Das doppelte Leben von Agnes Kraus: Die schockierende Wahrheit hinter der Kult-Schwester der DDR und ihr tragisches Vermächtnis T
Das doppelte Leben von Agnes Kraus: Die schockierende Wahrheit hinter der Kult-Schwester der DDR und ihr tragisches Vermächtnis
Wenn man heute an Schwester Agnes denkt, zieht unweigerlich ein vertrautes, nostalgisches Bild durch den Kopf: Eine resolute, herzliche Frau auf einer Schwalbe, geschützt von einer weißen Haube und gekleidet in einen makellosen weißen Kittel, wie sie geschäftig und mit einem Lächeln auf den Lippen über die idyllischen Dorfstraßen der Lausitz rollt. Dieses ikonische Bild hat sich über Generationen hinweg tief in das kollektive Gedächtnis von Millionen fernsehzusehender Menschen eingebrannt. Es vermittelt das Gefühl von Bodenständigkeit, unerschütterlicher Hilfsbereitschaft und ländlicher Idylle. Doch wie so oft im Leben glänzt die vermeintliche Realität hinter den Kulissen in einem völlig anderen Licht. Die schockierende und zugleich amüsante Wahrheit lautet nämlich: Agnes Kraus konnte weder Moped noch Fahrrad fahren.

Dieser Umstand führte bei den Dreharbeiten zu Szenen, die an Komik kaum zu übertreffen sind und erst Jahrzehnte später komplett ans Licht kamen. Im malerischen Zittauer Gebirge, genauer gesagt im Kurort Jonssdorf, herrschte während der Entstehung des Kult-Klassikers echtes Filmfieber. Das gesamte Produktionsteam aus Berlin hatte sich in der örtlichen Jugendherberge einquartiert, und für die Aufnahmen wurde kurzzeitig sogar eine Straße direkt an der Grenze zur Tschechoslowakei vollkommen abgesperrt. Niemand sollte den vermeintlich wahren Fahrkünsten des künftigen Fernsehstars beiwohnen. Doch zwei junge Einheimische, darunter Henry Förster, ließen sich davon nicht abhalten. Mit einem Fernglas bewaffnet lagen sie im dichten Gebüsch und beobachteten das Geschehen. Was sie sahen, war eine Schwalbe, die mit klobigen Stützrädern versehen war. Der örtliche Abschnittsbevollmächtigte, kurz ABV Horst Helle, redete mit Engelsgeduld und unermüdlichem Einsatz auf die Schauspielerin ein, versuchte sie immer wieder in den Sattel zu heben. Doch Agnes Kraus kam keinen einzigen Meter voran. Jahrzehnte später musste Horst Helle schmunzeln, wenn er sich an ihre ganz eigene Begründung erinnerte: In der Berliner S-Bahn seien die Sitze schließlich viel breiter, und lenken müsse man dort doch auch nicht.
Die Rettung des Drehs erforderte kreative und teils abenteuerliche Lösungen. Für die Fahrten über holprige Waldwege wurden Doubles eingesetzt, darunter Helles Kollege Achim Seipt, der sich wagemutig in ein Schwesternkostüm und eine blonde Perücke warf. Für die Szenen, in denen Agnes Kraus selbst zu sehen sein musste, konstruierte der Schmied Klaus Müller ein spezielles Eisengestell, auf dem der obere Teil der Schwalbe befestigt wurde. Diese Konstruktion wurde auf einen Lkw-Anhänger montiert und so durch Waltersdorf gezogen. Die Fernsehzuschauer daheim in den Wohnzimmern glaubten fest daran, dass die Gemeindeschwester eigenhändig zu ihren Patienten unterwegs war – eine meisterhafte Illusion der Filmkunst.
Doch nicht nur am Set, sondern auch im normalen Alltagsleben sorgte ihre Verkleidung für herrlich skurrile Momente. Henry Förster überlieferte eine Anekdote, wonach Agnes Kraus in einer Drehpause im authentischen Schwesternkostüm den örtlichen Konsum-Laden betrat, um eine Flasche Milch zu kaufen. Die wartenden Kunden in der Schlange erkannten sie sofort und wollten sie selbstverständlich sofort vorlassen, da sie felsenfest davon überzeugt waren, die Schwester befinde sich im dringenden medizinischen Dienst. Agnes Kraus jedoch blieb seelenruhig stehen, lächelte freundlich und sprach jene legendären Worte, die ihren Charakter perfekt beschrieben: „So wichtig sei sie nun auch wieder nicht.“ An jenem sonnigen Nachmittag auf dem Anhänger ahnte freilich noch niemand, dass der begnadeten Schauspielerin vor der Kamera nur noch rund ein Jahrzehnt vergönnt sein sollte. Nicht eine störrische Schwalbe sollte ihre Karriere letztlich stoppen, sondern eine unerbittliche gesundheitliche Hürde.
Um die Einzigartigkeit dieser Frau vollends zu begreifen, muss man den Blick auf ihren späten, aber umso gewaltigeren Siegeszug im Fernsehen richten. Wer erinnert sich nicht an Tante Alma und ihre unzertrennliche französische Bulldogge? Am 30. Mai 1977 flimmerte der Film „Viechereien“ zum ersten Mal über die Bildschirme der DDR und traf mitten ins Herz des Publikums. Agnes Kraus verkörperte darin die Tierarztwitwe Alma Krause mit einer solchen Inbrunst, Authentizität und humorvollen Schärfe, dass der Erfolg überwältigend war. Der Film war so enorm beliebt, dass prompt zwei erfolgreiche Fortsetzungen folgten. Zu Ostern wiederholte der Sender diese Klassiker und brachte auf den Punkt, was Alma auszeichnete: Sie hielt nicht nur ihren Film-Neffen in Schach, sondern sogar ein wild gewordenes Wiesent. Im Jahr 1980 folgte mit „Almerschaft alle“ der dritte Teil, und im selben Jahr trat sie in „Aber Doktor“ abermals als quirlige Sprechstundenhilfe an der Seite eines Zahnarztes in Erscheinung.
Agnes Kraus war zu diesem Zeitpunkt längst keine Unbekannte mehr, doch der landesweite Kultstatus als „Fernsehliebling“ der DDR, den sie im Laufe ihrer Karriere gleich achtmal verliehen bekam, katapultierte sie in den Adelsstand der deutschen Fernsehunterhaltung. Sie spielte sich in Serien wie „Mensch Oma!“ als unvergessliche Oma Wuttig und als resolute Nachbarin in „Familie Neumann“ in die Herzen von Millionen Menschen. Doch im Jahr 1986, als sie bereits auf ein erfülltes Leben von 75 Jahren zurückblickte, geschah der plötzliche und schmerzhafte Einschnitt. Agnes Kraus erkrankte an einer schweren allergischen Erkrankung, die jegliche weitere Arbeit vor der Fernsehkamera unmöglich machte. Von einem Tag auf den anderen stand sie vor dem Aus.
Für eine Künstlerin, die erst im reiferen Alter von über 60 Jahren ihren wahren großen Durchbruch im Fernsehen gefeiert hatte, war dies ein stiller, harter und niederschmetternder Schlag. Wer damals als treuer Zuschauer vor dem Fernseher saß, hat den Abschied vermutlich gar nicht bewusst bemerkt. Man merkt es im Fernsehen selten, wenn jemand leise geht; man bemerkt es erst dann, wenn nach Monaten auffällt, dass schon lange kein neuer Film mit der geliebten Darstellerin mehr gelaufen ist. Ausgerechnet ihr, die so unendlich lange auf den verdienten Erfolg und die Anerkennung des breiten Publikums gewartet hatte, blieb auf dem Bildschirm nur ein einziges, knappes Jahrzehnt vergönnt.
Doch damit war das Buch ihres Lebens noch lange nicht zugeschlagen. Nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 meldeten sich zwar noch einmal Filmemacher bei ihr, um sie für neue Projekte zu gewinnen, doch Agnes Kraus traf eine kompromisslose Entscheidung: Sie sagte jedes einzelne Angebot ab. Warum sie sich damals so entschieden hat, lässt sich heute nicht mehr exakt rekonstruieren, und es wäre vermessen, ihr fremde Motive zu unterstellen. Man muss jedoch bedenken, dass sie zu jener Zeit bereits auf die 80 zuging und sich nach einem langen, erfüllten Künstlerleben bewusst ihren Frieden bewahren wollte. Vergessen hatte man die Grande Dame des Volkshumors ohnehin zu keiner Sekunde. Ihre Schauspielkollegin Barbara Dittus nannte sie in einem Pressebericht der Deutschen Presse-Agentur aus dem Jahr 1995 treffend die „Mutter der Nation“. Kritiker lobten sie mit den Worten, die originale Agnes Kraus sei eben schlicht originell – ein Wortspiel, das den Nagel auf den Kopf traf.
Und dann, zur großen Überraschung aller, kehrte sie noch einmal auf die Bühne zurück. Nicht vor die Kamera des Fernsehens, sondern dorthin, wo einst alles begonnen hatte: ins Theater. Dem berühmten Berliner Ensemble, an dem sie bereits zwei Jahrzehnte lang festes Mitglied gewesen war, hielt sie die Treue. In einer gefeierten Neuinszenierung von Bertolt Brechts „Lebenslauf des Mannes (Baal)“ übernahm sie die Rolle der Mutter. Noch im Februar 1995, genau in dem Monat, in dem sie ihren 84. Geburtstag feierte, stand diese bemerkenswerte Frau auf den Theaterbrettern. Die Künstlerin, die bei den Dreharbeiten in Jonssdorf keinen einzigen Meter auf dem Moped geschafft hatte, stellte sich mit 84 Jahren noch einmal in das gleißende Licht der Scheinwerfer. Sie brauchte dafür keinen Lkw-Anhänger und kein Double; sie brauchte einzig und allein die Bühne und ein Publikum, das gebannt an ihren Lippen hängte.

Wer sie damals auf der Bühne erblickte, sah in ihr gewiss noch immer die geliebte Schwester Agnes, doch ihre schauspielerische Laufbahn hatte in Wahrheit viele Jahrzehnte zuvor ganz woanders ihren Anfang genommen. Geboren wurde sie im Februar 1911 in Berlin als Irmgard Friederike Agnes Krause. Ihre fundierte schauspielerische Ausbildung erhielt sie in den späten zwanziger Jahren bei Leopold Jessner am renommierten preußischen Staatstheater in Berlin. Jessner sah in ihr zunächst eine künftige klassische Tragödin. Ihr erstes professionelles Engagement führte sie nach Annaberg im Erzgebirge, wo sie die gewaltige Hauptrolle in Friedrich Schillers „Maria Stuart“ übernahm – eine Besetzung, die man sich angesichts ihrer späteren komödiantischen Glanzrollen kaum noch vorstellen kann.
Ab 1936 folgten kleinere Engagements an der Berliner Volksbühne. In dieser Zeit stand sie im Ufa-Film „Eskapade“ zum ersten Mal vor einer Filmkamera, damals noch unter ihrem bürgerlichen Vornamen Irmgard Krause; Agnes war schließlich erst ihr dritter Vorname. Während der turbulenten Kriegsjahre wirkte sie an den Münchner Kammerspielen, bevor sie schließlich zum mainfränkischen Puppentheater wechselte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs betrieb sie gemeinsam mit ihrer älteren Schwester ein eigenes, kleines Puppentheater. Mit selbst gebastelten Figuren zogen die beiden durch die Schulen und brachten Kinder zum Staunen. Die Frau, die später ein ganzes Land mit ihrem unnachahmlichen Humor zum Lachen bringen sollte, stand jahrelang hinter einer Puppenbühne, wo das Publikum ihr Gesicht nicht einmal sehen konnte. Nebenbei spielte sie an den Theatern in Brandenburg an der Havel und später in Potsdam. Zwar hatte sie mit klassischen Rollen dort zunächst wenig Erfolg, doch in Potsdam fiel sie schließlich Bertolt Brecht auf.
In den fünfziger Jahren holte Brecht sie an sein legendäres Berliner Ensemble. Er schätzte ihre unprätentiöse Art, seine Spielweise fast intuitiv und ohne große Erklärungen umzusetzen. Am Berliner Ensemble glänzte sie in Stücken wie „Der Brotladen“ und „Der Messingkauf“. Bis das gesamte Land sie kannte, sollten zwar noch einige Jahre ins Land gehen, doch das Fundament für ihren späteren Triumph war gelegt.
Privat teilte Agnes Kraus viele Jahrzehnte ihres Lebens mit ihrer Schwester. Zunächst lebten die beiden in Kleinmachnow, ab 1972 dann in der Mellenseestraße im Berliner Stadtteil Friedrichsfelde, ganz in der Nähe des Tierparks. Ihre Schwester arbeitete zeitlebens als Chefrekquisiteurin am Berliner Metropoltheater, wodurch auch sie tief in der Welt des Theaters verwurzelt war. Am 2. Mai 1995 verließ Agnes Kraus im Alter von 84 Jahren für immer diese Welt. Sie starb in aller Stille – genau so bescheiden und unaufdringlich, wie sie einst in Jonssdorf in der Schlange gestanden hatte. Die Journalistin Irma Weinreich verfasste kurz darauf einen bewegenden Nachruf für die Deutsche Presse-Agentur, in dem sie festhielt, dass Schwester Agnes von Millionen Menschen gekannt und geliebt wurde.
Erst nach ihrem Tod wurde jene Sensation bekannt, die in ihrem Testament niedergeschrieben war: Agnes Kraus vererbte dem Tierpark Berlin die stattliche Summe von einer halben Million D-Mark. Damit bewies sie auf eindrucksvolle Weise, dass ihre tiefe Zuneigung zu Tieren in ihrer Paraderolle als Tante Alma keineswegs nur gespielt war. Die warmherzige Alma, die sich im Fernsehen rührend um die Sorgen fremder Tiere und deren Besitzer kümmerte, war im Grunde ein Stück Irmgard Krause selbst. Die Künstlerin, die zeitlebens für ihr Publikum gelebt hatte, dachte auch in ihrer letzten Stunde an die Tiere gleich nebenan.
Wer heute in Berlin auf den Spuren dieser unvergesslichen Ikone wandeln möchte, muss nicht lange suchen. Nur wenige Schritte von ihrer alten Wohnadresse entfernt verläuft ein idyllischer Fußweg am Krazgraben in Berlin Friedrichsfelde, unweit der Mellenseestraße. Genau hier ist Agnes Kraus zeitlebens besonders gerne spazieren gegangen. Als das Bezirksamt Lichtenberg im Jahr 2011 – exakt an ihrem 100. Geburtstag – diesen Weg nach ihr benannte, erhielt er den Namen „Agnes Krausweg“. Wer heute diesen Weg entlangschreitet, tut dies zu Fuß, genau wie sie es zeitlebens tat. Ein Moped braucht man für diesen Spaziergang wahrlich nicht. Und wenn uns das Fernsehen das nächste Mal auf ihrer Schwalbe durch die Lausitz rollen sieht, wissen wir endlich, warum sie dabei so wunderbar entspannt und gelassen in die Kamera winken konnte.