Alles wurde von Kameras aufgezeichnet: der Fall Marie-Louise Fassy T
Alles wurde von Kameras aufgezeichnet: der Fall Marie-Louise Fassy

An einem Samstagmorgen, dem 4. Juli 2015 erwachte die italienische Stadt Asti nur langsam unter den Strahlen der Sommersonne. Die 54-jährige Maria Luisa Fassi öffnete wie jeden Tag die Türen ihres Tabakladens. Um 7:30 Uhr morgens betrat ein Mensch die Schwelle des Ladens, dessen erscheinen das Leben der ruhigen Stadt für immer in ein davor und ein danach teilen sollte.
Die Stadt fiel in einen Schockzustand. Wer konnte eine so wehrlose Frau mit solch tierischer Grausamkeit umbringen? Die örtliche Polizei begann sofort nach einem wahnsinnigen oder einem besessenen Rächer zu suchen. Die Wirklichkeit sollte sich jedoch als weitaus nüchter erweisen und gerade dadurch noch erschreckender, denn hinter der Maske des Ungeheuers verbarg sich ein gewöhnlicher Mensch, Vater dreier Kinder, den eine stille, aber zerstörerische Leidenschaft in den Wahnsinn getrieben hatte.
Maria Luisa Fassi wurde in Asti in Italien in eine wohlhabende Familie hineingeboren. Ihre Eltern besaßen lange Zeit ein Restaurant, das als Musterbeispiel der piemontesischen Küche galt. Hier speisten Schauspieler und Politiker. Die Familie lebte in gesicherten Verhältnissen und für das Mädchen stellte sich die Berufswahl nicht als Problem da.
Sie plante eine Ausbildung abzuschließen und anschließend im Familienbetrieb zu arbeiten. Maria arbeitete stets viel und beharlich, um ihre Ziele zu erreichen. Diesen Alpha zeigte sie auch nach der Schule, als sie ein Studium aufnahm. Sie schloss es erfolgreich ab und wurde Chefköchin. Nun arbeitete sie gemeinsam mit ihrer Schwester und ihren Eltern im Familienrestaurant, das einen Michelarstern trug.
Mein Name ist Lukas Faltner. Sie sehen den Kanal Fokusfall. Danke, dass Sie meinen Content schauen. Ich freue mich über Ihr Abo und Like. Viel Spaß beim Zuschauen. Etwa zur gleichen Zeit lernte sie ihren zukünftigen Ehemann Walter Wignale kennen. Die Beziehung entwickelte sich aufs Beste. Bald kam die erste Tochter des Paares zur Welt, die den Namen Simona erhielt.
F Jahre später, im Jahr wurde Agniese geboren. Marias Eltern zogen sich aus dem Geschäft zurück und die Hauptfigur unserer Geschichte selbst wollte ihre Tätigkeit wechseln, da es ihr schwer fiel, zugleich zu kochen und das Restaurant zu leiten. Sie war von der ständigen Hektik erschöpft und wusste, dass sie diese Aufgabe nicht allein bewältigen konnte.
Gemeinsam mit ihrem Mann wünschte sie sich ein ruhigeres Leben, weshalb sie einen Tabakladen eröffneten, der von Anfang an gute Aussichten zeigte. Marias Töchter wuchsen in einer positiven, liebevollen Atmosphäre in Wohlstand und Zuneigung auf. Diese Eigenschaften zeichneten auch Maria selbst aus, die zudem eine entschlossene und recht selbstbewusste Frau war.
Leider sollte sich das als nicht ausreichend erweisen, um dem nächsten Schicksalschlag zu begegnen. Der Juli des Jahres 2015 war in ganz Italien von großer Hitze geprägt. In den Gemeinden wurde sogar ein besonderes ziviles Programm mit dem Namen rote Warnstufe aktiviert, das ausschließlich bei gefährlich hohen Temperaturen zum Einsatz kommt.
Das Programm galt in Städten wie Mailand, Turin, Brescher, Peruja und Bolzano. Die schwere Atmosphäre erschwerte auch das Leben der Behörden erheblich. Am V 4. Juli 2015 wurde die Stimmung vor Ort jedoch nicht allein durch das Wetter getrübt. An diesem Morgen machte sich die 54-jährige Maria wie gewohnt auf den Weg zu ihrem Tabakladen.
Sie führte ihn seit einigen Jahren gemeinsam mit ihrem Mann. Ihre Töchter Simona und Agnese waren inzwischen erwachsen, 25 und 20 Jahre alt. Die Familie genoss in der Stadt entsprechendes Ansehen und war sehr bekannt. Maria führte die Familientradition fort und widmete sich ebenfalls dem eigenen Geschäft. Jeder Morgen der Frau begann auf die gleiche Weise.
Sie las die aktuellen Zeitungen und öffnete den Laden, um die ersten Kunden zu empfangen, die auf dem Weg zur Arbeit vorbeikamen. Gewöhnlich hatte sie um 7:30 Uhr bereits mehrere Kunden. An diesem Tag herrschte im Laden Regerbetrieb. Gegen ein Viertel vor betrat ein weiterer Kunde das Geschäft. Doch anstelle der freundlichen Maria empfing ihn Stille.
Der Mann wartete zunächst einige Minuten und ging davon aus, die Frau sei im Lager beschäftigt und werde gleich herauskommen. Dennoch erschien niemand, und so rief er mehrfach nach der Inhaberin des Tabakladens. Er war Stammkunde und kannte Signora Fassi gut, weshalb er überrascht war, keine Reaktion zu erhalten.
Ein solches Verhalten war für sie untypisch. Der verwunderte Mann wollte den Laden schon verlassen, als er merkwürdige keuchende Laute hörte. Er blickte hinter die Theke und fand die Inhaberin dort am Boden liegend in einer Blutlache vor. Der Kunde alarmierte umgehend die Polizei. Als die Rettungskräfte eintrafen, lebte die Frau noch, war jedoch aufgrund des Blutverlustes bewusstlos.
Die 54-jährige Maria hatte zahlreiche Stichwunden erlitten und wurde daraufhin unverzüglich ins Krankenhaus gebracht. Dort kämpften die Ärzte zwölf Stunden lang um ihr Leben. Diesen Kampf konnte Maria jedoch nicht gewinnen. Trotz einer sofort durchgeführten Notoperation verstarb die Frau.
Die Angehörigen des Opfers waren erschüttert. Sie hatten von keinerlei Problemen in Marias Leben gewusst, weshalb ihr Tod große Fragen aufwarf. [seufzt] Als das Herz der Frau zu schlagen aufhörte, war den Ermittlern bereits klar, daß es keine Zeugen gab. Zunächst schien das Motiv der Tat offensichtlich und mit einem Raubüberfall verbunden.
Doch das Ausmaß der Grausamkeit war erschreckend. Es ging weit über das hinaus, was allein durch die Aussicht auf Geld zu erklären wäre. Daher wurde als eine der ersten Vermutungen ein Angriff mit persönlichem Motiv in Betracht bezogen. Möglicherweise hatte die verstorbene Feinde, die ihr gegenüber Abneigung, Neid oder Eifersucht empfanden.
Vielleicht wollte man sie über geschäftliche Konkurrenz aus dem Weg räumen. Als der Leichner Marias auf dem Tisch der Gerichtsmedizin lag, begannen sich diese Vermutungen zu bestätigen. Laut dem Gutachten hatte die Inhaberin des Tabakladens 44 Stichwunden erlitten. Neben zahlreichen Abwehrverletzungen wurden etwa 30 Stiche mit einer Klingenwaffe im Bereich lebenswichtiger Organe gesetzt.
Getroffen wurden Herz, Lunge und mehrfach der Magen. Schnittwunden fanden sich am Rücken, an den Armen und an den Schultern. Der Täter hatte ihr im Verlauf des Kampfes sogar ein Ohr abgetrennt. Bei der Untersuchung des Tatorts konnte die Tatwaffe nicht gefunden werden. Die Art der Verletzungen deutete jedoch auf ein sehr einfaches Messer hin.
Vermutlich ein gewöhnliches Küchenmesser. Man ging davon aus, dass der Täter es mitgebracht und in der Nähe des Ladens entsorgt hatte. Im Tabakladen selbst gab es kein Messerset. Vermutlich hatte der Täter das Messer selbst mitgebracht. Die Karabinieri durchsuchten daraufhin gründlich das umliegende Gebiet, kontrollierten sogar die städtische Müldeponie sowie sämtliche Abfallbehälter zwischen dieser und Marias Laden.
Dennoch führte dies zu keinem Ergebnis. Anschließend begannen die Ermittler Anwohner zu befragen, die möglicherweise eine Person bemerkt hatten, die nach der Tat aus dem Tabakladen geflohen war. Doch niemand hatte etwas gesehen. Die Aufmerksamkeit richtete sich auch auf Kunden, die den Laden gewöhnlich morgens besuchten. So entstand eine Liste von fünf Personen, mit denen die Ermittler sprachen.
Alle stellten sich als einfache Arbeiter heraus, die nicht einmal ein Motiv für ein solches Verbrechen hatten. Zwei von ihnen gaben zu, an jenem Morgen bei Maria Zigaretten gekauft zu haben. Beide hatten an ihrem Verhalten nichts ungewöhnliches bemerkt. Sie hatte den Laden wie immer geöffnet und wie an jedem anderen Tag gearbeitet.
Eine Schlange vor dem Laden gab es nicht. Von Anfang an kooperierten die Männer mit der Polizei. Sie gaben an, lediglich eingekauft und den Laden danach verlassen zu haben. Da keine Beweise gegen sie vorlagen, wurden sie nach der Befragung wieder entlassen. Die übrigen drei Männer von der Liste hatten den Tabakladen an jenem Morgen gar nicht aufgesucht.
Die Kriminaltechniker untersuchten jeden Quadratzentimeter des Ladens auf der Suche nach Spuren. Sofort fiel ein teilweiser Schuhabdruck auf, der sich in Blut nahe dem Ausgang abgezeichnet hatte. Leider brach die Spur draußen auf der Straße ab, weshalb der Beweis ohne das dazugehörige Schupa des Verdächtigen nutzlos war.
Es galt nun das Motiv des Angriffs zu klären. Die erste Vermutung ging davon aus, dass der Täter sein Opfer kannte. Darauf deutete die Wut hin, mit der Maria erstochen worden war. Gespräche mit den nächsten Angehörigen der Verstorbenen ließen jedoch niemanden in ihrem unmittelbaren Umfeld erkennen, der zu einer solchen Grausamkeit fähig gewesen wäre.
Das Opfer hatte mit niemandem Streit gehabt. Im Gegenteil, man beschrieb sie als überaus freundlichen, höflichen und rücksichtsvollen Menschen. Sie hatte keine Feinde. Auch im Zusammenhang mit dem Geschäft hatte niemand der Familie gedroht. Die Überprüfung der Mobiltelefone und Computer des Opfers sowie ihres Ehemannes zeigte, dass keiner von beiden eine außereheliche Beziehung hatte.
Der Ehemann und seine Frau erschienen als vorbildliche Familie, was die Ermittlungen nur noch mehr verwirrte. Möglicherweise war der Angriff von einer Person in einem nicht zurechnungsfähigen Zustand verübt worden, unter dem Einfluss verbotener Substanzen oder in einem psychotischen Zustand. Unklar blieb dabei allerdings, warum niemandem irgendwelche Auffälligkeiten im Verhalten einer bestimmten Person aufgefallen waren.
In dem Versuch, wenigstens einige Informationen zu sammeln, erhielten die Ermittler Zugriff auf die Überwachungskameras im Viertel. Insgesamt kamen etwa sechzig Stunden Aufnahmen zusammen, die gründlich gesichtet und ausgewertet werden mussten. Darüber hinaus gelang es einige Blutstropfen zu finden, die der Täter als Spur hinterlassen hatte.
Schnelltests der DNA zeigten, dass sie nicht vom Opfer stammten. Vermutlich hatte sich der Angreifer beim Zustechen auf Maria selbst verletzt. Diese Information war ebenfalls wertvoll. Doch der anschließende Abgleich mit den Datenbanken der Strafverfolgungsbehörden ergab, dass niemand mit diesem Profil dort registriert war.
Der Täter hatte also zuvor keine Straftaten begangen. Ungewöhnlich an dieser Situation war der abrupte Übergang von Gesetzestreue zu einem Gewaltverbrechen, das ganze Land erschütterte. Die Blutspur wurde sorgfältig untersucht. So ließ sich die Fluchtrichtung bestimmen, für die sich der Täter entschieden hatte. Dank dieser Arbeit konnten überflüssige Straßenkameras ausgeschlossen werden, wodurch deutlich weniger Aufnahmen durchgesehen werden mussten.
Das beschleunigte den Prozess erheblich. Eine gründliche Überprüfung des Tabakladens sorgte für noch mehr Verwirrung. Im Tresor wurden nämlich 4500 € in bar gefunden, die in den vorangegangenen Tagen erwirtschaftet worden waren. Der Schlüssel dazu lag noch auf dem Tresen, hinter dem Opfer gestanden hatte.
Wäre es dem Täter um Geld gegangen, hätte er zumindest versuchen müssen, den Tresor zu öffnen. Außerdem fand man neben der Blutlache auf dem Boden Marias Geldbörse, in der sich noch etwa 200 € befanden. Den Aufzeichnungen der Ladenbesitzerin zufolge hätten in der Kasse eigentlich rund 800 € in Bar liegen sollen. Genau dieses Geld war das einzige, was aus dem Laden fehlte.
Daraufhin neigten die Ermittler wieder zu einem persönlichen Motiv. Wie sich herausstellte, war etwa ein Jahr vor dem Angriff auf Maria auch ihr Ehemann Walter, Opfer eines Raubüberfalls geworden. Die Täter waren damals in den Laden gekommen und hatten den Mann gezwungen, ihnen 100 € zu übergeben. Er hatte keinen Widerstand geleistet und später gegenüber der Polizei zugegeben, dass er sich den Angreifern widersetzen wollte.
da dies sein Leben hätte gefährden können. Der Mann hatte den Räubern einfach das gesamte Bargeld aus der Kasse überlassen und sich anschließend an die Polizei gewandt. Trotz aller Bemühungen der Behörden gelang es nicht, die beiden Täter zu fassen. Gerade nach diesem Vorfall wurde die Zahl der Kameras im Viertel deutlich erhöht, was jedoch Marias Leben leider nicht retten konnte.
Walter war überzeugt, dass seine Frau genauso gehandelt hätte. Sie hätte keinen Widerstand geleistet, sondern im Falle einer Bedrohung durch Räuber das Geld herausgegeben. Unter keinen Umständen hätte sie Aggression gezeigt, wenn sie nicht zuerst angegriffen worden wäre. Gerade deshalb hielt der verwittwete Mann es für möglich, dass der Überfall tatsächlich einen persönlichen Hintergrund hatte.
Marias Ehemann begann nun erstmals darüber nachzudenken, daß seine Familie möglicherweise Feinde gehabt haben könnte, die bereit waren, bis zum Äußersten zu gehen. Der Umstand, dass auch die Tochter Agnes häufig zusammen mit der Familie im Laden gearbeitet hatte, versetzte den Mann in noch größere Sorge, da auch sie hätte zu Schaden kommen können.
Natürlich weckte auch Walter selbst großes Interesse bei den Ermittlern. Man prüfte die Versicherungspolen der Familie, nach denen der Witver im Todesfall seiner Frau eine Entschädigung erhalten sollte. Allerdings waren nicht nur er, sondern auch die gemeinsamen Kinder als Begünstigte eingetragen. Über die Mittel allein verfügen konnte er also nicht.
Zudem war die Summe für die finanzielle Lage der Familie unbedeutend. Der Mann arbeitete von Anfang an bereitwillig mit den Ermittlern zusammen, so dass der Verdacht gegen ihn allmählich schwand. Eigenhändig konnte Walter den Mord jedenfalls nicht begangen haben, denn er war unverletzt und wies keine Schnittwunden auf.
Zudem verfügte er über ein bestätigtes Alibi. Nach dem Gespräch mit Walter setzten die Ermittler ihrer Arbeit fort, verwarfen dabei jedoch nicht die Möglichkeit, dass er einen Auftragsmörder für seine Frau engagiert haben könnte. Angesichts der Schwierigkeiten überhaupt ein Motiv für den Überfall zu finden, übte die örtliche Bevölkerung scharfe Kritik an den Strafverfolgungsbehörden.
Die Menschen wussten nicht mehr, was sie glauben sollten und es kursierten die unterschiedlichsten Gerüchte. Viele wagten sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus. Die Ermordung einer so anständigen, angesehenen Frau wie Maria erschien als sinnlose und unerklärliche Gewalttat, weshalb man befürchtete, dass in der Stadt ein Wahnsinniger sein Unwesen trieb.
Die Lage begann außer Kontrolle zu geraten, als die Polizei ältere Aktenvermerke über Straftaten hervorholte. Am 19. Dezember 2014, 7 Monate vor der Tragödie um Maria, hatte es einen Überfall auf einen anderen Tabakladen gegeben. An jenem Tag starb der 37-jährige Emmanuele Backo. Zwischen diesen beiden Fällen bestand ein deutlicher Unterschied, unter anderem hinsichtlich der eingesetzten Waffe.
Der Mann wurde in seinem Tabakladen erschossen. Die Räuber waren in das Geschäft gestürmt, indem der Mann zu jener Zeit gemeinsam mit seiner Ehefrau arbeitete, hatten ihn jedoch zunächst nicht bemerkt, sodass die Frau zum Hauptziel wurde. Diesen Moment der Verzögerung nutzte Emmanuele und leistete Widerstand.
Er stürzte sich auf die bewaffneten Räuber und wurde dabei tödlich verletzt. All das geschah vor den Augen seiner Ehefrau sowie mehrer entsetzter Kunden. Die Ermittlungen in diesem Fall zogen sich bis 2018 hin, als fünf Männer, von denen zwei miteinander verwandt waren, unter dem Verdacht der Organisation des Überfalls und des Mordes festgenommen wurden.
Gegen sie wurde eine ganze Reihe von Anklagepunkten erhoben, darunter der Besitz und Gebrauch von Schusswaffen. 21 erging das Urteil und nach der Berufungs und Kassionsinstanz wurden alle zu 30 Jahren Haft verurteilt. Während der Ermittlungen zum Mord an Maria hegte die Polizei jedoch zunächst nur den Verdacht, dass diese beiden Verbrechen miteinander in Verbindung stehen könnten.
Zu den vielfältigen Gerüchten, die in der Stadt kursierten, gesellten sich nun auch Geschichten über eine Bande, die ein ungesundes Interesse gerade an Tabakläden und deren Besitzern zeigte. Während die Ermittler nach Gemeinsamkeiten zwischen den Verbrechen suchten, organisierte die Familie der verstorbenen Frau eine Trauerfeier.
Am 7. Juli 2015 kamen etwa 10.000 Menschen, um sich von ihr zu verabschieden und zogen mit Fackeln durch die Straßen der Stadt. Auch der Bürgermeister war bei diesem Ereignis anwesend und versuchte die Bevölkerung zu beruhigen. Das Echo war so groß, dass die Menschen an der Wirksamkeit der Polizeiarbeit und der in der Stadt aufgestellten Kameras zu zweifeln begannen.
Die verstorbene Frau wurde am 11. Juli zu Grabe getragen. Die ganze Stadt war in Trauer versunken. An den Gebäuden der Stadtverwaltung wehten die Flaggen auf Halbmast. Sogar zwei geplante Konzerte mussten abgesagt werden. Um von der Frau im Zentrum von Asti Abschied zu nehmen, versammelten sich mehrere tausend Menschen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Ermittler bereits dutzende Stunden Videomaterial gesichtet und dabei etwas Interessantes bemerkt.
Einen Renault Megan. der an jenem verhängnisvollen Morgen unweit von Marias Laden geparkt war. Der Wagen war auf den Aufnahmen der Überwachungskameras zu sehen und erregte die Aufmerksamkeit der Polizei, weil er im Vergleich zu den anderen am Straßenrandhenden Fahrzeugen entgegengesetzt ausgerichtet war.
so als hätte man ihn absichtlich mit der Fahrertür zum Gsteig hin abgestellt. Für gewöhnlich nutzen Straftäter eine solche Parkposition, um schneller flüchten zu können. Beim Wegfahren verstieß der Fahrer zudem ohne ersichtlichen Grund gleich gegen mehrere Verkehrsregeln. All das geschah nahezu genau zu dem Zeitpunkt, an dem der Mord an Maria verübt wurde.
Vermutlich hing dieses Verhalten des Fahrers mit seinem seelischen Zustand zusammen, denn er könnte in Panik geraten sein und war zudem verletzt. Zur Überraschung aller erwiesen sich die Aufnahmen der Überwachungskameras als so scharf, dass sogar das Kennzeichen des Fahrzeugs zu erkennen war. Nach Abgleich der Kennzeichen mit der Polizeidatenbank stieß man auf einen 46-jährigen Mann namens Pasqualino Folta.

Zu jener Zeit arbeitete er als Lagerarbeiter, war Vater dreier Kinder und lebte mit seiner Familie in einer Wohnung am Stadtrand von Asti. Er stammte aus einfachen Verhältnissen und war in die Fußstapfen seiner Eltern getreten. Als die Ermittler bei ihm auftauchten, wurde er merklich nervös, erklärte sich jedoch zur Zusammenarbeit bereit.
Der Mann wiederholte mehrfach, daß er einen Menschen verachte, der die Hand mit einem Messer gegen eine wehrlose Frau erheben könne. Doch die Polizisten schenkten diesen großen Worten keinen Glauben, da der Mann eine noch recht frische Wunde am Arm hatte, deren Herkunft er nicht erklären konnte. Der Verdacht gegen Pasqualino verdichtete sich zunehmend.
Die Überprüfung seines Mobiltelefons ergab, daß er sich am Morgen gegen 7:30 Uhr in der Nähe des Tabakladens aufgehalten hatte. Dem Verdächtigen wurde eine Blutprobe entnommen, die vollständig mit dem Profil der am Tatort gefundenen Spuren übereinstimmte. Aufgrund der gesammelten Beweise verhaftete die Polizei Pasquaalina am 25. Juli 2015.
Zunächst wurde der Mann zur Vernehmung auf die Wache gebracht. Es war klar, dass er kurz vor dem Zusammenbruch stand und schnell nachgeben würde. Anfangs stritt der Mann alles ab, doch es war offensichtlich, dass er stark nervös war. Sein Zustand wurde zunehmend deutlicher erkennbar. Pasqualina konnte nicht überzeugend erklären, wie sein Fahrzeug auf den Überwachungsaufnahmen zu sehen war, wenn er doch bestritt, sich am Morgen überhaupt in jener Gegend aufgehalten zu haben.
Der Verdächtige versuchte ein Alibi vorzulegen, das jedoch wenig glaubwürdig klang, zumal die Übereinstimmung seiner DNA mit den Spuren am Tatort dagegen sprach. Der Mann ließ sich mühelos in die Enge treiben, denn sein Mobiltelefon hatte in der Nähe des Tabakladens gefunkt. Mit jeder neuen Feststellung der Ermittler änderte Pasquaalina seine Geschichte.
Die Widersprüche häuften sich und der Mann wurde zunehmend nervöser. Die Ermittler mussten nur wenig Druck ausüben, damit er schließlich die Fassung verlor. Der Verdächtige brach in Tränen aus und gestand daraufhin den Mord an Maria. Nach seinen eigenen Worten war er zum Zeitpunkt des Überfalls auf den Tabakladen mittellos und verzweifelt wegen zahlreicher Schulden.
Seine Steuerschulden wuchsen stetig und sein Fahrzeug war bereits gepfendet worden. Pasqualina sah keinen anderen Ausweg, als einen Raubüberfall zu begehen, um seine finanzielle Lage auf Kosten eines anderen zu retten. Dafür nahm er lediglich eines der Messer aus seiner Küche und wählte den Tabakladen als besonders verwundbaren Ort, weil er wusste, dass dort eine ruhige, wehrlose Frau arbeitete, die keinen Widerstand leisten könnte.
Pasqualina hatte keinen sorgfältigen Plan ausgearbeitet, erschien sogar ohne Maske und Handschuhe und hinterließ dadurch zahlreiche Spuren. Er gab an, absichtlich entgegen der Fahrtrichtung geparkt zu haben, damit die Fahrertür näher am Geschäft war. Die Ermittler hatten damit richtig gelegen.
Dieses Manöver sollte eine schnellere Flucht vom Tatort ermöglichen. Damit endete jedoch bereits die Planung des Überfalls und die Umsetzung begann. Pasqualina traf gegen 7:20 Uhr am Tabakladen ein. Er hielt sich kurz am Eingang auf, da Maria in diesem Moment einem Kunden eine Packung Zigaretten verkaufte. Pascoalina betrat den Laden, um nicht aufzufallen, tat so, als würde er lediglich die Auslagen betrachten.
Sobald der Kunde gegangen war, zog der Täter sofort ein Messer und griff die Frau an. Ursprünglich wollte er ihr keine Verletzungen zufügen, sondern sie nur einschüchtern. Nach seinen Worten geriet die Situation jedoch sofort außer Kontrolle. Da Maria nicht vor Angst erstarrte, schrie sie um Hilfe und versuchte sogar den Angreifer wegzustoßen.
Pascalina geriet in Panik und bekam Angst. Doch statt zu fliehen, stag er immer wieder mit dem Messer zu. Als der Täter schließlich innehalten konnte, hatte Maria 44 Stich und Schnittwunden erlitten. Sie lag in einer Blutlache vor ihm. Trotz seines Schockzustands beschloss Pasqualina sein Vorhaben zu Ende zu bringen und näherte sich der geöffneten Kasse.
Dort fand er 800 € die er an sich nahm und noch am selben Tag ausgab. Er beglich damit einige Kreditraten und kaufte Lebensmittel für zu Hause. Trotz des Mordes verhielt sich Pasqualina äußerst kaltblütig und beherrscht. Am Tag der Tat kehrte er einfach zur Arbeit zurück und tat so, als sei nichts geschehen. Auch seine Kollegen im Lager berichteten der Polizei, dass ihnen an seinem Verhalten nichts ungewöhnliches aufgefallen sei.
Im Gegenteil, er spielte seine Rolle weiterhin geschickt. Als der Mord an Maria öffentlich bekannt wurde, sprach Pasqualina rege mit anderen darüber und äußerte sich sogar empört über den Täter. Dieser Trick funktionierte gut bei den gewöhnlichen Bewohnern der Stadt. Alle glaubten ihm und niemand vermutete, dass Pasqualina hinter dem Verbrechen stecken könnte.
Bei der Polizei jedoch erwies sich dieser Trick als wenig wirksam. Laut dem Geständnis des Festgenommenen habe er einfach die Kontrolle verloren. Doch das Verhalten des Verdächtigen deutete auf kalte Berechnung hin. Der Mann nahm sogar an Marias Beerdigung teil, hielt sich ihr jedoch nicht direkt an. Er versuchte die Tatwaffe verschwinden zu lassen, reinigte gründlich seine Schuhe und Kleidung sowie das Innere seines Fahrzeugs.
Was die Verletzung an seiner Hand betrifft, so bestätigte sich die Vermutung der Ermittler. Er hatte sich verletzt, als seine Hand bei einem der Stiche über die Klinge abgerutscht war. Zunächst befand sich das Messer, mit dem Pasqualina die Tat begangen hatte, in seinem Auto. Er hatte es vom Tatort mitgenommen.
Die Handverletzung schob er auf einen Unfall in der Garage und nahm sich von der Arbeit frei, was ihm erlaubte, Beweise verschwinden zu lassen. Als niemand in der Nähe war, warf Pasqualina das Messer aus dem Autofenster an einem Ort, den er für sicher und ausreichend vor Überwachungskameras verborgen hielt. Dank eines Hinweises von Pasqualina selbst wurde das Messer noch am selben Tag gefunden.
Spätere Labortests zeigten, dass sich an der Klinge sowohl das Blut des Täters selbst als auch das Blut des Opfers befand. Nach dem Geständnis hielt die Polizeiführung eine weitere Pressekonferenz ab. Ihr Hauptziel war es, die Öffentlichkeit zu beruhigen, weshalb zunächst erklärt wurde, dass der mutmaßliche Mörder von Maria bereits festgenommen worden sei.
Die Gerüchte über Triebtäter und Banden erwiesen sich als bloße Gerüchte. Die Verhaftung Pasqualinas löste gemischte Reaktionen aus. Alle, die den Mann im wirklichen Leben gut kannten, glaubten nicht, dass er zu einer solchen Grausamkeit fähig war. Niemand hatte je Wut oder Hass an ihm bemerkt, die zu vier Stichwunden an einer ihm nahezu unbekannten Frau hätten führen können.
Dennoch verlief auch hier nicht alles reibungslos. Pasqualina zeigte sich kooperativ. Er bestätigte sein Geständnis mehrfach, half der Polizei das Messer zu finden, sowie das Schuhpaar, das eine blutige Spur auf dem Boden des Ladens hinterlassen hatte. Er beharte weiterhin darauf, Maria wegen Geldproblemen und Verzweiflung getötet zu haben, verschwieg jedoch einen wichtigen Punkt.
Das Motiv erschien weiterhin zweifelhaft. Wenn es ihm nur um die 800 € aus der Kasse gegangen war, warum wurde dann nicht die Geldbörse gestohlen? Es gab keine Versuche, den Tresor zu öffnen. Pasqualina beharte darauf, alles für seine Frau und seine Kinder getan zu haben. Doch er verschwieg dabei einiges. Die Ehe des Paares war bei weitem nicht so harmonisch, wie der Täter es der Polizei darstellen wollte.
Seine Rolle als Ehemann und Vater lastete schon seit Jahren schwer auf ihm, sodass er über Jahre hinweg ein zermürgendes Gefühl der Enttäuschung verspürte. Der Täter arbeitete 11 Stunden täglich im Lager, während seine Ehefrau arbeitslos war und ihm ständig Vorwürfe machte, er vernachlässige die Haushaltsangelegenheiten und versage als Ernährer der Familie.
Ihre Streitigkeiten entstanden ständig aus dem Nichts. Dies geschah immer häufiger und ging mitunter mit Gewalt einher. Pasqualina gab seiner Ehefrau die Schuld an allem und behauptete, sie provoziere ihn jedes Mal. Im Jahr 2012 wurden die Sozialdienste auf die familiären Probleme aufmerksam, da sie sich um die Lage der minderjährigen Kinder sorgten.
Genau danach kam es zum Zusammenbruch. Um damit umzugehen, begann Pasqualina Spielautomaten aufzusuchen. Was als Möglichkeit zur Entspannung begann, entwickelte sich rasch zu einer Sucht. Der Mann gab immer mehr Geld für diese schädliche Abhängigkeit aus, während er die Kinder auf Kredit versorgte. Wie jeder Spielsüchtige wartete er darauf, den großen Gewinn zu machen.
Doch das führte nur zu immer größeren Schulden. Pasqualina entschied sich für radikale Maßnahmen, um alles auf einen Schlag zu regeln. Sein Anwalt argumentierte, dies sei durch den ständigen Druck der Ehefrau, die Spielsucht sowie die finanziellen Probleme ausgelöst worden. Selbst sein Fahrzeug war gepfendet worden.
All dies weckte in ihm ein Gefühl der Hilflosigkeit und Wut. Nach Ansicht von Marias Angehörigen hing dies jedoch weniger mit den Lebensumständen zusammen, als viel mehr mit Pasqualinas eigener Sucht, die er selbst verschuldet hatte. Er selbst hatte hohe Summen an Spielautomaten verloren und damit seiner eigenen Frau und seinen Kindern geschadet, ohne auch nur daran zu denken, damit aufzuhören.
Die Gerichtsverhandlung zum Mordfall der Besitzerin des Tabakladens begann am 27. Juni 2016. Da Pasqualina Alina sein Geständnis nie wieder rief, wurde der Prozess vor dem Gericht in Asti im verkürzten Verfahren geführt. Der Anwalt unternahm mehrere Versuche, das Ausmaß der Schuld zu mindern, doch diese verblassten angesichts der gesammelten Beweise.
Pasqualina Alina wurde für schuldig befunden und zu 30 Jahren Haft verurteilt. Während des Prozesses wurden sowohl erschwerende als auch mildernde Umstände berücksichtigt. Aufgrund der Grausamkeit der Tat hätte die Strafe höher ausfallen können, doch der Mann zeigte aufrichtige Reue und arbeitete aktiv mit den Ermittlungsbehörden zusammen.
Neben der Haftstrafe musste er außerdem jedem Mitglied der Familie Fassi eine Entschädigung in Höhe von 250.000 € zahlen. Am 18. Oktober 2017 bestätigte das Berufungsgericht von Turin das Urteil. Es lehnte den Antrag des Verteidigers ab. die Strafe allein aufgrund mildernder Umstände zu verkürzen.
Auch dabei wurden alle Besonderheiten dieses schwierigen Falls berücksichtigt. Der Prozess endete im Juni 2018, als das Kassionsgericht die letzte Berufung der Verteidigung zurückwies. Als Motiv für den Angriff auf Maria wurde letztlich die Verzweiflung über Schulden festgestellt, die durch eine schwere Spielsucht entstanden waren.
Dies entsprach durchaus den Erwartungen der Familie Fassi, die einzig eine Strafmilderung befürchtete. Sie erklärten, sie würden alles notwendige unternehmen, damit der Täter so lange wie möglich hinter Gittern bleibe. Pasqualina Alina wird viele Jahre in einer Zelle verbringen, während seine drei Kinder mit dem Stigma aufwachsen werden, Kinder eines Mörders zu sein.
Doch in dieser Dunkelheit entzündete sich ein Funke Menschlichkeit, der ganz Italien zu Tränen rührte. Der Vater der getöteten Maria, dessen Welt an jenem schickshaften Morgen zerbrochen war, tat etwas, das unmöglich schien. Der von Trauer gezeichnete Mann erklärte öffentlich, daß er der Familie des Täters keine Schuld gebe.
Sie trügen keine Verantwortung mehr noch. Er bot den drei kleinen Kindern von Pasqualina Alina, die ohne Ernährer und ohne Existenzgrundlage zurückgeblieben waren, finanzielle Unterstützung an. Maria Luisa Fassi hinterließ ein leuchtendes Andenken und ihr Vater gab der Welt eine große Lektion in Mitgefühl.
Doch dieser Fall offenbarte auch eine erschreckende Wahrheit. Genau in diesem Moment verlieren hinter den Wänden grellbeleuchteter Spielhallen tausende gewöhnliche Menschen, Väter, Ehemänner und Söhne, langsam ihren Verstand, ihre Seele und ihr Leben. Hätte diese Tragödie verhindert werden können, wenn seine Angehörigen die Spielsucht rechtzeitig bemerkt hätten.
Und hätte man selbst an der Stelle von Marias Vater die Kraft zu einer solchen Vergebung gefunden? Sie haben den Kanal Fokusfall gesehen.