DAVID HOCKNEY IST TOT – Sein Vermächtnis bleibt – Ty
Das Ende einer farbgewaltigen Ära: Die Kunstwelt trauert um David Hockney – Ein visionäres Genie, dessen Licht für die Ewigkeit leuchten wird
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Prolog: Wenn die Farben der Welt für einen Moment verblassen
Es gibt in der Geschichte der Menschheit und insbesondere in der oftmals elitären, unnahbaren Sphäre der bildenden Kunst nur eine Handvoll Ausnahmepersönlichkeiten, deren Wirken die engen Grenzen von Museen und Auktionshäusern mühelos überwindet. Es sind jene seltenen Jahrhundertgenies, die es nicht nur schaffen, die ästhetischen Maßstäbe ihrer eigenen Epoche entscheidend zu prägen, sondern deren Visionen so universell, so menschlich und so durchdringend sind, dass sie Generationen überdauern und tief in das kollektive, popkulturelle Gedächtnis der Gesellschaft eindringen. Zu dieser exklusiven Riege der Unsterblichen gehörte er – ein Mann mit markanter runder Brille, stets einer Zigarette in der Hand, einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen und einem schier grenzenlosen Hunger nach dem Licht der Welt.
Nun sorgt eine Nachricht rund um den Globus für lähmende Bestürzung, für einen Moment des kollektiven Innehaltens und für aufrichtige Trauer. Eine absolute Ikone der modernen Kunstgeschichte hat die Bühne des Lebens endgültig verlassen. In der Stille und Geborgenheit seiner Londoner Wohnung endete das irdische Dasein eines Mannes, dessen farbgewaltige Werke Millionen von Menschen weltweit kennen, selbst wenn einige seinen Namen vielleicht nie bewusst im Kontext einer Vernissage gehört haben. David Hockney ist tot. Der britische Künstler, der die Welt bunter, wärmer und tiefgründiger machte, wurde 88 Jahre alt.
Mit dem physischen Ableben von David Hockney schließt sich jedoch weitaus mehr als nur ein einfaches, biologisches Kapitel. Es ist ein Zäsur, ein epochaler Einschnitt. Die internationale Kunstwelt verliert einen ihrer letzten großen, unermüdlichen Visionäre, einen Rebellen der Farben und einen Meister der Beobachtungsgabe. Doch während die Galeristen Trauerflor anlegen, die Kunsthistoriker hastig Nachrufe verfassen und die Feuilletons die Frontseiten freiräumen, drängt sich die Erkenntnis auf: Seine physische Stimme mag in London für immer verstummt sein, doch das gigantische, emotionale Erbe, das dieser Mann hinterlässt, besitzt eine derartige Strahlkraft, dass es die Zeitläufte unbeschadet überstehen wird. Dies ist die tiefgreifende Geschichte eines Mannes, der uns lehrte, das Leben nicht als kompliziertes Problem, sondern als ein wundervolles, farbenfrohes Geschenk zu betrachten.
Kapitel 1: Die Nachricht, die die Welt erschütterte
Als die offizielle Bestätigung aus dem engsten Kreis des Künstlers über die Nachrichtenagenturen um den Erdball ging, reagierten Menschen auf allen Kontinenten mit einer Rührung, die in der Kunstszene eine Seltenheit darstellt. Es waren nicht nur Auktionshäuser wie Sotheby’s oder Christie’s, die den Kopf senkten, und es waren nicht nur die Kuratoren der Tate Modern, des MoMA oder des Centre Pompidou, die in offiziellen Stellungnahmen ihre Ehrerbietung zum Ausdruck brachten. Es waren Sammler, aufstrebende Nachwuchskünstler, Studenten an den Kunstakademien und vor allem unzählige ganz normale Bewunderer, die in den sozialen Netzwerken ihre tiefe Trauer artikulierten.
Der Grund für diese breite, emotionale Welle der Anteilnahme liegt im Wesen von Hockneys Kunstbegriff. Für David Hockney war die Kunst niemals ein elitärer Luxus, der hinter verschlossenen Türen für ein ausgewähltes, wohlhabendes Fachpublikum reserviert bleiben sollte. Er verabscheute die oftmals prätentiöse, intellektuell überladene Ernsthaftigkeit, mit der Kunstkritiker versuchten, Werke zu sezieren und dem normalen Betrachter den Zugang zu erschweren. Für ihn war die Leinwand ein atmendes, pulsierendes Medium. Kunst war für Hockney etwas zutiefst Lebendiges, ein demokratisches Instrument, das eine einzige, fundamentale Hauptaufgabe besaß: Sie sollte Freude auslösen. Sie sollte den Betrachter emotional berühren, ihn trösten, ihn inspirieren und Menschen über alle sprachlichen, kulturellen und sozialen Barrieren hinweg miteinander verbinden.
Die Nachricht seines Todes in seiner Londoner Residenz markiert den Schlusspunkt einer beispiellosen geografischen und emotionalen Reise. Der Junge aus den rauen, oft von grauem Regen und Kohlenstaub geprägten Industrievierteln von Bradford im englischen Yorkshire war ausgezogen, um die Welt zu kolorieren. Er brachte die Sonne Kaliforniens auf die Leinwand, er revolutionierte die Landschaftsmalerei in der Normandie und er kehrte am Ende seines Lebens als lebende Legende in seine britische Heimat zurück. Dass er im Alter von 88 Jahren in London die Augen für immer schloss, ist ein stilles Ende für einen Mann, der stets den maximalen, visuellen Lärm suchte.
Kapitel 2: Der Aufbruch eines Ausnahmetalents – Von Yorkshire in die Welt
Um die monumentale Bedeutung von David Hockney in der modernen Kunstgeschichte zu erfassen, muss man sich seine Wurzeln und den Kontext seiner frühen Jahre vor Augen führen. Geboren am 9. Juli 1937 in Bradford, wuchs er in einem Umfeld auf, das auf den ersten Blick denkbar ungeeignet für die Entwicklung eines weltberühmten, hedonistischen Malers erschien. Doch genau dieser Kontrast zwischen der oft tristen Realität der britischen Arbeiterklasse und der unbändigen Fantasie in seinem Kopf wurde zum treibenden Motor seiner künstlerischen Entfaltung.
Schon früh zeigte sich sein außergewöhnliches Talent, das er an der renommierten Bradford School of Art und später am elitären Royal College of Art in London kultivierte. In einer Zeit, in der die Kunstwelt fast schon diktatorisch vom Abstrakten Expressionismus aus den Vereinigten Staaten dominiert wurde – einer Richtung, in der Künstler wie Jackson Pollock oder Mark Rothko die gegenstandslose Kunst zum ultimativen Dogma erhoben hatten –, bewies der junge Hockney einen erstaunlichen, geradezu rebellischen Eigensinn. Er widersetzte sich den akademischen Trends. Er wollte Gegenstände malen, er wollte Menschen porträtieren, er wollte Geschichten erzählen. Er verweigerte sich der puren Abstraktion und ebnete stattdessen den Weg für eine neue, moderne Gegenständlichkeit, die später als britische Pop Art gefeiert werden sollte, auch wenn er selbst dieses Etikett stets mit einem gewissen Amüsement zurückwies.
Der wahre, lebensverändernde Wendepunkt in seiner Biografie ereignete sich in den 1960er Jahren. Geplagt von der gesellschaftlichen Enge, dem konservativen Klima und dem chronischen Mangel an Sonnenlicht in Großbritannien, traf Hockney eine Entscheidung, die sein Werk für immer prägen sollte: Er zog nach Los Angeles. In Kalifornien fand er nicht nur eine neue Heimat, sondern seine absolute, visuelle und emotionale Bestimmung.
Kapitel 3: Der kalifornische Traum und der Mythos des Swimmingpools
Wenn man heute den Namen David Hockney hört, schießt dem geistigen Auge sofort ein ganz spezifisches, ikonisches Motiv in den Sinn: Der Swimmingpool. In Kalifornien entdeckte Hockney eine Welt, die ihm bis dato fremd war. Eine Kultur des Hedonismus, der endlosen Sommer, der offenen, entspannten Sexualität und vor allem: Ein Licht von einer derart gleißenden, fast schon unwirklichen Klarheit, dass es die Farben förmlich zum Explodieren brachte.
Hockney war fasziniert von der allgegenwärtigen Präsenz der privaten Swimmingpools in Los Angeles. Für ihn waren diese Becken weit mehr als nur Statussymbole einer wohlhabenden Vorstadtgesellschaft; sie waren komplexe malerische Herausforderungen. Wie malt man etwas, das eigentlich unsichtbar ist? Wie fängt man die Transparenz, die ständige Bewegung, das Glitzern der Wasseroberfläche und die Brechung des kalifornischen Sonnenlichts auf einer zweidimensionalen, flachen Leinwand ein?
Werke wie “A Bigger Splash” aus dem Jahr 1967 wurden zu epochalen Meisterwerken. Das Bild zeigt die kristallklare Wasseroberfläche eines Pools in der Sekunde, nachdem jemand ins Wasser gesprungen ist. Der Springer selbst ist unsichtbar, was bleibt, ist der weiße, schäumende Wasserspritzer, der in krassem Kontrast zur flächigen, fast geometrischen Strenge der umgebenden Architektur und dem tiefen Blau des Wassers steht. Hockney brauchte fast zwei Wochen akribischster Detailarbeit mit einem winzigen Pinsel, um die Flüchtigkeit eines Spritzers einzufangen, der in der Realität nur den Bruchteil einer Sekunde dauert. Es ist das Konservieren eines perfekten Moments.
Diese Gemälde sind längst zu universellen Symbolen moderner Kunst geworden. Sie destillieren das Gefühl einer gesamten Epoche. Es sind Bilder, die eine unendliche Lässigkeit ausstrahlen, die nach Sonnenöl, Chlor und warmer Haut riechen. Doch hinter der scheinbaren Oberflächlichkeit des Motivs verbirgt sich eine tief melancholische, fast schon voyeuristische Beobachtungsgabe. Hockney dokumentierte die kalifornische Lebensfreude und zelebrierte gleichzeitig die moderne Leere. Er schuf Bilder, die in ihrer Strahlkraft sofort wiederzuerkennen waren und die ihn endgültig in den Olymp der internationalen Kunst-Elite katapultierten.
Kapitel 4: Der Meister der Innovation – Die unermüdliche Neugier
Was David Hockney jedoch grundlegend von vielen seiner Zeitgenossen unterschied – und was ihm letztlich seinen Platz als einen der bedeutendsten Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts sicherte –, war seine radikale Weigerung, sich auf dem einmal erreichten Erfolg auszuruhen. Während andere Künstler oftmals jahrzehntelang ihren eigenen Erfolgsstil kopierten, um die Erwartungen des Kunstmarktes zu befriedigen, war Hockney getrieben von einer fast schon kindlichen, unstillbaren Neugier auf neue Medien und neue Ausdrucksformen.
Er war niemals nur ein Maler. Er war ein rastloser Erfinder. In den 1980er Jahren, als er das Gefühl hatte, dass die klassische Zentralperspektive in der Fotografie zu starr und leblos sei, begann er, mit Polaroidkameras zu experimentieren. Er fotografierte ein und dasselbe Motiv aus dutzenden, manchmal hunderten verschiedenen Blickwinkeln und setzte diese Einzelbilder dann wie ein Mosaik zusammen. Diese sogenannten “Joiners” oder Fotocollagen zersplitterten den Raum, brachten die vierte Dimension – die Zeit – in das Bild und erinnerten in ihrer revolutionären Wirkung an den Kubismus eines Pablo Picasso.
Er entwarf gigantische, spektakuläre Bühnenbilder für die großen Opernhäuser der Welt, er experimentierte mit Faxgeräten als Kunstmedium, er nutzte Polaroid-Kopierer und stürzte sich im hohen Alter mit einer Begeisterung auf die digitale Revolution, die viele junge Digital Natives vor Neid erblassen ließ. Während andere Künstler seiner Generation das Aufkommen von Computern und Tablets als das Ende der wahren Kunst verdammten, kaufte sich Hockney ein iPad und begann, darauf zu zeichnen. Er nutzte die leuchtenden, hintergrundbeleuchteten Pixel des Bildschirms, um Farben zu erzeugen, die selbst auf der Leinwand kaum mischbar waren. Er verschickte seine digitalen Kunstwerke morgens per E-Mail an seine Freunde – ein Zeichen von unvergleichlicher Großzügigkeit und dem stetigen Drang, zu kommunizieren. Dass ein Mann jenseits der achtzig Jahre die Kunstwelt mit iPad-Gemälden revolutionierte, ist der ultimative Beweis für einen Geist, der niemals gealtert ist.
Kapitel 5: Die Zeitlosigkeit seiner Bilder – Ein Sieg über die Trends
Besonders bemerkenswert und in der Kunstkritik immer wieder fasziniert diskutiert, ist die Tatsache, wie unfassbar zeitlos die Arbeiten von David Hockney geblieben sind. Wenn man heute in einem Museum vor einem seiner Werke aus den späten 60er oder 70er Jahren steht, spürt man keinen Staub der Geschichte. Die Bilder wirken nicht wie historische Relikte einer vergangenen Epoche, sondern erstaunlich modern, frisch und von einer unmittelbar greifbaren Gegenwärtigkeit.
Während sich Moden, ästhetische Strömungen und gesellschaftliche Trends in den vergangenen Jahrzehnten ständig, oftmals im Rhythmus von wenigen Jahren, rasant veränderten, schienen Hockneys Bilder niemals wirklich zu altern. Woher rührt diese beispiellose Beständigkeit?
Vielleicht liegt genau in dieser Beobachtung sein allergrößtes, tiefstes Geheimnis. David Hockney verweigerte sich bewusst der Jagd nach intellektuellen Modeerscheinungen. Er malte keinen Zeitgeist, er malte nicht für die elitären Theorien der Kritiker. Er malte universelle, menschliche Konstanten. Er malte tiefe Gefühle, er malte das physikalische Phänomen des Lichts, er malte die Zärtlichkeit in den Gesichtern seiner Freunde, er malte verblassende Erinnerungen und er malte Momente absoluter Intimität, die jeder Mensch, ganz gleich aus welcher Kultur oder Generation er stammt, auf seine eigene, hochpersönliche Weise entschlüsseln und verstehen konnte. Die Sehnsucht nach einem warmen Sommertag, die Faszination für die Natur oder die Liebe zu einem anderen Menschen unterliegen keinem Verfallsdatum. Und weil Hockney diese ewigen Sehnsüchte in Farben goss, wurde seine Kunst selbst zur Ewigkeit.
Kapitel 6: Die Rekorde des Kunstmarktes und die unberührte Seele des Künstlers
Natürlich lässt sich die Biografie von David Hockney nicht erzählen, ohne den kommerziellen Aspekt seines Schaffens zu beleuchten. Er war nicht der hungernde, verkannte Künstler im Dachkämmerlein, dessen Genie erst postum entdeckt wurde. Er erlebte seinen Triumphzug zu Lebzeiten. Seine Ausstellungen in London, Paris, New York oder Tokio zogen regelmäßig Millionen von Besuchern an, die stundenlang Schlange standen, um einen Blick auf seine farbigen Welten zu werfen.
Auf dem internationalen Kunstmarkt brachen seine Werke immer wieder historische Rekorde. Im Jahr 2018 sorgte die Versteigerung seines Meisterwerks “Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)” aus dem Jahr 1972 beim Auktionshaus Christie’s für ein globales mediales Beben. Das Gemälde wurde für die astronomische Summe von rund 90 Millionen US-Dollar verkauft und machte Hockney damit für einige Zeit zum teuersten lebenden Künstler der Welt.
Doch das Faszinierende an Hockney war, dass ihn dieser monumentale finanzielle Erfolg in seinem tiefsten Wesen nicht korrumpierte. Während andere durch Millionenbeträge den Bezug zur Realität verloren, zuckte Hockney beim Thema Geld meist nur amüsiert mit den Schultern. Die Auktionsrekorde betrafen Werke, die er vor Jahrzehnten für einen Bruchteil dieser Summen verkauft hatte; der eigentliche finanzielle Profit ging an die Sammler. Für ihn war Geld nie das primäre Ziel, sondern lediglich ein Mittel, um sich die absolute, kompromisslose künstlerische Freiheit zu erkaufen. Er brauchte den Reichtum nur, um in Ruhe weiterarbeiten zu können, Farben zu kaufen, Assistenten zu bezahlen und den Raum zu haben, den seine Kunst verlangte. Der Kern seiner Seele blieb unberührt von den kapitalistischen Exzessen des Kunstbetriebs. Er war in erster Linie ein Arbeiter, ein Handwerker der Farben, der jeden Morgen in seinem Atelier stand und malte.
Kapitel 7: Der Mensch hinter dem Pinsel – Das emotionale Testament der Agentur
Die offizielle Stellungnahme, die Hockneys Agentur nach dem Bekanntwerden seines Todes veröffentlichte, liest sich nicht wie ein trockener, bürokratischer Nachruf auf eine öffentliche Figur, sondern wie ein tiefes, emotionales Testament. In wenigen, sorgfältig gewählten Worten wird darin das Vermächtnis des Verstorbenen zusammengefasst: “Lebensfreude, Humor, Großzügigkeit und eine unermüdliche Neugier.”
Diese vier Eigenschaften sind der Schlüssel zum Verständnis des Phänomens David Hockney. Sie prägten nicht nur die leuchtenden Pigmente auf seinen Leinwänden, sondern sie waren der Kompass seines persönlichen Lebens. Wegbegleiter, Freunde und Modelle beschrieben ihn unisono als einen Mann, der eine geradezu ansteckende Herzlichkeit ausstrahlte. Er war ein loyaler Freund, der seine Modelle oft über Jahrzehnte hinweg immer wieder malte und dabei das Altern, die Veränderungen und die Zärtlichkeit der Beziehung dokumentierte – wie etwa in seinen berühmten Doppelporträts oder den unzähligen Zeichnungen seiner Muse Celia Birtwell.
Sein Humor war legendär, oft gepaart mit einer wunderbaren, typisch britischen Exzentrik. Er nahm die Welt ernst, aber niemals sich selbst. Seine Großzügigkeit zeigte sich in seiner Bereitschaft, sein Wissen zu teilen, Stiftungen zu unterstützen und Nachwuchskünstler zu fördern. Doch die wichtigste Eigenschaft, der treibende Motor bis zu seinem letzten Atemzug, war seine Neugier. Wer mit 88 Jahren immer noch das Gefühl hat, die Welt noch nicht vollständig gesehen und verstanden zu haben, wer immer noch neue Perspektiven sucht und staunend vor einem blühenden Baum in der Normandie stehen kann, der hat das eigentliche Geheimnis des Lebens entschlüsselt. Hockney hörte nie auf, ein Schüler der Natur zu sein.
Kapitel 8: Die späten Jahre – Ein Fest für das Leben trotz körperlicher Gebrechen
Das Alter ist für viele Menschen und insbesondere für bildende Künstler eine Phase des schleichenden Verlusts. Die Sehkraft lässt nach, die Hände beginnen zu zittern, die körperliche Energie schwindet. Auch David Hockney blieb von den physischen Tributen eines langen Lebens nicht verschont. Er kämpfte seit Jahren mit einer massiven Schwerhörigkeit, die ihn im sozialen Umgang oft isolierte. Doch anstatt sich in Resignation zurückzuziehen, kanalisierte er seine verbleibenden Sinne umso intensiver in seine Arbeit. Wenn das Gehör schwindet, so seine Philosophie, muss das Auge umso schärfer, umso unbestechlicher hinsehen.
In seinen späten Jahren zog er sich aus dem lauten, hedonistischen Trubel Kaliforniens zurück und suchte die Ruhe der Natur. Er kehrte zunächst nach Yorkshire zurück und verbrachte seine letzten großen Schaffensjahre in einem ländlichen Anwesen in der Normandie in Frankreich. Dort widmete er sich einem Motiv, das so alt ist wie die Kunst selbst, dem er aber eine nie gesehene, leuchtende Vitalität einhauchte: dem Wechsel der Jahreszeiten, insbesondere dem Erwachen des Frühlings.
Während die Welt im Jahr 2020 von der Dunkelheit und der Isolation der globalen Corona-Pandemie überrollt wurde und die Menschen in Angst verharrten, saß der über 80-jährige Hockney im Garten seines normannischen Hauses und malte auf seinem iPad unaufhörlich blühende Bäume, sprießende Narzissen und leuchtende grüne Wiesen. Er schickte diese Bilder mit der Botschaft “Denken Sie daran, sie können den Frühling nicht absagen” in die Welt hinaus. Es war ein Akt des künstlerischen Trotzes gegen die Verzweiflung. Hockney fungierte in der schwersten Krise der modernen Geschichte als kollektiver Trostspender. Er erinnerte die Menschheit daran, dass der Zyklus des Lebens, die Natur und die Schönheit immer weitergehen, ungeachtet aller menschlichen Tragödien. Es war das krönende, philosophische Meisterstück eines reifen Mannes, der seinen Frieden mit der Welt gemacht hatte.
Kapitel 9: Das Vakuum in der Kulturlandschaft und die Verantwortung der Museen
Der heutige Tag, an dem sein Tod die Schlagzeilen dominiert, markiert den Beginn eines neuen, herausfordernden Kapitels für die internationale Kunstwelt. Es herrscht eine spürbare, drückende Leere. Wer heute über die Auktionsrekorde, über die Retrospektiven oder über den materiellen Wert seiner Werke spricht, der läuft Gefahr, das Wesentliche zu übersehen. Der Tod von Hockney ist nicht nur ein wirtschaftliches Ereignis für Galeristen, sondern ein massiver kultureller Verlust.
Es liegt nun in der Verantwortung der großen Museen, Stiftungen und Kunsthistoriker, sein Werk nicht nur zu archivieren und konservatorisch zu bewahren, sondern den philosophischen Geist seiner Kunst lebendig zu halten. Hockneys Bilder dürfen nicht zu leblosen Relikten in klimatisierten, dunklen Museumssälen verkommen. Sie müssen weiterhin das tun, wofür sie erschaffen wurden: Sie müssen dem Betrachter entgegenspringen, ihn mit Farben überfluten und ihm ein Lächeln entlocken. Die Kunstvermittlung der Zukunft wird die Aufgabe haben, kommenden Generationen – die nicht mehr das Privileg hatten, diesen charismatischen Mann zu Lebzeiten zu erleben – zu vermitteln, dass Kunst kein intellektuelles Rätsel ist, das gelöst werden muss, sondern eine Erfahrung, die gefühlt werden will.
Er hat gezeigt, dass man den Spagat zwischen höchstem handwerklichen Anspruch, technologischer Innovation und absoluter, befreiender Zugänglichkeit meistern kann. Es ist zu hoffen, dass sein Tod in der jungen Generation von Künstlern nicht nur Trauer auslöst, sondern auch als lauter, farbenfroher Weckruf dient: Traut euch, gegenständlich zu sein! Traut euch, das Schöne zu malen! Habt keine Angst vor der Freude in der Kunst! Das ist die wichtigste Lektion, die der Brite den Kunstakademien der Welt ins Stammbuch geschrieben hat.
Epilog: Die Farben, die den Tod besiegen
Am Ende dieses langen, außergewöhnlichen Lebens und am Ende dieser tiefen Betrachtung seines Wirkens bleibt ein tröstlicher, fast schon triumphaler Gedanke. Mit David Hockney verliert die Welt zweifellos einen der bedeutendsten Künstler, einen genialen Beobachter und einen warmherzigen, humorvollen Menschen. Wenn ein Mensch von uns geht, der uns so viel gegeben hat, entsteht unweigerlich eine Stille, die schwer zu ertragen ist. Seine Stimme mag in der Londoner Luft verstummt sein, das iPad liegt dunkel auf dem Tisch, die Pinsel im Atelier werden trocknen und die Staffelei bleibt leer.
Doch dieser physische Tod ist letztlich nur ein biologischer Formalakt. Ein Künstler vom Format eines David Hockney stirbt niemals wirklich, solange es Menschen gibt, die vor seinen Bildern stehen und für einen Moment den Atem anhalten.
Die Farben, die er aus seiner Seele auf die Leinwand transferiert hat, die leuchtenden Blautöne der Pools in den Hollywood Hills, die flirrenden Grüntöne der Frühlingsbäume in der Normandie, das warme Gelb der kalifornischen Sonne und die zarten Schattierungen in den Porträts seiner Liebsten – all diese Farben werden bleiben. Sie sind in die Pigmente und Pixel eingebrannt und haben sich in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingeschrieben. Sie werden noch in hundert Jahren leuchten, sie werden die Menschen der Zukunft wärmen und sie werden uns immer und immer wieder daran erinnern, dass die Welt, wenn man sie nur durch die richtige Brille und mit einem neugierigen Herzen betrachtet, ein unendlich wundervoller Ort ist.
David Hockney hat der Welt nicht einfach nur Bilder hinterlassen. Er hat uns gelehrt, das Sehen neu zu erlernen. Wenn Sie jemals an einem strahlenden Sommertag am Rande eines flirrenden, blauen Swimmingpools stehen und das Licht auf der Wasseroberfläche tanzen sehen, dann werden Sie ihn spüren. In diesem Moment ist er da, lebendiger denn je. Manche Menschen hinterlassen nach ihrem Tod eine Lücke, die von Trauer gefüllt ist. Andere Menschen hinterlassen ein Vermächtnis, das so hell strahlt, dass der Tod dagegen machtlos ist. David Hockney war einer dieser Menschen. Die Leinwand seines Lebens ist vollendet, und das Bild, das er uns hinterlässt, ist ein vollkommenes, ewiges Meisterwerk. Ruhe in Frieden, Maestro der Farben.