„Haribo macht Kinder froh – und Erwachsene ebenso.“ Dieser Slogan begleitete Generationen von Deutschen durch ihre Kindheit und steht wie kaum ein anderer für den Erfolg des deutschen Mittelstands. Doch die süße Fassade bekommt tiefe Risse. Was sich derzeit hinter den Kulissen der Hans Riegel Bonn GmbH abspielt, ist kein Einzelfall, sondern ein alarmierendes Symptom für den schleichenden Verfall des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Während in der sächsischen Provinz die Maschinen stillstehen, entstehen in Übersee hochmoderne Industriekomplexe mit Milliardeninvestitionen.

Das Ende einer Ära in Sachsen

Es war ein Paukenschlag, als die Nachricht die Runde machte: Haribo schließt sein Werk im sächsischen Wilkau-Haßlau. Rund 150 Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz in einer Region, die ohnehin mit dem Strukturwandel zu kämpfen hat. Die Begründung des Unternehmens war so schlicht wie erschütternd: Die Rahmenbedingungen am Standort seien nicht mehr wettbewerbsfähig. Dass ein über 100 Jahre altes Familienunternehmen, eine wahre Ikone der deutschen Wirtschaftsgeschichte, sich gezwungen sieht, eine funktionierende Produktion einzustellen, sollte in Berlin sämtliche Alarmglocken schrillen lassen.

Doch während in Deutschland abgebaut wird, schaltet Haribo auf globaler Ebene in den Angriffsmodus. Im Juli 2023 feierte das Unternehmen die Eröffnung seines ersten eigenen Werks in Nordamerika. Im Bundesstaat Wisconsin investierte der Süßwarengigant sage und schreibe 300 Millionen US-Dollar in eine hochmoderne Produktionsstätte. Es ist ein Meilenstein, der die strategische Neuausrichtung verdeutlicht: Wachstum findet dort statt, wo die Rahmenbedingungen stimmen – und das ist derzeit offensichtlich nicht mehr in Deutschland.

Warum die deutsche Industrie das Weite sucht

Die Gründe für diesen beispiellosen Exodus sind vielfältig, aber für Insider wenig überraschend. Wir erleben eine toxische Mischung aus astronomisch hohen Energiepreisen, einer erstickenden Bürokratie und einer Steuerlast, die Unternehmern jeglichen Spielraum für Innovationen raubt. Dazu kommt ein massiver Fachkräftemangel, der durch eine fatale Abwanderung befeuert wird. Hunderttausende gut ausgebildete junge Menschen verlassen jährlich das Land, um ihr Glück in den USA, in Dubai oder in steuerlich attraktiveren Regionen wie Südzypern zu suchen.

Wenn Gründer und Ingenieure feststellen, dass sie in anderen Ländern mit weniger bürokratischem Aufwand und einer niedrigeren Abgabenlast erfolgreicher sein können, dann ist das keine Entscheidung gegen die Heimat, sondern eine rein rationale ökonomische Konsequenz. Der deutsche Staat scheint vergessen zu haben, dass Wohlstand erst erarbeitet werden muss, bevor er verteilt werden kann.

BASF und der riskante Blick nach Osten

Haribo ist beileibe nicht allein. Ein noch gigantischeres Beispiel für die Fluchtbewegung der deutschen Industrie ist der Chemie-Riese BASF. Während am Stammwerk in Ludwigshafen Anlagen stillgelegt und Stellen gestrichen werden, investiert der Konzern fast 9 Milliarden Euro in einen neuen Standort in China. Trotz aller geopolitischen Risiken sieht Konzernchef Martin Brudermüller keine Alternative: Der Markt und die Produktionsbedingungen in Deutschland sind im globaler Vergleich schlichtweg zu unattraktiv geworden.

Es ist ein regelrechtes Fiasco, wenn man bedenkt, dass hier tausende hochqualifizierte Arbeitsplätze für immer verloren gehen. Diese Investitionen fehlen uns nicht nur heute in der Steuerkasse, sondern sie schwächen langfristig das gesamte Innovationsökosystem, das Deutschland einst zum „Exportweltmeister“ gemacht hat.

USA: Vom Exoten zum Marktbeherrscher

Besonders schmerzhaft ist die Erkenntnis, wie erfolgreich deutsche Marken im Ausland agieren können, wenn man sie lässt. Haribo ist in den USA mittlerweile Marktführer im Segment Fruchtgummi. Was vor Jahren noch ein Nischenprodukt war, das man mühsam über Amazon bestellen musste, ist heute in jedem amerikanischen Supermarkt präsent. Durch geschickte Marketing-Kooperationen, wie etwa mit der K-Pop-Sängerin Jennie, erreicht die Marke Millionen von Menschen weltweit.

Diese Erfolgsgeschichten zeigen: Das deutsche Know-how, die Qualität und die Produkte sind nach wie vor Weltklasse. Das Problem ist nicht das „Made in Germany“, sondern das „Produced in Germany“. Die Welt dreht sich weiter, auch ohne dass Deutschland der Nabel der Welt ist. Andere Länder nehmen das deutsche Steuergeld, das unsere Regierung großzügig weltweit verteilt, gerne an – doch im Wettbewerb um Industrieansiedlungen schenken sie uns nichts.

Ein Weckruf, der ungehört verhallt?

Die Situation ist ernst. Wenn Unternehmen wie Haribo, die tief in der deutschen Kultur verwurzelt sind, ihre Zukunft in Wisconsin oder im Mittleren Osten sehen, dann ist das ein finales Warnsignal. Wir diskutieren in Deutschland über 4-Tage-Wochen und neue Regulierungen, während der Rest der Welt die Ärmel hochkrempelt und die deutsche Industrie mit offenen Armen empfängt.

Es ist an der Zeit, dass die Politik aufhört, den Unternehmern und Leistungsträgern Steine in den Weg zu legen. Wir brauchen eine Rückbesinnung auf das, was dieses Land stark gemacht hat: Freiheit für Investitionen, bezahlbare Energie und Wertschätzung für diejenigen, die sich „den Allerwertesten aufreißen“, um Jobs zu schaffen. Wenn wir diesen Kurs nicht radikal ändern, werden die Gummibärchen nur der Anfang einer langen Liste von Produkten sein, die wir in Zukunft teuer aus dem Ausland importieren müssen, weil wir verlernt haben, ihnen in der Heimat ein Zuhause zu bieten.

Die Frage, die am Ende bleibt, ist simpel: Wie lange können wir es uns noch leisten, unsere wirtschaftliche Basis systematisch zu zerstören, bevor die soziale Sicherheit, die wir so stolz verteidigen, wie ein Kartenhaus in sich zusammenbricht?