Als der englische Farmer die Herde schon verloren glaubte – wusste nur der deutsche Gefangene, warum
Über den Berksherd Downs hängt im April 1947 ein Licht, das man in der schwäbischen Alp nicht kennt. Weich, feucht, ohne die scharfen Schatten, die Kalkfelsen werfen. Grüne Hügel, kahl bis auf vereinzelte Wachholderbüsche, rollen bis zum Horizont und wo die Kreide unter dem dünnen Grastteppich hervortritt, blitzen weiße Wunschstreifen im ausgewaschenen Frühlingsboden.
Alois Bauer steht an diesem Morgen am oberen Rand eines eingezäunten Feldes bei der Downside Farm, ein paar Kilometer von Baden entfernt und riecht den Regen, der die ganze Nacht gefallen ist, noch immer in der Luft. Es ist ein Geruch, den er kennt, auch wenn die Erde hier anders schmeckt als daheim, nasses Gras, aufgeweichte Kreide und darunter kaum wahrnehmbar die süßliche Note von jungem Klee.
Aloy ist 25 Jahre alt und stammt aus einem kleinen Dorf bei Mühningen mitten auf der schwäbischen Alp, wo seine Familie seit drei Generationen Schafe hütet. Sein Vater war Wanderschäfer wie dessen Vater vor ihm einer jener Männer, die im Frühjahr mit der Herde von den Wachholderheiden aufbrachen und den Sommer über von Weide zu Weide zogen, dorthin, wo die Bauern sie riefen, auf abgeerntete Stoppelfelder, auf Brachland und, wenn die Zeit stimmte, auf frisch geschnittene Kleecker, deren zweiter Aufwuchs saftig genug war, um eine ganze Herde für Tage zu ernähren, ohne dass
ein einziger Halm verschwendet wurde. Es war eine alte, genau austarierte Vereinbarung zwischen Schäfer und Bauer. Die Schafe frasen das Feld ab und dünkten es mit ihrem Mist für die nächste Aussaat. Und der Schäfer bekam dafür Weide, die ihm sonst verschlossen geblieben wäre. Alois war mit dieser Vereinbarung aufgewachsen und mit ihr auch mit einer Lektion, die sein Vater ihm eingeschärft hatte, seit er alt genug war, einen Hirtenstab zu tragen.
Junger Klee, besonders nach Regen, ist keine Belohnung für die Herde. Er ist eine Gefahr, die man mit bloßem Auge kaum von einer guten Mahlzeit unterscheiden kann. Ein Schaf, das zu schnell zu viel frisst, bläht sich von innen auf, hatte sein Vater einmal gesagt, als Alo Z war und zum ersten Mal eine Herde allein über einen Kleeacker führen durfte.
Der Pansen schäumt, das Gas kann nicht mehr entweichen. Und wenn du nicht hinsiehst, ist ein gesundes Tier in einer Stunde tot. Nicht, weil es krank war, weil es zu gierig gefressen hat und niemand es rechtzeitig bemerkt hat. Allous hatte diese Lektion nie vergessen, auch nicht in den Jahren, die folgten, als der Krieg ihn aus der Alp herausriss, bevor er die Schäferprüfung ablegen konnte.
Jene Prüfung, mit der ein junger Mann in seiner Heimat offiziell zum vollwertigen Schäfer erklärt wurde und die ihm auch das Recht gegeben hätte, beim Schäferlauf mitzulaufen, jenem alten Wettlauf barfuß über Stoppfelder, den die Gemeinden der Alb seit Generationen austrugen. Er war 19 gewesen, als die Musterung kam, mitten in der Vorbereitung auf diese Prüfung.
Und sein Vater hatte ihm beim Abschied nur gesagt: “Wenn du zurückkommst, machen wir es nach.” Er kam zurück, aber nicht auf die Alp, jedenfalls noch nicht. Alois hatte den Krieg fast ausschließlich als Besatzungssoldat auf Gnsey verbracht, einer der Kanalinseln, die 1940 besetzt worden waren und in denen es anders als auf dem Kontinent kaum zu Kampfhandlungen kam.
Er stand wache, reparierte Zäune, wartete auf Befehle, die selten kamen und lernte mehr über den Anbau von Frühkartoffeln auf steinigem Inselboden als über irgendetwas, das man Krieg nennen könnte. Als die Inselgarnison am 9. Mai 1945 kapitulierte, einen Tag nach dem offiziellen Kriegsende, geschah es ohne einen Schuss in seiner unmittelbaren Nähe.
Britische Soldaten kamen mit Boten. Die deutschen Männer stellten ihre Waffen in Reihen auf dem Kai ab und Aloy erinnerte sich später vor allem daran, wie ungewöhnlich still das Meer an jenem Morgen gewesen war. Über ein Sammellager auf dem Festland gelangte er schließlich nach Camp 25, einem Lager bei Lodge Farm, wenige Kilometer von Lamuren entfernt in Richtung des Dorfes Baden nahe der Hochfläche von FC Down.
Das Lager war seit 1941 in Betrieb gewesen, zunächst mit italienischen Gefangenen belegt und erst am 66. Juni 1945 offiziell für deutsche Kriegsgefangene umgewidmet worden. Von dort aus organisierte das örtliche War Agricultural Committee tägliche Verteilung der Gefangenen an die Bauernhöfe der Umgebung gegen eine Tagesvergütung, die an das Lager ging, von der Alo selbst nur einen kleinen Teil in Barsah.
gerade genug für Tabak und Briefmarken. Seine Uniform war ein umgefärbtes britisches Battle Dress, dunkel eingefärbt, mit einem aufgenähten Erkennungsstück an Rücken und Hosenbein, das jeden Fluchtversuch in ziviler Verkleidung von vorn herein sinnlos gemacht hätte. Auf den Feldern der Downs, zwischen den Farmen von Baden und Lamour war der Anblick der deutschen Arbeitskolonnen inzwischen so gewöhnlich geworden, daß die Kinder der Dörfer ihnen manchmal zuwinken, ohne eine Antwort zu erwarten.
Reginald Dando, dem die Downside Farm gehörte, war kein Schäfer aus Tradition. Seine Familie hatte die Farm seit zwei Generationen als reinen Ackerbaubetrieb geführt. Weizen und Gerste auf dem dünnen Kreideboden der Downs, bis der Krieg und die staatliche Anordnung mehr Ackerland umzubrechen, ihn dazu zwangen, einen Teil seiner Felder in eine Fruchtfolge mit Kleegras einzubinden, um dem ausgelaugten Boden neue Fruchtbarkeit zurückzugeben.
Diese Fruchtfolge verlangte nach Schafen, die man auf die Kleweiden trieb, damit sie den Aufwuchs abfraßen und mit ihrem Mist den Boden für die nächste Getreideaussah vorbereiteten. Eine Methode, die auf den Kreidehügeln Südenglands seit Jahrhunderten praktiziert wurde. Ando hatte sich erst vor dre Jahren mangels eines eigenen erfahrenen Schäfers notgedrungen eine kleine Herde Hampscher Downschafe zugelegt, eine kräftige Rasse mit dichter weißer Wolle und dunkelbraunen fast schwarzen Gesichtern und Beinen ursprünglich um 1839
von einem gewissen William Humfrey aus Newbury gezüchtet, kaum eine halbe Tagesreise von der Downside Farm entfernt. Dando kannte seine Felder, seine Maschinen, seine Zahlen. Was er nicht kannte, war das genaue Verhalten einer Schaffherde, wenn sie zum ersten Mal im Frühjahr auf einen jungen Kleeacker gelassen wurde und er hätte es nie zugegeben, wenn man ihn danach gefragt hätte.
Sein eigener Vater hatte noch einen festangestellten Schäfer beschäftigt, einen alten Mann namens T, der die Herde jahrzehntelang über die Downs geführt hatte, bevor er kurz vor Kriegsende starb, ohne dass jemand seine Nachfolge geregelt hätte. Seither verließ sich Dando auf ein dünnes Merkheft, das T ihm vermacht hatte und auf gesunden Menschen verstand.
Für die Bauern der Downs war Ackerbau mit Scharfhaltung seit Generationen ein und dasselbe Wirtschaftssystem. Getreide auf der Höhe, Schafe, die über die abgeernteten oder frisch eingesähten Felder zogen und mit ihrem Mist den dünnen, kalkigen Boden düngten. Der Krieg hatte das noch verstärkt. Die Regierung verlangte mehr Ackerland, mehr Getreide und damit zwangsläufig mehr Kleweiden und mehr Schafe.
Ganz gleich, ob der Bauer sie führen gelernt hatte oder nicht. An diesem Morgen im April nach vier Tagen Regen öffnete Dando gemeinsam mit zwei seiner Landarbeiter und der kleinen Gruppe von Kriegsgefangenen, die ihm zugeteilt war, das Gatter zu einem zweijährigen Kleeacker, dessen zweiter Aufwuchs nach dem Regen dicht, dunkelgrün und schwer vor Feuchtigkeit dastand.
Die Herde, Mutterschafe, drängte sich sofort durch das offene Gatter, hungrig nach den langen Wintermonaten auf kgerem Weideland, und begann zu fressen, als hätte man sie tagelang nichts gegeben. Dando stand am Zaun, die Hände in den Taschen seiner Tweetjacke, zufrieden mit dem Anblick eines vollen, saftigen Feldes, das seine Tiere endlich ordentlich versorgte.
Alois stand ein Stück abseits mit einer Mistgabel in der Hand, eigentlich zugeteilt, um später den alten Pfer in Stand zu setzen, aber sein Blick blieb an der Herde hängen, an der Art, wie die Tiere sich über den Klee hermachten, ohne inne zu halten, ohne die Köpfe zu heben. Er zählte fast automatisch, wie sein Vater es ihn gelehrt hatte, wie viele Minuten vergingen, seit die Herde zu fressen begonnen hatte und wie viele Tiere in dieser Zeit auch nur einmal wiederkeutten.
Nach einer knappen halben Stunde bemerkte er einzelnes Mutterschaf, etwas abseits vom Rest der Herde stehend, mit einem Hinterbein, das immer wieder unruhig gegen den eigenen Bauch trat. Die linke Flanke des Tieres, direkt unterhalb der Rippen, wirkte gespannter, runder, als es bei den übrigen Schafen der Fall war. Er ließ die Mistgabel stehen und ging näher, ohne zu eilen, aber ohne zu zögern.
Als er das Tier erreichte, legte er die flache Hand gegen die linke Flanke, so wie sein Vater es ihm gezeigt hatte, nicht um zu drücken, sondern um zu fühlen. Die Spannung unter der Wolle war hart, fast trommelartig, ganz anders als das weiche Nachgeben, das eine gesunde Flanke unter der Hand zeigen sollte.
Das Schaf stand mit gesenktem Kopf da, kaute nicht, schluckte mehrmals, als würde ihm die eigene Kehle nicht mehr gehorchen. Mr. Dando! rief Allo über das Feld in seinem vorsichtigen, von starkem Akzent geprägten Englisch. “Bitte, ein Schaf hier, es ist krank.” Dando kam näher, warf einen kurzen Blick auf das Tier und zuckte mit den Schultern.
“Es steht auf allen vier Beinen und frisst nicht mehr, weil es satt ist. Das nennt man einen guten Morgen, nicht Krankheit.” Einer seiner Landarbeiter, ein junger Mann namens Perkins, lachte leise, nicht boshaft, aber mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der sein ganzes Leben zwischen diesen Hügeln verbracht hatte.
Die alten Ladies haben nur zu viel gefrühstückt. “Nein”, sagte Alloy so ruhig er konnte, während er die Hand noch immer auf der Flanke des Tieres liegen ließ. Der Bauch ist zu hart, zu schnell, zu hart. Bei uns auf der Alps sagt man, der Pansen schäumt. Zu viel Klee, zu nass, zu schnell gefressen. Es war nicht das erste Mal in den letzten Wochen, dass er etwas bemerkt hatte, dass er lieber für sich behalten hätte.
Erst 10 Tage zuvor hatte er beiläufig erwähnt, dass eines der jüngeren Lämmer schwach auf den Beinen wirkte und Dando hatte kaum aufgeblickt. Es ist ein Lamm, sie sind alle wacklig. Zwei Tage später hatte sich herausgestellt, dass das Tier tatsächlich unterernährt war und besondere Fütterung brauchte, aber niemand hatte den Vorfall danach noch einmal erwähnt.
Dando sah auf das Feld auf die anderen 44 Schafe, die weiterhin gierig frasßen, ohne jedes Anzeichen von Unwohlsein. “Ein Tier von 45”, sagte er, “Wenn du bei jedem Schaf, das langsamer frisst als die anderen, Alarm schlägst, komme ich zu nichts anderem mehr.” Er wandte sich ab, um nach dem Zustand des Zauns am gegenüberliegenden Ende des Feldes zu sehen und ließ Alois mit dem Kranken Tier allein.
Alois blieb bei dem Schaf, während die Sonne höher stieg und der Nebel über den Downs sich langsam auflöste. Er beobachtete, wie das Tier sich hinlegte, wie der Aufstand, sich erneut hinlegte, den Kopf immer wieder zur Seite drehte, als könnte es dem Druck in seinem eigenen Leib entkommen. 20 Minuten später bemerkte er ein zweites Tier mit demselben unruhigen Verhalten, dann ein drittes.
Er rief noch einmal nach Dando, lauter diesmal. Und als der Farmer zurückkam, war der Unterschied nicht mehr zu übersehen. Das erste Schaf lag auf der Seite, die Beine steif von sich gestreckt, der Bauch sichtbar aufgetrieben unter der nassen Wolle, der Atem flach und schnell. Herr Gott”, sagte Dando, “Nun zum ersten Mal an diesem Morgen war in seiner Stimme keine Selbstsicherheit mehr, sondern echte Sorge.
” “Was ist mit ihr los?” “Blhung”, sagte Alois schon neben dem Tier kniend. Der Kle war zu nass, zu jung, die Herde zu hungrig. Das Gas im Pansen kommt nicht mehr raus. Wenn es so bleibt, erstickt sie von innen, vielleicht auch die anderen.” Er deutete mit einer schnellen Bewegung auf das ganze Feld. Die Herde muß jetzt runter vom Klee. Sofort alle.
Dando zögerte einen Sekundenbruchteil zu lange, den Blick zwischen dem kranken Tier und dem satten grünen Feld hin und her springend, das seine ganze Frühjahrsplanung darstellte. Dann rief er Perkins und den zweiten Landarbeiter herbei und gemeinsam mit den übrigen Kriegsgefangenen trieben sie die Herde vom Kleacker zurück auf ein kurz gehaltenes, trockeneres Weidestück.
So schnell es die störrischen Sattentiere zuließen, auch die beiden anderen Schafe, die Aloy zuvor bemerkt hatte, zeigten inzwischen deutliche Anzeichen von Unwohlsein, geschwollene Flanken, unruhiges Treten. Aber keines war so weit fortgeschritten wie das erste liegende Tier, dessen Atem jetzt in kurzen, keuchenden Stößen ging.
“Sie stirbt”, sagte Dando, “hr zu sich selbst als zu Alos, während er neben dem Tier stand, hilflos die Hände öffnend und wieder schließend. Ich habe keinen Tierarzt hier. Der Weg nach Lamborge. Wenn ich jetzt losfahre, ist sie tot, bevor ich zurück bin. Alois war bereits dabei, sein Taschenmesser aus der Tasche zu ziehen.
Ein einfaches, schmales Klingenmesser, das er sich in den letzten Monaten selbst geschliffen hatte. “Bei uns machen die alten Schäfer das mit einer Alle, wenn nichts anderes da ist”, sagte er, während er das Tier auf die rechte Seite drehte, sodass die linke aufgetriebene Flanke nach oben zeigte. ein Loch an der richtigen Stelle, damit das Gas rauskann.
Es ist gefährlich, wenn man es falsch macht, aber ohne es stirbt sie sicher. Er zeigte Dando die Stelle mit den Fingern eine gedachte Dreiecksfläche zwischen der letzten Rippe, der Wirbelsäule und dem Hüftknochen, abmessend, dort, wo sein Vater ihm einst gezeigt hatte, dass der Panzen dem Flankengewebe am nächsten lag.
Wenn sie eine Alle haben, einen Dorn, etwas Spitzes und sauberes, das man hindurchstechen kann, dann tue ich es. Aber sie müssen entscheiden, es ist ihr Tier. Dando starrte einen langen Moment auf den deutschen Gefangenen, der da mit ruhigen Händen neben seinem sterbenden Schaf kniete. Dann drehte er sich abrupt um und rannte zum Gerätehaus.
Er kam mit einem schmalen Metalldorn zurück, den er sonst zum Anzeichnen von Zaunlöchern benutzte, abgewischt an seiner Jacke und reichte ihn Aloys wortlos. Aloy arbeitete schnell, aber ohne Hast, die linke Hand flach auf die gespannte Flanke gelegt, um noch einmal die genaue Stelle zu fühlen, bevor er mit der rechten den Dorn ansetzte.
ein kurzer kontrollierter Druck, ein leises Zen, als das eingeschlossene Gas durch die kleine Öffnung entwich und die Flanke des Tieres sank sichtbar in sich zusammen, wie ein Blasebalk, dem man die Luft entzogen hatte. Das Schaf zuckte, hob den Kopf und sein Atem wurde Sekunde für Sekunde ruhiger. Niemand am Feldrand sagte etwas.
Perkins stand mit offenem Mund da, die Hände immer noch am Zaunpfal, an dem er die Herde eingetrieben hatte. Dando kniete sich neben Alo und legte selbst die Hand auf die Flanke des Tieres, spürte, wie sie sich unter seiner Handfläche langsam wieder zu einem normalen Weichen auf und abbewegte. “Wird sie es schaffen?”, fragte er schließlich, den Blick nicht von dem Schaf abwend.
“Wenn sie jetzt ruht und nicht wieder auf den Klee kommt.” “Ja”, sagte Allous. “eren beiden auch, wenn wir sie beobachten, aber nicht heute, noch einmal auf das Feld. Vielleicht drei, vier Tage nicht.” Dando nickte langsam. half Aloys das Tier vorsichtig auf die Seite zu betten, im Schatten eines niedrigen Weißdornstrauchs am Feldrand, wo es sich erholen konnte.
Erst als sie beide standen, den Blick auf die übrige Herde gerichtet, die jetzt ruhig auf dem kurzen trockenen Gras graste, fragte er: “Woher weißt du das alles wirklich?” Alus zögerte einen Moment, dann erzählte er es. Nicht die ganze Geschichte, nur so viel wie zwischen zwei Männern Platz hatte, die sich noch eine Stunde zuvor kaum ernst genommen hatten.
Von seinem Vater, von der Alp, von den Kleeckern, auf die sie jeden Sommer mit der Herde zogen, von der Schäferprüfung, die er nie hatte ablegen können, und vom Schäferlauf, bei dem er nie hatte mitlaufen dürfen. Dando hörte zu, ohne zu unterbrechen. Als Alois fertig war, sagte er nichts Großes, keine Entschuldigung.
Dafür war er nicht der Mann. Aber er sah noch einmal zu dem liegenden Schaf hinüber und sagte: “Ich habe diese Tiere jetzt drei Jahre, aber mir hat nie jemand gezeigt, worauf man wirklich achten muss, bevor sie krank werden. Nur wie man das Gatter öffnet.” In den folgenden Wochen änderte sich etwas Kleines, aber bemerkbares in der Art, wie Dando mit Alo umging.
Er ließ ihn nicht länger nur beim Zaunbau oder bei der Mistgabel, sondern bat ihn morgens als erstes die Herde durchzugehen mit der Hand, nicht nur mit dem Auge, wie er es einmal fast wörtlich wiederholte, ohne selbst zu bemerken, woher der Satz stammte. Es war kein großes Vertrauen, keine Freundschaft, die sich über Nacht besiegeln ließ, aber ein Anfang.
Als im Mai die Schuhe anstand, war es Alois, den Dando Bart, die Hemscher Downchafe zu scheren, weil er inzwischen wusste, dass die Hände des Gefangenen mit Tieren umzugehen verstanden, wie kaum jemand sonst auf der Farm. Als Alois im Herbst dselben Jahres aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, war es Dando, der ihm am letzten Arbeitstag ein kleines Bündel in die Hand drückte, ein Stück Seife, etwas Tabak und in Zeitungspapier gewickelt eine kleine geschmiedete Hirtenah, kaum größer als ein Taschenmesser, wie sie die alten Schäfer
der Downs früher benutzt hatten, bevor moderne Instrumente sie verdrängten. Für den Fall, dass du wieder eine Herde bekommst, die dich braucht”, sagte er nur, ohne die Hand lange auszustrecken, und wandte sich schon dem nächsten Zaunpfall zu, der seine Aufmerksamkeit brauchte.
Es war keine große Geste, aber es war die Geste eines Mannes, der drei Jahre lang geglaubt hatte, ein Blick auf ein volles grünes Feld genüge, um zu wissen, dass es seinen Tieren gut ging. Es gab keinen Schäferlauf auf den Berkscher Downs, kein Fest, keine Urkunde, kein Wort seines Vaters, dass die Prüfung offiziell hätte abschließen können.
Aber an dem Nachmittag, an dem das Mutterschaf zum ersten Mal wieder selbstständig aufstand, langsam zum Rest der Herde zurücktrottete und sich, als wäre nichts geschehen, neben die anderen zum Grasen stellte, empfand Alois etwas, dass er seit jenem Sommer auf der Alp, in dem die Musterung kam, nicht mehr gespürt hatte.
Das ruhige, sichere Gefühl, ein Tier gerettet zu haben, weil er genau hingesehen hatte, wo andere nur ein volles grünes Feld sahen. war nicht die Prüfung, die sein Vater ihm hätte abnehmen können, aber es war, dachte er, während er der Herde über den weiten kreidehellen Hang der Downs nachblickte, vielleicht das, was die Prüfung die ganze Zeit hatte beweisen sollen.