Der Mann im weißen Kittel: Die tragische und faszinierende Geschichte von Professor Flimrich T
Der Mann im weißen Kittel: Die tragische und faszinierende Geschichte von Professor Flimrich

Es gibt Figuren im Fernsehen, die weit mehr sind als bloße Unterhalter. Sie werden zu treuen Begleitern durch die Kindheit, zu vertrauten Gesichtern, auf die man sich Woche für Woche verlassen kann. Für Generationen von Kindern in der DDR war dieser verlässliche Begleiter ein Mann mit weißem Kittel, Brille und Fliege: Professor Flimrich. Jahrzehntelang prägte er die Samstagnachmittage, stellte neue Kinderfilme vor, erklärte die Welt des Kinos und vermittelte dabei spielerisch Wissen. Doch wer war der Mensch, der hinter dieser Kultfigur steckte? Während Millionen den Namen Professor Flimrich kannten und seine Autogrammkarten wie kostbare Schätze hüteten, blieb der Mann aus Fleisch und Blut, Walter Eberhard Fuß, für die allermeisten zeitlebens unsichtbar. Seine Geschichte ist eine faszinierende Erzählung über das Ringen nach Sichtbarkeit, einen legendären Fernseherfolg und einen plötzlichen, melancholischen Abschied von der großen Bühne.
Walter Eberhard Fuß wurde im Jahr 1921 in Hamburg geboren. Seinen Weg in die Schauspielkunst begann er jedoch nicht vor den Kameras, sondern auf den traditionellen Theaterbühnen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zog es ihn nach Berlin und an das Hans-Otto-Theater in Potsdam – jene Stadt, die schicksalhaft auch den Schlusspunkt seines Lebens markieren sollte. Doch das Theaterleben bot ihm selten die großen, glanzvollen Hauptrollen, nach denen sich viele darstellende Künstler sehnen. Stattdessen begann für ihn eine jahrzehntelange Etappe als Darsteller in der zweiten Reihe. Laut Aufzeichnungen der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur wirkte Walter Fuß im Laufe seiner Karriere in über sechzig DEFA-Filmen mit. Es waren fast ausnahmslos kleinere, unauffällige Rollen, die er Film für Film, Jahr für Jahr mit Leben füllte.
Bereits im Jahr 1950 stand er für den berühmten Märchenfilm „Das kalte Herz“ vor der Kamera, einem der frühen Meilensteine des jungen ostdeutschen Kinos. Nur wenige Jahre später, zwischen 1954 und 1955, gehörte er sogar zur Besetzung der aufwendigen, zweiteiligen Ernst-Thälmann-Biografie unter der Regie von Kurt Metzig. Millionen von Zuschauern sahen diesen Film auf den großen Leinwänden der Republik, und Walter Fuß war Teil genau desselben Ensembles wie Hauptdarsteller Günther Simon. Doch während das Gesicht von Simon zu einem nationalen Sinnbild wurde, verschwand Fuß in der Masse. Sein Gesicht tauchte auf, flimmerte kurz über die Leinwand und geriet sofort wieder in Vergessenheit. Fast ein Jahrzehnt lang blieb er ein Mann im Hintergrund, gefangen in einer filmischen Unsichtbarkeit, mitten im pulsierenden Zentrum des ostdeutschen Filmwesens.
Der entscheidende Wendepunkt in seinem Leben ereignete sich im Jahr 1959. Nicht sein bürgerlicher Name sollte ihn berühmt machen, sondern eine Rolle, die zunächst als kleiner Fernsehbeitrag begann. Unter dem Titel „Carly Kurbels Flimmerkiste“ startete eine Sendung, die bald weltberühmt werden sollte und sich im Laufe der Jahre über „Wir treffen uns bei Professor Flimrich“ schließlich zum schlichten Kulttitel „Professor Flimrich“ entwickelte. Walter Fuß schlüpfte in den weißen Kittel, setzte die markante Brille auf, legte die Fliege an und erfand eine Persona, die das Fernsehgeschehen für die kommenden zwanzig Jahre prägen sollte. Sein Studio war ein fiktives Filmarchiv, vollgestellter Raum mit Filmrollen und Plakaten, in dem er Woche für Woche gemeinsam mit der Puppe Kli Kurbel die Welt des Films für junge Zuschauer öffnete. Die Sendung hatte einen doppelten Bildungsauftrag: Sie sollte Begeisterung für das Medium wecken, aber auch Werte vermitteln – wie beispielsweise im Jahr 1959, als gemeinsam zu Spenden aufgerufen wurde.
Für die heranwachsende Generation in der DDR wurde Professor Flimrich zu einem festen Fixpunkt im Wochenlauf. Immer samstagnachmittags saßen Millionen Kinder vor den Empfangsgeräten. Nach der vertrauten Titelmelodie gab der Professor einen exklusiven Ausblick auf kommende Kinderfilme, zeigte Ausschnitte, erklärte Entstehungsprozesse und stellte spannende Berufe vor. Doch er blieb kein reines Studio-Phänomen. Walter Fuß ging mit seiner Kunst auf Tournee, reiste durch das gesamte Land und veranstaltete persönliche Kindernachmittage, bei denen er den jungen Fans ganz ohne Kameras gegenübertrat. Wer damals das Glück hatte, ihn live zu erleben, erinnerte sich oft ein Leben lang daran – es fühlte sich an, als treffe man einen echten Hollywood-Star. Sogar im Spielfilm „Ach du Fröhliche“ aus dem Jahr 1962 schlüpfte er in diese Paraderolle, die längst den Rahmen einer reinen Fernsehsendung gesprengt hatte.

Mitten in dieser Phase des größten Triumphs wiederholte sich auf sonderbare Weise das Muster seiner früheren Jahre. Im Jahr 1966, auf dem absoluten Höhepunkt seiner Bekanntheit als Professor Flimrich, übernahm er eine Rolle in dem legendären DEFA-Indianerfilm „Die Söhne der großen Bären“ unter der Regie von Josef Mach und mit Gojko Mitić in der Hauptrolle. Fuß spielte den Charakter des Theo. Der Film brach Besucherrekorde und wurde zu einem der erfolgreichsten Streifen des Jahres. Doch wieder blickten die Zuschauer gebannt auf den Hauptdarsteller, während Walter Fuß als unsichtbarer Akteur in der zweiten Reihe agierte. Es war eine paradoxe Realität: Seine Kunstfigur wurde im ganzen Land auf Autogrammkarten gesammelt und getauscht, während der Mann aus Fleisch und Blut im Kinosaal völlig unerkannt blieb.
Doch so beständig das Format auch schien, in den 1970er Jahren begann ein Wandel. Die Sendung veränderte sich, neue Figuren und Moderatoren drängten in den Vordergrund, und schließlich legte Walter Fuß den weißen Kittel für immer ab. Es gab keinen großen, feierlichen Abschied im Fernsehen, keine rührende letzte Livesendung, die den Abschied zelebrierte. Gesundheitliche Gründe zwangen ihn dazu, die Arbeit abrupt zu beenden und sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Ein Leben, das jahrelang nach dem strengen Takt des Rundfunks und Fernsehens ausgerichtet war, fand ein stilles Ende. Für die Zuschauer bedeutete dies einen herben Einschnitt: Nach über zwanzig Jahren war der vertraute Samstagnachmittag plötzlich ohne sein gewohntes Gesicht. Zwar lief die Flimmerstunde unter anderen Moderatoren wie Helmut Schreiber oder Marita Gerasch bis zum Ende des DDR-Fernsehens im Jahr 1991 weiter, doch für die treuen Fans war es nie mehr dasselbe.
Nach seinem Rückzug im Jahr 1980 wurde es vollkommen still um Walter Eberhard Fuß. Er erlebte den Mauerfall im Jahr 1989 und die deutsche Wiedervereinigung im Jahr 1990 in der Stille seines Privatlebens. Am 1. April 1996 verstarb er in Potsdam, jener Stadt, in der seine schauspielerische Laufbahn einst begonnen hatte. Sein wahrer Name geriet mit den Jahren weitgehend in Vergessenheit, doch seine Verkörperung als Professor Flimrich lebt in den Herzen der Menschen weiter. Bis heute tauschen sich ehemalige DDR-Kinder in Internet-Gruppen über ihre Erinnerungen an den Mann im weißen Kittel aus. Am Ende blieb nicht der Schauspieler Walter Fuß im kollektiven Gedächtnis haften, sondern der gütige Professor, der den Zauber des Kinos in die Wohnzimmer brachte und unzählige Leben auf wundersame Weise bereicherte.