News

Deutschland verlor 7 Stimmen, die die 90er Jahre im Radio unvergesslich machten

Auf einem Fahrrad [musik] kam da ein Mädchen her und sie sagte: “Die 90er Jahre hatten einen eigenen Klang. Nicht den Klang der großen Samstagabendshows, nicht die schwere Nostalgie der Nachkriegsjahrzehnte, sondern etwas leichteres, bunteres, manchmal auch lauteres. Das Radio lief im Auto, beim Frühstück, auf dem Weg zur Schule und aus ihm kamen Stimmen, die man nicht ausgesucht hatte.

 und die trotzdem zu einem Teil des eigenen Lebens wurden. Manche dieser Stimmen gehörten Menschen, deren Geschichten weit über die Musik hinausgingen. Hinter den Sommerhitz, den Ballermannmelodien und den ruhigen Schlagerklängen lagen Leben, die die wenigsten in ihrer ganzen Komplexität kannten. Sieben Stimmen, sieben Geschichten und eine davon gehört einem Mann, dem Thomas Gottschalk auf einer Fernsehbühne einen Spitznamen gab, der ihn für immer verfolgte, einen Titel, den er anfangs gar nicht wollte, den er schließlich annahm und der aus

einem müde gewordenen Schlagersänger noch einmal etwas ganz anderes machte. Ibiza. Schon der Titel klang nach Sommer, nach Sonne, nach dem Versprechen, dass irgendwo am Mittelmeer ein besserer Abend auf einen wartet. Ibo, bürgerlich Ibrahim Bekirtsch brachte 1985 genau dieses Gefühl ins Radio. Ein Sommerhit, der die 90er begleitete, ein Künstler, der in den Köpfen vieler Hörer mit dem Klang bestimmter Jahreszeiten verwuchs.

Mit 39 Jahren fuhr er im Jahr 2000 durch Österreich. Der Unfall auf dieser Fahrt ließ ihm keine Chance. Ibrahim Bekirovits starb am Steuer viel zu früh, viel zu plötzlich, ohne Abschied. Was blieb, ist ein Lied, das noch immer klingt wie der erste warme Tag des Jahres. Andrea Jürgens war 10 Jahre alt, als ihr Lied zum ersten Mal im Radio lief.

 Und wenn man den Text hörte, einem Kind, das über die Scheidung seiner Eltern singt, verstand man sofort, warum Millionen Menschen inne hielten. Nicht weil das Lied spektakulär war, sondern weil es die Wahrheit sagte. Jahrzehntelang blieb sie der Musik treu durch persönliche Rückschläge, durch schwere Jahre, durch eine Karriere, die nicht immer einfach war.

 2016 kündigte sie ihr Comeback an, ein neues Album. Ein neuer Anfang. Sie an akutem Nierenversagen. Sie war 50 Jahre alt. Das Comeback fand nicht mehr statt. Geblieben ist die Stimme eines Kindes, das zu früh zu viel verstanden hatte. Hanne Haller wollte nicht immer im Rampenlicht stehen. Sie schrieb lieber, produzierte, arbeitete im Hintergrund an Liedern, die andere sangen und die Millionen hörten.

 Als Musikerin war sie vielseitig. Als Persönlichkeit war sie bescheiden auf eine Weise, die in diesem Geschäft selten ist. starb sie an Brustkrebs. Sie warfe Jahre alt. Was sie hinterläßt, sind Melodien, hinter denen ihr Name oft fehlt, obwohl er da stehen sollte. Marmor Stein und Eisen bricht. Wer diesen Titel hört, hört gleichzeitig eine ganze Era des deutschen Schlagers.

Drafi Deutscher, aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, schaffte es mit diesem Lied im Jahr 1965 auf Platz 1. Millionen Exemplare, ein Titel, der ihn für immer mit der deutschen Musikgeschichte verband. Doch eine Karriere ist kein gerader Weg. Es gab Jahre der Stille, Jahre des Kampfes und dann 1994 einen Moment, in dem sein Name wieder aus dem Radio kam.

 Ein Comeback, das bewies, dass manche Stimmen nicht einfach verschwinden. 2006 starb Drafi Deutscher an Herzversagen. Er hinterließ eine Diskografie, die größer war als der Ruhm, den er zu Lebzeiten dafür bekam. Er kam aus Griechenland, sprach Deutsch mit einem Akzent, der ihm nie ganz verloren ging und wurde trotzdem zu einem der bekanntesten Namen des deutschen Schlagers.

 Costa Kordalis, bürgerlich Konstantinos Cordalis sang Anita und machte damit aus einem einfachen Namen einen Ohrwurm, den Deutschland jahrzehntelang nicht los wurde. Thomas Gottschall nannte ihn und Jürgen Drevs scherzhaft die wahren Könige von Mallorca. Das war keine Übertreibung. Am 2. Juli 2019 starb Costa Kordales in Zürich.

 Er war 75 Jahre alt. Sein Sohn Lukas trägt den Namen heute weiter auf anderen Bühnen in anderen Formaten, [räuspern] aber Anita bleibt. Es gibt Songs, die ein Jahr definieren. Verdammt, ich lieb dich, war dieser Song für 1990. Matthias Reim, ein Musiker, der jahrelang im Hintergrund gearbeitet hatte, der für andere schrieb, der wartete und weiterarbeitete, stand plötzlich mit einem Lied ganz oben.

 3 Millionen verkaufte Exemplare allein in Deutschland, der meist verkaufte deutsche Schlager dieses Jahres. Und dann das, was nach großen Erfolgen oft kommt, stille, persönliche Krisen. Die Frage, wie man eine solche Welle nochmals reitet. Matthias Reim ist heute noch da. Er tritt auf, er singt, er hat sich neu erfunden, mehr als einmal.

Manche nennen das Beharlichkeit. Er selbst nennt es wahrscheinlich Überzeugung. Bevor Jürgen Drevs der König von Mallorca wurde, war er etwas ganz anderes. Er war Rocker, Banjospieler, Bandmitglied, ein junger Mann aus dem Westen Deutschlands, der in den 60er Jahren in Gruppen spielte und von einer Karriere träumte, die nichts mit Strandbars und Mallorca Hymnen zu tun hatte.

 Mit 15 Jahren erhielt er eine Auszeichnung als bester Benjoeler seiner Region. Mit Anfang 20 war er Teil der Lumpfre Singers, einer Formation, die mit Gospel, Soul und Pop in ganz Europa auf Tournee ging und die für die damalige deutsche Musiklandschaft ungewöhnlich modern klang. Er brach ein Medizinstudium nach vier Semestern ab. Nicht, weil er schlecht war, sondern weil die Musik lauter wurde als alles andere.

 Das ist eine Entscheidung, die sich leicht erzählen lät, wenn man weiß, wie die Geschichte ausgeht. In dem Moment, in dem man sie trifft, fühlt sie sich anders an. Jürgen Drevs wuchs in Nauen auf, einer kleinen Stadt westlich von Berlin. Eine Kindheit, über die er nicht oft sprach, aber die man zwischen den Zeilen erahnt, wenn man ihm zuhört.

Ein Junge, der in der Musik früh etwas fand, dass er anderswo nicht hatte. einen Ausdruck, eine Möglichkeit, größer zu sein als die Verhältnisse, in die man hineingeboren wurde. Musik war für ihn nie Hobby. Sie war von Anfang an Weg. Nach seinem Ausstieg bei den Les Humfrey Singers versuchte er es als Solokünstler.

Schlager statt Rock, eine Wende, die manchen seiner früheren Fans seltsam erschien. Aber der Schlager derziger Jahre war groß und Jürgen Drevs besaß eine Stimme, die zu diesem Genre paßte. Warm, direkt, ohne Umwege. 1976 erschien ein Bett im Kornfeld, eine Coverversion des amerikanischen Originals Take Me Home, Country Roads von John Denver, neu eingekleidet, neu erzählt mit einem Text, der nichts von seiner amerikanischen Herkunft verriet.

Das Lied wurde zum Durchbruch. Nicht weil es revolutionär war, sondern weil es genau das traf, was viele Menschen damals brauchten. Leichtigkeit ohne Anspruch, Freude ohne Erklärung. In den Jahren danach folgten weitere Hits. Barfuß durch den Sommer, morgens auf dem Weg nach Hause. Lebt denn der alte Holzmichel noch? Lieder, die nicht die Welt veränderten, aber die Stimmung eines Abends, Lieder, bei denen man nicht nachdenken mußte, um zu verstehen, was gemeint war.

 In einer Zeit, in der das Fernsehen noch kein Internet ersetzen musste und das Radio das Fenster zur Welt war, durch das die meisten Deutschen blickten war das nicht wenig. Das war fast alles. Die 80er Jahre verliefen ruhiger. Er versuchte sein Glück in Amerika, nahm dort Platten auf, hoffte, dass der Erfolg in Deutschland auch jenseits des Atlantiks funktionieren würde.

 Es funktionierte nicht. Amerika hatte seinen eigenen Geschmack, seine eigenen Regeln, seine eigenen Erwartungen. Jürgen Drevs passte nicht in diese Welt. Er kehrte zurück, arbeitete, schrieb, wartete. Es gibt Perioden im Leben von Künstlern, in denen man nicht weiß, ob man auf dem richtigen Weg ist oder ob der Weg bereits geendet hat.

 Diese Jahre waren solche Perioden. Was in solchen Jahren entsteht, sieht man von außen nicht. Die Disziplin, mit der jemand weitermacht, obwohl der Applaus aufgehört hat. Die Überzeugung, die man täglich neu aufbringen muss, wenn niemand mehr anruft. Jürgen Drevs machte weiter, nicht [räuspern] heldenhaft, nicht dramatisch.

 Er machte weiter, weil das die einzige Antwort war, die er kannte. Dann 1991 lernte er Ramona Middendorf kennen, die Tochter eines Lebensmittelhändlers aus Dülmen. Keine Schlagerszene, kein Showbsiness, kein Glammer. Ein Mensch, der ihn kannte, bevor er wusste, wer er noch werden würde. Sie heirateten 1994. Tochter Joelina, die später Selbstsängerin wurde, kam zur Welt und dann imselben Jahr klingelte das Telefon. Stefan Rab meldete sich.

 Der junge Entertainer, der gerade dabei war, das deutsche Fernsehen auf den Kopf zu stellen, wollte ein Bett im Kornfeld neu aufnehmen. Nicht ehrfürchtig, nicht nostalgisch, sondern laut, schräg und mit einem Augenzwinkern. Unter dem Namen Stefan Rab und die Bekloppten erschien die neue Version 1995. Sie wurde ein Hit, ein anderes Publikum, ein anderer Klang, dieselbe Melodie.

Junge Zuschauer, die Jürgen Drevs bisher allenfalls aus alten Fernsehbildern kannten, hörten plötzlich seinen Namen und er stand wieder im Scheinwerferlicht, nicht als Relikt, sondern als jemand, der sich selbst nicht zu ernst nahm. Das war der entscheidende Unterschied. Es ist kein kleines Kunststück, nach 20 Jahren wieder relevant zu werden.

 Viele Künstler scheitern daran, weil sie versuchen, die Vergangenheit zu kopieren. Jürgen Drevs tat das Gegenteil. Er machte sich über seine eigene Vergangenheit lustig mit Stefan Rab vor Millionen Zuschauern und genau dadurch gewann er das Publikum zurück. Ironie als Wiederkehr. Selbstironie als Überlebensstrategie.

Es war ein Abend im Jahr 1999. Die Sendung Wetten, das sendete aus Mallorca. Thomas Gottschalk, der Mann, der damals mehr Macht über die deutschen Fernsehquoten hatte als irgendjemand sonst, blickte in die Kamera und sagte: “Halb im Scherz, halb als Feststellung, Jürgen Drevs und Costa Kordalis, das sind die wahren Könige von Mallorca.

Ein Satz und alles änderte sich. Jürgen Drevs nahm den Satz mit nach Hause, dachte darüber nach und verwandelte ihn in einen Titel: König von Mallorca, ein Lied, das 2000 erschien und das genau das bediente, was ein bestimmtes Lebensgefühl verlangte. Sonne, Strand, Sangria, keine Komplikationen. Mallorca war längst nicht mehr nur eine spanische Insel.

 Es war ein deutschen Sehnsuchtsort, ein Versprechen, das jedes Jahr Millionen Menschen einlösten, mit Koffer und Sonnencreme und dem Wunsch nach zwei Wochen ohne Alltag. Jürgen Dre wurde zum Soundtrack dieses Wunsches. Er kaufte eine Villa auf Mallorca. Er eröffnete 2011 das Bistro König von Mallorca in Santa Pona. Tausende Fans pilgerten dorthin, nicht nur wegen des Bieres, sondern weil man dort dem Mann begegnen konnte, dessen Lied man im Urlaub mitsang.

 Er war nicht mehr nur auf der Insel, er war Teil von ihr. Ballerann, Aprischi, jeder Ort, an dem Menschen ausgelassen feiern wollten, kannte seinen Namen. Für manche war das zu wenig. Künstler mit solcher Vergangenheit, mit echten Schlagererinnerungen aus den Siebzigern, sollten nicht auf Partybühnen stehen, hieß es. Jürgen Drevs ließ es stehen.

 Er wusste, was er seinem Publikum gab, und er wusste, dass sein Publikum das wollte. Das machte ihn nicht klein. Es machte ihn ehrlich. Es ist leicht über den Ballermann zu lachen. Es ist schwerer zu erklären, warum Millionen Menschen jedes Jahr dorthinfahren. Warum diese Musik etwas in Menschen auslöst, das sich nicht vollständig wegdiskutieren lässt.

 Jürgen Drevs hat dieses Warum nie erklärt. Er hat es einfach bedient und vielleicht war das die klügste Entscheidung seiner zweiten Karriere. Tochter Joelina, die in diesen Jahren selbst zur Sängerin wurde, sang manchmal mit ihrem Vater auf der Bühne. Vater und Tochter, zwei Generationen, dieselbe Leidenschaft.

 Das hatte etwas, das über Mallorca weit hinausging. Dann kam die Diagnose, die alles veränderte. Polyineuropathie, eine unheilbare Erkrankung des Nervensystems, die langsam die Bewegungsfähigkeit beeinträchtigt, die das Stehen auf einer Bühne schwerer macht und schließlich unmöglich. Jürgen Drevs kämpfte dagegen an, solange er konnte.

 Er trat weiter auf, reduzierte, paßte an, aber irgendwann war klar, dass die Bühne ein Ende haben würde. Im Januar 2023 verabschiedete er sich nicht still, nicht heimlich, sondern vor laufenden Kameras in einer ARD Sendung. Und wer diesen Moment sah, sah einen Mann, der nicht weinte, weil er versagte, sondern weil er wusste, was er abgab.

 Über 50 Jahre auf der Bühne, mehr als 50 Jahre Samstagabende, Hitparaden, Tourneen, Konzerthallen. Die Polyneuropathie hatte ihm die Wahl abgenommen, ohne ihm die Würde zu nehmen. Er konnte noch entscheiden, wie dieser Abschied aussehen würde und er entschied sich für Tränen vor dem Publikum. Keine schöne Geste, keine perfekte Inszenierung, einfach ein Mensch, der nicht verbergen wollte, was dieser Moment bedeutete.

Das ist kein kleines Ding, dass man einfach niederlegt. Und hier muss etwas klar gesagt werden. Jürgen Drevs lebt. Er ist heute 80 Jahre alt. Er lebt bei seiner Familie mit Ramona, mit Tochter Joelina, ruhig, ohne Scheinwerfer. Die Bühne ist vorbei, das Leben nicht. Er hat in Interviews erzählt, wie anders der Alltag ohne Tourneen ist.

 Keine Hotelzimmer mehr, keine Soundchecks, keine langen Fahrten. Dafür Morgen, die er selbst gestalten kann. Mahlzeiten, die niemand unterbrechen kann. Gespräche, die nicht fürs Fernsehen bestimmt sind. Es klingt banal. Für jemanden, der 50 Jahre lang den Takt seines Lebens nach Bühnenzeiten gerichtet hat, ist es alles andere als das.

 Vielleicht ist das seine letzte größte Leistung. nicht der Königt, nicht das Lied im Kornfeld, nicht die Zusammenarbeit mit Stefan Rab, sondern die Tatsache, daß er aufhörte, bevor das Aufhören ihn überholte, dass er selbst entschied, wann das Licht ausging, nicht, weil er fertig war, sondern weil er erkannte, dass manche Türen einen würdigeren Abgang verdienen, als ein Ausblenden.

 Es gibt Stimmen, die man mit bestimmten Sommern verbindet. mit Autofahrten auf der Autobahn, Fenster herunter, Radio an, mit Strandabenden, auf denen jemand eine Musikbox anwarf und alle wussten, was als nächstes kommen würde. Mit Momenten, in denen das Leben noch keine großen Fragen stellte und die Antwort auf alles eine gute Melodie war. Ibo fährt nicht mehr.

Andrea Jürgens singt nicht mehr. Hanne Haller schreibt nicht mehr. Drafi Deutscher ist gegangen. Paola auch. Matthias Reim steht noch auf der Bühne und Jürgen Drevs sitzt bei seiner Familie und hat vielleicht den Fernseher an, auf dem gerade ein Konzertmitschnitt läuft aus einer Zeit, in der er noch der König war.

 Manche Stimmen bleiben, weil sie etwas gesagt haben, dass niemand sonst so gesagt hätte. Andere bleiben, weil sie zu einem Sommer gehören, der nie ganz endet. Und manche bleiben einfach, weil sie da waren. Verlässlich, erkennbar, vertraut, wie ein Radio, das jemand nicht ausgeschaltet hat.

 

Disclaimer: This story is fictional and created for entertainment purposes only. Any names, characters, places, or events are fictitious or used fictitiously. No real person or organization is intended to be portrayed.

You Might Also Enjoy