Es ist ein altbekanntes Spiel in der politischen Arena, das sich immer dann besonders lautstark abspielt, wenn die Nervosität in den Fluren der etablierten Machtzentren steigt: Wenn die gewohnten Strategien nicht mehr greifen, wenn Schreckgespenster an Wirkung verlieren und die Wähler anfangen, sich in Scharen neuen Alternativen zuzuwenden, muss dringend eine neue Erzählung her. Ein neues Narrativ, das den unzufriedenen Bürger abholen, beruhigen und letztendlich wieder in den vertrauten Schoß der alten Parteienlandschaft zurückführen soll. Genau dieses durchsichtige Schauspiel können wir derzeit mit einer fast schon beispiellosen medialen Begleitmusik beobachten. Im Zentrum dieses politischen Ablenkungsmanövers steht ein Mann, der sich wie kaum ein anderer auf die Inszenierung des volksnahen Rebellen versteht: Wolfgang Kubicki und mit ihm die FDP.

Die Ausgangslage für dieses Theaterstück könnte dramatischer kaum sein. Die klassischen Taktiken der Ausgrenzung stoßen spürbar an ihre Grenzen. Umfragen deuten darauf hin, dass die Strategie, die größte Oppositionspartei im Land, die AfD, durch Verbotsdebatten oder Skandalisierungen klein zu halten, immer weniger verfängt. Im Gegenteil: Selbst in westdeutschen Bundesländern klettern die Zustimmungswerte auf neue Rekordhöhen. In Nordrhein-Westfalen, einst die unangefochtene und stolze Herzkammer der SPD-Arbeiterschaft, ist die Sozialdemokratie jüngsten Umfragen zufolge auf bedenkliche Werte abgerutscht, während die Unzufriedenheit mit der regierenden CDU unter Hendrik Wüst massiv wächst. Wenn die etablierten Kräfte spüren, dass ihnen die Felle davonschwimmen, greifen sie in die Trickkiste der strategischen PR.

Und hier betritt die FDP die Bühne. Plötzlich füllen Berichte über Wolfgang Kubicki die Titelseiten der großen Boulevardzeitungen und Online-Portale. Er wird als der mutige Kritiker der Unionsführung, als das liberale Gewissen und als vermeintlicher Gegenpol zum linken Zeitgeist aufgebaut. Es ist der klassische Aufbau einer “Scheinopposition”. Der Wähler, der von der aktuellen Politik der Ampel-Koalition und der unionsgeführten Opposition enttäuscht ist, soll das Gefühl bekommen: “Seht her, es gibt doch noch vernünftige Stimmen im etablierten Lager, wir müssen nicht direkt das System wechseln.” Es ist ein politisches Placebo, das kurzfristig beruhigen, aber an den eigentlichen Krankheitssymptomen unseres Landes nichts ändern soll.

Doch wie glaubwürdig ist diese inszenierte Rebellion tatsächlich? Ein genauerer Blick auf die Aussagen und, noch viel wichtiger, auf das reale Abstimmungsverhalten offenbart die tiefe Doppelmoral, die dieser Strategie zugrunde liegt. Nehmen wir das omnipräsente Thema der sogenannten “Brandmauer”. In einem jüngsten Interview versuchte Kubicki, sich als völlig unvoreingenommener Sachpolitiker zu präsentieren. Er betonte vollmundig, er kenne keine Brandmauer, er halte diesen Begriff gar für verfassungswidrig und er würde seine Anwesenheit auf Veranstaltungen nicht davon abhängig machen, ob Vertreter der AfD anwesend seien. Das klingt im ersten Moment nach einer Rückkehr zur echten, demokratischen Streitkultur, bei der es um den besten Weg für das Land geht, unabhängig davon, wer den Vorschlag einbringt.

Doch die Fassade bröckelt bereits im nächsten Atemzug. Auf die präzise und beharrliche Nachfrage des Interviewers musste Kubicki dann doch Farbe bekennen. Würde er mit der AfD koalieren? Nein. Würde er sich von ihr dulden lassen? Nein. Würde er einem inhaltlichen Antrag der AfD zustimmen, selbst wenn er ihn für richtig hielte? Die klare Antwort: Nein. Das ist der ultimative rhetorische Spagat: Man behauptet lautstark, die Brandmauer nicht zu kennen, nur um im selben Moment jedem Wähler zu garantieren, dass man sie in der parlamentarischen Praxis mit Ziegeln und Mörtel eifrig weiter hochzieht. Es ist der Beweis, dass hinter den Kulissen längst abgemacht ist, wie das Spiel zu laufen hat.

Wolfgang Kubicki, eine Talkshow Fehlbesetzung: Wie wäre es mit „besser  nicht talken als Unsinn reden“?

Noch drastischer zeigt sich diese Diskrepanz zwischen Reden und Handeln, wenn wir die Ebene der TV-Talkshows verlassen und uns die harten Fakten in den Landtagen ansehen. Worte sind geduldig, doch Gesetze und Abstimmungen haben reale Konsequenzen. Ein besonders warnendes Beispiel für diese politische Heuchelei liefert aktuell der Landtag in Rheinland-Pfalz, sowie die jüngsten Entwicklungen in Sachsen-Anhalt. Was passiert dort gerade? Aus blanker Panik vor einem möglichen Wahlsieg der Opposition beginnen die etablierten Parteien, die parlamentarischen Spielregeln hastig zu ihren eigenen Gunsten zu verändern.

In sogenannten “Parlamentsreformen” werden Quoren angepasst, Ausschussbesetzungen neu geregelt und Hürden eingebaut. Das alles dient nur einem einzigen Zweck: Man will sicherstellen, dass man die absolute Kontrolle behält, selbst wenn der Wählerwille bei den kommenden Wahlen deutlich in eine andere Richtung ausschlagen sollte. Es ist der Versuch, sich institutionell abzusichern und die Machtbefugnisse einer zukünftigen, starken Opposition schon im Vorfeld massiv zu beschneiden. Wenn Parteien die Regeln der Demokratie immer genau dann ändern, wenn sie fürchten, bei den Wahlen abzustrafen, zeigt das ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber dem Souverän, dem Wähler.

Und wo steht die FDP bei diesen gravierenden Eingriffen in die parlamentarische Fairness? Die Partei, die sich Freiheit und Rechtsstaatlichkeit so prominent auf die Fahnen schreibt? Sie stimmt mit ab. Sie macht sich, wenn es darauf ankommt, in den Parlamenten mit dem Block der anderen Parteien gemein. Das vollmundige “Geschnatter” in den Talkshows verstummt genau in jener Sekunde, in der im Parlament die Knöpfe gedrückt werden. Die Brandmauer, die man vor den Kameras angeblich nicht kennt, funktioniert in der Abstimmungsrealität wie ein perfekt geöltes Uhrwerk.

Diese Entwicklungen müssen uns allen als Demokraten zu denken geben. Wenn eine Regierung und eine angebliche bürgerliche Opposition sich nur noch dadurch an der Macht halten können, indem sie die Regeln während des laufenden Spiels ändern und gezielt Scheinalternativen aufbauen, dann ist das System in einer tiefen Krise. Der mündige Wähler darf sich von diesen durchsichtigen PR-Kampagnen nicht blenden lassen. Es reicht nicht aus, hin und wieder markige Sprüche gegen den Mainstream zu klopfen, wenn am Ende doch wieder alles beim Alten bleibt und die Politik des stetigen Niedergangs nahtlos fortgesetzt wird.

Ermahnung für AfD-Spitzenkandidat Siegmund im Landtag

Wir brauchen in Deutschland eine Rückkehr zu echtem inhaltlichen Wettbewerb. Gute Ideen und sinnvolle Anträge dürfen nicht pauschal abgelehnt werden, nur weil sie vom falschen politischen Absender kommen. Eine Demokratie lebt vom Diskurs, von der Reibung und davon, dass Parteien um die besten Lösungen für das Land ringen. Wenn jedoch eine “Brandmauer” wichtiger wird als das Wohl der Bürger, und wenn angebliche Oppositionsführer sich als kontrollierte Ventile des Systems entpuppen, dann verliert die Politik ihre Glaubwürdigkeit endgültig. Es ist an der Zeit, genauer hinzusehen, die Handlungen der Akteure an ihren Abstimmungen zu messen und sich nicht länger von rhetorischen Nebelkerzen täuschen zu lassen. Nur durch absolute Transparenz und einen wachen, kritischen Blick auf die tatsächliche Parlamentsarbeit lässt sich die politische Realität von der medienwirksamen Inszenierung unterscheiden.