Als alle amerikanischen Farmer versagten – wusste nur der deutsche Gefangene, was das Pferd brauchte
Tennessee Sommer 1944. Das Pferd hatte drei Männer geworfen. Den ersten am frühen Morgen. Dale Pervis, einen erfahrenen Cowboy aus Georgia, der sein Leben lang auf Pferden gesessen hatte und das auch bei jeder Gelegenheit sagte. Dale war vom Pferd gefallen, bevor er auch nur richtig im Sattel saß und hatte sich dabei das Handgelenk verstaucht.
Den zweiten Versuch unternahm Hank Coley, der Vorarbeiter, ein schweigsamer Mann Mitte 40, der das Tier mit einer langen Leine in Kreisen laufen ließ, bis es Schweißnass war und dann trotzdem beim Aufsteigen aus dem Sattel flog, rückwärts und mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden landete, das alle gehört hatten.
Beim Dritten hatten alle zugeschaut. Billy Hutchins, der Sohn des Farmbesitzers, 17 Jahre alt, mit dem Grinsen von jemandem, der keine Angst kennt, weil er noch nie richtig Angst gehabt hat. Billy hatte zwei Sekunden auf dem Rücken des Tieres gesessen. Dann lag er im Staub und die Männer hatten gelacht und das Lachen sofort beendet, weil Carl Hutchins Billy Vater am Zaun stand und zugeschaut hatte, ohne eine Miene zu verziehen.
Das Pferd, ein dunkelbrauner Quarterhorse, den jemand Devil genannt hatte und bei dem der Name geblieben war, stand jetzt allein im Paddock hinter dem Stall. Ein Tier von gut 500 Kilogramm, fast sechse Hans hoch, mit einem Blick, der nichts Gutes verhieß und der auch nichts verschwieg. Carl Hutchens hatte es im März gekauft, weil der Preis gut gewesen war und weil er dachte, er wisse, wie man mit Pferden umgeht.
Er verstand inzwischen, warum der Preis gut gewesen war. Friedrich Meyer sah das Pferd zum ersten Mal von der anderen Seite des Zauns an einem Dienstagnachmittag im August. Er war seit drei Monaten auf dieser Farm. Er war 38 Jahre alt, in Schell geboren und aufgewachsen. Und er sprach kein Englisch, kein einziges Wort. Was er sprach, war eine Sprache, die man in Tennessee weder erwartete noch verstand.
Und so hatte er sich angewöhnt zu schweigen. Er arbeitete. Er hörte zu, auch wenn er nichts verstand. Er lernte die Tonlage einer Stimme von dem zu trennen, was die Stimme sagte, denn die Tonlage sagte oft mehr, und manchmal schaute er, wenn er konnte, durch die Latten des hölzernen Zauns zu dem Tier, das allein in seinem Paddock stand. erkannte diese Art von Pferd.
Nicht die Rasse. Der Quarterhaus war nicht das, womit er aufgewachsen war, aber er kannte diesen Blick, den Blick eines Tieres, das gelernt hatte, dass Menschen Gefahr bedeuten. In Schelle hatte Friedrichs Vater als bereiter gearbeitet. Das ist ein Wort, das sich nur schwer übersetzen lässt. Bereiter. Es bedeutet nicht nur Reiter, es bedeutet Einreiter, Ausbilder, Eingewöhnender, jemand, der ein Pferd in die Welt einführt, bevor irgendjemand anderes darauf sitzt.
Das niedersächsische Landgestütelle war eine der ältesten Pferdezuchten Deutschlands, gegründet im Jahr 1755 und Generationen von Hannoveranern waren dort geboren, aufgezogen und ausgebildet worden. Robuste, sensible Tiere, die für die Kavallerie gezüchtet wurden und eine bestimmte Art von Mensch verlangten. Nicht den Lauten, nicht den schnellen, sondern den Geduldigen.
Friedrich war als Kind oft im Land gestühlt gewesen, nicht als Besucher, als Junge, dem sein Vater zeigte, wie die Dinge wirklich funktionieren. Er erinnerte sich an die Gerüche, Heu und Lederfett und das warme, fast süße Atmen der Pferde in den Boxen. Er erinnerte sich an die Stille, die im Stall herrschte, wenn sein Vater arbeitete.
Eine Stille, die nicht leer war, sondern voll von Aufmerksamkeit. Das Landgestütelle war keine gewöhnliche Zucht. Es war eine Institution zweiundert Jahre alt. Ein Ort, an dem Wissen über Pferde nicht in Büchern stand, sondern in Händen und Blicken. Die Hannoveraner, die dort gezüchtet wurden, galten als die verlässlichsten Kavalleriepferde Europas.
Verlässlich nicht aus Unterwerfung, sondern aus Vertrauen. Das war der Unterschied, den das Land gestüht lehrte. An einem Morgen, Friedrich war vielleicht neun Jahre alt, stand sein Vater vor einem jungen Hannoveraner, der unruhig mit dem Kopf schüttelte und nicht stillhielt. Friedrich hatte gefragt: “Warum machst du nichts?” Sein Vater hatte nicht geantwortet.
Er hatte das Pferd angeschaut, ruhig, ohne Eile, und war dann langsam um das Tier herumgegangen. Nicht zu nah, nicht zu weit, einmal, zweimal. Beim dritten Mal hatte das Pferd aufgehört mit dem Kopf zu schütteln. Siehst du das? Hatte sein Vater dann gesagt. Das Tier war angespannt. Jetzt nicht mehr.

Friedrich hatte gefragt: “Was hast du gemacht?” nichts”, hatte sein Vater gesagt. “Ich habe gewartet. Das ist der Unterschied.” Er machte eine kurze Pause und legte dann die flache Hand auf den Hals des Tieres, ganz ruhig, als würde er den Puls des Pferdes fühlen. “Es gibt ein Wort für das, was ein Pferd zuerst braucht, bevor du überhaupt anfangen kannst, es etwas zu lehren.
Das Wort heißt Losgelassenheit.” Weißt du, was das bedeutet? Friedrich hatte den Kopf geschüttelt. Es bedeutet loslassen. Ein Pferd, das angespannt ist, das Angst hat, das sich schützt. Dieses Pferd lernt nichts. Es gehorcht vielleicht, weil du stärker bist, aber es lernt nicht. Erst wenn das Tier loslässt, wenn es die Anspannung freigibt und aufhört sich zu verteidigen, erst dann kannst du etwas mit ihm anfangen.
Losgelassenheit ist das Erste. Bevor du verlangst, musst du geben. Friedrich hatte dieses Wort nicht vergessen. Er hatte es mitgenommen, ohne zu wissen, dass er es trug. Er hatte es benutzt, ohne es immer auszusprechen, und er hatte es noch im Gepäck, als er 1943 zur Infanterie eingezogen wurde, als Gefreiter, ohne besondere Begeisterung und ohne Wahl.
Er hatte es noch, als er im Frühjahr 1944 nördlich von Casino gefangen genommen wurde. Nicht durch Heldentum und nicht durch Versagen, sondern durch einen Morgen, an dem die Dinge so lagen, wie sie lagen und an dem es keine andere Möglichkeit mehr gab. Er war ein Gefangener, er war in Tennessee und er schaute durch einen Holzzaun auf ein Tier, das er kannte.
Das Lager, aus dem Friedrich täglich zur Arbeit gebracht wurde, lag einige Kilometer von der Farm entfernt. Camp Crossville, Tennessee, eines von vielen Lagern im amerikanischen Süden, in denen deutsche Kriegsgefangene Feldarbeit leisteten. Die Bedingungen waren nicht schlecht. Die Männer wurden nach den Genfer Konventionen behandelt, hatten Essen, Unterkunft, Arbeit.
Die Arbeit war körperlich, aber Friedrich war körperliche Arbeit gewöhnt. Was ihn beschäftigte, war die Stille der Unverständlichkeit, dieses Leben in einer Sprache, die sich nicht aufmachte. Es gab Abende im Lager, an denen die Männer sprachen, über ihre Familien, über das, was sie zurückgelassen hatten. Friedrich hörte zu, redete wenig.
Er dachte an Schelle, an das Land gestüht, an die Pferde. Es war ein merkwürdiger Gedanke, dass man die Sprache eines Tieres versteht, bevor man die Sprache des Landes versteht, in dem man gefangen ist. Auf der Farm Hutchins arbeitete er mit fünf anderen deutschen Gefangenen. Sie hakten, trugen, reparierten Zäune, halfen bei der Ernte.
Carl Hutchens behandelte sie korrekt, ohne Wärme, ohne Feindseligkeit, wie Arbeitskräfte, die man respektiert, weil sie eine Aufgabe erfüllen. Billy Hutchens behandelte sie weniger korrekt und mit mehr Feindseligkeit, aber das hatte Friedrich erwartet. Billy war 17 und glaubte, er wüsse, wer er war. Friedrich hatte sich in drei Monaten eine Art innere Geografie der Farm erarbeitet.
Er wußte, welche Böden wie reagierten. Er wußte, wann es regnen würde, bevor die Wolken es zeigten. Und er wusste, dass das Pferd im Perdock jeden Morgen allein stand und jeden Abend allein stand und dass niemand es besuchte, außer um ihm heut zu bringen. An einem Mittwochmorgen sprach er den Aufseher an. Er hatte kein Englisch, aber er hatte ein Stück Papier und einen Bleistiftstummel und er zeichnete einen Paddock, darin ein Pferd, darin ein Männchen ohne Seil, ohne Ausrüstung.
Er zeigte auf sich, dann zeigte er auf den Paddock. Der Aufseher, ein junger Mann aus Ohio, kaum älter als Billy, schaute auf die Zeichnung und schüttelte den Kopf. Friedrich zeichnete erneut. Diesmal zeigte das Männchen im Paddock das Pferd, das neben ihm stand. Der Aufseher schaute noch einmal. Er verstand die Bedeutung nicht sofort, aber er verstand, dass es um das Pferd ging. Er rief Karl Hudens.
Hatchens war ein schweigsamer Mann, 50 Jahre alt, mit Händen, die aus vier Jahrzehnten Farmarbeit bestanden. Er schaute auf die Zeichnung, er schaute auf Friedrich. Er schaute zum Paddock, wo Devil am Zaun stand und sie beobachtete. Sein Gesicht verriet nichts. Billy Hutchins war in diesem Moment aus dem Stall getreten.
Er schaute auf Friedrich, auf die Zeichnung, auf das Pferd und lachte dann kurz und sagte etwas auf Englisch. Einige der anderen Männer lachten mit. Friedrich verstand die Worte nicht, aber den Ton kannte er. Carl Hatchins schaute seinen Sohn an, dann schaute er Friedrich an, dann sagte er einzelnes Wort. Okay.
Friedrich nickte. Er streifte nichts ab, nahm nichts mit, kein Seil, keine Longe, keine Gärte, kein Werkzeug, nicht einmal Handschuhe und öffnete das Tor zum Paddock. Devil stand am anderen Ende des Geheges. Das Tier hatte Menschen kommen und gehen sehen und es hatte bei jedem Besuch dasselbe gelernt, das Nähe Druck bedeutet.
Gefällt euch diese Geschichte bis hierhin? Wir haben 18 davon gesammelt. Echte Geschichten, echte Menschen aus den Archiven des deutschen Tagebuchs und der Feldpostsammlungen des Zweiten Weltkriegs. In unserem Ebook Die vergessenen Gesichter des Krieges bekommt ihr zu jeder Geschichte die Region auf einer Karte. Historische Archivfotos aus der Zeit und Objekte, die mit den Protagonisten verbunden sind.
Briefe, Ausrüstung, persönliche Gegenstände, 18 Geschichten, die im Schulbuch nie stehen. Für Abonnenten des Kanals haben wir einen Rabatt von 20%. Der Code ARCIV20 ist auf dem Bildschirm. Das Ebook kostet damit nur 12 €. Der Link ist in der Beschreibung. Weiter geht es mit der G. Es hob den Kopf, die Ohren steall nach vorne, die Nüstern geblät.
Der Körper war angespannt, die Hinterbeine leicht angestellt, bereit. Friedrich trat ein und schloss das Tor hinter sich. Dann tat er zunächst gar nichts. Er schaute nicht auf das Pferd. Er schaute auf den Boden, zur Seite, irgendwohin zwischen sich und den Zaun. Eine Körperhaltung, die kein Interesse, keine Absicht, keine Konfrontation signalisierte.
Ein Mensch, der nichts will. Billy Hatchens lehnte am Zaun und sagte etwas halblaut. Jemand kicherte. Devil schaute ihn an. Friedrich begann sehr langsam in einem weiten Bogen um das Pferd herumzugehen. Nicht auf es zu, sondern um es herum mit einem Abstand von gut zehn Metern. Die Schultern tief, den Rücken leicht geneigt, die Hände in den Hosentaschen.
Er machte keinen laut. Er schaute noch immer nicht direkt auf das Tier. Das ist das, was sein Vater Longieren ohne Longe genannt hatte. Nicht als offiziellen Begriff, sondern als Beschreibung dessen, was man tut, bevor man überhaupt anfängt. Man lässt das Tier sich bewegen. Man gibt ihm Raum. Man beobachtet ohne zu fordern.
Man lässt es entscheiden, wohin es geht, und man beobachtet dabei sehr genau, was es tut, denn jede Bewegung, jede Ohrenstellung, jeder Atemzug sagt etwas. Friedrich ging einmal um den Paddock herum. Beim zweiten Mal bemerkte er, Devil hatte begonnen, ihn mit dem Auge zu verfolgen. Nicht aggressiv, aufmerksam. Die Ohren drehten sich leicht.
Das war ein Zeichen. Beim dritten Mal änderte Friedrich die Richtung ohne anzuhalten. Er drehte einfach um und ging in die andere Richtung, denselben weiten Bogen, denselben ruhigen Schritt. Hank Coley, der Vorarbeiter, hatte aufgehört zu reden. Er lehnte am Zaun und schaute zu, die Arme verschränkt.
Billy hatte das Grinsen noch im Gesicht, aber es war dünner geworden. 30 Minuten vergingen. Dann 40. Devil hatte sich ein Stück vom Rand des Paddocks wegbewegt. Das Tier stand jetzt mehr in der Mitte des Geheges und seine Körperhaltung hatte sich verändert. Die Hinterbeine nicht mehr angestellt. Der Kopf etwas tiefer.
Noch kein Vertrauen, aber weniger Angst. Das war der Moment, den sein Vater den Übergang genannt hatte. Der Punkt, an dem ein Tier aufhört zu berechnen und anfängt zu fühlen. Man kann ihn nicht erzwingen. Man wartet, bis er kommt. Han Cley stand jetzt aufrecht am Zaun, die Hände auf dem obersten Querbalken. Billy Hutchens hatte seit 10 Minuten nichts mehr gesagt.
Friedrich blieb stehen. Er stand in der Mitte des Paddocks und schaute auf nichts bestimmtes, auf den Boden, auf die Luft, irgendwohin zwischen sich und den Horizont. Er wartete. Dann tat er etwas, das keiner von denen erwartet hatte, die am Zaun standen. Er drehte dem Pferd den Rücken zu. Vollständig.
Er stand mit dem Rücken zu Devil, ohne sich umzuschauen, die Hände in den Hosentaschen wie jemand, der auf einen Bus wartet. Billy sagte etwas. Niemand lachte diesmal. Eine Minute verging. Zwei, drei. Und dann hörten sie es. Hufe auf trockenem Boden. Sehr langsam, Schritt für Schritt. Devil bewegte sich. Das Tier ging auf Friedrich zu.
Nicht schnell, nicht geradeaus, sondern in einem leichten Bogen, vorsichtig, die Nüstern weit geöffnet. Es blieb ein paar mal stehen, schaute, kam dann weiter. Carl Hutchins stand am Zaun und bewegte sich nicht. Devil näherte sich von hinten, blieb einen Meter hinter Friedrich stehen und schnupperte erst an der Luft um ihn herum, dann an seinem Hemd, dann ganz ruhig, ohne jede Hast legte das Pferd den Kopf neben Friedrichs Schulter.
Billy Hatchens öffnete den Mund, er schloss ihn wieder. Friedrich blieb noch eine Weile so stehen, ohne sich zu bewegen. Dann drehte er sich um, sehr langsam, Zentimeter für Zentimeter, als wäre die Bewegung selbst ein Atemzug, und hob die Hand. Nicht schnell, nicht ausholend. Er hob sie so, wie man die Hand hebt, wenn man fragt, und legte die Finger ganz leicht auf die Stirn des Tieres.
Devil blieb still. Carl Hutchens wandte den Blick ab, schaute über sein Land, dann wandte er sich wieder um. Er sagte nichts. Friedrich blieb noch eine Stunde im Paddock. Er ritt nicht. Er übte keine Kommandos. Er tat nichts, was man von außen als Training erkennen würde. Er stand, er ging, er ließ das Tier in seiner Nähe.
Manchmal standen sie einfach zusammen, Mensch und Pferd, in der Nachmittagshitze von Tennessee, ohne daß irgendetwas verlangt oder gegeben wurde. Gegen Abend öffnete er das Tor wieder und trat heraus. Er nickte Carl Hatchens kurz zu, nicht als Geste Triumphes, sondern als schlichte Mitteilung. So war das. Hatchins nickte zurück.
Er sagte nichts. Billy Hatchins war schon weg. An diesem Abend, als Friedrich in den Baracken ankam und seine Stiefel auszog, lag auf seinem Bett eine einzelne Möhre. Keine Nachricht, kein Absender, nur eine Möhre. Sorgfältig abgelegt, als hätte jemand eine Weile überlegt, wo man sie hinstellt.
Er wusste nicht, wer sie hingelegt hatte. Er vermutete es, aber er wusste es nicht. In den folgenden Wochen ging Friedrich jeden Tag für eine Stunde in den Paddock. Er brachte keine Ausrüstung mit. nie. Was er mitbrachte, war dasselbe, dass sein Vater ihm beigebracht hatte. Geduld ohne Erwartung. Devil begann ihn am Tor zu erwarten.
Nicht aufgeregt, ruhig. Das Tier stand einfach dort, wenn Friedrich kam. Und das war eine Art Antwort. Han Colley begann manchmal zuzuschauen. Er sprach nie direkt mit Friedrich. Die Sprache ließ es nicht zu, aber einmal, als Friedrich aus dem Paddock trat, klopfte Hank ihm kurz auf die Schulter. Das war alles.
Zwei Wochen nach dem ersten Tag bat Carl Hutchens durch den Aufseher übersetzt, Friedrich ihm zu erklären, was er getan hatte. Hatchens hatte einen jungen Mann aus dem Nachbardorf mitgebracht, der etwas Deutsch sprach: “Genug, um als Brücke zu dienen, wenn auch wacklig.” Friedrich dachte nach, bevor er antwortete. “Das Pferd war nicht böse”, sagte er dann. Es hatte Angst.
Jedes Mal, wenn ein Mensch hineingegangen ist und das Tier zwingen wollte, hat das Pferd gelernt: Menschen kommen, um etwas zu nehmen. Das sitzt tief. Das legt sich in die Muskeln, in den Atem, in jede Reaktion. Irgendwann ist das Tier kein störrisches Pferd mehr. Es ist ein Pferd, das sich erinnert. Er machte eine Pause.
Dann mein Vater hat mir als Kind etwas erklärt. Er hat mir ein Wort erklärt, das kein englisches Gegenstück hat. Losgelassenheit. Es bedeutet, dass ein Tier oder ein Mensch erst dann lernen kann, wenn es die Anspannung loslässt, wenn es aufhört sich zu schützen. Solange das Pferd angespannt ist, nimmt es keine Information an.
Man kann es festhalten, man kann es zwingen, aber man kann ihm nichts beibringen. Man muss zuerst geben. Raum, Stille, Zeit, dann lässt es los und erst dann ist es möglich. Der junge Übersetzer arbeitete sich durch die Sätze. Carl Hatchens hörte zu, die Arme verschränkt, das Gesicht still. Dann fragte Hatchens: “Wo hast du das gelernt?” Friedrich antwortete: “In Schelle von meinem Vater.
Er war bereiter im Land gestüht.” Hatchins nickte langsam, als würde er eine Information ablegen, ohne zu entscheiden, was er damit anfängt. Er schaute zum Paddock, wo Devil ruhig am Zaun stand. Dann schaute er Friedrich an, einmal kurz und wandte sich ab. Mehr wurde nicht gesagt. Aber es war genug. In den Wochen danach veränderte sich etwas auf der Farm, nicht laut, nicht sichtbar.
Dale Pervis grüßte ihn morgens mit einem Nicken. Hank Coley fragte durch Gesten, ob Friedrich ihm zeigen könne, wie man ein Pferd longiert. Friedrich zeichnete es auf Papier und Hank übte es am nächsten Tag allein. Billy Hutchens sprach ihn nie an, aber er warf ihm auch keine spöttischen Blicke mehr nach. Friedrich kehrte 1946 nach Deutschland zurück.
Er hatte wenig mitgenommen. Einen alten Arbeitskittel, seinen Werkzeugbeutel, ein paar Briefe, die er nie abgeschickt hatte und einen handgeschriebenen Brief, den Carl Hutchens ihm am letzten Tag in die Hand gedrückt hatte, ohne Erklärung, ohne Umarmung, so übergeben, wie man jemandem etwas zurückgibt, das ihm gehört. Friedrich sprach noch immer kein Englisch.
Er konnte den Brief nicht lesen. Er ließ ihn in Schelle übersetzen von einem Nachbarn, der die Sprache kannte. Der Brief war kurz. Er enthielt keinen Dank. Er enthielt keinen Abschluss. Er enthielt nur einen Satz, den Carl Hutchens aufgeschrieben hatte in seiner geraden, etwas steifen Handschrift: “Das Pferd heißt nicht mehr Devil.” Friedrich faltete den Brief und legte ihn in die Schublade neben seinem Bett.
Er sprach nicht darüber. Er erklärte ihn niemandem, aber er warf ihn auch nie weg. Manchmal in ruhigen Momenten, wenn er an das Land gestüht dachte und an die Stimme seines Vaters und an einen Paddock in Tennessee an einem Augustnachmittag des Jahres 1944, dann wusste er, dass es Dinge gibt, die sich nicht erklären lassen, die man nur kennt, wenn man dabei war.
Das Pferd hatte drei Männer geworfen und es hatte einem Gefangenen gefolgt, der ihm nichts abverlangt hatte. Manchmal ist das der Unterschied. Diese 17 weitere Geschichten findet ihr jetzt als Buch. Der Link ist in der Beschreibung. Als Abonnent bekommt ihr 20% Rabatt mit dem Code ARIV20. อ