Sein altes Pferd verschwand jede Nacht – dann entdeckte er, was sie suchte
Um 4 Uhr morgens schlief der Schwarzwald noch, aber Ernstfaller war schon wach. Nicht, weil er es wollte. Bello hatte ihn geweckt. Der Hüterhund stand unten im Hausflur und bälte kurz und hart, so wie er nur bellte, wenn etwas nicht stimmte. Ernst schwang die Beine aus dem Bett. Der Holzboden fühlte sich warm an.
Seitf Wochen kühlte es nachts nicht mehr richtig ab und seit Wochen war kein einziger Tropfenregen gefallen. Die Wiesen rund um den Hof waren gelb wie altes Stroh. Die Bächer unten im Tal waren zu Steinbetten geworden. Im Dorf sprach niemand mehr über etwas anderes als über das Wetter. Er zog Hose und Stiefel an, ohne Licht zu machen, und trat hinaus auf den Hof.
Die Luft roch nach Staub und trockenem Harz. Die Sterne gaben gerade genug Licht, dass er das Stallgebäude erkennen konnte und das kleine Tor am Ende, hinter dem die Pferdebox lag, es stand weit offen. Ernst blieb stehen. Er hatte dieses Tor am Abend zugemacht. Er machte es jeden Abend zu seit 40 Jahren und der Riegel ließ sich nur von außen öffnen.
Ein Pferd konnte das nicht. Ein Pferd hätte das nicht gekonnt. Von der Weide hinter dem Haus drang ein Geräusch herüber, das er inzwischen kannte und nicht mehr hören wollte. Seine 14 Hinterwälder Rinder standen am leeren Trog und brüllten. Nicht laut, sondern heiser und tief. Ein Ton, der aus dem Bauch kommt. So klingt Durst.
Er leuchtete mit der Taschenlampe in die Box. Das Stroh war aufgewühlt, der Wassereimer leer und die Trense fehlte. Die alte Trense seines Vaters, abgegriffenes braunes Leder, weich wie Stoff von all den Jahren. Ernst hatte sie Froni am Abend angelegt, um sie noch einmal über den Hof zu führen, so wie früher. Er hatte sich nicht gefragt, warum er das getan hatte und er hatte vergessen, sie ihr wieder abzunehmen.
Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er so etwas vergessen. Draußen im Staub des Hofes zeichneten sich Hufabdrücke ab, groß wie Suppenteller. Froni war eine Schwarzwälder Kaltblutstute, sieben Zentner schwer, 27 Jahre alt. Für ein Pferd ihrer Art war das ein Alter, in dem man nicht mehr nachts über Höfe zieht. Er folgte den Spuren.
Sie führten am Haus vorbei, quer über die verdorrte Weide und hinein in den Wald, der hinter dem Hof steil nach unten fiel. Bellor rannte voraus, die Nase am Boden. Am Waldrand blieb er stehen und winselte. Froni rief ernst. Nichts, nur das Knacken von trockenem Holz, das sich in der Nachtluft zusammenzog. Er ging hinein in die Dunkelheit zwischen Tannen und Buchen hindurch und leuchtete den Boden ab.
Die Spuren wurden undeutlicher. Auf dem Nadelboden waren sie kaum noch zu erkennen und nach 100 m verloren sie sich ganz. Er blieb stehen und lauschte. Irgendwo weit unten schnaubte etwas, tief und ruhig. Dann war wieder Stille. Ernst rief noch einmal. Er suchte eine Viertelstunde, dann eine halbe. Sein Hemd klebte ihm am Rücken.
Die Kühe brüllten hinter ihm und er wusste, dass er zurück musste, denn ohne Wasser blieb ihm für sie nur noch, was er aus dem alten Hofbrunnen schöpfen konnte. Und davon war nicht mehr viel übrig. Als der Himmel über den Tannenspitzen grau wurde, ging er den Weg zurück, müde und mit einem schweren Gefühl in der Brust. Er hatte vor vier Jahren seine Frau verloren.
Er war nicht bereit, jetzt auch noch sein ältestes Tier zu verlieren. Am Hof angekommen, blieb er wie angewurzelt stehen. Froni stand vor dem offenen Stalltor, ruhig, als wäre nichts gewesen. Die Trense hing ihr am Kopf, der Atem ging gleichmäßig. Sie sah ihn an mit diesen großen dunkelen Augen, in denen er als Junge schon Trost gefunden hatte.
Er trat näher. Ihre Schnauze war nass. Tropfen liefen ihr vom Maul in den Staub und ihre Vorderbeine waren bis zu den Fesseln mit rotbraunem Lehm verschmiert. Feuchtem, frischem Lehm. Ernst kniete sich hin und drückte die Erde zwischen den Fingern. Sie war kühl, sie war nass. In diesem Sommer gab es im ganzen Hochschwarzwald keinen Fleck mit feuchter Erde. Das wusste er.
Er hatte selbst wochenlang danach gesucht und doch hatte diese alte Stute in einer einzigen Nacht einen gefunden. Bello legte sich neben ihn. Froni schnaubte leise und sah zurück zum Wald, als hätte sie ihm gerade eine Frage gestellt, die er noch nicht verstand. Wo? Froni, wo warst du? Ernst hatte kein Gefühl mehr für den Morgen.
Er versorgte die Rinder mit dem, was der Brunnen noch hergab, einem trüben Rest, den er mit Eimern zur Weide trug. Zwei Stunden schleppte er, bis die Tiere ruhiger wurden, bis der Trog wenigstens einen Handbreit bedeckt war. Seine Schultern brannten. Die Kühe waren hinter Wälder, die kleinste und älteste Rinderrasse des Schwarzwaldes.
Klein, zäh, gelbraun, mit hellem Kopf, gemacht für Steilhänge, auf denen jede größere Kuh abgestürzt wäre. Einst hatte es zehntausende davon gegeben. Heute gab es nur noch wenige Höfe, die sie hielten. Ernst hatte sie von seinem Vater übernommen und der von seinem Vater. Seine Leidkuh hieß Flora und war schon 9 Jahre alt.
Sie stand jetzt neben ihm am Trog und leckte ihm die Hand, weil sie an seinem Ärmel schweiß roch. “Ich weiß, Flora”, sagte er. “Ich weiß. Der Hof, den man im Dorf nur den Fallerhof nannte, lag auf 1200 m über dem Meer. Ein langes Schwarzwaldhaus mit tiefgezogenem Wendach, Schindeln an der Wetterseite, dahinter Stahl und Scheune.
Ernst war hier geboren. Er hatte in derselben Stube die ersten Schritte gemacht, in der er heute sein Frühstück aß. 64 Jahre alt war er inzwischen, breit in den Schultern, mit Händen wie Schaufeln und einem Rücken, der ihn nur noch gehorchte, wenn er ihn nicht überforderte. Froni war älter als jedes andere Tier auf dem Hof.
Als sie geboren wurde, in einem ebenfalls trockenen Sommer, war sein Vater Josef schon über 60 gewesen. Die Stute kam mit einer Kolig zur Welt und Josef hatte sie nächtelang mit der Flasche gefüttert, im Stroh sitzend, mit dem Fohlen auf dem Schoß, obwohl der Arzt ihm längst zur Schonung geraten hatte. Die ist C, hatte er gesagt.
Die wird alt, das Fohlenwich ihm danach nie mehr von der Seite. Wenn Josef durch den Hof ging, ging Froni hinter ihm her wie ein Hund. Später war sie ernst Arbeits geworden. Im Winter zog sie das Holz aus den Steilhängen, wohin kein Schlepper kam. Und einmal im Schneewinter vor 15 Jahren hatte sie das Brennholz für sechs Höfe im Dorf gerückt, tag für Tag, ohne ein einziges Mal zu stocken.
Die Leute sprachen heute noch davon. Und als Hanna gestorben war, seine Frau im März vor vier Jahren, da hatte Ernstes nicht fertig gebracht, die Beerdigung auszuhalten. Am nächsten Morgen stand er im Stahl und weinte in Wrois Mähne. Wochenlang ging die Stute dann jeden Tag zum Friedhofszaun am Dorfrand und war nicht wegzubringen.
Der Pfarrer meinte: “Tiere trauern nicht.” Ernst sagte nichts dazu. Er hatte es ja gesehen. Am Vormittag klingelte das Telefon. Es war Miriam, seine Tochter aus Freiburg. Sie rief jeden Sonntag an, heute war Mittwoch und schon das Allein sagte ihm, dass es um etwas ging. Papa, ich habe mit dem Herrn Wiesler gesprochen. Ernst schwieg.
Wiesler war der Pferdehändler aus dem Nachbartal. Er kommt am Montag. Er nimmt Froni mit. Er zahlt einen anständigen Preis und sie kommt auf einen guten Platz, hat er gesagt. Sie ist 27. Papa, du kannst dir bei dieser Trockenheit kein Pferd leisten, das nichts mehr arbeitet. Das ist vernünftig. Vernünftig, wiederholte ernst.
Ich mache mir Sorgen um dich, weißt du. Er sah aus dem Fenster zur Weide, wo Froni im Schatten der alten Linde stand, den Kopf gesenkt und mit einem Hinterhuampfte. “Ich weiß, Mädchen”, sagte er. “ich denk darüber nach.” Er legte auf. Sein Blick ging zum Kalender neben der Tür. Montag, fünf Tage.
Der Hofbrunnen war kein Brunnen mehr, sondern ein Loch mit einem Rest Feuchtigkeit am Grund. Ernst hatte in den Tagen davor immer wieder hineingeleuchtet, wie ein Mann, der hofft, dass sich die Wirklichkeit noch einmal ändert. Der Wasserstand fiel jeden Tag um eine Handbreit. Am Freitag war das Wasser trüb geworden, am Sonntag roch es und am Dienstag hatte er zum ersten Mal Sand in den Eimern.
Auf einem Bergbauernhof braucht ein Rind bei dieser Hitze 100 Liter am Tag, manchmal mehr. Bei 14 Tieren, dazu dem Pferd, dem Hund, dem Haus, kamen so an die 1500 l zusammen. Jeden Tag 1500 l, die vom Himmel nicht mehr kamen. Also hatte er den Wasserfahrer angerufen, einen Mann aus Walzut mit einem Tankwagen.
Der Mann war müde gewesen. Herfaller, ich habe 33 Anfragen auf dem Tisch. Ich kann Ihnen zweimal die Woche eine Fuhre zusagen bis Ende des Monats. Danach habe ich selber nichts mehr, weil die Quellen bei uns auch zurückgehen. Die Fuhre kostete 420 €. Ernst hatte das Sparbuch von Hanna hervorgeholt, dass er seit ihrem Tod nicht angerührt hatte.
Es reichte für gut zwei Wochen. Er konnte es nicht anders sagen. Zwei Wochen. Am Freitagabend ging er ins Dorf in den Hirschen. Er wollte nicht hin, aber es war Stammtisch. Und wer in einem Dorf im Schwarzwald nicht zum Stammtisch geht, wenn es ihm schlecht geht, dem sagt man nach, es gehe ihm noch schlechter. Reinhol Schill saß am Kopf des Tisches.
Ein großer Mann, Anfang 50, mit breitem Gesicht und feinem Gespür für Gelegenheiten. Ihm gehörte der größte Milchfiehbetrieb im Umkreis. 120 Holsteiner, zwei Melkroboter, ein Brunnen, der tief genug reichte, um auch in diesem Sommer noch zu liefern. Als ernst hereinkam, verstummte das Gespräch für einen Augenblick. Ernst.
Reinhold hob sein Glas. Setz dich. Wir haben gerade von dir geredet. Von mir? Vom Brunnen. Man hört, dass es bei dir eng wird. Er sagte es freundlich, so freundlich, dass es ernst kalt über den Rücken lief. Ich habe da einen Vorschlag. Ich nehme dir die Hinterwälder ab. Alle 14000 € das Stück. Ich stell sie zu meinen auf die Alm, da habe ich Wasser.
Du hast dein Geld, kannst dich in Ruhe erholen und keiner muss leiden. 1000 €. Eine gute Hinterwälderzuchtkuh war das doppelte Wert, bei diesen Linien noch mehr. Und Reinhold wusste das. Er hielt hinter Wälder nur, wenn es Förderung dafür gab. Ernst spürte die Blicke am Tisch. Manche voller Mitleid, manche voller Neugier, ein paar voller Erleichterung, weil es diesmal nicht sie selbst traf.
Ich überleg’s mir, sagte er. Überleg’s dir gut, aber nicht zu lang. Reinhold lächelte. Wasser wartet nicht. Am nächsten Morgen kam Frau Dr. Weerle vom Zuchtverband, eine ruhige Frau um die 40, die seit Jahren die Hinterwälder der Region betreute. Sie ging mit ihm durch die Herde, dann setzte sie sich im Schatten der Scheune auf eine Bank und rechnete auf einem Block.
Ernst sah ihr zu. “Sie haben mit der Fuhre 22 Tage”, sagte sie schließlich. Vielleicht 26, wenn es abkühlt. Danach gibt es kein Wasser mehr für diese Tiere und sie wissen, was das heißt. Verkaufen, Notverkaufen. Und wenn so viele Höfe gleichzeitig verkaufen, fällt der Preis noch weiter. Sie sah ihn an. Herfaller, diese Linien gibt es nirgendwo sonst.
Wenn die Herde geht, ist sie weg. Ich sage das nicht, um sie unter Druck zu setzen. Ich sage es, weil es stimmt. Ernst nickte er 22 Tage. Sein Kopf brummte. In dieser Nacht lag er lange wach. Gegen zwei hörte er auf dem Hof ein Klappern. Er sprang auf, zog die Stiefel an und lief nach draußen. Das Tor zur Pferdebox stand offen.
Er hatte diesmal einen zweiten Riegel angebracht, von außen mit einem Vorhängeschloss gesichert. Das Schloss lag aufgebogen im Sand. “Das gibt’s doch nicht”, flüsterte er. Bello stand schon am Waldrand, die Ohren aufgestellt. Ernst holte die Stirnlampe, stopfte sich eine Flasche in die Jackentasche und ging los.
Diesmal würde er nicht umkehren. Er ging zwei Stunden lang. Der Wald wurde dichter, steiler. Ernst kannte diesen Hang seit seiner Kindheit, aber er war seit Jahrzehnten nicht mehr hier gewesen, weil es keinen Weg gab und keinen Grund. Er stieg über umgestürzte Stämme, rutschte im trockenen Laub, hielt sich an Wurzeln fest und dann sah er im Lichtkegel die Spuren wieder.
Frischer Lehm auf den Steinen, ein Abdruck, der so tief in den Boden ging, dass der Hang an dieser Stelle feucht sein musste. Bello lief voraus und blieb stehen. Ernst hörte es zuerst. ein leises, gleichmäßiges Tropfen, so leise, dass er den Atem anhalten musste. Irgendwo unter ihm im Dunkeln fiel Wasser auf Stein.
Er schwenkte die Lampe. Zwischen zwei riesigen Buchen lag eine Mulde, überwuchert von Brombeeren, Fahn und Haselzweigen. Und mittendrin mit dem Kopf im Fahn und den Vorderhufen im Schlamm stand Froni. Sie trank. Er ging langsam näher und bog die Bromberranken zur Seite. Unter dem Fahen war Stein, kein natürlicher Fels, sondern behauene Granitblöcke, sauber aufeinander gesetzt, zu einer kleinen Mauer gefügt.
Ein Bogen aus Steinen, verschüttet von Erde und Laub in der Mitte ein schmaler Ablauf, aus dem ein dünnes Rinnsaal in eine Vertiefung sickerte. Es war eine gefaßte Quelle, eine, die jemand vor sehr langer Zeit gebaut haben musste. Ernst stand lange da, die Lampe in der Hand, und sah der Stute beim Trinken zu.
Dann trat er neben sie. Er strich ihr über den Hals. Sie hob den Kopf und stupste ihn mit der nassen Schnauze an die Brust. “Du hast gewusst, dass sie hier ist”, flüsterte er die ganze Zeit. “Wie konnte das sein?” Froni war 27 Jahre alt. Sie war, soweit er wußte in ihrem Leben nie hier gewesen. Oder etwa doch? Er blieb bis zum Morgengrauen.
Als es hell wurde, sah er mehr. Die Fassung war in einen Hang gebaut, der nach Norden lag, schattig und kühl, unter uralten Buchen. Das Wasser sickerte nur noch, weil Geröll und Wurzeln die Quelle erstickten. Aber es war da klar, kalt und reichlich genug, dass es bei dieser Trockenheit nicht versiegt war. Am Nachmittag durchsuchte Ernst die Truhe auf dem Dachboden, die sein Vater nie hatte öffnen lassen.
Es dauerte eine Stunde, dann fand er ganz unten unter alten Schulheften, ein gefaltetes Papier mit Bleistiftzeichnungen. Eine kleine Skizze in einer festen eckigen Handschrift. Quelle Faller gefasst 1958 für Vieh und Haus, darunter die Unterschrift seines Großvaters. Ernst setzte sich auf den Boden mitten zwischen Staub und Erinnerungen.
Sein Großvater hatte diese Quelle gebaut. Sein Vater hatte davon gewusst und nie ein Wort gesagt. Nicht ein einziges Mal in all den Jahren, nicht einmal in den Dürreommern, als das Wasser knapp geworden war. Warum? Er stand auf. Er ging hinunter zum Hof, rief den Pferdehändler an und sagte: “Herr Wiesler, ich brauche zwei Wochen, nicht fünf Tage, zwei Wochen.
Herr Faller, ich habe einen Käufer.” Dann sagen sie dem Käufer, dass er warten muss. Ernst hörte sich selbst reden und wunderte sich über den Klang seiner Stimme. “Ich zahle Ihnen die Fahrt. Zwei Wochen, dann können Sie kommen.” Es blieb einen Augenblick still. “Zwei Wochen”, sagte Wiesler. und keinen Tag mehr. Ernst legte auf und ging zum Kalender.
Er machte einen Kreis um den Tag, an dem die Frist endete. Dann nahm er einen Bleistift und schrieb ganz klein hinein: Quelle. Am nächsten Abend wusste das ganze Dorf davon. Nicht weil ernst etwas gesagt hatte, sondern weil Bäuerinnen Augen haben. Man hatte ihn mit Sparten und Hacke im Wald verschwinden sehen.
Im Hirschen hieß es: Der Fallersuche eine Wünschelrute. Ein Verrückter, einer, der sich lieber im Wald verläuft, als seinen Stolz zu verkaufen. Reinhold Schill sagte nichts dazu. Er lächelte nur. Am nächsten Morgen um 6 Uhr stand Ernst mit Schubkarre, Sparten, Beil und Froni an der Mulde.
Er wollte zuerst sehen, wie es um die Fassung stand. Er begann mit den Brombeeren. Dann kamen die Haselwurzeln, dick wie Handgelenke, die sich in die Fugen der Mauer gekrallt hatten. Er hackte, zog, schnitt und hob Stein für Stein aus dem Geröll, das sich über Jahrzehnte im Sammelbecken angehäuft hatte. Die Sonne kam nur gedämpft durch das Buchenlaub.
Trotzdem lief ihm der Schweiß in die Augen. Der Rücken schmerzte, wie er schon lange nicht mehr geschmerzt hatte. Gegenmittag wurde das Rinsaal stärker. Ernst hielt inne, als er den ersten richtigen Schwall hörte, ein Pletschern, das im Wald wie Musik klang. Das Wasser sammelte sich im Becken, klar wie Glas, und lief über. Und dann roch er es.
süßlich, faulig, ein Gestank, den jeder Landwirt kennt. Ernst tastete im Sammelschacht nach dem, was den Ablauf verstopste, und zog einen toten Fuchs heraus. Halb verwäst, seit Wochen da. Er musste bei der Hitze hineingefallen sein, auf der Suche nach Wasser. Ernst stand da mit dem Kadaver in der Hand und spürte, wie ihn die Hoffnung wieder verließ.
Das Wasser war verunreinigt und Zeit hatte er keine. Er vergrub den Fuchs, schuerte den Schacht mit Bürste und Sand, ließ das Becken dreimal leer laufen und füllte es neu. Am dritten Tag brachte er eine Probe zur Tierärztin. Sie schickte sie ins Labor. Zwei Tage später kam das Ergebnis, dass er nicht hören wollte.
Zu viele Keime, nicht zum Tränken geeignet. Ernst hätte an diesem Abend am liebsten alles hingeworfen. Er saß auf der Bank vor dem Haus. mit Bellot zu seinen Füßen. Da kam Froni und legte ihm den schweren Kopf auf die Schulter. So hatte sie es früher immer getan, wenn er allein war. Ich weiß, murmelte er. Ich probiere es noch mal. Er räumte die Fassung ein zweites Mal aus, viel gründlicher.
Er entfernte auch den Lehm unter dem Becken, weil er dahinter einen zweiten verborgenen Zulauf vermutete. Und dort fand er ihn, eine Ader, aus der das Wasser stärker floss, als er gedacht hatte. Er legte Kies unter, wie es früher üblich gewesen war, und spannte ein Gitter vor den Einlauf. Wieder brachte er eine Probe. Diesmal kam das Ergebnis nach zwei Tagen. Einwandfrei.
Ernst lass den Zettel dreimal. Dann kam das nächste Problem und es war das größte. Die Quelle lag fast 500 m vom Hof entfernt und etwa 30 m tiefer. Wasser fließt nicht berg auf. Ein Tankwagen kam nicht durch den Wald. Eine elektrische Pumpe hätte Strom gebraucht und die nächste Leitung endete am Haus 300 m zu weit. Selbst ein Aggregat hätte er sich nicht leisten können.
Er saß auf dem Hocker in der Stube und starrte auf die Zeichnung seines Großvaters. Und dann fiel sein Blick auf etwas, dass er dutzend mal übersehen hatte. Am unteren Rand der Skizze war eine zweite kleinere Zeichnung. Ein Kasten, zwei Rohre, ein kleiner Kessel. Darunter stand: Stoßheber. Anton fragen. Anton Ketterer war der alte Schmied vom Nachbardorf, 81 Jahre alt, seit 10 Jahren im Ruhestand.
Als ernst ihm die Zeichnung zeigte, schob der Alte die Brille auf die Stirn und lachte leise. “Das ist ein Widder”, sagte er. “Ein hydraulischer Widder. Deinen Großvater habe ich als Bub noch gekannt. Wir haben so einen gebaut nach dem Krieg für den Kirschbüllhof. Wie funktioniert das? Ohne Strom, ohne Motor, nur mit dem, was das Wasser selber will. Anton nahm einen Bleistift.
Das Wasser fließt von der Quelle durch ein langes Rohr nach unten, berg ab und wird schneller. An einem Ventil unten reißt der Strom das Ventil zu, plötzlich mit einem Schlag. Und der Schlag drückt einen Teil des Wassers durch ein zweites Ventil in einen Druckkessel und von dort aus ein Steigrohr auf.
Ein Teil des Wassers gibt seine Kraft ab, damit ein anderer Teil steigen kann. Und das Ganze wiederholt sich Tag und Nacht, jede Sekunde einmal. Ernst starte ihn an. Und das genügt, um das Wasser 30 m hochzubringen. Bei genug Gefälle, ja, nicht viel, vielleicht 3 4 l die Minute, aber das macht am Tag 6 7000 l genug für deine Kühe. Der Alte sah ihn scharf an.
Wenn du es richtig baust. Sie bauten ihn zusammen auf Antons Werkbank und in Ernst Werkstatt. Ein altes Rückschlagventil von der Brunnenpumpe, ein Stück Regenrohr, ein ausgedientter Druckkessel, den Hanna damals für die Hauswasseranlage gekauft hatte. Anton fallte, ernst, hielt fest. Manches gelang nicht, manches musste er dreimal machen.
Das Schwingventil ist das Herz, sagte Anton. Zu schwer und es schlägt nicht zu. Zu leicht und es flattert. Du musst hinhören. Er sagt dir, wann er zufrieden ist. Das Wort blieb hängen. Ernst hörte für einen Moment die Stimme seines Vaters, der es ihm als Kind gesagt hatte, wenn sie am Brunnen standen. Wasser klopft an, wenn man ihm zuhört.
Am neunten Tag war der Wider fertig. Jetzt mussten die Rohre in den Wald. 500 m Antriebsleitung, dazu das Steigrohr hinauf zum Hof. Jedes Stück 5 Meter lang, jedes so schwer, dass zwei Männer es kaum tragen konnten. Ernst holte den alten Deutz aus der Scheune, seinen Schlepper. Er kam bis zum Waldrand und blieb dann im Steilhang stecken.
Die Räder drehten durch, der Motor heulte auf. Ernst stieg ab und sah den Hang hinauf. 10 Tage waren um. Vier blieben. Da hörte er hinter sich Hufschlag. Froni Sie war ihm aus dem Hof gefolgt, ohne dass er sie gerufen hatte. Sie blieb neben ihm stehen und sah zum Hang. Ernst begriff. Er hatte es in all den Jahren tausend mal gesehen.
Nur nie in dieser Lage, nie mit dieser Zeit im Nacken, nie mit einer Stute, die 27 Jahre alt war. Er holte das Geschier aus dem Stall, das alte Rückegeschier, Leder und Kette, das seit drei Wintern an der Wand hing. Er legte es ihr an. Sie ließ es geschehen. Er band drei Rohre aneinander und befestigte sie an einem Zugseil. Dann trat er zurück.
“Hüh! Froni”, sagte er ruhig. Sie stemmte sich in das Geschier. Die Muskeln an ihrem Hals spannten sich, die Hufe gruben sich in den trockenen Boden. Das Bündel ruckte, dann rutschte es über den Waldboden hinauf, Stück für Stück, Schritt für Schritt. “Hott”, rief ernst und sie bog nach rechts um einen Stamm herum.
B er err und sie hielt, atmete, wartete. H. Sie arbeitete drei Stunden am Stück. Ernst legte die Rohre, schraubte sie zusammen, dichtete sie mit Hanf ab, so wie es Anton ihm gezeigt hatte. Immer wieder sah er zu Froni hinüber. Ihr Fell war dunkel vor Schweiß, ihre Flanken bebten. Zweimal nahm er ihr das Geschier ab und ließ sie trinken aus dem Eimer, den er mit Quellwasser gefüllt hatte.
Ihr Blick war ruhig. Kein Vorwurf, keine Klage, nur Arbeit. Am Nachmittag rutschte sie aus. nur ein wegrutschen des Hinterhues, aber ernst blieb das Herz stehen. Er ließ alles fallen und lief zu ihr, legte ihr die Hände an die Beine. Sie stand fest. Sie sah ihn an und schnaubte fast ungeduldig.
“Willst du weitermachen?”, fragte er. Sie legte sich wieder ins Geschier. Am 11. Tag stand die Leitung. Der Wider hing an der Quelle, sauber verschraubt, mit einem kleinen Kasten aus Lärchenholz als Wetterschutz. Bevor Ernst ihn in Gang setzte, ging er noch einmal zum Grundbuchaamt dem Nachbarort, um das Wasserrecht prüfen zu lassen.
Er wollte alles richtig machen. Er wollte keinen Ärger. Die Beamtin holte einen dicken, vergilbten Band. Sie blätterte lange und schüttelte dann den Kopf. Herfaller, die Quelle liegt gar nicht auf ihrem Grundstück. Wie bitte? Sie liegt auf Flurstück 412. Das gehört der Familie Schill. Ernst starrte auf die Zeile Reinhold Schill, der Mann, der ihm 1000 € pro Kuh geboten hatte, der Mann, der im Wirtshaus gelächelt hatte, als von Wünschelruten die Rede war.
Aber sagte die Beamtin und tippte auf eine Randbemerkung, hier steht ein Wasserrecht, ein altes. Eingetragen 1958 zugunsten des Fallerhofs, für Vieh und Haus unbefristet. Ernst atmete aus. Also darf ich rechtlich ja, aber sie sollten mit dem Eigentümer reden. Er ging hinaus in den heißen Nachmittag und blieb lange auf der Straße stehen. Es war kein Zufall.
Nichts, was zwischen den Höfen dieses Tals geschah, war Zufall. Irgendetwas war damals passiert zwischen seinem Vater und den Schills. Und es hatte dazu geführt, dass eine Familie ihre eigene Quelle vergessen wollte. Am zwölft. Tag fuhr er zu Reinhold, um mit ihm zu sprechen. Er fand ihn nicht. Der Melker sagte, der Chef sei bis Freitag auf einem Lehrgang.
Ernst hinterließ eine Nachricht, kurz ohne Vorwürfe und wartete bis zum Abend. Es kam keine Antwort. Er entschloss sich nicht länger zu warten. Der 13. Tag brach an. Es war ein Donnerstag, der vorletzte Tag. Ernst stand im Morgengrauen an der Quelle. Froni war mitgekommen, ohne daß er sie gerufen hatte, und stand ruhig unter den Buchen. Bello lag im Fahn.
Alles war vorbereitet. Die Leitungen lagen, die Verschraubungen waren geprüft. Ernst kniete vor dem kleinen Lärchenholzkasten und hielt den Atem an. Er öffnete den Zulaufschieber. Das Wasser rauschte in das lange Rohr hinunter, füllte es, sammelte Kraft. Er wartete, hörte, wie es gurgelte. Nichts geschah. Er schob das Schwingventil mit dem Daumen an.
Einmal, zweimal, dreimal. Und dann klopfte es. Ein dumpfer, satter Schlag, tief im Holz. Eine Pause, ein zweiter Schlag, dann ein dritter. Im gleichen Takt. Klock, Klock, Klock. Ein Geräusch, wie er es seit seiner Kindheit nicht mehr gehört hatte. Wie das Herz eines Tieres, das ganz tief im Boden schlägt. Ernst mußte sich setzen.
Er hatte Tränen in den Augen und schämte sich nicht dafür. Er hörte es und dachte an den Satz seines Vaters. Wasser klopft an, wenn man ihm zuhört. Froni hob den Kopf. Ihre Ohren stellten sich auf. Sie schnaubte leise und trat einen Schritt näher, als wollte sie sich vergewissern. 200 m höher, hinter der Scheune stand ein alter Betontrock, den er Tage vorher mit dem Steigrohr verbunden hatte.
Ernst stürmte den Hang hinauf, den ganzen Weg, so schnell es sein Rücken erlaubte. Am Trog blieb er stehen. Er beugte sich vor. Nichts, kein Tropfen, nur staubiger Beton und das Summen von Fliegen. Er wartete 10 Minuten, dann 20. Er lief zurück und wieder hinauf und wieder zurück.
Der Witder klopfste gleichmäßig, das Wasser stieg, aber es kam nicht an. Irgendwo zwischen Quelle und Hof saß etwas fest. Er verbrachte den halben Tag damit, das Steigrohr abzugehen, Muffe für Muffe und suchte nach einem Leck. Er fand keins. Erst am Abend, als die Sonne schräg durch die Bäume fiel, hörte er ein leises Zischen aus einer Verbindung am höchsten Punkt der Leitung, oben am Hang. Eine Luftblase.
Sie hatte sich am höchsten Punkt gesammelt, wie ein Pfopfen, und ließ das Wasser nicht durch. Die Luft musste raus, aber er hatte kein Entlüftungsventil und der Baumarkt im Dorf hatte längst geschlossen. Er stand da, im Halbdunkel mit einer Rohrzange in der Hand und wusste plötzlich, was er tun musste. Er hatte einen Menschen gesehen, der so ein Ventil hatte, der Melkroboter bei Schill.
Er hatte einen ganzen Lagerraum voller Ersatzteile. Der Gedanke schmeckte bitter, aber ernst war nicht mehr der Mann, der sich lieber selbst im Weg stand, als um Hilfe zu bitten. Nicht in diesem Sommer. Er nahm den Wagen und fuhr los. Es war schon 9:30 Uhr. Er klopfte an die Tür des Schillhofs und Reinhold öffnete selbst im Unterhemd mit einem Bier in der Hand.
Sein Blick wanderte über ernststaubige Kleider über die Hände voller Schrammen. “Was willst du? Ein Entlüftungsventil sagte ernst. Und Hilfe. Reinhold lachte kurz auf. Bei was? Bei deiner Quelle. Es wurde still zwischen ihnen. Aus dem Stall hörte man das gleichmäßige Z Melkanlage. Reinholzgesicht veränderte sich langsam.
Erst war da Ärger, dann etwas anderes, das ernst nicht deuten konnte. Der Mann stellte das Bier auf die Fensterbank. Du hast die Quelle gefunden. Meine Stute hat sie gefunden. Reinhold rieb sich mit der Hand über das Gesicht. Warte. Er verschwand im Haus und kam mit einer Werkzeugtasche zurück. Ich komme mit.
Sie fuhren zusammen zum Fallerhof. Dann gingen sie im Schein zweier Sternlampen den Hang hinauf. Froni stand am Rand der Mulde, als hätte sie gewartet. Reinhold blieb stehen, als er den Wider klopfen hörte. Er hörte eine ganze Weile zu. Mein Vater hat davon erzählt”, sagte er leise. Das Klopfen.
Er suchte den höchsten Punkt der Leitung ab, erklärte, wo bei einem Steigrohr üblicherweise die Luft sitzt und schraubte mit ruhigen, geübten Händen das Ventil ein. Ein Zischen, dann ein Gurgeln, dann ein kalter Strahl, der ihnen ins Gesicht spritzte. Sie hörten beide den Witder, der jetzt anders klang. tiefer zufrieden.
Sie liefen den Hang hinauf, Seite an Seite wie zwei Jungen. Bei der Scheune blieben sie stehen. Aus dem Rohr am Beton trg lief ein Strahl, dünn wie ein Finger, aber klar und beständig. Das Wasser sammelte sich, stieg, füllte den Grund, dann die Wände entlang. Ernst stand da und konnte nichts sagen. Er holte die Rinder von der Weide.
Flora ging voran, wie immer, dann die anderen in einer langen Reihe. Als sie den Trog erreichten, blieben sie stehen, senkten die Köpfe und tranken. Das Geräusch von 14 Kühnen, die endlich Wasser haben, ist eines der schönsten der Welt. Es klingt nach Erleichterung. Es klingt wie ein Seufzer, den ein ganzer Hof zugleich ausstößt. Froni trank als letzte.
Sie hatte gewartet, bis alle fertig waren. Dann steckte sie das Maul ins Wasser und schloss die Augen. Bellor setzte sich daneben und wachte, als wäre es seine Aufgabe. Reinhold stand hinter Ernst, die Hände in den Taschen. Nach einer Weile sagte er, ich muss dir was sagen. Ernst drehte sich um. Dann sag es, Reinholz sah nicht ihn an, sondern die trinkenden Tiere.
Als ich klein war, hat mein Vater nie erlaubt, dass wir in diesen Teil des Waldes gehen. Ich wußte nicht, warum. Erst als er starb, hatte es mir gesagt. Er zog die Schultern hoch. Im Sommer 1961 kam ein Landvermesser ins Tal. Er zeichnete die Grenzen neu und mein Vater Alois hat ihm damals, als es um die Quelle ging, nichts gesagt.
Er hat einfach zugelassen, dass der Vermesser sie auf unser Flurstück schrieb, weil er hoffte, sie später allein nutzen zu können. Dein Großvater war schon tot. Dein Vater war jung. Er hat es erst nach Jahren bemerkt. Er hat sich betrogen gefühlt. Sie haben nie wieder ein Wort miteinander gesprochen. Ernst schwieg. Er dachte an seinen Vater, an die zusammenhänge preßen Lippen, wenn der Name Schill fiel, an das Schweigen in den Dürre Jahren, wenn man kein Wasser hatte und trotzdem nie um Hilfe bat.
Er begriff, dass der Stolz seines Vaters die Quelle ebenso begraben hatte wie der Waldboden. “Dein Vater,” sagte Reinhold, “hat später bereut, was er getan hat. Er hat mir gesagt, das Wasser gehört keinem. Ich habe das nie verstanden. Bis heute mein Vater sagte ernst langsam hat Froni als Fohlen einmal nachts mitgenommen. Ich weiß es jetzt.
Er muss sie in dem trockenen Sommer, in dem sie geboren wurde, zu dieser Quelle geführt haben. Heimlich, weil er nicht zugeben wollte, dass er sie brauchte. Sie hat es nie vergessen. Er spürte einen Kloss im Hals. Sein Vater war vor neun Jahren gestorben und ernst hatte geglaubt, ihn zu kennen. Sie standen lange nebeneinander in der Dunkelheit, zwei Männer über 60 und über 50, deren Väter sich auf den Tod nicht ausstehen konnten.
Dann sagte Ernst: “Die Quelle gibt mir her, als ich brauche. Ich habe den zweiten Zulauf gefunden. Vielleicht 40 l die Minute, wenn ich sie richtig fasse. reicht für zwei Höf, vielleicht drei. Reinhol sah ihn an. Das Wasserrecht steht dir zu. Ich weiß, aber es ist dein Land. Sie schwiegen. Dann streckte Reinhold die Hand aus. Ernst schlug ein, ein Händedruck wieder eines Mannes, der nach langer Zeit wieder festen Boden unter den Füßen hat.
In der folgenden Woche bauten sie gemeinsam. Anton Ketterer kam mit, unterm Arm einen zweiten Wider, den er in seiner alten Schmiede aus Resten gebaut hatte, weil ihm im Ruhestand langweilig geworden war. Reinhold legte eine Leitung zu seinem Hof und ein dritter Nachbar, der Kirchbühlbauer, dessen Vorfahren eins den ersten Wider gehabt hatten, holte seine eigene Zeichnung hervor.
Drei Höfe hingen nun an derselben Quelle. Drei Wider klopften im Takt unter den Buchen, jeder ein wenig anders. Der Wasserfahrer kam noch einmal, um die letzte Fuhre zu liefern. Ernst schickte ihn mit einem Lächeln weg. Behalten Sie es für jemand, der es braucht. Am 14. Tag kam der Pferdehändler Wiesler.
Er stand mit seinem Anhänger im Hof und sah ernstfragend an. Ernst stand neben Froni, die Hand auf ihrem Hals. Herr Wiesler, sagte er, ich danke Ihnen für ihre Geduld. Sie brauchen nicht mehr zu warten. Wiesler schaute über den Hof, sah den vollen Trog, die zufriedenen Rinder, die Stute mit den ruhigen Augen. “Sie behalten sie also.
” “Sie ist keine Ware”, sagte ernst. “Sie ist die vernünftigste von uns allen.” Wiesler hob die Schultern, lachte kurz, schüttelte ihm die Hand und fuhr leer davon. Miriam kam am darauffolgenden Wochenende. Sie stieg aus dem Wagen, die Sonnenbrille in den Haaren, ein bisschen blass von der Stadt und blieb vor dem Trog stehen.
Ernst erzählte ihr alles von der Nacht, dem Lehmen, der Zeichnung, dem Klopfen. Als er fertig war, sagte sie lange nichts. Dann trat sie zu Froni und legte ihr die Wange an den Hals. “Ich habe gedacht, ich mache dir das Leben leichter”, murmelte sie. Dabei habe ich nur gedacht, ich müsse dich vor etwas beschützen, dass du besser kanntest als ich.
Du wolltest es gut machen. Das stimmt. Aber gut ist nicht immer richtig. Sie lächelte und in ihrem Lächeln war etwas von ihrer Mutter. Ich komme nächstes Jahr wieder und dann bringe ich Lena mit. Lena war ihre Tochter 7 Jahre alt. Ernst hatte sie erst dreimal gesehen. Ein Jahr später war der Sommer wieder trocken. Nicht so schlimm wie im Jahr zuvor, aber trocken genug.
Und diesmal blieb der Fallerhof still und ruhig, während in anderen Höfen die Tankwagen fuhren. Die Beraterin Frau Dr. Werle kam im Frühling mit einer Gruppe von Landwirten aus Baden und dem Alguer sehen wollten. Anton Ketterer inzwischen 82 erklärte ihnen mit leuchtenden Augen, wie das Klopfen entsteht und ließ sie die Hände an das warme Holz legen.
Der Gemeinderat hatte die Quelle auf Antrag der drei Höfe unter Schutz gestellt und ein kleines Schild aufgestellt. Fallerquelle gefasst 1958. Darunter stand auf Ernst Wunsch ein Zusatz für alle, die Durst haben. Reinhold kam jetzt oft am Abend auf ein Bier. Sie redeten wenig. Manchmal reichte es, nebeneinander auf der Bank zu sitzen und den Kühen zuzusehen.
Im Dorf sagte man inzwischen, die beiden seinen zusammengewachsen wie zwei Bäume am gleichen Wasser. Miriam kam zu Ostern und in den Sommerferien und mit ihr kam Lena, dunkle Zöpfe, knie voller Schrammen und ein Lachen, das durch den Hof rollte. Sie stand jeden Morgen um 5 Uhr auf, nur um Froni die Mähne zu bürsten.
Froni wurde in diesem Jahr langsamer. Sie schaffte den Weg zur Quelle noch, aber nur im Schritt. Im Winter, in einer klaren Nacht nach dem ersten Schnee, stand sie nicht mehr auf. Ernst fand sie am Morgen auf der Weide, unter der alten Linde ganz ruhig, die Beine unter sich gezogen, als würde sie schlafen.
Der Schnee auf ihrem Rücken war noch nicht geschmolzen. Es war nichts Schlimmes daran, kein Kampf. Sie war einfach gegangen. Ernst saß den halben Vormittag neben ihr im Schnee. Er sprach nicht, er strich ihr nur über den Hals. Bello lag neben ihm und rührte sich nicht. Am Nachmittag kam Reinhold mit dem Bagger. Sie hoben zusammen ein Grab aus, am Hang über der Quelle, dort, wo die Buchen am dicksten standen und wo man das Klopfen des Weders noch hören konnte, ganz leise, tief im Boden.
Ernst nahm die Trenseines Vaters vom Haken, die er ihr am Ende nicht mehr angelegt hatte, und hängte sie an einen Ast. Dann sprach er ein paar Sätze, die er später nicht wiederholen konnte. Im Frühling pflanzte er über dem Grab eine junge Buche. Ein Jahr später, an einem heißen Augustabend ging ernst wieder hinauf zur Quelle.
Es war fast auf den Tag genau zwei Jahre nach jener ersten Nacht. Die Luft roch nach trockenem Gras und Harz und von den Wiesen stieg Wärme auf. Es hatte seit Wochen nicht geregnet, aber auf dem Fallerhof standen 14 hinterwälder am Trock und Tranken und im Wald klopfte etwas gleichmäßig und friedlich. Neben ihm ging Lena. Jahre alt mit einem Schaumgummistock in der Hand in Gummistiefeln, die ihr zu groß waren.
Sie hatte in diesen Ferien schon zweimal gefragt, ob Opa ihr endlich die Quelle zeigen könne. Heute hatte er ja gesagt. Bello lief voraus, grau um die Schnauze inzwischen. Nicht mehr so schnell wie früher, aber immer noch an Ernstseite, wenn es darauf ankam. Sie erreichten die Mulde. Die Buchen standen still. Das Sammelbecken war voll, das Wasser klar wie Glas.
Und über allem lag das leise Tropfen, das Ernst inzwischen im Schlaf hören konnte. Ist das hier? Flüsterte Lena. Das ist es. Und hier hat Froni immer getrunken, fast jede Nacht in diesem Sommer. Lena sah sich um. Sie entdeckte die kleine Buche, die inzwischen schon einen Meter hoch war, mit hellgrünen Blättern.
Sie trat näher und berührte die Rinde mit einem Finger. Die ist von ihr. Ja. Sie stand lange still. Dann ging sie zum Steigrohr, das aus dem Hang führte, kniete sich hin und prste das Ohr an das kühle Metall. “Opa”, sagte sie. “Es klopft”. Ernst lächelte er. Setzte sich neben sie auf einen Stein. Es klopfte gleichmäßig, dumpf, tief unter der Erde.
“Klock, klock, klock!” Die Kühe tranken weiter oben am Trock. Das Licht wurde goldener. Er zog etwas aus der Jackentasche. Die alte Trense seines Vaters, abgegriffenes braunes Leder, weich wie Stoff. Er hatte sie im Frühjahr vom Ast genommen und einmal ganz sorgfältig eingefettet. Er hielt sie Lena hin.
Die war von meinem Papa, dann war sie von Froni. Jetzt soll sie dir gehören. Lena nahm sie in beide Hände, als wäre sie aus Glas. Was mache ich damit? Du hängst sie irgendwo auf, wo du sie sehen kannst, und du erzählst deinen Kindern, wem sie gehört hat. Und was erzähle ich ihnen? Ernst überlegte. Er sah über die Mulde, über die Buchen, hinunter zum Hof, der klein und ruhig im Abendlicht lag, zum Dach seiner Kindheit und zu der Weide, auf der Flora mit ihrem Kalb stand.
Er dachte an seinen Vater, an dessen Stolz und dessen Schweigen, an seinen Großvater, der vor 60 Jahren ein Loch in den Berg gegraben hatte, weil er wusste, dass eines Tages jemand Wasser brauchen würde. An Hanna, die das alles gesehen hätte, wenn sie noch lebte und nur den Kopf geschüttelt hätte mit diesem Lächeln. “Erzähl ihnen”, sagte er, “dass man manchmal nur zuhören muss.” Lena nickte ganz ernst.
Dann legte sie das Ohr wieder an das Rohr. Im Wald wurde es dunkel. Von irgendwoher rief ein Kauz. Unten auf dem Hof ging ein Licht an. Und tief unter ihnen, im Herzen des Berges, klopfte das Wasser weiter, ruhig und beharlich, so wie es schon geklopft hatte, bevor es jemand hörte. Es klopfte immer noch an.
M.