Niemand wusste, dass sie früher Kampfpilotin war – bis sie den Airbus rettete T
Niemand wusste, dass sie früher Kampfpilotin war – bis sie den Airbus rettete
An einem klaren Wintertag im Dezember flog der Linienflug Nordir 721 von Hamburg nach Saumigel, einer abgelegenen Insel im Atlantik. Die Maschine, ein zweistriger Airbus A320, befand sich auf Reiseflughöhe knapp 11000 m über dem Meer. In der Kabine herrschte die vertraute Mischung aus gedämpftem Stimmengewirr, leisen Klängen aus Kopfhörern und dem Klappern von Geschirrwagen.
Für die 138 Passagiere war dies ein unspektakulärer Flug. Keiner ahnte, daß sich in weniger als zwei Stunden eine Extremsituation entwickeln würde, wie sie selbst erfahrene Piloten nur selten erleben. In Sitzreihe 16 am Gangplatz saß Katrin Mertens, eine unscheinbar wirkende Frau Mitte 40 eans ein dunkelgrauer Rollkragenpullover, das Haar zu einem schlichten Zopf gebunden.
Siekte wie eine Lehrerin oder vielleicht eine Buchhalterin, die aus einem Kurzurlaub zurückkehrte. Vor sich hatte sie ein Taschenbuch, doch ihre Augen folgten kaum den Zeilen. Stattdessen registrierte sie unbewusst jede kleinste Veränderung im Brummen der Triebwerke, das leichte Zittern der Kabinenwände bei Turbulenzen und den sanften Druckwechsel in den Ohren.

Es waren Reflexe, die sich über ahre eingeprägt hatten. Flexe, die man nicht einfach ablegt, denn Katrin Mertens war nicht immer eine unscheinbare Passagierin. Vor 8 ahren hatte sie als Majorin der Luftwaffe Tornado Kampfflugzeuge geflogen. Sie war im Tieflug durch Alpenpässe gegangen, hatte Nachtanflüge bei Nullsicht gemeistert und auf Natoübungen mit Präzision überzeugt.
Sie galt als Ausnahmetalent, bis zu jenem Tag, an dem eine Entscheidung im Cockpit ihre Karriere beendete. Sie galt als Ausnahmetalent bis zu jenem Tag, an dem eine Entscheidung im Cockpit ihre Karriere beendete. Bei einer Übung in Norwegen hatte sie gegen einen direkten Befehl verstoßen, um eine Kollision zu verhindern.
Zwei Kameraden lebten dank ihres Eingreifens, aber sie hatte den Befehl eines ranghohen Offiziers missachtet. Das kostete sie nicht nur das Kommando, sondern auch den Rang und die Uniform. Seitdem lebte Katrin zurückgezogen in Bremen, arbeitete als technische Redakteurin für ein mittelständisches Luftfahrtunternehmen.
Der neue Alltag war unspektakulär, aber sicher. Sie hatte gelernt, nicht aufzufallen, bis zu diesem Flug. Kurz nachdem die Flugbegleiterin eine Durchsage machte, die wie eine routinemäßige Höhenanpassung klang, fiel Katrin etwas auf. Die Stimme war zu kontrolliert, beinahe angespannt. Sie beobachtete, wie die Porserin Sabine Altoff zwischen den Reihen ging.
Das Lächeln mechanisch, die Schritte schneller als nötig. Vorne am Cockpit stand der jüngere Stuart Levin Berger, der immer wieder nervös zur Tür blickte. Für die meisten Passagiere wirkte das unbedeutend. Für Katrin war es ein Alarmsignal. Sie legte ihr Buch beiseite, schob die Hände in die Taschen und lauschte den subtilen Geräuschen des Flugzeugs.
Kein unregelmäßiger Motorlauf, keine abrupten Höhenänderungen, aber die Körpersprache der Crew verriet. Etwas stimmte nicht, und als sie in Reihe einen Mann entdeckte, der zu unauffällig wirkte, um wirklich unauffällig zu sein, gerader Rücken, wachsamer Blick, kein überflüssiger Handgriff, wusste sie, das ist ein Flugsicherheitsbegleiter.
In Deutschland arbeiten solche Beamten verdeckt dem Auftrag der Bundespolizei. Dass er jetzt die Kabine aufmerksam scannte, bestätigte Katrines Verdacht. Die Lage vorne im Cockpit war ernst. Katrin zwang sich ruhig zu atmen. 8 ahre ohne Flugdienst hatten ihre Instinkte nicht getötet. Im Gegenteil, sie waren nur in den Hintergrund gedrängt worden.
Nun waren sie wieder da, scharf wie damals im Cockpit. Sie verfolgte jede Bewegung der Crew, als würde sie ein Manöver auf einem Radarschirm beobachten. Nach wenigen Minuten ertönte dreimal kurz hintereinander der Rufgong aus dem vorderen Kabinenbereich. Ein Signal, das unter Besatzungen selten und nur in Ausnahmesituationen verwendet wird.
Die Pursin Sabine Altoff beschleunigte ihre Schritte, verschwand hinter dem Vorhang zur Businessclass und war für die Passagiere nicht mehr sichtbar. Katrin lehnte sich leicht in den Gang, um einen besseren Blick zu bekommen. Der Sicherheitsbegleiter, der Mann aus Reihe 12, war nun halb aufgestanden, stützte sich auf den Sitz vor sich und versuchte unauffällig, den Eingangsbereich des Cockpits zu überblicken.
Sein Blick traf kurz den. Für einen Sekunden Bruchteil erkannte sie in seinen Augen etwas, dass sie aus militärischen Lagen kannte. Er hatte sie erkannt, nicht als Person, sondern an der Haltung der Art, wie sie alles analysierte. Wenige Augenblicke später kam Sabine zurück mit einem Arzt im Schlepptau.
Ein grauhauhaariger Mann Mitte 50, der eben noch in einem Fachmagazin geblättert hatte. Beide verschwanden wieder nach vorne. Das war kein Routinefall in der Kabine, das war medizinische Hilfe im Cockpit. Katherrine wußte, was das bedeutete. Wenn einer der Piloten akut erkrankte, konnte der andere die Maschine allein fliegen.
Aber wenn beide betroffen waren, das Flugzeug hielt weiter den Kurs, aber der Autopilot würde keine Landung allein durchführen können, schon gar nicht, wenn sich Wetter, Luftraum oder Technik änderten. Sie musste wissen, wie schlimm es war. Als Sabine erneut in den Gang trat, nutzte Katrin den Moment. Sie stand auf, ging ein paar Schritte nach vorne und sagte leise, ohne den übrigen Passagieren Anlass zur Beunruhigung zu geben.
Ich habe den Eindruck, sie haben ein Problem im Cockpit. Ich habe Luftfahrterfahrung. Wenn Sie Hilfe brauchen, sollten wir jetzt sprechen. Die Porserin zog eine Augenbraue hoch, zunächst abweisend. Vielen Dank. Aber bitte nehmen Sie wieder Platz. Die Situation ist unter Kontrolle. Mit Respekt, Frau Altoff”, entgegnete Katherrine leise.
“Wenn beide Piloten medizinische Hilfe benötigen, haben Sie noch 20 Minuten, bis Sie jemanden am Steuer brauchen. Ich bin ehemalige Luftwaffenpilotin, 3000 Flugstunden davon viele unter Einsatzbedingungen.” Sabine musterte sie, prüfend, ob sie es ernst meinte oder nur Aufmerksamkeit suchte. Noch bevor sie antworten konnte, öffnete sich der Cockpitvorhang.
Der Arzt trat heraus ernst und knapp. Beide Piloten bewusstlos, stabile Vitalwerte, aber keinerlei Reaktion. Für einen Moment war es still. Dann sah Sabine Katrin direkt an und diesmal war in ihrem Blick weniger Skepsis als Entschlossenheit. Kommen Sie mit. Der Gang durch den schmalen Bereich zwischen Bordküche und Cockpittür fühlte sich für Katrin wie ein Schritt zurück in ein Leben an, das sie eigentlich hinter sich gelassen hatte.
Die Tür stand einen Spalt offen. Dahinter roch es nach der typischen Mischung aus Elektronik, Klimaanlagen, Luft und Metall. Für sie so vertraut wie anderen der Geruch ihres Elternhauses. Im linken Sitz lehnte der Kapitän schlaff nach vorn, der Kopf leicht zur Seite gefallen. Das Mikrofon des Headsets berührte seine Schulter.
Rechts saß die erste Offizierin, ebenfalls bewusstlos, nur der Schultergurt hielt sie in Position. Auf den Displays blinkten vereinzelte Warnsymbole. Nicht dramatisch, aber sie verrieten, dass die Systeme keine Eingaben mehr erhielten. Der Sicherheitsbegleiter trat hinter Katrin ein und stellte sich als Bundespolizei Hauptkommissar Markus Häuser vor.
Er hielt den Blick fest auf ihr Gesicht gerichtet. Frau Dor Mertens, ehemalige Majorin der Luftwaffe, sie behaupten, sie können diesen Airbus sicher landen. Ich weiß, wie man Flugzeuge dieser Klasse fliegt, nicht exakt diesen Typ, aber die Prinzipien sind gleich. Was ich brauche, sind ihre Entscheidungen.
etzt Häuser warf einen kurzen Blick zum Arzt, der noch einmal die Vitalwerte prüfte. Dann nickte er. Gut, aber bis Sie beweisen, daß sie das wirklich können, fasse ich keinen Schalter an. Katrin setzte sich auf den linken Sitz. Das Gefühl des Steuerhorns in den Händen löste eine Welle aus Erinnerungen aus. Nachtflüge auf Natostützpunkte, Ausweichmanöver bei Seitenwind, das unbewusste Zusammenspiel aus Blick, Handbewegung und Muskelspannung.
Sie begann den aktuellen Flugzustand zu scannen. Höhe, stabil, Kurs in Richtung Westen, Geschwindigkeit im Soll. Der Autopilot arbeitete noch, aber die Anflugphase würde menschliche Eingriffe erfordern. Wir sind etwa Minuten von der Küste entfernt”, sagte sie, während ihre Augen zwischen Höhenmesser, Kursanzeige und Triebwerksparametern wanderten.
Wir brauchen einen Ausweichflughafen mit möglichst gerade Anfluglinie und langen Bahnen. Keine riskanten Kurven. Sabine meldete sich über die Bordsprechanlage. Der Flughafen Rostocklage könne als Notlandeplatz dienen. Das Wetter dort sei stabil, Rettungsdienste stünden bereit. Katrine nickte, während sie die Kursdaten überprüfte.
“Frau Mertens”, fragte Häuser, “Was brauchen Sie von uns?” “Ruhe im Cockpit, einen, der den Funk mit der Flugsicherung übernimmt und jemanden, der mir Checklisten vorliest. Ich kümmere mich um die Maschine, sie um den Rest.” Im Hintergrund knisterte bereits der Funk. Die Stimme eines Lotzen aus Brayen Control meldete sich ruhig, aber konzentriert.
North Air 17 Pilotensituation. Katrin drückte die Sprechtaste. Bremen Control hier North Air 792. Beide Cockpitbesatzungen medizinisch ausgefallen. Ich bin qualifizierte ehemalige Militärpilotin. Übernehme den Flug. Beantrage vorrangige Landung in Rostock Lage. Nach einer kurzen Pause kam die Antwort knapp und professionell.
North Air 72 Brayon Control. Verstanden. Sie haben Priorität. Wir leiten Sie direkt auf Anflugkurs. Bestätigen Sie Treibstoff und technische Lage. Treibstoff ausreichend, Systeme stabil, Autopilot aktiv. Sie löste die Sprechtaste und wandte sich an Häuser. Ab jetzt gibt es keine halben Maßnahmen mehr.
Wir fliegen das zu Ende. Die Minuten nach der Übernahme verliefen wie in einem dichten Nebel aus Anweisungen, Bestätigungen und dem gleichmäßigen Brummen der Triebwerke. Katrin hatte den Autopiloten so eingestellt, dass er die neue Route zum Flughafen Rostock Lage folgte. Doch sie wusste, der entscheidende Teil lag noch vor ihr.
Der Sinkflug und die Landung würden alles abverlangen. Brayen Control übertrug sie inzwischen an die Anflugkontrolle Rostock. Die Stimme des Lotzen klang ruhig, doch jeder Satz war präzise getaktet. Nordir 721. Sinken Sie auf Flugfläche 220, Kurs 085. Wetter: leichter Ostwind, Sicht 10 km, Bahn 27 aktiv. Katherine bestätigte, leitete den Sinkflug ein und spürte, wie die Maschine auf ihre Eingaben reagierte.
Es war kein Tornado Kampfflugzeug, aber das Verhalten im Gleitflug kam ihr vertraut vor. Sie passte die Schubhebel minimal an, überwachte die Geschwindigkeit und kontrollierte gleichzeitig die Anzeigen für Hydraulik und Treibstoff. Frau Mertens, Sie haben etwas am rechten Triebwerk, meldete Markus Häuser, der die Anzeigen auf dem mittleren Bildschirm beobachtete.
Eine gelbe Warnleuchte blinkte im Takt. nicht kritisch, aber ein Hinweis, dass sich die Leistungswerte veränderten. Druckverlust in einer der Turbinenstufen, murmelte Katrine. Solange es nicht rot wird, können wir arbeiten, aber wir müssen darauf vorbereitet sein, dass das Triebwerk ausfällt.
Sabine kam ins Cockpit, um Bericht zu erstatten. Die Passagiere seien informiert, man habe von einer medizinischen Situation im Cockpit gesprochen, ohne Panik auszulösen. Einige säßen angespannt, andere klammerten sich an ihre Sitze, doch die meisten schauten nach vorn, als könnten sie den Ausgang ahnen. Katrine nickte nur.
Ihre Konzentration lag jetzt auf dem Flugprofil. In ihrem Kopf lief bereits das Szenario eines Einmotorenanflugs ab. Eine Prozedur, die sie aus dem Militärkan kannte, aber nie auf einem Verkehrsflugzeug durchgeführt hatte. Wir holen Unterstützung, entschied Häuser. Über die Bordsprechanlage ließ er nach Passagieren mit Flugerfahrung fragen.
Wenige Minuten später standen zwei Personen in der Cockpittür, ein pensionierter Airbuskapitän namens Ulrich Wegner Ende 60 und eine Fluglehrerin für Kleinflugzeuge Sonja Krämer Mitte 30. Katrin begrüßte sie knapp. Ich fliege, Herr Wegner. Übernehmen Sie den Funk und beobachten Sie die Triebwerksanzeigen. Frau Kräer, lesen Sie mir die Landekonfigurationen vor, wenn wir im Endanflug sind.
Wegner musterte sie skeptisch, doch schon nach wenigen Blicken auf ihre Hände am Steuer und ihre präzisen Einstellungen änderte sich sein Gesichtsausdruck. “Sie haben es im Griff”, murmelte er, setzte sich an den Funk und nahm Kontakt zur Anflugkontrolle auf. Der Sinkflug brachte die Küstenlinie in Sicht. Graugrüne Landflächen, das glitzernde Band der Ostsee und in der Ferne die hellen Streifen der Start und Landebahn.
Es wirkte beruhigend, bis auf dem Display plötzlich ein rotes Symbol aufleuchtete. “Rechtes Triebwerk ausgefallen”, rief Wegner. Leistung 0%. Katrin spürte, wie die Maschine sofort anders reagierte. Träger mit einer leichten Tendenz nach rechts. Sie korrigierte mit dem Seitenruder, schob das linke Triebwerk sanft auf höhere Leistung.
Wir machen das auf einer Maschine. Alle wissen, was das heißt. Häuser sah sie fragend an. Weniger Spielraum. Nein, entgegnete sie knapp. Gar kein Spielraum. Die Meldung vom ausgefallenen rechten Triebwerk halte in Katrines Kopf nach, während sie mit präzisen Bewegungen das Seitenruder drückte, um den Schubverlust auszugleichen. Die Maschine reagierte schwerfälliger.
ede Kurskorrektur musste nun bedacht und fein dosiert sein. Die linke Turbine brummte mit spürbar höhörer Last und das Vibrieren im Cockpit war ein ständiger Hinweis darauf, dass jetzt kein einziger Fehler verziehen würde. Nord Air 723 Rostock Tower ertönte die Stimme des Lotzen im Funk.
Sie haben weiterhin Priorität. Wind aus 080° mit 12 Knoten, Seitenwindkomponente moderat. Sie sind für den Direktanflug auf Bahn 27 freigegeben. Notdienste sind in Position. Verstanden. Tower”, antwortete Wegner ruhig, während er einen Blick zu Katrin warf. Seitenwind bei einmotorenbetrieb, das wird sportlich. “Ich habe schon schlechteres gelandet”, erwiderte sie knapp, ohne die Augen vom Instrumentenbrett zu nehmen.
Sonja Kramer hielt die Notfallcheckliste für ein Motorenlandung in den Händen und las Punkt für Punkt vor. Zielgeschwindigkeit Knoten, Fahrwerk bei drei Meilen ausfahren, Landeklappen auf 30°. Bestätigt, sagte Katrine, während sie den Kurs exakt auf den verlängerten Mittelstreifen der Bahn ausrichtete. Unter ihnen breitete sich die mecklenburgische Landschaft aus.
Felder, Wälder, verstreute Dörfer. Am Horizont schimmerte die Ostsee und direkt davor lag die schmale Asphaltbahn, flankiert von blinkenden Einsatzfahrzeugen. “Noch sechs Meilen bis zur Schwelle”, meldete Wegner. Geschwindigkeit stabil bei 145 Knoten. “Fahk ausfahren”, ordnete Katrin an. Ein tiefes Brummen und Rumpeln ging durch die Struktur des Flugzeugs, als die hydraulischen Mechanismen die drei Räder aus ihren Verkleidungen lösten.
Die Kontrollampen sprangen auf grün, verriegelte Position. Der Seitenwind zerrte nun spürbar an der Maschine. Katrin stellte die Nase leicht in den Wind, um die Abdrift auszugleichen. Der Airbus flog in einem sogenannten Crab Winkel, die Nase leicht schräg zur Bahn, was im Cockpit ungewohnt für geübte Piloten jedoch notwendig ist.
“Drei Meilen klappen auf 30°”, rief Sonja. Das Geräusch der sich senkenden Klappen mischte sich mit dem gleichmäßigen Dröhnen der verbliebenen Turbine. Die Strömung bremste das Flugzeug merklich ab. Katrin korrigierte sofort mit etwas mehr Schub. Noch zwei Meilen, Höhe 500 Fuß, meldete Wegner. Alles stabil, aber wir sind am Limit mit der Leistung, fügte er hinzu.
Katrin spürte, wie ihr Herzschlag schneller wurde. Nicht vor Angst, sondern vor maximaler Konzentration. In dieser Phase durfte kein Gedanke an ihr altes Leben, an das Disziplinarverfahren oder an mögliche Konsequenzen nach der Landung eindringen. Es gab nur den nächsten Sekundenbruchteil, nur den Anflugwinkel, die Geschwindigkeit, den Kurs.
Eine Meile, sagte Wagner. Wind unverändert, leicht böig. Die Bahn füllte jetzt das Sichtfeld. Katherine wußte, der Moment der Wahrheit kam in weniger als einer Minute. Sonja halte die Geschwindigkeit im Auge. Weckner, melde mir jede Abweichung im Schub. beide bestätigten, noch zweihundert Meter bis zum Aufsetzen.
Der letzte Punkt, an dem ein Durchstartmanöver denkbar wäre, doch mit nur einem funktionierenden Triebwerk und begrenztem Treibstoff, war klar, dies musste der einzige Versuch sein. Wir setzen jetzt, sagte Katrine leise, fast mehr zu sich selbst als zu den anderen. Der Endanflug war jetzt einziger fokussierter Tunnel. Katherin spürte jede Böhe, jede kleinste Veränderung im Druck auf dem Steuerhorn.
Die Nase des Airbus zeigte noch immer leicht in den Wind, der Crapwinkel, doch im entscheidenden Moment musste sie den Rumpf exakt in Bahnrichtung bringen. “Höhe 50 Fuß, Geschwindigkeit 14 Knoten”, meldete Sonja mit fester Stimme. “Windböhe von rechts!” rief Wegner. Katrine trat sanft, aber bestimmt aufs Seitenruder, korrigierte den Winkel, während sie gleichzeitig den linken Steuerknüppel minimal zurückzog.
Das Flugzeug sank in einem kontrollierten Bogen. Die Bahnoberfläche kam rasant näher. 20 Fuß, sagte Sonja. Katrin zog weiter, reduzierte den Schub auf Leerlauf. Das Fahrwerk setzte mit einem dumpfen Grollen auf. Erst das Hauptfahrwerk, dann die Nase. Kein Abprallen, kein seitliches Ausscheren. Reverser links aktivieren. Befahl sie.
Weckner zog den Hebel für die Schubkehr des verbliebenen Triebwerks. Ein tiefes Heulen erfüllte das Cockpit, während die Maschine spürbar langsamer wurde. 80 Knoten, 60 40 las Sonja ab. Der Seitenwind zerrte noch immer, doch Katrin hielt die Maschine streng auf der Mittellinie, korrigierte jede Abweichung sofort.
Als die Geschwindigkeit unter 30 Knoten fiel, nahm sie die Schubkehr zurück, leitete sanft das Ausrollen ein und lenkte die Maschine über eine Rollwegusfahrt, wo bereits Löschfahrzeuge und Sanitätswagen warteten. Nord Air 721 ist sicher einmotorik, bah funkte Wegner an den Tower. Die Antwort kam prompt. Willkommen in Rostock. Gute Arbeit. Katrin atmete das erste Mal tief durch, seit sie das Steuer übernommen hatte.
Doch bevor sich Erleichterung einstellen konnte, war der Towerkontakt schon wieder im Hintergrund, während draußen das Blaulicht flackerte. Markus Häuser legte ihr eine Hand auf die Schulter. Sie haben Menschen lebend hierher gebracht. Ich glaube, das hat Vorrang vor allen Papieren, die irgendwann einmal gegen sie ausgestellt wurden.
Im Kabinenbereich brandete Applaus auf. zögerlich zuerst, dann kräftiger. Die Passagiere hatten durch die Fenster gesehen, wie dicht die Einsatzfahrzeuge neben ihnen hergerollt waren. Sie wussten, was das bedeutete. Doch Katrin ließ sich nicht mitreißen. Sie wusste, was jetzt kam. medizinische Untersuchungen für beide Piloten, Fragen der Bundespolizei, womöglich Ermittlungen zu einer vorsätzlichen Vergiftung und auch Fragen an sie, wer sie sei, warum sie in einem Linienflugzeug am Steuer gesessen hatte, ohne dafür offiziell zugelassen zu sein.

Alle raus, aber geordnet, ordnete Sabine Altoff an, als die Tür geöffnet wurde und die Gangway herangefahren war. Draußen wartete die Kälte der Ostsee, der Geruch von Kerosin und Metall und eine Verlangs aus Uniformen, Kameras und Fragen. Katrin blieb einen Moment sitzen, ihre Hände noch auf den Knien, bevor sie sich erhob.
Sie hatte die Maschine sicher zu Boden gebracht. Das war das einzige, was heute zählte. Der scharfe Wind bließ über das Rollfeld, als Katrin die Stufen der Gangway hinabstieg. Die kühle Dezemberluft traf sie wie ein Schlag ins Gesicht, ein seltsamer Kontrast zu der konzentrierten Hitze im Cockpit, die sie in den letzten Minuten umgeben hatte.
Unten warteten Sanitäter, Bundespolizisten und Feuerwehrleute. Blaulichter warfen zuckende Reflexe auf das silbergraue Rumpfblech des Airbus. Noch bevor sie den Asphalt richtig betreten hatte, kam ein Arzt auf sie zu. “Sind Sie eine der Piloten?” “Nicht offiziell”, antwortete Katrin knapp, “aber ich habe das Flugzeug gelandet.
Die Reaktionen waren unterschiedlich. Manche warfen ihr ungläubige Blicke zu. Andere musterten sie mit einer Mischung aus Respekt und Neugier. Markus Häuser stellte sich neben sie und klärte die Anwesenden auf. Ehemalige Luftwaffenpilotin, ohne sie wären wir jetzt wahrscheinlich nicht hier.
Sanitäter eilten an ihr vorbei ins Flugzeug, um den beiden bewusstlosen Piloten zu helfen. Durch die offene Tür konnte Katrin sehen, wie der Kapitän leicht den Kopf hob. benommen, aber wach. Auch die erste Offizierin zeigte erste Anzeichen von Bewusstsein. Ein uniformierter Mann mit Bundespolizei Abzeichen trat vor. Frau Mertens, Sie werden gleich zur Befragung ins Terminal gebracht.
Das ist nur Routine. Bei einer solchen Luftlage müssen wir alle Fakten sichern. Verstanden? Erwiderte sie. Im abgesperrten Terminalbereich herrschte kontrolliertes Chaos. FBI Äquivalent in Deutschland, das Bundeskriminalamt, war mit einem kleinen Team vor Ort, um mögliche Sabotage zu prüfen. Spurensicherungsteams transportierten zwei Thermoskannen in Beweisbeuteln ab, offenbar jene, aus denen die beiden Piloten getrunken hatten.
Währenddessen saßen die Passagiere in Gruppen, einige noch unter Adrenalin, andere erschöpft und still. Viele starrten zu Katrin hinüber, flüsterten oder nickten ihr zu. Die Nachricht, dass eine Passagierin das Flugzeug gelandet hatte, war längst durchgesickert. Ein BKA Ermittler führte sie in einen kleinen, hell erleuchteten Raum. Markus Häuser setzte sich daneben.
Frau Mertens, wir brauchen eine lückenlose Darstellung vom Moment, in dem Sie etwas ungewöhnliches bemerkten bis zur Landung. Katherine begann ruhig zu sprechen. Sie schilderte den Gong, das Verhalten der Crew, das Gespräch mit Sabine Altoff, den Schritt ins Cockpit, die Übernahme, den Triebwerksausfall und die Landung.
Keine Dramatik, keine Ausschmückungen, nur Fakten, sowie sie es aus unzähligen militärischen Debriefings kannte. Der Ermittler machte sich Notizen, nickte gelegentlich. Ihre Handlungen waren außergewöhnlich. Aber rechtlich betrachtet, bewegen wir uns in einer Grauzone. Dennoch. Er warf einen kurzen Blick zu Häuser. Ohne ihr eingreifen wäre dieser Flug wahrscheinlich nicht glimpflig ausgegangen. Katrin lehnte sich zurück.
Ich habe getan, was nötig war. Alles andere klären Sie. Der Ermittler lächelte schwach. Das werden wir. Am nächsten Morgen hatte sich der Vorfall bereits in den Schlagzeilen festgebissen. Passagierin landet Airbus nach Ausfall beider Piloten, stand in fetten Lettern auf den Websites großer Nachrichtenportale.
Die sozialen Medien liefen heiß. Videos von der Landung, aufgenommen durch Passagierfenster, kursierten auf allen Plattformen. In den Kommentarspalten schwankten die Reaktionen zwischen ehrfürchtigem Staunen und kritischen Fragen. Wer war diese Frau und warum saß sie nicht im Cockpit, sondern als einfache Passagierin in Reihe 16? Katrin erfuhr von der medialen Welle erst, als eine BKA Mitarbeiterin ihr in einem nüchternen Besprechungsraum im Terminal ein Tablet hinhielt.
Das ist ihnen hoffentlich bewusst. Ihre Identität wird nicht lange vertraulich bleiben. Auf dem Bildschirm sah sie ihr eigenes Gesicht. Ein unscharfer Schnappschuss, offenbar aus der Kabine während des Applauses. Darunter kursierten schon Spekulationen ehemalige Militärpilotin, entlassene Fluglehrerin, sogar angebliche Geheimdienstmitarbeiterin.
Keiner der Beiträge traf den Kern. Und jetzt? Sie. Die BKA Mitarbeiterin zuckte mit den Schultern. Offiziell ermitteln wir wegen des Verdachts einer vorsätzlichen Vergiftung der Piloten. Parallel wird ihre Rolle geprüft. Wir müssen dokumentieren, ob Ihre Übernahme des Flugzeugs unumgänglich war und ob Sie dabei korrekt gehandelt haben.
Katrin schmunzelte bitter. Unumgänglich. Wir hatten einen Motor, keinen Piloten und eine Startbahn in Sichtweite. Welche Alternative hätte es gegeben? Noch während sie sprach, öffnete sich die Tür. Sabine Altoff trat ein, gefolgt von Markus Häuser. Sabine hatte Tränen in den Augen, doch ihre Stimme war fest.
Ich möchte, dass es in ihrem Bericht steht. Frau Mertens hat nicht gezögert, hat klar entschieden und das Unmögliche möglich gemacht. Ohne sie wären wir nicht hier. Häuser nickte bestätigend. und das sage ich als Beamter, der jeden Tag mit Menschen arbeitet, die sich überschätzen. Sie war die einzige an Bord, die diese Maschine landen konnte und sie hat es getan.
Die Ermittlerin machte sich Notizen und Katrin spürte, wie sich etwas verschob. Vielleicht war dies der Moment, in dem Frage nicht mehr lautete, warum sie vor ahren ihre Uniform verloren hatte, sondern warum sie nicht längst wieder in einem Cockpit saß. Draußen im Terminal standen bereits die ersten Kamerateams bereit.
Der Pressesprecher der Bundespolizei verhandelte mit der Flughafenleitung, wie viel an die Öffentlichkeit gegeben werden durfte. Katherine wußte, daß sie nicht ewig im Hintergrund bleiben konnte, doch sie war nicht sicher, ob sie noch einmal in ein Leben zurück wollte, dass Entscheidungen im Sekundenbruchteil und ständige Verantwortung über Menschenleben bedeutete.
Fürs Erste blieb nur die Gewissheit, dass sie an diesem Tag gegen alle Erwartungen bewiesen hatte, dass Können und Haltung manchmal wichtiger sind als jedes amtliche Zertifikat. Als die formellen Befragungen beendet waren, führte man Katrin durch einen Nebenausgang des Terminals. Die großen Schiebetüren zur Ankunftshalle blieben ihr erspart.
Dort wartete ein Pulk aus Kameras, Mikrofonen und grellen Fragen. Stattdessen brachte sie ein unscheinbarer Zivilwagen der Bundespolizei hinaus auf einen seitlichen Parkplatz, wo die Wintersonne flach über den Asphalt strich. Markus Häuser begleitete sie bis zur Fahrertür. offiziell endet meine Aufgabe hier. Er zögerte.
Wollte ich ihnen sagen, dass ich selten jemanden gesehen habe, der in einer Extremlage so ruhig bleibt. Sie haben mehr getan, als irgendjemand erwarten konnte. Danke, erwiderte Katrin schlicht. Aber das war kein Heldentum, es war einfach nur notwendig. Der Motor sprang an und die Fahrt hinaus aus dem Flughafengelände begann.
Die Umrisse der Maschine, die sie vor wenigen Stunden unter einmotorenbetrieb auf den Asphalt gesetzt hatte, verschwanden im Rückspiegel kleiner und kleiner, bis sie nur noch ein grauer Punkt war. Während der Wagen über Landstraßen fuhr, glitt Katrins Blick hinaus auf die winterliche Landschaft Mecklenburgs. Kle Felder, feuchte Gräben, einsame Bauernhöfe.
Das monotone schaukelte Schaukeln der Fahrt wirkte beinahe beruhigend, doch in ihrem Inneren wirbelten Gedanken. Bilder aus dem Cockpit mischten sich mit Erinnerungen aus der Luftwaffenzeit, die gleißenden Lichter eines Nachtlandeanflugs, das Rattern der Fanghaken auf einem NATOflugfeld, das Adrenalin kurz vor einer taktischen Wende.
Sie wusste, dass dies nicht einfach nur ein Zwischenfall gewesen war. Es war ein Prüfstein, einer, den sie ohne Uniform, ohne Rang, aber mit denselben Instinkten und demselben Können gemeistert hatte wie früher. Die Frage war, ob sie diesen Weg wiedergehen wollte. Das Händerorn, das Handy in ihrer Tasche vibrierte. Eine unbekannte Nummer.
Sie hob ab und eine männliche Stimme meldete sich. Frau Mertens, hier spricht Oberstleutnand AD Köhler. Wir haben von Ihrem Einsatz gehört. Wenn Sie jemals darüber nachdenken, wieder in ein Cockpit zurückzukehren, es gibt Möglichkeiten. Katrine schwieg einen Moment, bevor sie antwortete. Vielleicht, aber nicht heute.
Sie legte auf, steckte das Telefon zurück und ließ den Blick wieder über die Felder schweifen. Der Wagen bog auf eine Landstraße, die in der Ferne von der tiefstehenden Sonne vergoldet wurde. Fürs Erste genügte es ihr zu wissen, dass Menschen dank ihres Handelns lebten. Alles andere würde die Zeit zeigen, vielleicht sogar, ob die Frau aus Reihe 16 eines Tages wieder in den Himmel zurückkehren würde.
Zwei Wochen später lag der Zwischenfall von Nordth Air 7829 offiziell in den Händen einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe aus Bundeskriminalamt, Luftfahrtbundesamt und Landeskriminalpolizei Mecklenburg Vorpommern. Katherin hatte gehofft, die Sache würde ohne weiteren Trubel an ihr vorübergehen. Doch eines Morgens fand sie einen dicken Umschlag im Briefkasten. Vorladung als Zeugin.
Im nüchternen Konferenzraum des BKA Direktionsgebäudes in Rostock saßen ihr drei Personen gegenüber. eine Kriminalhauptkommissarin, ein Luftfahrtgutachter und ein urist des Bundesverkehrsministeriums. Auf dem Tisch lagen Ausdrucke von Funkprotokollen, technische Auswertungen des Airbussystems und ein Bericht der Spurensicherung.
Frau Mertens, begann die Kommissarin, wir haben die Flüssigkeitsproben aus den Thermoskannen der beiden Piloten analysiert. Die Ergebnisse sind eindeutig. Beide enthielten Spuren eines hochwirksamen, aber schwer nachweisbaren Beruhigungsmittels. In der Dosis, die wir festgestellt haben, tritt Bewusstlosigkeit nach 20 bis 30 Minuten ein.
Genau das, was auf ihrem Flug passiert ist. Katrin lehnte sich zurück. Absicht. Davon müssen wir ausgehen. Bestätigte die Kommissarin. Aber wir wissen nicht, ob die Piloten gezielt Opfer waren oder ob jemand anderes die Maschine zum Absturz bringen wollte. Der Gutachter schob einen weiteren Bericht über den Tisch. Wir haben außerdem festgestellt, daß das rechte Triebwerk schon vor dem Ausfall der Piloten leicht instabil lief.
Vermutlich ein Wartungsfehler, aber die Kombination mit der Vergiftung ist verdächtig. Die Ermittler schwiegen kurz, dann sagte die Kommissarin: “Wir erzählen Ihnen das, weil wir glauben, daß der oder die Täter davon ausgegangen sind, dass niemand an Bord in der Lage sein würde, das Flugzeug sicher zu landen.
Das heißt, ihr Eingreifen hat möglicherweise nicht nur einen Unfall verhindert, es hat einen Anschlag vereitelt.” Katrin spürte ein Ziehen in der Magengegend. Sie hatte diesen Gedanken während des Flugs kurz gehabt, ihn aber verdrängt, um sich auf das Fliegen zu konzentrieren. Und jetzt? Fragte sie schließlich. etzt suchen wir nach Spuren am Boden, Cateringfirma, Zugangskontrollen, Wartungsteams.
Wir halten sie auf dem Laufenden. Und die Kommissarin sah sie ernst an. Wir möchten, daß Sie sich darauf einstellen, daß die Öffentlichkeit Sie als Heldin feiern wird. Das kann für Ermittlungen hinderlich sein. Überlegen Sie sich gut, welche Interviews Sie annehmen. Auf der Rückfahrt aus Rostock dachte Katrin lange nach.
Das war also noch nicht vorbei. Vielleicht würde es noch Monate dauern, bis die Wahrheit ans Licht käme. Aber eines stand fest. Die Frau aus Reiheze war für jemanden ein unvorhersehbarer Faktor gewesen und genau das hatte 13 Leben gerettet. Als sie am Stadtrand von Bremen aus dem Taxi stieg, glitt ihr Blick in den klaren Winterhimmel.
Ein einzelnes Verkehrsflugzeug zog einen Kondensstreifen über die Dächer. Für einen Moment verspürte sie diesen alten vertrauten Drang, die Hände ans Steuer, den Blick auf die Anzeigen, den Horizont im Visier. Vielleicht, dachte sie, war der Himmel doch noch nicht ganz aus ihrem Leben verschwunden.