, sofort auf die Lunge schlägt. Die Männer gehen schweigend im Gänsemarsch, gebückt unter dem niedrigen Ausbau.

 Wilhelm kennt diesen Weg nicht, aber er kennt das Gefühl, dass jeder erfahrene Bergmann in einem neuen Streckenabschnitt hat. Eine Wachsamkeit, die sich nicht abstellen lässt, ein ständiges Prüfen der Luft, des Gesteins, der eigenen Lampe. Die Lampe, die er trägt, ist eine Wolfsicherheitslampe. Ein Modell, das in britischen wie deutschen Zächen dieser Zeit gleichermaßen verbreitet ist.

 Eine offene Flamme hinter einem feinen Drahtnetz, so gebaut, dass sie nicht explodiert, selbst wenn brennbares Gas in der Luft ist, aber so empfindlich, dass die Form und Farbe der Flamme selbst zum Signal wird. Ein erfahrener Bergmann ließ diese Flamme wie andere Menschen ein Thermometer lesen. Wilhelm hat das von seinem Vater gelernt, lange bevor er selbst zum ersten Mal einfuhr.

Sein Vater Anton Rot war 1929 auf genau dieser Zäche, auf der Zeche Heinrich Robert. Als sich am Vieren August eine Schlagwetterexplosion ereignete, Grubengas, das sich in einem schlecht bewetterten Streckenabschnitt gesammelt hatte, entzündete sich an einer offenen Flamme. Vier Bergleute starben an jenem Tag, unter ihnen auch Anton Rot.

 Wilhelm war damals 14 Jahre alt. Erinnert sich an den Tag, an dem die Sirene über dem Fördergerüst lief, an die Mütter und Frauen, die zum Schacht liefen, an die Stille, die sich danach über die ganze Siedlung legte. Von diesem Tag an hat er nie wieder eine Sicherheitslampe angesehen, ohne an seinen Vater zu denken. In den Wochen nach dem Unglück von 1929 hatte die Zechenverwaltung damals erklärt, die Explosion sei ein unglücklicher Zufall gewesen.

 Nicht vorhersehbar, nicht zu verhindern gewesen. Erst Jahre später, als Wilhelm selbst unter Tage arbeitete, erfuhr er von älteren Kollegen, dass mehrere Bergleute schon am Vortag über einen beißenden Geruch und über Lampen geklagt hatten, deren Flammen sich seltsam verhielten. Beobachtungen, die niemand ernst genommen hatte, weil die Fördermenge auch damals wichtiger gewesen war als eine wage Unruhe unter den Männern.

 Diese Geschichte hat sich Wilhelm tief eingeprägt, so tief, dass er sie nie jemandem außerhalb seiner Familie erzählt hat. Es ist die Geschichte, die ihm in jenem Herbst 1946 wieder einfällt, als er zum ersten Mal die veränderte Flamme seiner eigenen Lampe sieht. Als er nun 17 Jahre später in ein neues unerprobtes Flö derselben Zeche einfährt, trägt er dieses Wissen mit sich wie ein zweites Werkzeug.

 Die ersten Stunden der Schicht verlaufen ruhig. Die Männer treiben den Stollen voran, die Förderung läuft. Doch gegen Mittag bemerkt Wilhelm etwas, das die anderen entweder nicht sehen oder nicht sehen wollen. Die Flamme seiner Lampe beginnt sich zu verändern. Sie wird höher, schlanker und an ihrer Spitze erscheint ein feiner bläulicher Schimmer.

 Das klassische Zeichen für Methan, für aufziehendes Schlagwetter. Es ist noch keine hohe Konzentration. Ein ungeübtes Auge würde es kaum bemerken, aber Wilhelm hat dieses Zeichen sein ganzes Leben lang gefürchtet. Er meldet es sofort dem englischen Aufsichtsposten, der für diesen Streckenabschnitt zuständig ist, einem jungen Sergeant, der die Aufgabe hat, die Fördermenge zu überwachen und Berichte an Captain Finch weiterzugeben.

Der Sergeant nimmt die Meldung entgegen, zuckt mit den Schultern und sagt, man solle weiterarbeiten. Die Bewetterungsanlage sei erst vor einer Woche überprüft worden. Es gäbe keinen Grund zur Sorge und die Tonnenzahl für den Tag sei noch nicht erreicht. Wilhelm insistiert. Er zeigt ihm die Lampe, den bläulichen Kappenschein an der Flammenspitze.

 Der Sergeant, der selbst nie unter Tage ausgebildet wurde, kann das Zeichen nicht deuten. Er hält Wilhelms beharren für die Ausrede eines Mannes, der die Arbeit scheut. Die Nachricht erreicht schließlich Captain Finch, der zu diesem Zeitpunkt über Tage in seinem Büro sitzt und die Fördertabellen des Tages studiert. Als man ihm meldet, ein deutscher Bergmann verlange, die Arbeit im neuen Flö zu unterbrechen, reagiert er zunächst gereizt.

 Er hat es in den vergangenen Wochen mehrfach erlebt, dass deutsche Arbeiter das Tempo drosseln wollten. Aus Erschöpfung, aus Wiederwillen, manchmal, wie er vermutet, aus stillem Trotz gegen die Besatzungsmacht. Er fährt selbst zum Schacht, läßt sich die Lage schildern und als Wilhelm ihm die Lampe zeigt und in seinem gebrochenen Englisch versucht zu erklären, was die Flammenform bedeutet, unterbricht ihn Finch scharf.

Er sagt, er habe keine Zeit für Abergauben deutscher Bergleute, dass die Instrumente der Bewetterungsanlage nichts ungewöhnliches anzeigten und dass die Schicht ihrer Arbeit fortsetzen werde, wie geplant. Wilhelm weiß in diesem Moment, daß er vor einer Entscheidung steht, die größer ist als sein eigener Arbeitsplatz.

 Er kennt dieses Flös, er kennt die Vorgeschichte der Zeche und er kennt das Bild, das sich ihm in der Lampe zeigt, so gut wie sein eigenes Gesicht. Er weiß auch, was es bedeutet, einen britischen Offizier zu widersprechen in einer Zeit, in der ein deutscher Arbeiter für ungehorsam seine Stelle verlieren kann und mit ihr die Lebensmittelkarten, die an die Arbeit gekoppelt sind.

 Doch er denkt an seinen Vater, an die Sirene über dem Fördergerüst, an die Stille in der Siedlung. Er entscheidet sich, es noch einmal zu versuchen. Er bittet Finnch wenigstens für eine Stunde die Förderung im hintersten Streckenabschnitt einzustellen, bis ein zusätzlicher Wetterluttenstrang, ein Lüftungsrohr verlegt werden kann, um die Luft im vorderen Abbaubereich zu verbessern.

 Finnsch lehnt erneut ab, diesmal lauter vor den Ohren der versammelten Schicht. Er sagt, dass die Deutschen längst gelernt haben sollten, Befehle auszuführen, statt sie in Frage zu stellen. Ein bitteres Schweigen legt sich über die Männer am Schachteingang. In diesem Schweigen tritt Lindemann, der alte Steiger, einen Schritt vor.

 Er spricht Finch in seinem holprigen Englisch an, leise, fast bittend, und sagt ihm, daß er selbst 1929 hier unten war, als die Zeche zuletzt einen Mann wie Wilhelms Vater verlor und dass er es nicht ein zweites Mal erleben wolle. Für einen Moment scheint Finsch zu zögern. Doch dann wirft er einen Blick auf die Uhr an der Wand des Schachtgebäudes, auf die Tafel mit der Tonnenzahl des Tages und sagt: “Die Arbeit werde fortgesetzt.

 Es ist eine Entscheidung, die er in den folgenden Jahren nie mehr vergessen wird. Dann geschieht etwas, das Wilhelm später selbst nicht ganz erklären kann. Er geht nicht zurück in die Kaue, wie ein gehorsamer Arbeiter es täte. Stattdessen geht er, ohne eine weitere Erlaubnis abzuwarten, selbst in den hinteren Streckenabschnitt hinein, wo drei jüngere Bergleute, zwei Deutsche und ein britischer Bel, ein junger Zwangsdienstleistender im Kohlebergbau, gerade den nächsten Sprengschuss vorbereiten. Er warnt sie eindringlich,

hält ihnen die Lampe entgegen, zeigt auf die Flammenspitze, die inzwischen noch deutlicher blau schimmert. Der junge Brite, kaum 19 Jahre alt, kennt die Zeichen aus seiner kurzen Ausbildung tatsächlich, wenn auch nur oberflächlich und wird bleich. Gemeinsam überzeugen sie die beiden anderen, die Arbeit sofort zu unterbrechen und sich zum Hauptschacht zurückzuziehen.

 In diesem Moment, während die vier Männer den Rückweg antreten, geschieht, was Wilhelm seit Stunden gefürchtet hat. Aus einem Riss im Hangenden im Deckgestein über der Strecke entweicht plötzlich in größerer Menge Grubengas, begünstigt durch die schlechte Bewetterung, von der Lindemann am Morgen gesprochen hatte. Es kommt zu einer kleinen, aber heftigen Verpuffung an einer der noch brennenden Grubenlampen im vorderen Abschnitt, den die Männer soeben verlassen haben.

 Kein großes Unglück wie 1929, keine Explosion, die den ganzen Stollen erfasst. Aber ein Feuerstoß, der genau den Bereich versenkt, in dem die drei jungen Männer Minuten zuvor noch gearbeitet hätten, wäre Wilhelm nicht gekommen. Der Lärm der Verpuffung ist bis zum Schach zu hören. Captain Finch, der gerade im Begriff ist, seine Fördertabellen weiter zu bearbeiten, spürt die Druckwelle durch den Förderschacht wie einen dumpfen Schlag.

Wenige Minuten später kommen die vier Männer ruß geschwärzt, aber unverletzt an die Oberfläche. Der junge Beven Boy zittert am ganzen Körper. Er ist es, der als erster zu Finsch geht und ihm erzählt, was geschehen ist, dass der deutsche Bergmann sie gewarnt hat, dass er sie aus dem Streckenabschnitt geholt hat, keine 10ehn Minuten bevor das Gas sich entzündete.

 Finsch eine lange Zeit schweigend da. Er lässt die Bewetterungsanlage sofort überprüfen und es stellt sich heraus, was Lindemann am Morgen befürchtet hatte. Ein zusätzlicher Lüftungsstrang war tatsächlich nötig gewesen, um die Luft im neuen Flö ausreichend umzuwälzen. Die Instrumente, auf die sich der Sergeant berufen hatte, waren am falschen Streckenabschnitt angebracht und hatten die tatsächliche Gaskonzentration gar nicht erfassen können.

 Es war Wilhelms Lampe, das einfachste und älteste Instrument von allen, das die Wahrheit zuerst gezeigt hatte. Am folgenden Tag läßt Finsch Wilhelm zu sich rufen. Es ist kein Offizier mehr, der vor ihm steht, sondern ein Mann, der sichtlich mit sich ringt. Er fragt Wilhelm, woher er gewusst habe, was die Instrumente nicht zeigten.

 Wilhelm erzählt ihm zum ersten Mal ausführlich von seinem Vater, von der Explosion im Jahr 1929, von den vier Männern, die an jenem Tag starben, weil niemand die Warnzeichen ernst nahm. Finch hört zu, ohne zu unterbrechen. Am Ende sagt er auf eine steife, unbeholfene Art, wie sie einem Mann eigen ist, der es nicht gewohnt ist, sich zu entschuldigen, dass er die Zuteilung der Schichten künftig anders regeln werde, dass die Erfahrung der Steiger und der alten Bergleute, Deutsch oder Britisch, in Zukunft schwerer wiegen solle als eine Tonnenzahl aus

London. Die Fördermenge der Zeche Heinrich- Robert erreicht in jenem Winter dennoch nahezu die geforderte Zahl, denn die Männer, deutsche wie britische, arbeiten in den folgenden Wochen mit einer Sorgfalt, die vorher gefehlt hatte. Wilhelm Rot bleibt bis zu seiner endgültigen Entlassung aus dem Colle Skirtle Programm im Jahr 1948 auf der Zeche.

 Er wird nie ein enger Freund von Captain Finch, aber die beiden Männer grüßen sich fort an mit einem Nicken, das mehr sagt, als viele Worte es könnten. Das nicken zweier Männer, die wissen, was es heißt, für eine Zahl auf dem Papier, ein Menschenleben aufs Spiel zu setzen und was es heißt, es im letzten Moment doch nicht zu tun.

 Als Wilhelm an jenem Abend nach Hause kommt, erzählt er seiner Mutter zum ersten Mal seit seiner Rückkehr eine Geschichte, über die er lange geschwiegen hat. Er erzählt ihr nicht von Finsch, nicht von der Verpuffung, nicht einmal von der Lampe. Er erzählt ihr, dass er heute etwas verstanden hat, dass er als 14-Jähriger nicht verstehen konnte, dass sein Vater ihm ohne es zu wissen das einzige mitgegeben hat, was in dieser Grube wirklich zählt, die Fähigkeit einer Flamme zu vertrauen, wenn niemand sonst es tut. Seine Mutter sagt an diesem

Abend nichts von der Grube, die ihr den Mann genommen hat. Sie hört nur zu und zum ersten Mal seit Jahren sieht Wilhelm sie lächeln. Was von jenem Tag im Oktober 1946 bleibt, ist keine große Geschichte, die in den Akten der North German Coal Control verzeichnet wurde. Es ist die kleine private Gewissheit eines Mannes, dass das Wissen seines Vaters, weitergegeben in einer dunklen Zechensiedlung im Ruhrgebiet, an einem gewöhnlichen Herbsttag drei jungen Männern das Leben rettete, zwei Deutschen und einem Engländer, die an

diesem Tag zum ersten Mal verstanden, dass die Flamme einer alten Grubenlampe manchmal mehr weiß als jedes Instrument, das man ihr vorzieht. Und es bleibt für Wilhelm Rot selbst die stille Gewissheit, dass die Grube, die seinen Vater nahm, ihm an diesem Tag erlaubt hat, etwas von dem zurückzugeben, was sie der Familie einst genommen hatte. M.

 

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