KONNTE NICHT LESEN — 40 Jahre Seemann, die Reederei wusste es — Götz George, Bremen 1962
Ein Seefahrtbuch liegt auf einem nassen Ritt in Bremen Überseehafen. Es ist Oktober 1962, kurz nach 6 Uhr morgens. Der Nebel sitzt tief über der Weser. Das Buch ist alt, der Einband abgegriffen, die Seiten wellig vom Salzwasser, das über die Jahre in alles eindringt. Auf dem Vorderdeckel in ungelenker Handschrift ein Name Otto Jansen.
Auf einer der mittleren Seiten Jahrgang 1957 bis 1960 ist nichts eingetragen. 3 Jahre leer. Der Mann, dem das Buch gehört, sitzt auf einer Kiste am Rand des Kais und hält ein anderes Papier in der Hand. Er schaut es an. Er dreht es einmal um. Er schaut es wieder an. Er liest es nicht. Er kann es nicht lesen. 50 m entfernt bleibt ein großer Mann stehen. Grüne Jacke, alte Schuhe.
Was stehtin? Er schaut auf den Mann mit dem Papier. Er geht langsam näher. Es gibt eine Art Würde, die sich nicht erklärt, die nicht sagt, ich kann das nicht, weil sie gelernt hat, dass man das nicht sagt, die sich stattdessen andere Wege findet, das Gehör schärft, das Gedächtnis trainiert, das Vertrauen in andere Menschen irgendwo zwischen Vorsicht und Notwendigkeit einpendelt.
Otto Jansen ist 44 Jahre lang zur See gefahren. Er ist 1920 in Flensburg geboren als Sohn eines Seemanns und Enkel eines Seemanns. Und die Schule war etwas, das andere Kinder besuchten. Er hatte mit 14 die erste Heuer unterschrieben, mit einem Kreuz, weil das so war, weil das jeder so machte, weil der Kapitän nickte und das reichte.
Er hatte nicht lesen gelernt, nicht richtig. Zahlen konnte er. Das brauchte man auf See, das lernte man von alleine. Seinen Namen konnte er schreiben, langsam, aber lesbar. Lange Texte, amtliche Schreiben, Formulare mit kleiner Schrift, die gab er anderen, dem Kapitän, dem Steuermann, irgendwem, der es las und ihm sagte, was drin stand.
40 Jahre hatte das funktioniert. Noch dabei drückt den Hype Bututton. [räuspern] Er zeigt uns, dass diese Geschichte die richtigen Menschen gefunden hat. Die See hatte ihn geformt, nicht weich, sondern fest. Er war ein großer Mann, breit durch die Schultern, mit Händen, die wie Werkzeug aussahen, nützlich, unerschöpflich, für alles geeignet, außer für zarte Dinge.
Er hatte den Atlantik in Stürmen überquert, die er danach nie beschrieb, weil es keine Worte gab, die der Wahrheit nahe kam. Er hatte Männer sterben gesehen. Auf See anders als an Land. Schneller, überraschender, ohne Abschied. Er hatte das weggesteckt, wie man alles wegsteckt, wenn man keine Zeit hat, es zu fühlen.
Er hatte eine Frau gehabt, Inge, aus Bremen. Er hatte sie 1948 kennengelernt, als er nach dem Krieg zurückkam. Inge las ihm vor, wenn es nötig war. Inge hatte die Briefe beantwortet, die Formulare ausgefüllt, die Verträge durchgeschaut. Inge war 1959 gestorben. Krebs, schnell, ohne Vorwarnung. Danach war Otto allein, und die Papiere kamen weiterhin und er gab sie weiterhin anderen.
Hans vom Rötem, dem alten Steuermann Petersen, wem auch immer gerade da war. Meistens reichte das. Das Schreiben von Norddeutsche Leut hatte Hans gelesen. Hans hatte Schwierigkeiten, die langen Wörter zu verstehen. Er hatte gesagt Otto, da stimmt was nicht mit der Rente. Ich glaube, da fehlt was. Mehr hatte er nicht herausbekommen.
Otto hatte das Schreiben mitgenommen. Er hatte es umgedreht. Er hatte es wieder umgedreht. Er saß jetzt auf dieser Kiste am Kai und schaute auf das Papier. Der große Mann in der grünen Jacke setzte sich neben ihn, einfach so, ohne zu fragen, ohne sich vorzustellen. Er saß auf der Kiste neben Otto und schaute auf die Weser.
Otto schaute ihn an, der Mann schaute auf den Fluss. “Schlechte Nachricht”, sagte der Mann schließlich. Er nickte auf das Papier. Otto schwieg einen Moment, dann ich weiß es nicht genau. Der Mann schaute ihn an. Nicht neugierig, nicht mitleidig, einfach direkt. Darf ich? Otto gab ihm das Papier. Der Mann lasangsam, ganz. Dann las er es noch einmal.
Er legte es auf seine Knie. Er schaute auf die Weser. “Drei Jahre fehlen”, sagte er. 57 bis 60. Sie haben in dieser Zeit auf einem anderen Schiff gearbeitet? Ja, der Albatros, Nordseelinie. Die Unterlagen wurden nicht übertragen. Was bedeutet das? Der Mann legte das Papier auf Ottos Knie zurück, dass die Rente kleiner wird, viel kleiner.
Otto schaute auf das Papier. Er schaute auf seine Hände, dieselben Hände, die vierzig Jahre lang Taue gezogen und Ankerketten gestemmt hatten. “Ich war auf jedem Schiff. Ich habe jede Fahrt gemacht”, sagte er. “Das ist alles da drin.” Er tippte auf das Seefahrtbuch. “Jede Fahrt.” “Ich weiß”, sagte der Mann. “Sti. Nebelhörner über der Weser.
Eine Möwe landete auf dem Kai, schaute die beiden Männer an, flog wieder weg. Wer ist der Kapitän?”, sagte der Mann. “Welcher Kapitän?” “Der beste, den Sie kennen. Der Älteste, der, dem man zuhört in dieser Stadt.” Otto dachte nach. “Miners”, sagte er. “Carl Miners, aber der ist längst. Wo wohnt er?” Otto schaute ihn an.
Warum? Der Mann stand auf. Er steckte die Hände in die Jackentaschen. Er schaute noch einmal auf das Papier auf Ottos Knien. Das ist keine Hilfe”, sagte er. “Das ist eine Korrektur. Das ist nicht dasselbe.” Er ging nicht zum Kai hinaus, in die Stadt hinein. Otto schaute ihm nach. Der Nebel schluckte ihn nach 20 Schritten. “Und sage euch, das ist wirklich passiert.
” Kapitän Karl Meiners war seit drei Jahren in Rente. Er wohnte in Schwachhausen in einem roten Backsteinhaus mit einem kleinen Garten, der im Oktober grau und müde aussah. Er saß jeden Morgen mit seinem Kaffee am Küchentisch und las die Zeitung. “Das war der Luxus der Rente”, sagte er manchmal. “Endlich Zeit zum Lesen.
” Um 8:30 Uhr klingelte es. Er kannte das Gesicht vom Fernsehen aus der Zeitung. Er ließ ihn rein, ohne zu fragen, warum. Sie saßen am Küchentisch. Der Mann trank Kaffee und erzählte von Otto von den 40 Jahren, von den drei leeren Seiten im Seefahrtbuch, von dem Papier, das Otto nicht lesen konnte. Meiners hörte zu.
Er stellte seine Tasse ab. Otto Jansen sagte er, ich kenne den Albatros 58. Guter Mann, er weiß nicht, was in dem Schreiben steht, sagte der Mann. Meiners schaute ihn an. Lange, ruhig, so wie alte Kapitäne schauen, die gelernt haben, dass man nicht alles sofort sagen muss. “Sie wissen, dass ich im Beirat sitze”, sagte Meiners.
“Deshalb bin ich hier.” Meiners stand auf. Er ging zum Telefon. Er blieb einen Moment davor stehen, die Hand auf dem Hörer. Was wollen Sie dafür? Der Mann schaute ihn an. Nichts. Meiners nickte. Er nahm den Hörer ab. Das Gespräch dauerte 8 Minuten. Meiners sprach ruhig, präzise, mit der Stimme eines Mannes, der gewohnt ist, dass man ihm zuhört.
Er nannte Namen, er nannte Paragraphen, er nannte Otto Jansens Seefahrtbuchnummer. Als er auflegte, drehte er sich um. Der Stuhl, auf dem der Mann gesessen hatte, war leer. Die Kaffeetasse war halb voll. Das ist der Teil, der mich jedes Mal trifft. Drei Tage später rief jemand von der Rentenversicherung bei Otto an.
Die Unterlagen aus der Nordseelinie seien gefunden worden. Ein Übertragungsfehler aus dem Jahr 1961. Man entschuldige sich für die Unannehmlichkeiten. Die Rente werde entsprechend korrigiert. Otto stand in seiner Wohnung in Walle, den Hörer in der Hand. Er sagte: “Ja und danke.” und legte auf.
Er setzte sich an den Küchentisch. Er schaute auf Inges Foto, das aus dem Sommer 1955 am Hafen. “Sie lacht, die Sonne hinter ihr.” “Inge”, sagte er, “esat sich gerichtet.” Er wußte nicht wie, er wußte nicht wer. Er saß einfach da und schaute auf das Foto und ließ es gut sein. Wo schaust du gerade zu? Schreib dein Bundesland in die Kommentare.
Ich will sehen, wie weit diese Geschichte reicht. Monate später fragte Otto Hans, ob er wüsse, wer da angerufen hatte. Beim Kapitän, wer dahinegangen sei. Hans zuckte die Schultern. Keine Ahnung. Irgendwer, irgendwer, das reichte. 9 Jahre später saß Otto im Wohnzimmer. November 1971. Tatort lief im Fernsehen. Ein großer Mann in einer grünen Jacke füllte den Bildschirm.
Breite Schultern, dunkle Augen, die direkt schauten. Otto hörte auf zu atmen. Er schaute auf den Bildschirm. Eine Sekunde. 3 Seine Frau, er hatte 1965 wieder geheiratet, eine Witwe aus Wegesack Kara schaute ihn an. Was ist? Otto schaute auf den Fernseher. Das ist er, sagte er. Wer? Er dachte nach. Dann jemand von früher.
Er schaute weiter auf den Bildschirm. Kara schaute auch dann wieder auf Otto. Sie fragte nicht mehr. Sie kannte diesen Blick, den Blick von jemandem, der etwas weiß, dass er nicht erklären kann und es trotzdem weiß. Wir stecken alles in diese Geschichten. Der Hype Button zeigt uns, dass wir weitermachen sollen.
Epilog Otto Jansen ging im November 1962 in Rente, pünktlich, mit der vollen Summe, wie es sein sollte. Er lebte in Walle, in derselben Wohnung, in der er und Inge gewohnt hatten. Er ging jeden Morgen zum Hafen, nicht um zu arbeiten, sondern um zu schauen. Die Schiffe, die Möwen, den Nebel. Kara zog 1965 ein.
Sie las ihm manchmal vor, die Zeitung, Briefe, was auch immer ankam. Er hörte zu, so wie er immer zugehört hatte, mit dem ganzen Körper, ohne ein Wort zu verlieren. Er hat nie lesen gelernt, nicht wirklich. Er hat nie das Gefühl gehabt, dass er etwas verpasst. Er hatte 40 Jahre die See gelesen, Wellen, Wind, Wolken, Strömungen und das war eine Sprache, die keine Buchstaben brauchte.
Jahre See, 22 Schiffe, 37 Länder, drei leere Seiten im Seefahrtbuch, die nie beschrieben wurden. Das ist eine Rechnung, die Otto nie gemacht hat. Er hat sie nicht gebraucht. Hans Petersen, sein alter Rötümfreund, erzählte die Geschichte noch Jahre später. Nicht oft, aber manchmal, wenn jemand fragte, was damals war.
Er erzählte von dem großen Mann in der grünen Jacke, der sich auf die Kiste gesetzt hatte, aber er kannte den Namen nicht. Er hatte ihn nie erfahren. “Einer vom Film”, sagte er meistens. “Ich glaube”. Otto Jansen starb im März 1978. Er wurde 57 58 Jahre alt. Er starb in seiner Wohnung im Schlaf, so wie man stirbt, wenn man sein Leben gelebt hat.
Das Seefahrtbuch liegt heute bei seinem Stiefsohn Klaras Sohn aus erster Ehe. Es ist in einer Schublade im Schlafzimmer. Manchmal zieht er es heraus und blättert darin, die langen Listen der Häfen, die Daten, die Schiffsnamen, alles in Ottos ungelenker Handschrift. Die Buchstaben groß und vorsichtig wie die eines Kindes auf den Seiten 1957 bis 1960 steht nichts 3 Jahre leer.
Die Korrektur ist in den offiziellen Unterlagen der Rentenversicherung nicht hier. Hier in diesem Buch sind diese Jahre immer noch weiß. Jeden Morgen, wenn die erste Färe über die Weser fährt, ertönt das Horn. Kurz, tief, unwiderruflich. Es klingt heute noch so wie 1962. Es klingt wie immer. Dann ist es wieder still.
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