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Als die deutsche Spargeltechnik in Baden-Württemberg als altmodisch galt – rettete sie die Ernte

Jusuf Kha 20 Jahre alt, als er zum ersten Mal in seinem Leben Schnee auf einem Feld sah, das nicht ihm gehörte und beschloss, dass er trotzdem lernen würde, es zu lieben. Er kam aus einem kleinen Dorf nahe Kaiseri, mitten in Anatolien, wo sein Vater ein paar Hektar trockenes Land bestellte und jedes Jahr um den Regen bankte.

 Jusuf war der zweitälteste von fünf Geschwistern und als im Winter 1963 im Dorf die Rede davon ging, dass Deutschland Arbeiter suchte, war es sein Vater, der ihm die Hand auf die Schulter legte und sagte: “Es gäbe kein Land der Welt, wo Fleiß nicht irgendwann gesehen werde.” Jusuf glaubte ihm, wie man mit 20 Jahren an die Sätze der eigenen Väter glaubt, ohne sie zu hinterfragen.

 Der Abschied fiel schwerer, als er sich das vorgestellt hatte. Seine Mutter packte ihm einen Bündel mit getrockneten Aprikosen und einem selbstgestrickten Pullover, obwohl es Frühling war. Für den Winter dort oben sagte sie, als könne sie sich Deutschland nur als ewig kalten Ort vorstellen. Sein jüngerer Bruder lief noch ein Stück neben dem Bus her, der ihn zum Bahnhof von Kaiseri brachte, von woaus er nach Istanbul weiterfuhr.

 Jusuf hatte die Hauptstadt nie zuvor gesehen und die schiere Größe der Stadt am Bosperus, die Schiffe, die Minarette, der Lärm überwältigte ihn fast mehr als der Gedanke an Deutschland selbst. Die Anwerbung selbst war kein Ort, an dem man sich willkommen fühlte. Im Stadtteil Tophane, direkt am Bosperus, hatte die deutsche Verbindungsstelle ihr Büro und schon vor Sonnenaufgang standen die Männer in langen Reihen, während Dolmetscher mit megaen Nummern aufriefen.

 Jusuf wartete drei Tage, schlief in der Nähe der Straße bei anderen Bewerbern, die aus Dörfern kamen, von denen er noch nie gehört hatte, aus der Schwarzmeerregion, aus Trakien, aus dem Südosten. Sie tauschten Gerüchte aus, wer wohineschickt worden war, welche Fabrik gut zahlte, welche Farm angeblich schlecht behandelte.

 Am zweiten Tag zogen sie ihm Blut ab, prüften seine Zähne, ließen ihn Kisten heben und wieder absetzen, während ein Arzt mit ausdrucksloser Miene Haken auf einem Formular setzte. Es fühlte sich weniger an wie eine Einladung als wie eine Musterung, aber verstand später, daß zehntausende vor ihm denselben Weg gegangen waren, seit im Herbst 1961 der erste Zug mit Arbeitern von Istanbul aus Richtung Deutschland gerollt war.

 Am Ende des dritten Tages hielt er ein Papier in der Hand, das ihn zur Landwirtschaft in einem Bundesland namens Badenwürtemberg zuteilte. Er hatte das Wort noch nie gehört und musste es sich vom Beamten zweimal buchstabieren lassen, bevor er es sich Silbe für Silbe auf einen Zettel schrieb, den er die ganze Reise über in der Tasche behielt.

 Die Zugfahrt dauerte fast drei Tage. Durch Länder, deren Namen er nur aus der Schule kannte, Bulgarien, Jugoslawien, Österreich, vorbei an Landschaften, die grüner wurden. Je weiter er fuhr, bis der trockene Staub Anatoliens nur noch eine Erinnerung war. Als Jusuf im Frühling 1964 in der Kurbfalsz ankam, roch die Luft nach nassem Kies und jungem Gras, so anders, dass er einen Moment stehen blieb, nur um zu atmen.

 Man brachte ihn zusammen mit vier anderen Männern zu einem Hof bei Plankstadt, nicht weit von Schwzingen, wo wie man ihm sagte, seit 300 Jahren Spargel aus dem Boden geholt wurde. Einst für die Tafel eines Kurfürsten, heute für die Märkte im ganzen Land. Der Hof gehörte Emil Krämer. einem Mann von 66 Jahren mit Händen wie gegärbtes Leder, der seine Felder in der dritten Generation bestellte.

 Emil sprach wenig, aber er sah viel. Und was er in den ersten Tagen sah, war ein junger Mann, der zwar kaum ein deutsches Wort verstand, aber jede Bewegung mit den Augen studierte, bevor er sie selbst versuchte. Spargelstechen sah von weitem leicht aus, ein Damm aus aufgehäufter Erde, darin verborgen die weißen Stangen, die zum Licht drängten.

Aber Emil wusste, wie viel dahinter steckte, und er nahm sich Zeit, es Jusuf zu zeigen, mehr Zeit, als er sich je für einen Erntehelfer genommen hatte. Er zeigte ihm den feinen Riss in der Erdkrume, der verriet, dass darunter eine Stange stand, kaum breiter als ein Haar. Er zeigte ihm, wie man das lange Stechmesser mit der geraden schmalen Klinge im richtigen Winkel neben die Stange in den Boden schob.

 nicht senkrecht, sondern flach, damit man die Stange traf und nicht die Krone darunter, jenen empfindlichen Wurzelstock, aus dem jedes Jahr neue Triebe kamen. “Die Krone ist das Leben der Pflanze”, sagte Emil und tippte sich dabei mit dem Finger auf die Brust, als spräche er von etwas eigenem: “Verletzte sie, trägt der Damm drei Jahre lang weniger, manchmal fünf.

 Er musste es nicht übersetzen lassen, damit Jusuf verstand, wie ernst er es meinte.” In der ersten Woche stach Jusuf zweimal zu steil und beide Male spürte er unter der Klinge einen Widerstand, der sich falsch anfühlte, ein dumpfes Nachgeben statt eines klaren Schnitts. Beim zweiten Mal kniete Emil sich neben ihn, grub die Stelle vorsichtig frei und zeigte ihm die kleine Narbe, die am Rand der Krone entstanden war.

 Nicht schlimm, aber sichtbar. Er sagte nichts strenges, nur siehst du genau das. Und er führte Jusufs Hand noch einmal, diesmal flacher, langsamer, bis das Messer neben der nächsten Stange in den Boden glitt, ohne dass irgendetwas nachgab außer der Stange selbst. Jusuf merkte sich das Gefühl in den Fingern, nicht in Worten, und von da an suchte er es bei jedem Stich.

 Was Emil nicht sofort erzählte, war der Grund für seine Geduld. Vor sieben Jahren hatte er einem Aushilfsarbeiter aus der Stadt vertraut, der schnell arbeiten wollte und die Stangen mit groben, hastigen Stichen aus dem Boden riss, ohne auf den Winkel zu achten. Am Ende jener Saison hatte Emil auf einem Drittel seines Damms zwei Jahre lang kaum eine brauchbare Stange geerntet, die Kronen vernarbt und geschwächt, die Erträge auf jenem Streifen erst im dritten Jahr wieder normal.

 Er hatte sich damals geschworen, daß er nie wieder jemanden auf sein Feld ließe, dem er die Technik nicht selbst beigebracht hatte. Komme was wolle. Jusuf war der Erste seit jenem Jahr, dem Emil diese Geschichte am Abend erzählte, langsam, mit einfachen Worten und viel Zeigen mit den Händen, während sie auf der Bank vor der Scheune saßen und der Himmel über der Kurbfals orange wurde.

Jusuf lernte schnell, aber nicht schneller als vorsichtig. Er lernte, daß man nach dem Schnitt die Erde sofort wieder über die Wunde häufeln mußte, weil eine Stange, die auch nur eine halbe Stunde offenem Licht ausgesetzt war, an der Spitze eine feine violette Färbung annahm, die für den Markt eine Makel gleich kam.

 Er lernte mit gespreizten Fingern über den Damm zu tasten, bevor er überhaupt das Messer ansetzte, genau wie es die alten Stecher taten, die Emil selbst als Kind beobachtet hatte. und er lernte die geschnittenen Stangen mit einer Handbewegung zu sortieren, noch bevor sie in der Kiste lagen. Es war eine Arbeit, die Ruhe verlangte.

 In einer Zeit, in der auf dem Hof alles nach Eile roch. Denn die Spargelgenossenschaft Kurbfalz, an die der Hof lieferte, stand unter Druck. Der Einkäufer vom Großmarkt Mannheim verlangte täglich mehr Kilo und jede Kiste, die nicht die volle Klasse erreichte, drückte den Preis, den die Genossenschaft am Ende der Woche an alle angeschlossenen Höfe auszahlte.

 Der Verantwortliche für die Packhalle, ein 27-jähriger Mann namens Klaus Wand, gab diesen Druck ungefiltert weiter an jeden, der auf den Feldern arbeitete. Klaus war kein böser Mensch, aber ein Ungeduldiger. Einer, der jede Minute in Kilogramm umrechnete und keine Geduld für etwas hatte, das nicht sofort Zahlen brachte.

Als er zum ersten Mal sah, wie langsam Jusuf über den Damm ging, jede Stange erst ertastete, bevor er stach, blieb er stehen und schüttelte den Kopf vor den anderen Erntehelfern. “Der Türke braucht für einen Bund so lange wie wir für zehn”, sagte er, laut genug, dass es jeder hören konnte.

 Und Jusuf, der die Worte nicht verstand, verstand doch den Ton. Klaus versetzte ihn auf die hinterste, am wenigsten ertragreiche Reihe des Damms und drohte seine Stunden zu kürzen, wenn sich seine Zahlen nicht besserten. Emil hörte davon erst Tage später, als er in der Packhalle vorbeikam, um eine Lieferung zu bringen. Er sagte nichts zu Klaus, aber er sagte etwas zu Jusuf an jenem Abend, während sie gemeinsam die Messer für den nächsten Morgen schärften.

 Du machst es richtig”, sagte er und diesmal übersetzte einer der anderen Erntehelfer ein junger Mann aus Piemont, der schon zwei Spargelsaisons hinter sich hatte und ein wenig Deutsch und ein wenig Türkisch sprach: “Zähl nicht, wie viele Klaus zählt. Zähl, wie viele du in drei Jahren noch stechen kannst.” Jusuf nickte, auch wenn er nicht ganz begriff, wie viel Trost in diesem Satz lag, bis er selbst älter wurde.

 Die Wochen vergingen und Jusuf wurde nicht schneller im Sinne von Klaus, aber sicherer. Seine Hände fanden den Riss in der Erde inzwischen fast ohne hinzusehen. Er wusste, wie tief das Messer musste, wusste, wann er die Erde sofort zurückschieben musste, wusste, wie man eine Stange fasste, ohne sie zu quetschen.

 Emil begann ihm auch die anderen Handgriffe der Ernte zu zeigen. Das Sortieren nach Dicke, das vorsichtige legen in die Holzkisten, damit sich nichts verbog und das Abdecken der frisch bearbeiteten Dammreihen mit Stroh gegen die Mittagssonne. Es entstand zwischen den beiden Männern etwas, das weder ganz Arbeit noch ganz Freundschaft war, aber mehr als beides zusammen.

 Eine stille Übereinkunft, die keiner von ihnen laut aussprach. Manchmal, wenn die Arbeit früh endete, setzte Emil sich zu Jusuf und ließ sich türkische Wörter beibringen, während er selbst Deutsche zurückgab. Und aus diesem Tausch wuchs Silbe für Silbe mehr Verständigung als beide für möglich gehalten hätten. Untergebracht waren die Erntehelfer in einer einfachen Gemeinschaftsunterkunft am Rand des Hofs ein niedriges Steingebäude mit sechs Betten, einem Ofen und einem Tisch, an dem abends alle zusammßen, ganz gleich aus welchem Land

sie kamen. Neben Jusuf schliefen zwei Italiener aus dem Piirementont, ein junger Grieche und ein Mann aus Sizilien, der schon seit 8 Jahren jeden Sommer zur Spargelernte kam und den Boden der Kurbfals besser kannte als mancher Einheimische. Abends kochten sie abwechselnd, jeder nach seinem eigenen Rezept und die fremden Gerüche von Knoblauch, Oregano und den Gewürzen, die Jusuf von zu Hause mitgebracht hatte, mischten sich in der kleinen Küche zu etwas, das keiner von ihnen benennen konnte. aber jeder als Trost empfand.

Jusuf schrieb einmal in der Woche einen Brief an seine Mutter in vorsichtigen, geübten Buchstaben und erzählte ihr vom weißen Gemüse, dass man aus der Erde starch, bevor es überhaupt das Sonnenlicht sah. Ein Gedanke, den sie in ihrer Antwort für eine Übertreibung hielt, bis er ihr eine Stange in einen Umschlag legte, in feuchtes Papier gewickelt, die tatsächlich noch halbweiß bei ihr ankam. Der 24.

 Juni rückte näher, der Johannest, an dem in der Kurbfals traditionell die letzte Stange des Jahres aus dem Boden kam. In den Tagen davor lieferten alle Höfe der Genossenschaft ihre größten Mengen der Saison und der Prüfer vom Großmarkt Mannheim, ein Mann namens Heinrich Dolder, kam persönlich in die Packhalle, um die Kisten nach den Handelsklassen zu sortieren.

 Klasse Extra verlangte gerade weiße festgeschlossene Stangen von mindestens 12 mm Dicke. Klasse 1 erlaubte leichte Krümmung und leichte Verfärbung bei mindestens 10 mm. Alles, was ho war, gespalten, verholzt, an der Basis oder mit offener violett angelaufener Spitze, fiel in die zweite Klasse oder wurde ganz zurückgewiesen. Und mit jeder zurückgewiesenen Kiste sank der Preis, den die Genossenschaft für die ganze Lieferung bekam, ein Verlust, den am Ende jeder einzelne Hof zu spüren bekam. An jenem Morgen des 23.

Juni hatten die Erntehelfer, angetrieben von Klaus letztem Aufruf, so schnell gestochen, wie noch nie in der Saison. Die Kisten stapelten sich hoch in der Packhalle und Klaus, der zum ersten Mal seit Wochen zufrieden wirkte, ging zwischen den Reihen umher und nickte den schnellsten Arbeitern zu.

 notierte ihre Zahlen mit sichtlicher Erleichterung auf seiner Liste. Jusufs Reihe, die hinterste am wenigsten beachtete, füllte sich langsamer, aber Kiste für Kiste, mit der immer gleichen Sorgfalt, während Jusuf selbst kaum aufsah, ganz in der Bewegung, die er inzwischen im Schlaf hätte ausführen können. Als Heinrich Dolder am Nachmittag die Kisten öffnete, wurde es still in der Halle.

 Aus den Kisten der schnellsten Reihen, jener, die Klaus gelobt hatte, kamen Stangen mit gesprungenen, violett verfärbten Spitzen, weil sie zu lange offelegen hatten, bevor man sie zudeckte. Andere waren krumm, weil das Messer zu steil angesetzt worden war und die Stange beim Heraus an einer Wurzel gestreift hatte. Wieder andere waren an der Basis hohl, weil man sie zu grob aus dem Boden gerissen hatte.

 Dolder sortierte Kiste um Kiste in die zweite Klasse. Manche wies er ganz zurück, prüfte, notierte, schüttelte einmal sogar leise den Kopf und mit jedem Wort, das er in sein Klemmbrett schrieb, wurde Klaus Gesicht blasser, während er die sinkenden Zahlen im Kopf schon in verlorenes Geld umrechnete. Dann öffnete Dolder die Kisten aus der hintersten Reihe.

 Er hielt inne, Stange für Stange lag darin, gerade gleichmäßig weiß, die Köpfe, festgeschlossen wie kleine Fäuste, keine einzige, mit einer Verfärbung an der Spitze. Er nahm eine Stange heraus, drehte sie im Licht, legte sie zurück, nahm die nächste, dann eine dritte, eine vierte, als könne er es selbst nicht glauben.

 Fast die gesamte Kiste erreichte die Klasse Extra, der Rest sicher die Klasse 1. Older, der seit 15 Jahren Spargel prüfte und selten ein Wort der Anerkennung verlor, wandte sich an Klaus und fragte, ohne von den Kisten aufzusehen, wer diese Reihe gestochen habe. Er wusste nichts vom Streit auf dem Feld, nichts von der hintersten Reihe als Strafe, nichts von den Worten, die Klaus Wochen zuvor gesagt hatte.

 Er sah nur, was in der Kiste lag, und stellte die Frage, die man in der Genossenschaft stellte, wenn eine Lieferung besonders gut ausfiel. Klaus stand einen Moment lang stumm da, dann sagte er den Namen. Er sagte ihn nicht mit Wärme, aber auch nicht mehr mit dem Spott von vorher, nur als schlichte Tatsache, die er selbst noch zu verdauen hatte, während Dolder sich den Namen notierte, wie er es bei jeder besonders guten Lieferung tat, ohne zu ahnen, welches Gewicht dieser eine Eintrag für zwei Männer in der Halle hatte. Es gab

keine große Rede an diesem Tag, kein Wort der Entschuldigung, dass Jusuf je zu hören bekam. Klaus war kein Mann, der zugab, sich geirrt zu haben, jedenfalls nicht laut. Aber in den Tagen danach änderte sich etwas Kleines, beobachtbares. Als in der folgenden Woche zwei neue Erntehelfer aus Griechenland auf dem Hof ankamen, wies Klaus sie an, sich erst einmal Jusufs Reihe anzusehen, bevor sie selbst anfingen.

 Und als er den nächsten Plan für die Auszahlung der Erntehelfer aufstellte, fügte er zum ersten Mal eine Zeile hinzu, die nicht nur die Menge zählte, sondern auch, wie viele Kisten aus welcher Reihe welche Klasse erreicht hatten. Niemand sprach es aus, aber jeder auf dem Hof verstand, dass sich das Maß, wonach gute Arbeit bemessen wurde, gerade leise verschoben hatte.

Emil sagte an jenem Abend, als sie zusammen die letzten Kisten des Tages verluden, nur einen Satz zu Jusuf wieder mit Hilfe des jungen Mannes aus Piemont übersetzt. “Ich habe es dir doch gesagt. Es zählt sich am Ende immer selbst.” Jusuf lächelte zum ersten Mal, seit er auf dem Hof angekommen war.

 Ein Lächeln, das nicht aus Höflichkeit kam, sondern aus etwas, das sich wie Zugehörigkeit anfühlte. Am Johannest selbst, dem letzten Tag der Saison, stand Jusuf ein letztes Mal auf dem Damm, bevor die Felder für den Rest des Jahres zur Ruhe kamen. Emil kam zu ihm herüber, nicht um zu arbeiten, sondern um ihm etwas in die Hand zu drücken.

 Ein altes Stechmesser mit einem dunkel gewordenen Buchenholzgriff, abgewetzt von Jahrzehnten in denselben Händen. “Das war das Messer meines Vaters”, sagte Emil. “Ich habe es nie einem Erntehelfer gegeben. Aber du bist keiner mehr, oder? Jusuf verstand die Worte nicht alle, aber er verstand die Geste vollkommen und erhielt das Messer so vorsichtig, wie Emil ihm beigebracht hatte, jede Stange zu halten.

 Am Abend beim gemeinsamen Essen zum Saisonabschluss saß Jusuf zum ersten Mal nicht am Rand des Tisches, sondern mittendrin, und niemand fand daran mehr etwas Bemerkenswertes. In jenem Sommer 1964 kamen noch tausende weitere junge Männer und Frauen aus der Türkei über dieselbe Verbindungsstelle in Topane nach Deutschland.

 Viele von ihnen auf Felder und in Fabriken, deren Namen sie vorher nie gehört hatten. Nur wenige ihrer Geschichten wurden je aufgeschrieben. Jusuf kehrte in jenem Herbst nicht sofort nach Kaiseri zurück, wie er es sich einst vorgenommen hatte, sondern blieb zunächst nur, um Emil durch den Winter zu helfen, dann eine Saison, dann noch eine.

 Jahre später, als er selbst Anfänger unterrichtete, junge Männer, die genauso ratlos in der Kurbfalz ankamen, wie er es einst getan hatte, gab er ihnen denselben Satz mit auf den Weg, den ein alter Bauer ihm einst mit Händen und wenigen Worten erklärt hatte, dass eine Krone das Leben der Pflanze sei und dass man niemandem vertraue, der zu schnell arbeite, um darauf zu achten.

Aber auf den Spargeleckern der Kurbfalz, wo bis heute jedes Frühjahr aufs Neue gestochen wird, erzählt man sich noch, dass die sorgfältigsten Hände nicht immer die schnellsten waren und dass manchmal ein Mann, der aus einem ganz anderen Boden kam, genau verstand, wie viel Geduld ein Boden verlangte, der einem selbst nicht gehörte. M.

 

Disclaimer: This story is fictional and created for entertainment purposes only. Any names, characters, places, or events are fictitious or used fictitiously. No real person or organization is intended to be portrayed.

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