Es gibt Namen in der deutschen Wirtschaftsgeschichte, die klingen wie in Stein gemeißelte Monumente des Erfolgs. Reinhold Würth ist zweifellos ein solcher Name. Aus einem kleinen Zweimannbetrieb in Künzelsau baute er ein globales Imperium auf, das heute Milliarden umsetzt und Zehntausende Menschen beschäftigt. Er ist der Inbegriff des schwäbischen Tüftlergeistes, ein Patriarch, ein Macher. Doch in diesen stürmischen Zeiten offenbart sich bei vielen Lenkern der deutschen Wirtschaft eine faszinierende, ja fast schon tragische Diskrepanz: Unternehmerische Brillanz geht keineswegs immer mit einem klaren, realistischen politischen Kompass einher. Die jüngsten Äußerungen von Reinhold Würth sind ein geradezu perfektes Lehrstück für dieses Phänomen – ein Lehrstück über elitäre Blasen, politische Naivität und das späte Erwachen in der harten ökonomischen Realität.

Kürzlich schlug Würth in seinem aktuellen Geschäfts- und Nachhaltigkeitsbericht Töne an, die an Deutlichkeit kaum zu überbieten sind. Die “goldenen Jahre” seien unwiderruflich vorbei, warnte der 89-jährige Milliardär. Er beschrieb eine zunehmende Deindustrialisierung des Landes, die er drastisch als “Spirale Richtung Keller” bezeichnete. Die Bundesrepublik Deutschland steuere auf das Ende ihres Seins zu und sei in großer Gefahr, in einen fatalen “Modus des Vergehens” abzurutschen. Das sind apokalyptische Worte aus dem Mund eines Mannes, dessen Unternehmen im Gegensatz zu weiten Teilen des deutschen Mittelstandes aktuell noch verhältnismäßig stabile Zahlen schreibt. Als Hauptgründe für diesen rasanten Absturz machte Würth unter anderem die unmäßigen Lohnforderungen der Gewerkschaften sowie eine generell sinkende Arbeitsmoral in Deutschland aus. Die Unternehmen würden im internationalen Vergleich durch diese Faktoren massiv ins Hintertreffen geraten.
Soweit die betriebswirtschaftliche Analyse, der viele Ökonomen vermutlich in weiten Teilen zustimmen würden. Doch genau an diesem Punkt wird es hochgradig paradox, ja geradezu grotesk. Denn wirft man einen Blick auf die politischen Sympathiebekundungen des Unternehmers in der jüngeren Vergangenheit, reibt man sich verwundert die Augen. War es nicht eben jener Reinhold Würth, der noch vor wenigen Jahren öffentlich erklärte, er würde bei Wahlen durchaus sein Kreuz bei der SPD oder den Grünen machen? War er es nicht, der offen Sympathien für den grünen Politiker Cem Özdemir hegte und sich diesen sogar als Ministerpräsidenten für Baden-Württemberg vorstellen konnte?
Hier offenbart sich eine kognitive Dissonanz, die für weite Teile der deutschen Wirtschaftselite symptomatisch geworden ist. Wie kann man sich auf der einen Seite bitterlich über den unerbittlichen Druck und die Macht der Gewerkschaften beschweren, wenn man gleichzeitig die SPD hofiert – eine Partei, die historisch, personell und ideologisch untrennbar mit genau diesen Gewerkschaften verwoben ist? Wie kann man den drohenden wirtschaftlichen Niedergang und die Deindustrialisierung beklagen, während man Parteien wie die Grünen unterstützt, deren deklariertes Ziel eine tiefgreifende, oft wirtschaftsfeindliche Transformation der Industrie hin zu einer klimaneutralen Planwirtschaft ist? Es drängt sich der Verdacht auf, dass viele Wirtschaftsgrößen in den vergangenen Jahren das politische Klima in den feinen Salons Berlins und Stuttgarts über die harten Fakten an den Werkstoren gestellt haben. Man wollte moralisch auf der “richtigen” Seite stehen, gesellschaftlich unangreifbar bleiben – und wacht nun im ökonomischen Albtraum auf, den man durch die eigene Naivität indirekt mitfinanziert hat.

Besonders greifbar wird dieser Realitätsverlust, wenn man sich an einen viel beachteten Brief erinnert, den Reinhold Würth im März 2024 an seine rund 25.000 deutschen Mitarbeiter verschickte. In diesem fünfseitigen Brandbrief rief er seine Belegschaft explizit dazu auf, bei den anstehenden Wahlen nicht für die AfD zu stimmen. Er schloss sich verbal den großen Straßenprotesten gegen Rechts an, die nach den stark umstrittenen Berichten des Netzwerks Correctiv durch das Land rollten. Um seine Mitarbeiter von der vermeintlichen Unsinnigkeit eines politischen Protests zu überzeugen, zeichnete Würth das Bild eines Landes, in dem Milch und Honig fließen. Der durchschnittliche Wähler, so argumentierte er sinngemäß, besitze doch ein eigenes Auto, könne mindestens einmal im Jahr in den Urlaub fahren, habe eine hohe Sparquote und genieße eine Gesundheitsvorsorge auf absolutem europäischem Spitzenniveau. Warum also protestieren? Warum eine fundamentale Änderung des politischen Systems fordern?
Das Argument des Milliardärs lautete zusammengefasst: Uns geht es doch noch gut, also haltet still. Doch dieses Argument ist aus der Perspektive eines normalen Arbeitnehmers nicht nur extrem herablassend, es verkennt auch das Wesen von vorausschauendem politischem Denken. Warum in aller Welt sollte der souveräne Bürger tatenlos warten, bis er sein mühsam erspartes Haus, sein geliebtes Auto und seinen Arbeitsplatz komplett verloren hat, bevor er an der Wahlurne die politische Reißleine zieht? Ein kluger Bürger wählt nicht erst dann die Opposition, wenn der Kühlschrank leer ist, sondern wenn er den ruinösen Trend erkennt. Und der Trend in Deutschland ist unbestreitbar düster: Die reale Kaufkraft ist in den vergangenen Jahren durch die Inflation massiv geschmolzen. Die hohen Sparquoten, von denen Würth träumt, sind für Millionen Familien im Niedriglohn- und Mittelstandsbereich längst eine ferne Illusion geworden.
Hinzu kommt eine brandgefährliche ideologische Strömung, die von genau den Parteien, die Würth so gerne wählte, offen diskutiert wird. Führende grüne Vordenker und Journalisten wie Ulrike Herrmann propagieren völlig ungeniert das Konzept des “Grünen Schrumpfens” (Degrowth). In dieser Vision der Zukunft ist für den privaten PKW, den Flug in den Urlaub oder den ungebremsten Konsum kein Platz mehr. Das Einfamilienhaus wird als ökologischer Frevel gebrandmarkt, die individuelle Mobilität soll radikal rationiert werden. Das ist die politische Realität des Lagers, dem Würth jahrelang den Rücken stärkte. Er verteidigt den Wohlstand seiner Mitarbeiter mit dem Status quo, verschließt aber die Augen davor, dass genau dieser Wohlstand von der aktuellen Politik systematisch ins Visier genommen wird.
Der wohl entlarvendste Moment in Würths Brief war jedoch seine Lobeshymne auf die politische Freiheit in Deutschland. Er schrieb wörtlich, man lebe in einem Land, in dem jeder ungestraft sagen könne: “Bundeskanzler Scholz ist ein Dummkopf.” Es ist fast schon tragikomisch, wie schlecht diese Aussage gealtert ist. Nur wenige Monate nach diesem Brief lieferte die harte politische Realität den bitteren Gegenbeweis. Ein bayerischer Rentner wurde im Morgengrauen von der Kriminalpolizei aus dem Schlaf gerissen und seine Wohnung wurde durchsucht. Sein “Verbrechen”? Er hatte auf einer Social-Media-Plattform ein satirisches Meme geteilt, das Wirtschaftsminister Robert Habeck im Kontext der Werbung für eine Haarpflegemarke als “Schwachkopf” titulierte.

Dieses Ereignis, das unter dem Begriff der “Schwachkopf-Affäre” bundesweit für Entsetzen sorgte, hat die politische Landschaft und das Vertrauen in den Rechtsstaat massiv erschüttert. Es demonstriert eindrucksvoll, wie rasant sich das gesellschaftliche Klima in Deutschland gewandelt hat. Von der gelassenen, freiheitlichen Demokratie, von der Reinhold Würth in seinem elitären Elfenbeinturm träumt, ist für den normalen Bürger, der es wagt, scharfe Kritik an der Regierung zu üben, nicht mehr viel übrig geblieben. Wer Regierungskritiker mit Hausdurchsuchungen einschüchtert, hat das Fundament der Meinungsfreiheit längst verlassen. Dass ein kluger Kopf wie Würth diese bedrohlichen Entwicklungen entweder nicht wahrnimmt oder bewusst ausblendet, zeugt von einer gefährlichen Isolation der deutschen Wirtschaftsbosse.
Das Fazit dieser Causa ist ebenso simpel wie schmerzhaft. Ein brillanter Unternehmer zu sein, bedeutet nicht zwangsläufig, auch ein brillanter politischer Analytiker zu sein. Wer über Jahrzehnte hinweg die Fähigkeit perfektioniert hat, Schrauben auf dem gesamten Globus zu verkaufen und Bilanzen zu optimieren, verliert womöglich irgendwann den Bezug zur rauen Realität an der Basis der Gesellschaft. Reinhold Würth hat mit seiner schonungslosen Kritik an der Deindustrialisierung und dem “Modus des Vergehens” absolut recht. Sein Weckruf ist berechtigt und wichtig. Doch er bleibt unglaubwürdig, solange er und viele seiner CEO-Kollegen nicht den intellektuellen Mut aufbringen, die wahren politischen Ursachen für dieses Desaster klar zu benennen.
Es reicht nicht aus, pauschal über faule Arbeitnehmer oder gierige Gewerkschaften zu schimpfen, während man jenen Parteien, die den Wirtschaftsstandort Deutschland mit absurden Energiepreisen, einem überbordenden Bürokratie-Monster und einer ideologiegetriebenen Regulierungswut in den Abgrund treiben, weiterhin den roten Teppich ausrollt. Die deutsche Wirtschaft steht am Scheideweg. Entweder die Eliten beenden ihre politische Doppelmoral und stellen sich schützend vor den Wohlstand und die Freiheit dieses Landes, oder sie werden gemeinsam mit ihren Unternehmen in genau jener “Spirale Richtung Keller” verschwinden, die sie heute so wortreich beklagen. Die Zeit für politische Romantik ist abgelaufen.
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