News

Der amerikanische Vorarbeiter verspottete die deutsche Hobelkunst – und wurde eines Besseren belehrt

Im Wagnereimuseum Zachal in Difurt an der Altmülhl steht noch heute die alte Radmaschine mit ihrer Transmission, die seit den 20er Jahren kein Rad mehr angetrieben hat. Die meisten Besucher gehen an der kleinen Vitrine im hinteren Raum vorbei, ohne stehen zu bleiben. Zu viele andere Werkzeuge, zu viel Halbdunkel zwischen den alten Balken.

Wer stehen bleibt, sieht ein vergilbtes Foto, das gar nicht zur Familie Zachal gehört. Es kam erst vor wenigen Jahrzehnten ins Haus aus einer Nachbarwerkstatt am Marktplatz, die nach dem Krieg nie wieder öffnete. Ein junger Mann mit Zugmesser in der Hand, daneben ein amerikanischer Farmwagen mit Speichenrad, im Hintergrund Maisfelder, die es in Dit nie gegeben hat.

 Fragt man den Museumswart danach, bekommt man eine Geschichte erzählt, die eigentlich gar nichts mit dem Altmühltal zu tun zu haben scheint und jedoch genau hier in dieser Werkstattluft aus Sägemehl und Leinöl ihren Anfang nahm. Erst vor wenigen Jahren erzählt der Museumswart, sei die Großnichte des amerikanischen Farmers, der dieses Foto einst nach Dieturt geschickt hatte, extra aus Indianer angereist, um die Werkstatt zu sehen, die ihr Großonkel nie betreten hatte und über die in ihrer Familie trotz dem Jahrzehntelang gesprochen

wurde. Erst durch ihren Besuch und die alten Lohnbücher der Farm, die sie mitbrachte, ließ sich die ganze Geschichte hinter dem Foto überhaupt rekonstruieren. Leonhard Gruber war Sohn und Enkel von Stellmachern. Seine Familie führte, ein paar Häuser von der heutigen Zachalschen Wagnerei entfernt, eine eigene kleine Werkstatt, in der schon sein Großvater gearbeitet hatte.

 Als Junge durfte er zunächst nur die Späne kehren, doch mit zöf Jahren stellte ihn sein Vater zum ersten Mal an die Werkbank und ließ ihn mit dem Zugmesser an einem Ausschussstück üben. [musik] “Eiche für die Kraft, Ulme für den Halt, Esche für das Nachgeben”, sagte der Vater, während er die drei Holzarten nebeneinander legte.

 Eiche für die Speichen, die den Stoß der Straße aushalten mussten, Ulme für die Narbe, die kein Speichenloch ausreißen durfte, Asche für die hölzernen Felgen, die sich biegen sollten, ohne zu splittern. Am eindrücklichsten aber blieb Leonhart das Aufziehen des Eisenreifens im Gedächtnis, wie sein Vater das glühende Eisenband mit der Zange über das fertige Rad führte, während der Großvater sofort mit dem Wassereimer folgte und wie der Reifen beim Abkühlen einen hohen singenden Ton von sich gab, wenn er richtig saß. “Wenn er singt, sitzt er”,

pflegte der Großvater zu sagen. “Wenn er nur klappert, war die Hitze falsch. Mit 17 konnte Leonhart eine Speicher mit bloßem Auge auf den Millimeter genau schätzen. Mit 19 kam der Einberufungsbescheid. Er wurde nicht zur Infanterie eingezogen, sondern zu einer Fahrkolonne der Wehrmacht, weil ein Schreiber irgendwo vermerkt hatte, dass der Rekrut Gruber landwirtschaftliches Fuhrwerk Wagenbau gelernt hatte.

 So zog er mit Pferdegespannen durch Frankreich, während andere Männer aus seinem Jahrgang in Panzern oder Schützengräben landeten, und dachte oft, der Krieg habe ihn wenigstens bei dem gelassen, was seine Hände konnten. Im August 1944 endete das bei Mortin, als der deutsche Gegenangriff auf Avranche von Hitler befohlen, um den amerikanischen Durchbruch bei Avranches abzuschneiden, binnen weniger Tage zusammenbrach und amerikanische Einheiten die zurückflutenden Kolonnen in den Hohlwegen der Normandie einschlossen.

Leonhard wurde mit seinem letzten Gespann zwischen zwei Hecken gestellt, die Hände über dem Kopf, während seine beiden Pferde unruhig im Geschirr standen. war das letzte Mal, dass er für Jahre die Zügel eines Pferdes in der Hand hielt. Über Schabur, dann mit einem überfüllten Truppentransporter, erreichte er im Spätsommer die Vereinigten Staaten und von der Ostküste aus brachte ihn ein Zug quer durchs Land nach Indiana, ins Lager bei Edinburg, das die Gefangenen untereinander nur Camp Atterburry nannten. Von dort wurden

Arbeitstrups in die umliegenden Landkreise verteilt, wo im September die Maisernte drängte. Nicht Futtermais, sondern Zuckermais für die Konservenfabriken, der binnen Stunden nach der Ernte verarbeitet werden musste, wollte man seine Süße nicht verlieren. Fabriken in Windfall in Auston in Mor Toown liefen in dieser Jahreszeit rund um die Uhr.

 Leonhard kam mit acht weiteren Gefangenen zur Farm von Warren Odl ein paar Meilen vor Morristown Shelby County. Oddel war ein ruhiger Mann von 50 Jahren, der die meiste Zeit im Haus verbrachte, weil seine Frau krank war und der die Farm fast vollständig seinem Vorarbeiter überließ, Chester Tenner, kaum 30 Jahre alt, wegen eines tauben Ohrs vom Militärdienst zurückgestellt und fest entschlossen, dass niemand ihm das ansah.

 Tan arbeitete härter als jeder andere auf der Farm, kommandierte lauter als nötig und traute den deutschen Gefangenen nicht weiter, als er sie sehen konnte. Er ließ sie Mais hacken, entspitzen, Säcke schleppen, aber alles, was mit den Maschinen oder dem Fuhrwerk zu tun hatte, blieb strickt in amerikanische Hand, selbst wenn das bedeutete, dass er selbst nach Feierabend noch am Wagen herumbastelte, während die Gefangenen längst zurück ins Lager gebracht worden waren.

 Schon in der ersten Woche hatte Leonhard einmal angeboten, eine lockere Speicher am Vorderrad nachzuziehen, die bei jeder Fahrt leise klapperte. Tanna hatte ihm wortlos die Zange aus der Hand genommen und selbst weitergearbeitet, obwohl seine eigene Reparatur zwei Tage später wieder löste. Die anderen Gefangenen hatten Leonhart danach aufgezogen, er solle sich nicht wundern, dass ein Mann, der ihn für den Feind hielt, sich lieber die Finger verbrannte, als ihm zu vertrauen.

 Warren Odells Frau Mabel war seit dem Frühjahr ans Bett gebunden und der Farmer selbst hatte, wie die Gefangenen untereinander bemerkten, kaum noch Kraft für mehr als die notwendigsten Entscheidungen. Das erklärte, warum Tante, was einem Vorarbeiter eigentlich nicht zustand und warum niemand auf der Farm ihm offen widersprach, selbst wenn seine Sturheit dem Betrieb mehr schadete als nützte.

 Im September 1944 war das keine Kleinigkeit mehr. Odells einziger Lastwagen stand seit drei Wochen mit einem durchgescheuerten Reifen in der Scheune, weil das Countyrationierungskomitee kein Ersatzzertifikat beigt hatte. Naturcutch kam seit der japanischen Besetzung Südostasiens kaum noch ins Land und landwirtschaftliche Fahrzeuge erhielten neue Reifen nur mit gesonderter Genehmigung, die oft Wochen auf sich warten ließ.

 Der Western Horseman hatte es Bauern und Pferdehaltern im Frühjahr 1942 schon vorausgesagt. Die Reifenrationierung werde das Pferdegespann für die kurzen Wege zwischen Feld und Markt zurückbringen. Bei Oddel war genau das eingetreten. Die gesamte Erntefracht ging inzwischen auf dem alten schweren Farmwagen mit zwei Kaltblütern davor zur Konservenfabrik nach Morristown und die Fabrik nahm angelieferten Mais nur bis zur festen Abendfrist an.

 Was danach kam, wurde am nächsten Tag mit Abzug bezahlt, wenn überhaupt. Am Morgen des 12. September brach eine Speich hinteren linken Rad. Genau in dem Moment, als der vollbeladene Wagen aus der Scheune rollte. Kein spektakulärer Bruch, nur ein trockenes Knacken, kaum lauter als ein brechender Ast, dann ein Rad, das nicht mehr rund lief, sondern bei jeder Umdrehung sichtbar eierte.

 Tanner sprang vom Bock, kniete sich hin, fuhr mit der Hand über die gesplitterte Stelle und rechnete laut, was jeder auf dem Hof hören konnte. Eine Bestellung bei der Wagnerei in Shelbyville würde frühestens in 4 f Tagen ein Ersatzrad liefern. Bis dahin würde ein Drittel der Ernte auf dem Feld überreif werden und verderben.

Und Odell besaß kein zweites Fuhrwerk, das die Last tragen konnte. Leonhart, der mit den anderen Gefangenen gerade von der Ladefläche gestiegen war, kniete sich, ohne dass ihn jemand darum gebeten hätte, neben das Rad. Er fuhr mit dem Finger über die Bruchstelle, prüfte das Holz der unbeschädigten Nachbarspeichen, klopfte mit dem Knöchel gegen den Eisenreifen und horchte auf den Klang, so wie sein Großvater es ihn gelehrt hatte.

 “Eine Speich”, sagte er schließlich auf seinem vorsichtigen Englisch, “Nicht das ganze Rad. Ich kann das reparieren heute bevor die Sonne untergeht. Tan lachte kurz auf. Nicht boshaft, eher ungläubig. Ein Gefangener, der in einem Tag reparieren wollte, wofür die städtische Wagnerei tagelang brauchte. Er winkte schon ab und wollte den Wagen notdürftig mit Keilen abstützen lassen, als Warren Odell selbst aus dem Haus trat.

 Er hatte den Lärm gehört, sah sich das Rad kurz an und sagte knapp zu Tenner, er solle den Gefangenen versuchen lassen. Wir haben nichts zu verlieren, außer der Ernte, die wir sowieso verlieren, wenn wir es nicht versuchen. Dann ging er zurück ins Haus zu seiner Frau. Tanner gab widerwillig nach, verschränkte die Arme und blieb stehen, um jeden Handgriff zu überwachen.

 Leonhard bat um ein Stück trocken Eiche aus dem Brennholzstapel hinter der Scheune. dichtes, fast astfreies Holz, wie er es aus der Werkstatt seines Vaters kannte, wo Speichen grundsätzlich aus Eiche geschlagen wurden, weil kein anderes heimisches Holz den ständigen Stoß der Straße so gut aushielt. Mit dem Zugmesser, das er sich aus der Werkzeugkiste der Farm zurecht geschliffen hatte, zog er in langen, gleichmäßigen Bahnen grobe Späne ab, drehte das Rohstück immer wieder im Licht, verglich seine Form ständig mit den unversehrten Speichen daneben. Die

Narbe des Rades erwies sich, wie erwartet als Ulme gearbeitet. C Verwindungssteif genau das Holz, das ein Speichenloch nicht ausreißen lässt, wenn der neue Zapfen eingetrieben wird. Die hölzernen Felgen selbst waren aus Asche, elastisch genug, um das Rad nicht bei jeder Bodenwelle splittern zu lassen. Amerikanische und deutsche Stellmacher, das hatte ihm sein Großvater einmal erklärt, waren sich in dieser Holzwahl erstaunlich einig, ganz gleich, auf welcher Seite des Ozeans man aufgewachsen war. Das Handwerk kannte

keine Grenzen, auch wenn die Männer, die es ausübten, gerade auf verschiedenen Seiten eines Krieges standen. Mit der Handhobel, die er in der Werkzeugkiste fand und zunächst selbst nachschärfen musste, passte er den groben Rohling Millimeter genau an das Nabenloch und an die Felge an.

 Nicht nach einem Maß, dass er irgendwo abgelesen hätte, sondern nach Gefühl, so wie sein Vater es ihm an der Werkbank in Ditt gezeigt hatte. Die Speicher muß sich einpassen lassen, ohne dass man sie mit Gewalt hineinschlägt und darf danach keinen Spalt zeigen, wenn man mit dem Fingernagel darüber fährt. Tan, der die ganze Zeit über Zugesehen hatte, ohne ein einziges Wort zu sagen, holte irgendwann von sich aus eine zweite Zange aus dem Schuppen, ohne dass jemand danach gefragt hatte, die erste stille Regung, die er sich in diesem Vormittag erlaubte. Gegen Mittag

saß die neue Speicher fest im Rad, doch der eigentlich schwierige Teil begann erst jetzt. Der alte Eisenreifen mußte erhitzt, geweitet und wieder über das reparierte Rad gezogen werden. Radreifen aufziehen, wie es in der Werkstatt seines Vaters immer geheißen hatte, und dieser Arbeitsschritt verlangte zwei Paar Hände.

 Einer musste den glühenden Reifen mit der Zange halten und exakt über das Rad führen, während der andere imselben Augenblick mit Wasser kühlte, damit sich das Eisen beim Schrumpfen fest um das Holz zog, ohne es zu verkohlen. Verzögerte man auch nur wenige Sekunden, saß der Reifen entweder zu locker oder er sprengte die frische Speicher aus ihrem Sitz.

 Die anderen Gefangenen, die eigentlich längst wieder auf dem Feld hätten sein sollen, fanden immer wieder einen Vorwand in der Nähe zu bleiben und zuzusehen, bis einer der amerikanischen Wachleute sie schließlich zurück zur Arbeit schickte, selbst neugierig geworden, wie die Sache ausgehen würde. Der erste Versuch misslang.

 Das Feuer in der improvisierten Grube aus Fellsteinen, die Leonhart notdürftig aufgeschichtet hatte, war nicht heiß genug. Der Reifen kühlte auf halbem Weg über das Rad bereits so weit ab, dass er sich verkantete und nicht mehr weiterrutschen ließ. Leonhard fluchte leise auf Deutsch, zog das verzogene Eisenband mit einem Ruck wieder herunter, bevor es das Holz beschädigen konnte und schichtete das Feuer mit zitternden Händen neu auf.

Die Sonne stand schon hoch über den Feldern und die Zeit bis zur letzten Annahme in Morrist Toown lief unaufhaltsam weiter. Beim zweiten Versuch, als das Eisen diesmal gleichmäßig durchglühte, war es Tanner, der wortlos zur Zange griff, kaum dass Leonhart beide Hände für den Wassereimer brauchte.

 Kein Befehl, keine Bitte, nur eine Bewegung, die keine Erklärung verlangte. Gemeinsam hielten sie den glühenden Reifen über dem Rad, drehten ihn im Kreis, während das Wasser zischend aufstieg und der Geruch von verbranntem Holzstaub über den ganzen Hof zog. Als das Eisen sich mit einem letzten harten Knirschen fest um die Felge zog und der Ton, den es dabei von sich gab, hoch und rein klang, genau wie es der Großvater in Dift beschrieben hatte, ließ Tan die Zange sinken und wischte sich die Stirn mit dem Handrücken, ohne ein Wort zu verlieren.

Um 2 Uhr nachmittags stand der Wagen wieder vollbeladen bereit. Gut 2 Tonnen Zuckermais auf der Ladefläche, mehr Gewicht als das reparierte Rad je zuvor getragen hatte. Oddel kam noch einmal kurz heraus, fuhr mit dem Daumen über die neue Speich, nickte knapp. Kein großes Lob, nur die stille Anerkennung eines Mannes, der genau wusste, was er da sah, und ging zurück ins Haus zu seiner Frau.

 Tanner spannte die beiden Kaltblüter selbst an, prüfte noch einmal jeden Riemen am Geschirrer, als traue er dem Rat noch immer nicht ganz. Dann, ohne ein Wort der Erklärung, deutete er auf den freien Platz neben sich auf dem Bock. Es war das erste Mal seit Wochen, dass er einen der Gefangenen mitfahren ließ, statt ihn zu Fuß hinter dem Wagen herlaufen zu lassen.

 Der Feldweg nach Morristown war an diesem Nachmittag in schlechtem Zustand, ausgewaschen von einem Gewitter zwei Tage zuvor mit tiefen Furchen, die den Wagen bei jeder Überfahrt hart aufsetzen ließen. Etwa auf halber Strecke, an einer besonders tiefen Rinne gab das reparierte Rad einen kurzen harten Knacklaut von sich, der beide Männer gleichzeitig zusammenzucken ließ.

 Tanner riss die Zügel an, brachte das Gespann zum Stehen und Leonhard war schon von der Ladefläche gesprungen, bevor der Wagen ganz stand. Er kniete sich neben das Rad, fuhr mit der Hand über die neue Speichen, horchte wieder auf den Klang, den er am Vormittag geprüft hatte. Es war nur ein Stein gewesen, der sich kurz zwischen Speichflügelblech verkeilt und wieder gelöst hatte.

 Kein neuer Schaden. Leonhard nickte Tanner zu, der ihm einen Moment lang direkt in die Augen sah, bevor er wortlos die Zügel wieder aufnahm und weiterfuhr. Diesmal langsamer. Kurz vor der Fabrik geriet der Wagen noch einmal ins Schlingern, als ein amerikanischer Lastwagen mit quietschenden, ebenfalls schon abgefahrenen Reifen knapp an ihnen vorbeischoss und Tan ausweichen musste.

Rad hielt. Als der Wagen wenige Minuten vor Annahmeschluss auf den Hof der Konservenfabrik einbog und die Waage die volle Fracht bestätigte, ohne einen Sackabzug, drehte sich der Aufseher an der Waage überrascht nach dem klapprigen alten Farmwagen um, der pünktlicher ankam als mancher Lastwagen. sagte kein Wort der Anerkennung.

 erreichte Leonhard nur schweigend seine eigene Wasserflasche, bevor sie beide gemeinsam zur Farm zurückfuhren, während die Sonne über den Maisfeldern unterging. Eine Geste, die in der Familie Oddel noch Jahre später erzählt wurde, obwohl Tan ein einziges Wort darüber verlor. Von diesem Tag an war es Leonhart, der bei jedem weiteren Transport neben ihm auf dem Bock saß, ohne dass je darüber gesprochen wurde und ohne dass Tan ihm gegenüber je wärmer wurde, als er es an jenem Nachmittag gewesen war.

 Es blieb bei der einen Geste, aber sie wiederholte sich Woche für Woche bis zur letzten Ernte im Oktober. Leonhard blieb bis zum Frühjahr 1946 in amerikanischer Gefangenschaft, zuletzt noch einige Monate in einem Lager in England, bevor er endlich nach Deutschland zurückkehrte. Von der Farm in Indiana brachte er kein Foto mit, nur die Erinnerung an einen Mann, der ihm nie die Hand geschüttelt und nie Danke gesagt hatte, ihm aber im entscheidenden Moment wortlos seine eigene Zange gereicht hatte.

 Die Werkstatt seiner eigenen Familie am Marktplatz von Ditfurt öffnete nach dem Krieg nie wieder. Sein Vater war inzwischen zu alt, um noch einmal von vorn zu beginnen, und Material für eine neue Werkstatt war in den ersten Nachkriegsjahren ohnehin kaum zu bekommen. Leonhard selbst fand schließlich Arbeit in einer Möbelfabrik in Ingolstadt, wo sein Gespür für Holz und Maserung ihm half, sich hochzuarbeiten, auch wenn er nie wieder ein Wagenrad von Grund aufbaute.

 Das Werkzeug seiner Familie, Zugmesser, Handhobel, ein paar rostige Zangen, ging über Umwege in Nachbarschaft und Verwandtschaft verloren, bis ein Enkel es Jahrzehnte später dem Wagenereimuseum Zachal übergab, das als letzte erhaltene Werkstatt dieser Art im Ort galt. Zusammen mit dem Werkzeug kam auch das Foto, dass der amerikanische Farmer Warren Odle noch in den 50er Jahren nach Ditfurt geschickt hatte, mit ein paar knappen Zeilen auf der Rückseite über den deutschen Kriegsgefangenen, der ihm 1944 an einem einzigen Nachmittag die Ernte

gerettet hatte. Oddel selbst hatte den ganzen Tag von seiner Veranda nur in Ausschnitten mitverfolgt. Doch was er in den Jahren danach immer wieder erzählte, hatte er von seinem eigenen Vorarbeiter erfahren. Einem Mann, der auf die Frage, warum er dem Gefangenen an jenem Tag geholfen hatte, nie mehr sagte als ein knappes musste eben getan werden und der es all die Jahre über ablehnte, sich dafür loben zu lassen.

 In Odells eigenen Zeilen fiel deshalb kein einziges Mal der Name Tana. Obwohl jeder auf der Farm genau wusste, wer die Zange an jenem Septembertag wirklich gehalten hatte. Erst die Großnichte, die Jahrzehnte später selbst nach Diet reiste, konnte dem Museumswart den fehlenden Namen aus den alten Lohnbüchern liefern, zusammen mit der Geschichte von der Zange, die Tan selbst nie erklärt hatte.

 Heute hängt das Bild in der kleinen Vitrine im hinteren Raum des Museums zwischen Zugmessern und Handhobeln, die niemand mehr benutzt. Ein paar Meter von der alten Radmaschine entfernt, die seit den 20er Jahren still steht. Wer lange genug davor steht, hört fast das singende Geräusch, das ein richtig sitzender Eisenreifen macht, wenn er abkühlt.

 Ein stiller Beweis dafür, wie viel einziges gut gepasstes Stück Eiche bewirken kann, wenn zwei Männer, die sich nicht einmal mögen mussten, bereit waren, gemeinsam die Zange zu halten. M.

 

Disclaimer: This story is fictional and created for entertainment purposes only. Any names, characters, places, or events are fictitious or used fictitiously. No real person or organization is intended to be portrayed.

You Might Also Enjoy