Als der Farmer die alte deutsche Zimmermannstechnik verspottete – bis sie seine Brücke rettete
Das Eis kam in der Nacht. Oben am Naschwag knirschte es lang und tief. Dann ein Krachen, als würde eine Scheune umfallen. Danach stieg das Wasser im Cross Creek in einer Stunde um mehr als einen Meter. Murdoor Gillis stand mit der Laterne am Ufer. Vor ihm trieben Eisschollen, so dick wie eine Tischplatte.
Dazwischen Äste, Zaunlatten, ein Stück von einer Scheunenwand. Alles schob sich gegen seine Brücke. Die einzige Verbindung zwischen dem Stall mit 14h Milchkühen und der Straße. Weiter unten am Bach brach etwas. Holz auf Holz, ein langes Splittern. Danach nichts mehr. Die Brücke der Nachbarn war weg. Gillis hob die Laterne.
Neben ihm stand ein Deutscher, eine lange Stange in beiden Händen. Er sah auf das Wasser unter den Brettern und sagte nichts. Ein halbes Jahr vorher hatte Gillis über den Plan für diese Brücke gelacht. Die Farm der Gillis lag in New Brunswick im Osten von Kanada, ein Stück unterhalb des Dorfes Stanley, dort wo der Cross Creek in den Nashwak fließt.
Haus und Stall lagen auf der einen Seite des Baches, die Straße auf der anderen. Und an der Straße lag alles, was zählte. Der Arzt in Stanley, die Bahnstation Cross Creek, wo jeden Morgen die Milch abgeholt wurde. Die Milch war das Geld der Familie. Was nicht wegkam, war am nächsten Tag sauer. Früher hatte eine Brücke aus Rundholz über den Bach geführt.
Gilles Vater hatte sie gebaut. In der Mitte stand ein Pfeiler aus Stämmen im Bach mit Steinen gefüllt. Im Frühjahr 1950 hatte das Hochwasser den Pfeiler schief gedrückt. Zwei Jahre später beim Tauwetter ging die ganze Brücke. Seitdem fuhr Gilles mit den Milchkannen durch die Furt. Im Sommer ging das.
Im Winter fuhr der Bach zu und im Frühjahr kam das Eis. Dann gab es keine Furt mehr. Dann war die Farm eine Insel. Wochenlang, im Sommer fehlten die Hände. Heu, Hafer, wir Kühe und Remie war alt. Die jungen Männer aus Stanley gingen in die Holzfällerlager. Im August schrieb Gillis an das Arbeitsamt in Frederickton. Er brauchte einen Knecht vor dem Frost.
Murdoor Gillis war 55 Jahre alt. Geld hatte er keins. Er hatte Fichten. Sein Plan war der Plan seines Vaters. Ein neuer Pfeiler in der Mitte. Darüber Stämme, darauf Bretter, fertig vor dem Frost. Was dreig Jahre gehalten hatte, würde wiederhalten. Einer auf der Farm glaubte das nicht. Remis Tibodau 68, Akadia Kent County.
Seit 20 Jahren Knecht bei den Gilles. An einem Sonntag, Anfang Oktober 1952 nahm Remis den neuen Knecht mit ans Ufer. Dort stand eine alte Ulme. In der Rinde, gut zwei Meter über dem Wasser, war eine helle lange Narbe. Sagte Remi. Bis hier kam das Eis. Das Eis staut sich, das Wasser steigt und dann drückt alles zusammen. Das Eis bleibt am Pfeiler hängen.
Der neue Knecht sah lange auf die Narbe. Dann ging er das Ufer ab von einem Ende bis zum anderen und zählte die Schritte. Er hieß Valentin Hanke, dreig Jahre alt. Seit drei Wochen war er auf der Farm. Er mollk, mistete, spaltete Holz. Nach Kanada war er als Landarbeiter gekommen. Gelernt hatte er etwas anderes.
Er war Zimmergeselle. In seiner Kammer neben dem Stall stand eine Holzkiste mit Griffen aus Seil, darin das Werkzeug seines Vaters. Am Montag fälten sie die ersten Fichten für den Pfeiler. Am Abend nahm Valentin einen Stock und zeichnete in den Ufersand. Zwei Mauern aus Feldsteinen, höher als die Narbe an der Ulme. Dazwischen kein Pfeiler.
Über die ganze Breite ein Gerüst aus Balken oben über den Brettern. Schräge Balken, die sich gegen die Ufer stemmen. Senkrechte Balken, an denen die Brücke hängt. “Ein Hängewerk”, sagte Valentin. “Die Brücke steht nicht im Wasser. Sie hängt an dem Gerüst darüber. Unten ist nichts, woran das Eis greifen kann.” Dann zeichnete er ein Dach darüber und Wände aus Brettern.
Gillis sah auf den Sand, dann lachte er laut mit dem Kopf im Nacken. “Ein Dach”, sagte er, “wie bei den Brücken der Provinz, für meine Kühe. Das ist eine Kirche, keine Brücke.” “Das Dach ist für das Holz”, sagte Valentin. “Nasses Holz fault. Mit Dach hält eine Brücke viele Jahrzehnte. Ohne Dach baut man sie alle 10 Jahre neu.
Die Provinz baut solche Brücken mit Eisenstangen und mit Geld, sagte Gillis. So baut man in Deutschland, ja nur mit Holz. So hat mein Vater gebaut. Hast du Eisen? Fragte Gillis. Hast du Geld? Valentin schwieg. Dann baust du mir auch keine deutsche Kirche aus meinen Fichten. Er lachte noch einmal und ging zum Haus.
Remi sah auf die Zeichnung im Sand, bis es dunkel war. In der Woche darauf regnete es. Der Bach stieg. Gilles und Remy wollten den Kasten für den Pfeiler ins Wasser setzen. Die Strömung riss die unteren Stämme weg, bevor einziger Stein darin lag. Remi stand bis zur Hüfte im kalten Wasser und hielt das Seil.
Am Abend hatte er Fieber. In der Nacht saß Gillis lange am Küchentisch. Ein Pfeiler ließ sich nur bei niedrigem Wasser setzen. Niedriges Wasser gab es erst wieder im Sommer und vor dem Sommer kamen der Winter und das Eis. Am nächsten Morgen stand er im Stall hinter Valentin. “Zwölf Fichten”, sagte er.
“Mehr gebe ich nicht. Bretter nimmst du vom alten Schafstall, der steht seit Jahren leer, den krummen Ahhorn hinter dem Stall. Auch melken morgens und abends wie bisher. Nachmittags gehörst du dem Bach. Das Pferd kannst du haben. Eisen kaufe ich keins. Wenn zum Frost nichts steht, legen wir Stämme über die Furt.
So gut es geht. Ja, sagte Valentin. Am selben Nachmittag spannte er eine Schnur über den Bach. Er schlug Pflöcke ein und gut 18 m von Ufer zu Ufer auf der Höhe der Narbe. Dann holte er die Kiste aus der Kammer. Das Werkzeug kam aus Bad Warmbrunn, einem Kurort im Riesengebirge in Schlesien. Valentins Vater Johann Hanke war Zimmermeister.
Er baute Dachstühle, Scheunen und Stege über die Gebirgsbeäche. Mit 14 ging Valentin bei ihm in die Lehre. Zuerst ließ ihn der Vater nur zeichnen und zählen. Jedes Holz, das zusammengehört, bekommt dasselbe Zeichen. Römische Zahlen mit dem Eisen hineingeschlagen. Einmal schlug Valentin eine vier, so wie er sie in der Schule gelernt hatte.
Und fat schüttelte den Kopf und schlug daneben vier Striche. I I I von der anderen Seite des Balkens liest man ein vier schnell als sechs sagte er. Vier Striche liest jeder richtig. Wie alle Männer seines Jahrgangs musste Valentin in den Krieg. Darüber sprach er nicht. Der Vater starb 1942 an einer Krankheit zu Hause im Bett.
Von Gerhard, dem älteren Bruder, kam in den letzten Kriegsmonaten die letzte Nachricht. Danach keine mehr. Nach dem Krieg kam Schlesien zu Polen. Die Deutschen, die dort lebten, mußten fort. Im Frühjahr 1946 kamen die Züge. Wer in Warmbrunnen geblieben war, durfte mitnehmen, was er tragen konnte.
Valentin trug die Kiste mit dem Werkzeug. Die Mutter Theresia trug einen Koffer und eine Decke. Der Zug fuhr nach Westen in die britische Zone. Tagelang eng mit wenig Essen. Die Werkstatt des Vaters blieb zurück. In Niedersachsen in einem Dorf im Kreis Ülzen bekam sie ein Zimmer bei einem Bauern. Ein Zimmer für zwei unter dem Dach. Arbeit gab es nur für Tage.
Holz hacken, Rüben ziehen, Dächer flicken. Eine Werkstatt gab es nicht. Sechs Jahre ging das so. Bis 1950 galten Deutsche in Kanada als feindliche Ausländer. Dann öffnete sich die Tür. Dem Land fehlten Arbeitskräfte, vor allem auf den Farmen. Wer auf dem Land arbeiten wollte, kam am leichtesten hinein.
Darum stand in Valentins Papieren Landarbeiter und nicht Zimmermann. Die Mutter wollte nicht mit. Sie war 58 und hatte schon einmal alles zurückgelassen. “Geh du”, sagte sie und schreib. Im September 1952 stand Valentin am Kai in Bremerha Hafen. Das Schiff kam in Halifax an. Von dort fuhr der Zug bis zur kleinen Station Cross Creek.
Dort wartete Gillis mit dem Wagen. Valentin begann mit den Wiederlagern. Das sind die Mauern an beiden Ufern, auf denen die Brücke aufliegt. Steine gab es genug. Die Felder um Stanley waren voll davon. Valentin setzte sie trocken, ohne Mörtel, die Großen nach unten, jeder Stein auf zwei andere, höher als die Narbe an der Ulme.
Nichts davon stand im Bach. Am dritten Tag kam Remid dazu, noch blass vom Fieber, und trug mit. Gillis zählte die zwölf Fichten selbst. Die zwei längsten kamen aus dem hinteren Wald für die unteren Balken. Valentin legte sie auf Böcke und behaute sie. Erst schlug er mit einer Kreideschnur eine gerade Linie auf das Holz, dann kam die Axt, dann das Breitbeil, ein schweres Beil mit breiter Klinge, Sparn für Sparn, bis aus dem runden Stamm ein kantiger Balken wurde.
Gillis kam jeden Abend vorbei. Er sah auf die Späne. “Viel Holz für den Ofen”, sagte er. “Wenig Brücke.” Am Rand der Furt stand morgens schon dünnes Eis. Gill zeigte nur darauf und ging. Für die Schwellen, die unten auf den Mauern liegen, nahm Valentin Zeder aus dem Sumpf hinter der Weide. Zeder verträgt Nässe.
Für die Holznägel nahm er den Ahhorn. Hartes trockenes Holz. Anfang November kam der Abbund. Es fiel der erste dünne Schnee. Auf der Wiese neben dem Stall legte Valentin jede Seite der Brücke flach auf den Boden. Unten der lange Balken. Darauf zwei senkrechte Hängesäulen, die ihn von oben halten. Dazu die Streben, schräge Balken, die von den Enden zu den Säulen hinaufgehen und die Last auf die Ufer drücken.
Oben zwischen den Säulen ein Querbalken, der Spannriegel, der sie auseinander hält. Wo eine Strebe auf den Balken drückt, schnitt er einen Versatz, eine Kerbe, in der sich die Strebe abstützt und nicht rutschen kann, wo die Säule auf den Balken trifft, einen Zapfen, ein schmales Ende, das genau in ein Loch passt.
Dann bohrte er durch jede Verbindung ein Loch und schlug mit dem Holzhammer einen Holznagel hinein, einen vierkantigen Stab aus Ahhorn, etwas dicker als das Loch. Die Kanten drücken sich ins Holz und halten. Gillis stand dabei. Kein einziger Eisennagel. Keiner. Und das hält eine Kuh. Das hält den Wagen mit den Kannen”, sagte Valentin und die Kuh dazu.
Bevor er die Teile wieder auseinandernahm, schlug er die Zeichen hinein. Jedes Paar, das zusammengehörte, bekam dieselbe Zahl. 1 2 3, dann vier Striche. Remie sah ihm über die Schulter. “Bei uns schreibt man die vier anders”, sagte er. Bei meinem Vater nicht, sagte Valentin. Er schlug die vier Striche langsam, einen nach dem anderen. Am 1.
November Wochenende waren die Mauern fertig. Am 22. November kam das Aufrichten. Am Morgen kam der Nachbar von unten am Bach herauf. Er hatte seine Rundholzbrücke im Sommer neu gebaut bei niedrigem Wasser auf einem frischen Pfeiler. “Murdock”, sagte er, “baust du jetzt Kirchen? Gillis lachte mit, nicht ganz so laut wie im Oktober.
Zuerst zog das Pferd die zwei langen unteren Balken über den Bach auf die Mauern. Darüber legten sie Bretter als schmalen Steg. Am Ufer stand ein Mast mit einem Seil darüber. Damit hoben sie die Säulen und die Streben eine nach der anderen. Das Pferd zog Schritt für Schritt. Valentin und Remy hielten mit Stangen Zeichen auf Zeichen, vier Striche auf vier Striche.
Am Abend stand die zweite Seite. Dazwischen legte Valentin Querbalken auf die unteren Balken aus den Fichten, die für den Pfeiler gefällt waren. Darauf kamen dicke Bohlen. Vor dem Dunkel werden ging Gillis einmal hinüber. In der Mitte blieb er stehen und stampfte mit dem Stiefel auf. Er sagte nichts, aber er ging weiter bis ans andere Ufer.
In den Wochen danach kam das Dach. Leichte Sparren, Holzschindeln, die Remie mit ihm spaltete. An den Seiten senkrechte Bretter mit einem schmalen Fenster für das Licht. Am Tag vor Weihnachten war alles zu. Von außen sah die Brücke aus wie ein langer Schuppen über dem Bach. “Die Kirche ist fertig”, sagte Gillis im Stall.
Es klang nur noch halb wie ein Witz. Dann kam der richtige Schnee. Jeden Morgen fuhr Gillis nun mit dem Schlitten und den Kannen durch die Brücke zur Straße. Remi schaufelte Schnee auf die Bohlen, damit die Kufen glitten. Auf dem Dach lag der Schnee einen halben Meter hoch. Die Brücke trug ihn.
Den Winter über sprach niemand mehr über sie. Am 26. März 1953 wurde es warm. Und es begann zu regnen. Tagelang. Der Schnee schmolz auf allen Hängen zugleich. Das Eis auf dem Naschwag wurde grau und brach. Am 28. staute es sich an der Mündung des Cross Creek. Große Schollen übereinander geschoben, höher als ein Mann.
Der Fluss drückte sein Eis in den Bach hinein und der Bach kam nicht mehr hinaus. Das Wasser stieg unter der Brücke. Langsam. jeden Tag ein Stück. Oben am Naschwag über Stanley hatte sich ein zweiter Stau gebildet, ein Damm aus Eis und dahinter das Wasser des ganzen Tauwetters. Jeder am Fluss wusste, was passiert, wenn so ein Damm bricht.
In der Nacht zum 31. März brach er erst das Krachen von oben. Dann kam das Wasser als Welle den Fluss herunter und in den Bach. Das Licht im Haus ging aus. Das Telefon war tot. Gillis lief mit der Laterne hinunter. Valentin war schon da, mit einer langen Hakenstange aus dem Stall. Remie kam hinterher.
Auf dem Wasser kam alles, was der Fluss oben aufgesammelt hatte. Schollen, Äste, das Stück Scheunenwand. Es trieb gegen die Mauern am Ufer und drehte sich. Dann zog es unter der Brücke durch. In der Mitte war nichts, woran es hängen bleiben konnte. Unten am Bach hörten sie die Brücke der Nachbarn. Das Eis staute sich vor ihrem Pfeiler, das Wasser stieg dahinter, dann das lange Splittern und die Stille danach.
Gill sah in die Dunkelheit. Er sagte nichts. Dann kam der Baum, eine ganze Fichte mit Wurzeln quer auf dem Wasser. Mit der Wurzel traf sie die Mauer am Hausufer und blieb quer vor der Brücke hängen. Sofort sammelte sich das Eis dahinter. Schollen schoben sich auf den Stamm, eine über die andere. Das Wasser stieg.
Ein Damm, genau wie am Pfeiler der Nachbarn. Valentin stieg auf die Mauer. Remy hielt ihn am Gürtel fest. Valentin setzte den Haken an die Wurzel und drückte nichts. Er setzte neu an, weiter außen. Gillis stellte die Laterne auf einen Stein und griff mit an die Stange unter Valentins Händen. Zu zweit drückten sie. Die Wurzel kratzte über den Stein.
Dann drehte die Strömung den Stamm. Er schwenkte herum längs mit dem Wasser und schoss unter der Brücke hindurch. Das Eis hinter ihm folgte. Das Wasser stand jetzt einen halben Meter unter den Bohlen. Höher kam es nicht. Bis zum Morgen standen die drei am Ufer. Schollen schlugen an die Mauern und zogen durch.
Manchmal zitterte die Brücke, wenn eine Große unter ihr durchging. Sie gab nicht nach. Am Morgen fiel das Wasser. Remie ging zur Ulme. Das Wasser hatte die alte Narbe überspült. Diesmal war es höher gekommen als 1950. Unten am Bach standen die Nachbarn an ihrem Ufer. Von ihrer Brücke waren zwei Stämme übrig. Schief im Schlamm. Valentin ging durch die Brücke langsam und sah an jedem Balken hinauf.
Alles saß, wo er es hingesetzt hatte. Die Straße stand unter Wasser, die Bahn fuhr nicht. Eine Woche lang gos Gilles die Milch in den Graben. Am 8. April fuhr die Milch wieder. Gilles spannte das Pferd selbst an. Er fuhr die Kannen über die Brücke zur Straße, kam zurück und stellte den Wagen in den Hof.
Dann ging er zur Kammer neben dem Stall. Er gab Valentin einen Umschlag, darin der Lohn für den ganzen Winter, auch für die Tage am Bach. und ein Brief für das Arbeitsamt in Frederickton. Drei Zeilen lang. In der zweiten stand nicht Farmhand, Landarbeiter, da stand Carpenter, Zimmermann. Mehr sagte er nicht.
Dann ging er zurück in den Stall. Gill ließ ihn gehen. Anfang Mai fuhr Valentin mit dem Zug nach Frederickton. Remi brachte ihn zur Station, die Kiste hinten auf dem Wagen. In der Stadt fand er Arbeit bei einer Baufirma. Er stellte Holzhäuser auf, Wand für Wand, wie alle anderen auf der Baustelle. Jeden Monat ging ein Paket nach Niedersachsen.
Kaffee, Schokolade, warme Strümpfe. Die Mutter schrieb zurück in kleiner Schrift und kurzen Sätzen. Nach Kanada kam sie nie. Sie schrieb: “Die Reise sei zu weit für sie. Sie blieb in ihrem Zimmer unter dem Dach bis zum Schluß. Nach Gerhard fragte er beim Suchdienst. Jedes Mal kam dieselbe Antwort. Keine Nachricht.
Irgendwann schrieb er nicht mehr hin. Den Brief von Gillis an das Arbeitsamt hob er auf. Er lag in der Kiste mit dem Werkzeug unter den Eisen des Vaters. Seine Kinder lasen ihn erst, als sie selbst schon Kinder hatten. Nach Warmbrunnen fuhr er nie zurück. Er war einer von vielen. Bis 1960 kamen rund eine Viertel Milllillion Deutsche nach Kanada.
In den 50er Jahren waren sie eine der größten Gruppen unter den Einwanderern. Ein Drittel bis die Hälfte ging später zurück nach Europa oder weiter in die Vereinigten Staaten. Die anderen blieben, arbeiteten, heirateten und sprachen mit ihren Kindern bald Englisch. Valentin blieb. Er heiratete spät eine Lehrerin aus der Stadt. Sie bekamen zwei Kinder.
Später hatte er eine kleine Werkstatt hinter dem Haus. Treppen, Fenster, Küchenschränke, gewöhnliche Arbeit. Jedes Frühjahr, wenn das Eis kam, ging Gillis mit der Laterne hinunter und sah unter die Brücke. Später machte es sein Sohn genauso. Einmal die Kinder waren schon groß, fuhr Valentin mit der Familie den Naschwag hinauf.
Bei Stanley hielt er an und ging allein durch die Brücke langsam den Blick nach oben. Als er zurückkam, fragte die Tochter, wer sie gebaut habe. “Da war ich 30”, sagte er. Dann fuhr er weiter. In den Balken über dem Cross Creek saßen die Striche unter dem Dach im Trockenen. Vier für die vier, so wie es der Vater geschlagen hatte.
Zwölf Fichten, kein Eisen. Den Rest hatte ihm der Vater gezeigt. M.