Terence Hill bricht mit 87 Jahren sein Schweigen: Die dunklen Tragödien, die ungebrochene Freundschaft zu Bud Spencer und der späte Frieden einer Leinwandlegende
Die Welt des klassischen Weltkinos vermittelt nach außen hin allzu oft das Bild einer unbeschwerten Traumwelt, in der lautloses Gelächter, spektakuläre Prügeleien und unschlagbare Duos den Alltag bestimmen. Wenn man an das legendäre Gespann aus Bud Spencer und Terence Hill denkt, sieht man sofort einen schweren, brummigen Riesen mit Schultern wie Felsen und an seiner Seite einen schneidigen, blitzschnellen Schambolzen mit himmelblauen Augen. Ein halbes Jahrhundert lang galten sie als die unbesiegbaren Titanen der europäischen Slapstick-Komödie, deren gewaltfreie Schläge und perfekt aufeinander abgestimmter Humor Millionen von Menschen in den Kinos begeisterten. Doch hinter dem tosenden Applaus und den herzlichen Umarmungen dieser ehrenwerten Leinwandhaudegen verbarg sich eine bittere, jahrelang streng gehütete Wahrheit. Das Bild der beiden unbesiegbaren Helden, die niemals schwächelten, war längst zersplittert – gefangen in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs, belastet durch schwere persönliche Krisen, alkoholgeschwängerte Nächte der Jugend und schließlich in jener eisigen, verschneiten Nacht in New Mexico, in der Terence Hill seinen eigenen sechzehnjährigen Sohn mit den eigenen Händen zu Grabe tragen musste. Nun, im stolzen Alter von 87 Jahren und ein Jahrzehnt nach dem Heimgang seines Seelenverwandten Bud Spencer, hat Terence Hill überraschend sein eisernes Schweigen gebrochen. Er meldet sich zu Wort, um tiefe Narben offenzulegen, die nie wirklich verheilt sind, und gewährt der Öffentlichkeit einen ergreifenden Blick in sein echtes, von Schmerz und wahrer Brüderlichkeit gezeichnetes Leben.
Um die heutige Tiefe und Melancholie dieses Ausnahmekünstlers zu verstehen, muss man weit in die Vergangenheit zurückblicken. Mario Girotti, der später als Terence Hill Weltruhm erlangen sollte, wurde im März 1939 in Venedig als Kind eines italienischen Chemikers und einer deutschen Mutter aus Sachsen geboren. Im Jahr 1943 zog die Familie in das sächsische Lommatzsch, wo der kleine Mario im Februar 1945 das unvorstellbare Inferno der alliierten Luftangriffe auf Dresden hautnah miterleben musste. In einer schrecklichen Nacht, während draußen die Bomben den Boden zerfetzten, suchte die Familie Schutz in einem dunklen Kellerbunker. Dort tastete die Hand des vierjährigen Jungen im Staub nach Halt und berührte das kalte Metall einer Uniform sowie die starren Finger eines gefallenen Soldaten, neben dem eine alte Mundharmonika lag. Mit zitternden Lippen spielte der Junge darauf, um das ohrenbetäubende Dröhnen der Detonationen zu übertönen. Dieses schreckliche Trauma prägte sich tief in seine Seele ein und schuf jenes eisige, kontrollierte Schweigen, das ihn in seinen späteren Lebenskrisen stets begleiten sollte. Nach dem Krieg folgte eine entbehrungsreiche, hungernde Fußmärsche umfassende Flucht zurück nach Italien. Parallel dazu erlitt die Familie seines späteren Partners Carlo Pedasoli – alias Bud Spencer –, der aus einer wohlhabenden neapolitanischen Industriellenfamilie stammte, durch die Zerstörungen des Krieges und den wirtschaftlichen Ruin einen kompletten sozialen Absturz, der ihn und seine Angehörigen zu einer Existenz in Südamerika zwang, ehe er sich durch ehrliche Handarbeit und glorreiche Schwimmsporterfolge mühsam zurückkämpfte.
Als sich die Wege von Carlo Pedasoli und Mario Girotti im Jahr 1967 am Set eines Italowesterns durch einen glücklichen Zufall kreuzten – weil der ursprüngliche Hauptdarsteller kurzfristig ausfiel –, sprühte sofort der unverwechselbare Funke der Dynamit-Chemie. Sie nahmen amerikanische Künstlernamen an, um auf dem internationalen Parkett bestehen zu können: Bud Spencer, benannt nach einer Biermarke und seinem Idol Spencer Tracy, und Terence Hill, gewählt nach den Initialen des Notizbuchs seiner geliebten Frau Lori, die er kurz zuvor stürmisch geheiratet hatte. Mit Monumental-Erfolgen wie „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ und „Vier Fäuste für ein Halleluja“ schufen sie ein völlig neues Filmgenre, das Millionen in Ekstase versetzte. Doch trotz des gigantischen Ruhms blieb die Freundschaft nicht gänzlich frei von Spannungen. Falsche Boulevardberichte über angebliche Gagedifferenzen und spätere Millionendeals aus Hollywood, die Terence Hill aus reiner Loyalität zu Bud Spencer ausschlug, sorgten ein ums andere Mal für schmerzhafte Eiszeiten und monatelange Funkstille zwischen den beiden Giganten. Doch wahrer Respekt und tiefe brüderliche Zuneigung überstanden stets jeden Stolz.
Die absolut schwerste Prüfung ihres Lebens ereignete sich jedoch im Januar 1990. Ross Hill, der hochbegabte, adoptierte sechzehnjährige Sohn von Terence Hill, der gerade erst als Jungschauspieler an der Seite seines Vaters auf sich aufmerksam gemacht hatte, kam bei einem furchtbaren Autounfall auf einer blitzeisglatten Straße in Massachusetts ums Leben. Dieser Schlaftrunk aus purem Entsetzen brach dem Vater das Herz. Terence Hill verfiel in eine lähmende, tiefe Depression, sagte alle Filmprojekte ab, rasierte sich den Kopf kahl und floh mit seiner Frau Lori auf eine einsame Ranch im tiefsten Amerika. In dieser schrecklichen Zeit der totalen Isolation war es ausgerechnet Bud Spencer, der seinen Freund vor dem endgültigen Abgrund bewahrte. Jeden einzelnen Freitag punktuell wählte Bud von Rom aus die Nummer der abgelegenen Ranch. Oft hielt Terence den Hörer ans Ohr, ohne auch nur ein einziges Wort hervorzubringen. Bud legte nicht auf, sondern saß geduldig am anderen Ende der Leitung und sprach stets dieselben tröstenden Worte: „Ich bin noch hier, Mario. Ich bin immer noch hier.“ Diese unerschütterliche, stille Treue holte Terence langsam ins Leben zurück und mündete 1994 in ihrem gemeinsamen Abschiedsfilm „Die Troublemaker“.
Auch nach dem Tod von Bud Spencer im Juni 2016 – dessen letzte Worte lauteten: „Grazie, danke“ – blieb die Verbundenheit ungebrochen. Terence Hill zog sich nach jahrzehntelangen Erfolgen als Fernsehpfarrer in der Hit-Serie „Don Matteo“ in den ruhigen, fast eremitartigen Schoß der Natur im italienischen Umbrien und auf seine Ranch zurück, um friedlich an der Seite seiner treuen Ehefrau Lori zu leben, mit der er nun schon seit fast sechzig Jahren verheiratet ist. Wenn man den mittlerweile 87-jährigen Star heute nach seinem anhaltenden Drang fragt, im Sattel zu bleiben und neue Projekte wie einen brandneuen Western anzugehen, lächelt er sanft mit seinen weltberühmten blauen Augen und sagt jene rührenden Sätze, die Millionen Herzen berühren: „Carlo ist mir vorausgeritten. Er hat da drüben im Jenseits bereits das Lager aufgeschlagen und kocht einen riesigen Topf Bohnen über dem Feuer. Ich muss hier unten einfach weiterreiten und Filme machen, bis mein eigener Lebensfilm zu Ende ist. Denn ich darf auf keinen Fall zu spät zum Abendessen mit ihm kommen.“ Terence Hills Lebensweg ist somit kein bloßes Hollywood-Märchen, sondern das zutiefst menschliche Epos eines Mannes, der gelernt hat, sich aus den dunkelsten Trümmern zu erheben, Schmerz in Kunst zu verwandeln und eine brüderliche Liebe zu pflegen, die selbst den Tod und den Lauf der Zeit glanzvoll überdauert hat.