Schatten der Vergangenheit: Die ungeklärten Morde an Vera Marotz und Renate Polaceek – Wenn das Schweigen Jahrzehnte überdauert T
Schatten der Vergangenheit: Die ungeklärten Morde an Vera Marotz und Renate Polaceek – Wenn das Schweigen Jahrzehnte überdauert
Die Schatten der Vergangenheit legen sich oft leise über das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft, doch manche Verbrechen hinterlassen so tiefe Wunden und unbeantwortete Fragen, dass sie selbst nach Jahrzehnten nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Cold Cases – ungelöste Kriminalfälle – üben eine bedrückende Faszination aus. Sie konfrontieren uns mit der dunklen Seite der menschlichen Natur, mit Abgründen, die mitten in scheinbar friedlichen Nachbarschaften oder pulsierenden Großstädten aufbrechen. In einer viel beachteten Doppelfolge des bekannten True-Crime-Formats „Lias Crime Time“ wurden jüngst zwei solcher schrecklichen Schicksale beleuchtet, die bis heute nachhallen und deren Aufklärung oberste Priorität für Ermittler bleibt: der brutale Mord an der 66-jährigen Vera Marotz im sächsischen Nünchritz im Jahr 2004 sowie der grauenvolle Sexual- und Raubmord an der 44-jährigen Kellnerin Renate Polaceek im Berlin des Jahres 1986. Beide Fälle zeigen auf bedrückende Weise, wie verletzlich Menschen sind, die am Rand der Gesellschaft leben oder deren Wege sich in fatalen Momenten kreuzen.

Der Fall Vera Marotz: Eine tragische Nacht im sächsischen Nünchritz
Das Jahr 2004 schrieb im Landkreis Meißen in Sachsen eine Geschichte, die an Grausamkeit kaum zu übertreffen ist. Im Mittelpunkt steht Vera Marotz, die zum Zeitpunkt ihres Todes 66 Jahre alt war und in der Gemeinde Nünchritz lebte – einem beschaulichen Ort unweit von Riesa mit damals knapp über 5.000 Einwohnern. Veras Lebensgeschichte war von Entbehrungen geprägt. Als kleines Mädchen war sie gemeinsam mit ihrer Mutter aus Westpreußen nach Nünchritz gekommen. Die Familie hatte stets mit finanziellen Engpässen zu kämpfen, und eine geregelte Berufsausbildung blieb Vera verwehrt. Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1991 bezog sie eine einsame Plattenbauwohnung. Partner hatte sie keine, Kinder blieben ihr ebenfalls verwehrt. Ihr sozialer Radius beschränkte sich auf gelegentliche Besuche in der Kirche und die Teilnahme an kirchlichen Frauentreffs.
Im Dorf galt Vera Marotz jedoch als exzentrische Außenseiterin. Ihre große, fast zwanghafte Leidenschaft war das Sammeln von Gegenständen. Sie stöberte auf Müllplätzen, klaubte Sperrmüll von der Straße und barg Dinge, die andere längst entsorgt hatten. Da ihre Wohnung bald aus allen Nähten platzte und die Haltung zahlreicher Katzen zu Geruchsbelästigungen im Wohnblock führte – weshalb sie schließlich in eine andere Wohnung umziehen musste und die Tieranzahl stark reduzieren musste –, stellte sie einen Teil ihrer gesammelten Schätze auf einem ehemaligen Rittergut in einer Scheune ab. Ihren Besitz transportierte sie unermüdlich in einem großen Handwagen.
Weil sie im Dorf wegen ihrer Sammelleidenschaft oft verspottet, kritisiert oder schief angesehen wurde, traf Vera im Oktober 2004 eine folgenschwere Entscheidung: Sie ging ab diesem Zeitpunkt nur noch in den späten Abendstunden oder im Schutz der dunkelsten Nacht auf Streifzug, um ihre Fundstücke in die Scheune zu bringen. Sie wollte den verletzenden Blicken und Worten der Dorfbewohner entgehen. Dass sie als ältere Frau in nächtlicher Einsamkeit das Risiko auf sich nahm, zeigt, wie tief dieses Verlangen in ihr verwurzelt war.
In der Nacht zum Mittwoch, den 20. Oktober 2004, schlug das Schicksal grausam zu. In Nünchritz und dem benachbarten Strauchnitz tobte eine Gruppe von scheinbar völlig enthemmten Jugendlichen. Die Nacht war geprägt von massiven Vandalismus- und Sachbeschädigungsakten: Autos wurden demoliert, Fensterscheiben eingeworfen. Um 1:25 Uhr nachts flog sogar ein Zierkürbis durch das Fenster eines Wohnhauses in Grödel, einem Ortsteil von Nünchritz. Als die alarmierte Polizei auf dem Weg zum Tatort durch die Grödeler Straße fuhr, entdeckte sie am Straßenrand einen umgestürzten Handwagen. Wenige Meter weiter lag eine leblose Person auf dem Boden: Vera Marotz.
Das Bild bot den eintreffenden Beamten und dem herbeigerufenen Notarzt einen Albtraum. Vera war durch brutale Tritte, Schläge und stumpfe Gewalteinwirkungen gegen den Kopf und den Rumpf zur Unkenntlichkeit zugerichtet worden. Jede Hilfe kam zu spät. Die Mordkommission übernahm umgehend die Ermittlungen. Schnell verdichtete sich der Verdacht, dass Vera zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Wahrscheinlich war sie auf ihrem nächtlichen Streifzug genau jener randalierenden Jugendbande in die Arme gelaufen, die gerade im Ort ihr Unwesen trieb. Möglicherweise hatten die angetrunkenen oder unter Drogeneinfluss stehenden Jugendlichen befürchtet, von der betagten Frau bei ihren Straftaten beobachtet worden zu sein, und ihre hemmungslose Gewalt an der wehrlosen Rentnerin entladen.
Trotz umfangreicher Spurensicherung, darunter DNA-Spuren an Veras Kleidung und unter ihren Fingernägeln, blieb der große Durchbruch aus. Während die DNA unter den Fingernägeln von einer weiblichen Person stammte – was darauf hindeutet, dass ein Mädchen oder eine junge Frau an der Bluttat beteiligt war oder Vera festhielt –, passte keines der gefundenen Fragmente in die bestehenden Datenbanken. Ein daraufhin durchgeführter Massengentest mit rund 2.500 jungen Frauen und Mädchen aus der Region blieb ohne Treffer. Auch ein emotionaler Aufruf des Leiters der Mordkommission, Frank Haschke, in der „Bild“-Zeitung sowie eine Ausstrahlung bei „Aktenzeichen XY… ungelöst“ im Jahr 2012 brachten zwar zahlreiche Hinweise, aber keinen entscheidenden Beweis, der für eine Verhaftung ausgereicht hätte. Die mutmaßlichen Täter, die heute längst erwachsen sein und eigene Familien haben müssen, schweigen bis heute eisern über die schreckliche Nacht von Nünchritz.
Der Fall Renate Polaceek: Das Grauen in der Charlottenburger Kiez-Kneipe

Wechsel von Sachsen in die Bundeshauptstadt Berlin des Jahres 1986. Hier ereignete sich ein Kriminalfall, der fast genau vierzig Jahre zurückliegt und die deutsche Kriminalpolizei bis in die Gegenwart beschäftigt. Im Mittelpunkt steht die 44-jährige Renate Polaceek, eine erfahrene Gastronomiearbeiterin, die seit rund einem Jahr in der Kult-Kneipe „Schultheisbaude“ in der Galvanistraße in Berlin-Charlottenburg arbeitete. Die Kneipe war ein bekannter, gemütlicher Treffpunkt für Anwohner und Stammgäste, berühmt dafür, rund um die Uhr geöffnet zu sein. Hier traf man sich zu einem morgendlichen Kaffee vor der Arbeit, spielte Darts oder an den Automaten und pflegte das nachbarschaftliche Miteinander.
Vom 10. auf den 11. April 1986 hatte Renate die Nachtschicht übernommen. Alles verlief zunächst völlig ruhig und normal. Gegen 5:00 Uhr morgens verließ der letzte Stammgast – ein Kfz-Mechatroniker, der dort regelmäßig seinen frühen Kaffee genoss – das Lokal. Als er hinaustrat, begegnete ihm ein auffälliger junger Mann im Alter von etwa 20 bis 25 Jahren. Der Unbekannte hatte einen Oberlippenbart, muskulöse Statur, dunkles Haar, trug legere Sportkleidung mit Jogginghose und Turnschuhen und wirkte mit seinem gepflegten, aber sportlichen Auftreten etwas deplatziert für die frühe Morgenstunde. Er bestellte noch ein Bier und hinterließ Zigaretten der Marke Camel in einer Schachtel auf dem Tisch.
Renate hatte mit ihrem Arbeitgeber verabredet, ihn morgens telefonisch zu wecken, damit er die Frühschicht übernehmen konnte. Zudem gehörte es zu ihrer Routine, gegen Morgen die Außenbeleuchtung auszuschalten und die Vorhänge zu öffnen. Als jedoch am Morgen des 11. April kein Anruf kam und die Lichter anblieben, wurde der Chef stutzig. Gegen 7:30 Uhr traf er an der Schultheisbaude ein, betrat die leere Gaststube und suchte nach seiner Mitarbeiterin. In einem Hinterzimmer beziehungsweise einer Küchennische machte er schließlich den schrecklichen Fund: Renate Polaceek lag leblos auf dem Boden.
Die Ermittlungen offenbarten ein unfassbares Verbrechen. Renate war nicht nur brutal vergewaltigt, sondern auch heimtückisch ermordet worden. Der Täter hatte sie mit einem Geschirrtuch aus der Kneipe, das mehrfach um ihren Hals verknotet war, erdrosselt. Zudem fehlten die Tageseinnahmen in Höhe von damals geschätzten 150 D-Mark. Die Tatzeit konnte von der Kriminalpolizei auf die Zeit zwischen 5:15 Uhr und 6:15 Uhr eingegrenzt werden. Der wichtigste Zeuge blieb der Kfz-Mechatroniker, der den jungen Mann mit dem Oberlippenbart am Eingang gesehen hatte. Auf Basis seiner präzisen Beschreibung erstellten die Beamten damals ein Phantombild, das flächendeckend in ganz Berlin verbreitet wurde.
Obwohl damals rund 86 Hinweise eingingen und mehrere Verdächtige überprüft wurden, liefen die Ermittlungen im Sande. Doch Kriminalfälle dieser Art verjähren nie. Im Jahr 2023 entschlossen sich Staatsanwaltschaft und Polizei, die Akten des Cold Cases erneut zu öffnen und modernste forensische Methoden anzuwenden. Am Tatort hatte man hervorragende DNA-Spuren gesichert – darunter Sperma-DNA, die auch auf den Zigarettenstummeln der Marke Camel und im Aschenbecher nachgewiesen wurde. In den achtziger Jahren war diese Technologie noch in den Kinderschuhen gesteckt, doch heute ist sie ein mächtiges Werkzeug.
Um den Mörder zu finden, starteten die Ermittler eine großangelegte DNA-Reihenuntersuchung unter Männern, die damals im entsprechenden Alter waren und im Kiez gelebt hatten. Da sich diese Tests als komplex erwiesen und einige Zielpersonen ins Ausland (darunter Thailand, Serbien, Tschechien, Portugal und Polen) verzogen waren oder mittlerweile verstorben sind, griff die Polizei zu einem weiteren spektakulären Mittel: Im März 2026 wurde der Fall als hochspannender Filmfall in der ZDF-Kultsendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ vorgestellt.
Am Ende der Sendung konnte Kriminalhauptkommissar Fabian Puchelt vom LKA Bayern verkünden: „Wir haben Namen bekommen.“ Ob diese konkreten Hinweise zum Durchbruch führen und ob der Täter, der heute schätzungsweise um die 60 Jahre alt sein müsste, noch zur Rechenschaft gezogen werden kann, bleibt abzuwarten. Doch der unermüdliche Ehrgeiz der Ermittler zeigt, dass Hoffnung auf Gerechtigkeit selbst nach vierzig Jahren niemals stirbt.
Fazit: Warum das Erinnern und Aufklären wichtig bleibt
Die Schicksale von Vera Marotz und Renate Polaceek könnten auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein – die eine eine zurückgezogene, exzentrische Sammlerin im beschaulichen sächsischen Dorf, die andere eine gastfreundliche Kellnerin im pulsierenden Berliner Kiez der 1980er Jahre. Doch beide Frauen eint ein schreckliches Schicksal: Sie wurden Opfer von ungeheurer Gewalt, von Tätern, die ihr Vertrauen missbrauchten oder sie als wehrlose Zufallsopfer auswählten.
Beide Fälle führen uns vor Augen, wie wichtig es ist, dass die Öffentlichkeit nicht wegschaut, dass Podcasts wie „Lias Crime Time“ und Fernsehformate wie „Aktenzeichen XY“ diese ungelösten Verbrechen immer wieder ins Bewusstsein rücken. Die Täter mögen glauben, dass Zeit alle Spuren verwischt und das Schweigen von Mitwissern für immer hält. Doch solange engagierte Ermittler, Staatsanwälte und aufmerksame Bürger nicht aufgeben, bleibt die Hoffnung bestehen, dass Gerechtigkeit triumphiert – denn die Schatten der Vergangenheit lassen sich auf Dauer nicht im Dunkeln halten.