Es gleicht einem politischen Erdbeben der Stärke neun, das die Alpenrepublik in diesen Tagen in ihren Grundfesten erschüttert. Ein Beben, das nicht nur in den prunkvollen Regierungsgebäuden in Wien für nackte Panik und ungläubiges Entsetzen sorgt, sondern dessen gewaltige Schockwellen längst bis nach Berlin und Brüssel spürbar sind. Was sich aktuell in den Meinungsumfragen in Österreich abspielt, ist kein normaler politischer Wandel mehr – es ist ein epochaler Erdrutsch, ein beispielloser Systemsturz, der die Architektur der Nachkriegspolitik in ihre Einzelteile zerlegt. Die jüngste Sonntagsfrage liefert Zahlen, die man vor wenigen Jahren noch für eine kühne politische Fiktion gehalten hätte: Herbert Kickl und seine FPÖ rasen unaufhaltsam auf eine absolute Mehrheit zu.

Die nackten Zahlen dieser Umfrage lesen sich für die etablierten Kräfte wie ein politischer Nachruf. Die FPÖ thront mit atemberaubenden 38 Prozent der Wählerstimmen einsam an der Spitze. Das ist ein gigantischer Vorsprung von unfassbaren 18 Prozentpunkten auf die nächststärkere Kraft. Zum Vergleich: Bei der letzten Nationalratswahl holten die Freiheitlichen bereits starke 28,8 Prozent – und haben nun, scheinbar mühelos, noch einmal fast zehn Prozentpunkte obendrauf gesattelt. Der Trend zeigt dabei steil und ungebrochen nach oben. Die FPÖ ist nicht mehr nur eine starke Oppositionspartei, sie ist im Begriff, die absolute Mehrheit der Mandate im Parlament zu erringen. Eine Alleinregierung unter Herbert Kickl ist plötzlich kein theoretisches Gedankenspiel mehr, sondern eine greifbare politische Realität, die das Land für immer verändern würde.

 

Während die Blauen einen beispiellosen Höhenflug erleben, spielen sich bei den einstigen Großmächten der österreichischen Politik regelrechte Tragödien ab. Die ÖVP, einst stolze und konservative Volkspartei, die das Land jahrzehntelang dominierte und noch vor wenigen Jahren mit fast 40 Prozent strahlte, befindet sich im freien Fall. Sie ist auf katastrophale 20 Prozent abgestürzt. Die Wähler strafen die Volkspartei gnadenlos dafür ab, dass sie ihre traditionellen, wertkonservativen Wurzeln über Bord geworfen hat, um einer links-grünen Agenda hinterherzulaufen. Die Parallelen zur deutschen CDU sind frappierend und unübersehbar: Wer versucht, das Original auf der linken Seite des Spektrums zu kopieren, verliert zwangsläufig seine eigene Identität – und am Ende seine Wähler.

Noch bitterer sieht es für die Sozialdemokraten aus. Die SPÖ rauscht unaufhaltsam nach unten und stagniert bei mickrigen 18 Prozent. Eine Partei, die einst stolz darauf war, die Interessen der hart arbeitenden Bevölkerung zu vertreten, marginalisiert sich zusehends. Bis auf die Hauptstadt Wien, die als rote Hochburg verbleibt, verliert die SPÖ im ganzen Land massiv an Boden. Auch hier drängt sich der Vergleich mit der deutschen SPD auf, die in Umfragen ebenfalls dem Abgrund entgegenblickt. Die kleineren Parteien spielen in diesem historischen Umbruch kaum noch eine Rolle: Die Neos versinken bei 7 Prozent in der Bedeutungslosigkeit, die Grünen klammern sich an ihre 11 Prozent Stammwählerschaft, und die KPÖ dümpelt bei 3 Prozent herum.

 

Doch wie konnte es zu dieser massiven Verschiebung kommen? Die Antwort liegt in einer tiefen, brodelnden Unzufriedenheit, die sich durch alle Schichten der österreichischen Gesellschaft zieht. Satte 87 Prozent der Wähler geben an, dass sich Österreich in eine negative Richtung entwickelt. Eine absolut verheerende Zahl für die amtierende Koalition. Die Menschen stöhnen unter einer Inflation, die sogar noch drastischer ausfällt als im Nachbarland Deutschland. Die Sorgen um die wirtschaftliche Zukunft, die drohende Deindustrialisierung, eine verfehlte Energiewende und eine Migrationspolitik, die von vielen als gescheitert angesehen wird, treiben die Wähler scharenweise in die Arme der FPÖ. Die aktuelle “schwarz-rote” Koalition – die von Kritikern spöttisch als österreichische Variante der deutschen “Ampel” bezeichnet wird – hat das Vertrauen der Bürger restlos verspielt. Was auch immer die Regierung in den letzten Jahren angefasst hat, verwandelte sich in den Augen der Wähler zu Blei.

Herbert Kickl hat diese Stimmung nicht nur meisterhaft erkannt, sondern er bietet den Menschen einen klaren, kompromisslosen Gegenentwurf. Wo immer Kickl auftritt, herrscht Ausnahmezustand. Die Festzelte platzen aus allen Nähten, die Massen strömen zu Tausenden herbei, um den Mann zu hören, der verspricht, “das System zu stürzen” und Österreich von seinen politischen Fesseln zu befreien. Kickl ist es gelungen, die FPÖ als die einzige verbliebene echte Volkspartei zu positionieren. Besonders schmerzhaft für die SPÖ: Kickl hat ein hochattraktives Angebot an die Arbeiterschaft formuliert. Er hat die FPÖ zur neuen Arbeiterbewegung ausgerufen. “Eure Arbeitsplätze hängen mit dem Schicksal Österreichs zusammen”, ruft er den Menschen zu und warnt eindringlich davor, wirtschaftlich denselben fatalen Weg der Deindustrialisierung einzuschlagen wie Deutschland. Diese Botschaft verfängt massiv. Die SPÖ-Arbeiter wandern in Scharen zur FPÖ ab.

 

Die politische Strahlkraft dieses Erdrutsches reicht weit über die Grenzen Österreichs hinaus, bis ins Herz der Europäischen Union nach Brüssel. Dort agiert die FPÖ-Politikerin Petra Steger wie eine politische Naturgewalt. Mit leidenschaftlichen Reden und messerscharfer Rhetorik treibt sie das EU-Establishment, allen voran Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, vor sich her. Steger wird von den Anhängern als “Stimme Österreichs in der EU” gefeiert, eine Powerfrau, die keine Kompromisse macht und bereit ist, die festgefahrenen Strukturen in Brüssel aufzubrechen. Herbert Kickl weiß genau, was er an ihr hat – sie ist der ideale außenpolitische Flankenschutz für seinen innenpolitischen Siegeszug.

Man erinnert sich in Österreich noch gut daran, wie die ÖVP einst Verhandlungen mit der FPÖ abbrach – mutmaßlich unter massivem Druck der Europäischen Volkspartei (EVP) aus Brüssel. Einen solchen Fehler, sich von der EU bevormunden zu lassen, wird die FPÖ nicht begehen, und sie braucht es auch nicht mehr. Wenn die Umfragen sich bei den nächsten Wahlen bestätigen und die FPÖ womöglich auf über 40 Prozent klettert, erübrigt sich jede Koalitionsfrage. Herbert Kickl wäre in der Position, allein zu regieren und Österreich nach seinen Vorstellungen radikal umzubauen.

 

Was wir in Österreich beobachten, ist mehr als nur eine Momentaufnahme. Es ist der sichtbare Beweis dafür, dass die Wähler nicht länger bereit sind, politische Stagnation und den Verlust von Wohlstand hinzunehmen. Die Menschen suchen nach echten Alternativen und strafen diejenigen ab, die den Bezug zur Realität verloren haben. Österreich macht vor, was passieren kann, wenn die etablierte Politik die Sorgen der Bürger zu lange ignoriert: Das System bricht zusammen, und völlig neue Kräfte übernehmen das Ruder. Für Deutschland und den Rest Europas sollte dies ein unüberhörbarer Weckruf sein. Der blaue Tsunami rollt, und niemand scheint ihn noch aufhalten zu können.