Alle lachten, als der 14-Jährige 9 rostige Pumpen kaufte — 6 Jahre später retteten sie das Tal
Im Mai 198 lachte das ganze Dorf über einenjährigen, der seine letzten 14 Mark für eine Kiste verrosteten Schrott hergab. Niemand ahnte, daß sechs Jahre später eine eiskalte Winternacht das gesamte Tal ins Chaos stürzen würde. Als der Strom ausfiel und das Vieh zu verdursten drohte, entschied plötzlich genau dieses tote Eisen über das Schicksal der Höfe.
Der Mai des Jahres 1987 roch im Hochsauerland nach nassem Schiefer, feuchter Silage und dem kalten Rauch der Buchenholzfeier, die man in den Tälern noch bis in die Mittagsstunden in den Küchenherden hielt. Auf dem Hof schulte Efersberg. Hoch über den Hängen von Schmallenberg stand der Schlamm knöcheltief auf der Deele.
Die Hofauflösung war fast vorüber. Die schweren Deutsschlepper mit Allradantrieb, die gezogenen Silowagen und die glänzende Melgeschere aus rostfreiem Krupstahl hatten für ztausende Dmark die Besitzer gewechselt. Erst eigert von Nachbarn mit ernsten, harten Gesichtern, die den Ruin eines Berufskollegen mit der nüchternen Sachlichkeit eines Notars abwickelten.
Erst ganz am Ende, als der Nieselregen wieder gegen die verwitterten Schieferplatten der Scheunenwand schlug, deutete der Auktionator mit der Spitze seines Holzhammers auf eine durchnäste Obstkiste aus Pappelholz, die halb unter einer verbogenen Ackerecke im Brennnesselick stand. Darin lagen neun alte Schwängelpumpen.
Manche trugen noch Reste grüner Bleimännige, andere waren von einer zentimeter dicken Kruste aus gelblichem Schwefelkalk, Rost und getrocknetem Brunnenschlamm überzogen. Keine bewegte sich auch nur eine mm. Kolbenstangen und Graugussgeheise waren durch Jahrzehnte des Stillstands zu massiven Klumpen oxidiert. Als der Auktionator spöttisch fragte, wer sich den Schrott aufladen wolle, trat der 14-jährige Jakob Lindemann vor.
Er zog die gefalteten Geldscheine und die blanken Kupfermünzen aus der Brusttasche seiner Manchesterweste und zählte genau 14 Mark und 80 Pfennig auf die Ladeboardwand des Vieanhängers. Der Auktionator lachte trocken, schüttelte den Kopf und meinte, für ein Kilo Alteisen beim Schrotthändler in Mächede gäbe es weniger.
Aber wenn Friedrichs Enkel sich unbedingt die Finger schmutzig machen wolle, slehn nicht aufhalten. Der Weg hinauf nach Altenhelle Feld zog sich über drei steile Kilometer. Jakob spannte sich in das Ledergeschier der zweirädrigen Handkarre, auf der die Kiste bei jedem Schlagloch mit einem dumpfen, schweren Dröhnen anschlug.
Eisen gegen morsches Holz. Das Gewicht drückte in die Kniekehlen und aus der Kiste stieg dieser unverwechselbare bittere Geruch auf. Nasse Zersetzung, Schwefel und das modrige Aroma von tiefem Brunnenwasser, das seit 30 Jahren kein Tageslicht mehr gesehen hatte. Für die Bauern im Tal war das Zeug wertloser Ballast einer vergangenen Armut.
Die Bundesrepublik war modern geworden. Die Reifeisenmärkte verkauften wartungsfreie Unterwassermotorpumpen aus Edelstahl, die auf Knopfdruck 200 l in der Minute in die Hochbehälter drückten. Wer noch von Hand pumpte, so hieß es am Stammtisch im Gasthof zur Post, lebte im falschen Jahrhundert. Oben im Dorf schob Jakob die Karre durch das zweiflügelige Tor der alten Remise.
Hier war es still und es roch vertraut nach Maschinenöl, altem Leder und dem kalten Stein der Bruchsteinmauern. Auf der dreimeter langen Werkbank aus abgelagerter Roteiche tronte der schwere Leinenschraubstock von 1954, dessen 150 mm breite Backen Friedrich noch zwei Wochen vor seinem Tod mit frischem Schmierfett eingestrichen hatte.
Darüber an der gehobelten Nut und Federwand hingen die geschmiedeten Hatzedringschlüssel in lückenloser Reihe vom Sechser bis zum 32er blank gerieben von Jahrzehnten bedächtiger Arbeit. Jakob hob die erste Pumpe aus der Kiste und setzte sie behutsam auf das Eichenholz. Das Eisen schwieg, kalt und unnachgiebig. Doch in der Stille der Werkstatt stand die Stimme des Großvaters im Raum.
So deutlich als stünde der alte Mann noch hinter ihm. Graugus dehnt sich nicht, Junge. Er bricht. Wenn du mit Gewalt daran gehst, verlierst du das Maß und die Geduld. Du musst das Eisen zuerst fragen, was es tun will. Juni und Juli brachten eine trockene, staubige Wärme ins Hochsauerland, die selbst durch die dicken Bruchsteinmauern der Remise drang.
Jakob verbrachte die Samstage am Eichentisch, vor sich ein liniertes Oktafeheft mit schwarzem Wachstuchumschlag und einem scharf gespitzten Zimmermannsbleistift. Jede der neuen Pumpen wurde zuerst mit Petroleum und einer Messingdrahtbürste vom Dreck eines halben Jahrhunderts befreit, schicht um Schicht, bis die erhabenen Gussmarken im schrägen Sonnenlicht wieder lesbar wurden.
Loe Osner, Alweiler. Mit einer matt verkrumten Mauserschieble aus dem Nachlass des Großvaters tastete Jakob die inneren Zylinderbohrungen ab. 75 mm Normmaß, fast ohne riefen bei fünf von ihnen, während zwei Gehäuse feine hainne Risse zeigten. Es war der unheilbare Frostbruch, entstanden in irgendeinem eisigen Januar 40 Jahren, als jemand vergessen hatte, vor dem ersten Schnee das Bodenventil zu lüften.
Diese beiden waren verloren, taugten nur noch als Teilespender für Scharnierbolzen und Dichtpflansche. Doch sieben Zylinder waren im Kern gesund, fest verbacken unter einer Schicht aus Eisenoxid und Cem Schieferkalk. Das eigentliche Problem saß tiefer, dort, wo die gusseisernen Muffen Steigrohrgewinde seit der Stilllegung keine Millimeter mehr gewichen waren.
Die meisten Bauern im Dorf hätten eine 2 m lange Rohrverlängerung auf die größte Eckrohrzange gesteckt und mit dem vollen Körpergewicht daran gerissen, bis das Spröde Material mit einem trockenen Knall zerbrach. Doch Friedrich hatte Jakob etwas anderes beigebracht. In einem alten Wegglas mit Gummiring mischte der Junge gleiche Teile technischen Acetons und feuerroten Automatikgetriebeöls an.
Die Mischung war dünnflüssig wie Weingeist und stank scharf nach Lösungsmitteln und schwerem Schmierstoff. Mit einem flachen Borstenpinsel trug er die rote Flüssigkeit rings um die Gewindespaltmaße auf. Das flüchtige Aceton brach die Oberflächenspannung des Zehenöls und zog es durch die mikroskopisch feinen Kapillaren des Rostes tief in die Gewindegänge hinein, begleitet von einem ganz leisen, feinen Zischen, als tränke das ausgetrocknete Eisengierig einen ersten Schluck.
Tage lang pinselte Jakob jeden Nachmittag eine frische Schicht auf die Verbindungen. Er rührte kein Werkzeug an und wandte keine Kraft auf, sondern überließ dem Kriechhöl die Arbeit. Erst am zwölften Tag spannte er den ersten Pumpenkörper in den Leinenschraubstock, setzte einen runden Messingdorn an den äußeren Wuls des Gewindes und schlug mit dem 200 g Schlosserhammer in rascher Folge dagegen.
Nicht schwer, sondern federnd aus dem Handgelenk, ein fast musikalischer, hoher Ton, der hell durch das Gebelk der Remise klang. Das weichere Messing verformte sich leicht und schon die Kanten des Graugusses, aber die Schockwellen liefen tief in die verbackenen Kristallstrukturen des Rostes hinein. Als er schließlich die Butangasflamme auf den äußeren Ring richtete und das umschließende Metall behutsam erwärmte, löste sich das alte Rohr unter dem einfachen Zug eines Gurtbandspanners mit einem tiefen, satten Knarzen. Das Eisen hatte
nachgegeben, ohne zu reißen. Jakob wischte den Ruß ab und dachte an die Worte seines Großvaters: “Man befreit immer nur das, was hält, niemals das, was gehalten wird.” Mitte August lag eine fle Hitze über den Gerstenfeldern des Sauerlandes, doch im Schatten der Bruchsteinmauern roch es herb nach erwärmtem Rindertalk, Klauenöl und Schleifpaste.
Auf der Werkbank lag der nackte gereinigte Zylinder der Loeweepumpe aus den späten dreißiger Jahren. Der ursprüngliche Lederstulpen war nach 40 Jahren im trockenen Schacht zu brückeligem schwarzem Staub zerfallen. Aus einem Streifen 4 mm starkem pflanzlich gegärbtem Rinzleder, das Friedrich stets in Wachspapier aufbewahrt hatte, schnitt Jakob mit dem Halbmondmesser eine kreisrunde Scheibe.
Er weichte das steife Leder in einem Topf mit handwarmem Klauenöl ein, bis die Fasern geschmeidig wurden und das dunkle Gelb des Öls annahmen. Dann trieb feuchten Zuschnitt mit einer Schraubzwinge langsam über einen gedrechselten Hartholzdorn, um die Topf für den Kolben auszuformen. Das Leder gab langsam nach, ohne zu reißen, und behielt die Kremp, als es im Schatten der Werkbank erkaltete.
Für den ausgeschlagenen Ventilsitz im unteren Pflansch brauchte es keine Drehbank, sondern Geduld und das Gefühl der Fingerkuppen. Jakob spannte eine konisch geführte Weichholzwelle in das Handbohrfutter, trug graue Caronsunchleifpaste auf und drehte das Holz mit wechselndem Druck gegen die Dichtfläche aus Rotgus.
Immer wieder nahm er die Welle heraus, wischte den öligen Grauschleier mit einem sauberen Lappen ab und prüfte den Kreis runden matten Streifen im Gegenlicht. Erst als der Sitz gleichmäßig wie mattes Silber schimmerte, legte er die neue Messingventilkugel ein. Sie fiel mit einem satten, trockenen Klacken an ihren Platz.
soßgenau, daß sie beim hineinblasen mit dem Mund den Luftstrom völlig abschnitt. Als Jakob die Pumpe zusammenbaute, erzeugte das frisch gete Leder im Zylinder ein dichtes, feuchtes Schmatzen, das von vollkommener Passung zeugte. Er spannte den schweren Montagefuß in die Backen des Leinenschraubstocks, schraubte ein kurzes Standrohr an und hängte einen verzinkten 10 l Eimer voll Brunnenwasser darunter.
Beim ersten Hebeln am langen Schwängel zischte nur die abgestandene Luft aus dem Gehäuse. Beim zweiten Hub wurde der Widerstand spürbar schwerer, als der Unterdruck die Wassersäule im Rohr hoch trug. Beim dritten Schlag polterte die Kugel im Ventilsitz und beim vierten Hub brach ein dicker eiskalter Wasserstrahl aus der Tülle und schoss in einem kräftigen Bogen über das Zinkblech.
Als Jakob den Schwängel losließ, blieb das Wasser im Zylinder stehen. Die Dichtung hielt den Druck. Unten am Tresen der Reifeisengenossenschaft in Schmallenberg schüttelten die Altbauern unterdessen die Köpfe. Man stand dort samstags zwischen Futtermittelsäcken und Pflanzenschutzkanistern beim Filtercaffee zusammen, während draußen die neuen Fanschlepper im Leerlauf wummerten.
Der Landmaschinenhändler Foss erzählte den umstehenden Lautstark von Friedrichs Enkel, der gutes Taschengeld für verrostete Friedhofsware ausgegeben habe. Man lebe schließlich im Zeitalter des Drehstroms. Eine moderne Unterwassermotorpumpe drücke auf Tastendruck 200 l in die Hochbehälter, ohne dass ein Mensch auch nur einen Finger rühren müsse.
Niemand brauche mehr einen Schwängel aus Kaiserzeiten. Jakob hörte die Sprüche, wenn er auf dem Hof half, aber er widersprach nicht. Er wischte nur das Spritzwasser von der polierten Zylinderwand, trug den ersten Eintrag in sein Oktafe ein und stellte die Loewe Pumpe auf das oberste Holzregal. In den Sommern zwischen und war Jakob auf den Höhenwegen des Sauerlandes unterwegs, wann immer die Schulferien oder die Samstage es erlaubten.
Sein altes Tourenrad mit der Torpedo 3 Gangnabe roch nach Maschinenfett und Straßenstaub. Auf den steilen Gefällstrecken hinab in die Kerbtäl quietschten die abgenutzten Gummiklötze der Felgenbremsen schrill gegen den nassen Schotter. Die Luft schmeckte nach feuchtem Schiefer, kaltem Moos und dem klebrigen Harz der dichten Fichtenforste.
Hinten auf dem Gepäckträger klemmte Jakobs schwarzes Oktafeft, indem er mit spitzem Bleistift eine ganz eigene Karte der Landschaft zeichnete. Es war eine Topografie des Vergessens. Über 30 stillgelegte Bohr und Rambbrunnen trug er in diesen zwei Jahren zusammen. Verrostete Landmarken an verlassenen Weidezäunen, hinter alten Trockenmauern oder an den Rändern abgelegener Hangwiesen, wo das Vieh seit der Flurbereinigung und dem Ausbau der zentralen Wasserleitungen meist aus Betontrögen mit Schwimmerventilen trank.
Niemand hatte sich die Mühe gemacht, die alten Steigrohre zu ziehen. Man hatte die Pumpen einfach stehen lassen, bis die Natur sie mit Brombergestrüpp und Rost überwuchert hatte. Jakob stieg von Hof zu Hof ab, klopfte an die Deentore und fragte die Bauern, ob das Grundwasser unter den Schächten noch stünde und was mit den Pumpen geschehen sollle.
Die meisten winkten ab, doch zwei Bergbauern an den windhöfigen Hängen oberhalb von Wennholhausen ließen sich auf das Gespräch ein. Ihre Weiden lagen weit abseits der befestigten Wege. Im Hochsommer mußten sie das Tränkewasser in rostigen Fässern mühsam mit dem Traktor die steilen Hänge hinaufkarren. Jakob stellte keine Wagenvermutungen an, sondern rechnete ihnen die Instandsetzung auf den Pfennig genau vor.
Er verlangte drei Mark und 50 Pfennig für die Stunde, ein Kalohn, knapp unter dem Satz eines ungelernten Waldarbeiters, aber ein Lohn, den er vor jedem Fremden aufrecht verteidigen konnte. Großvater Friedrich hatte stets gesagt, wer seine Arbeitszeit mit null bezifferte, machte sich selbst zum Bettler und gestand ein, daß sein Können nichts wert war.
Wer aber das Unglück oder die Abgelegenheit eines Nachbarn ausnutzte, um die Hand aufzuhalten, verbrannte seinen Namen im Tal für zwei Generationen. Anfang September 1989 baute Jakob das erste Dreibein aus schweren Fichtenstangen über dem Brunnen von Bauer Ger. Mit einem handbetriebenen Kettenzug zog er Glied für Glied die alten verkrusteten einzolzrohre aus 15 m Tiefe ans Tageslicht.
Es roch nach Eisensulfat und kalte Moder, als die Rohrstöße quietschend aus dem Fels brachen. Jakob reinigte die konischen Witwörsrohrgewinde mit einer Drahtbürste, zog frischen langfaserigen Dichtungshanf sauber in die Rillen und bestrich ihn satt mit grauer Vermitt Paste, bevor er die Rohre mit zwei schweren Rohrzangen wieder dicht zusammendrehte.
Oben auf den Pflansch setzte er eine seiner im Winter aufgearbeiteten Zylinderpumpen. Als Ger Stunden an den Brunnen trat und mit wenigen Schwängelzügen sattes, eiskaltes Quellwasser in das Tränkebecken schoss, griff der alte Mann ohne ein Wort in die Geldbörse und legte Jakob zwei knisternde 20 Marscheine auf den Brunnenrand.
Jakob gab ein Fünf Markstück heraus, strich die 35 DMark glatt und trug den Betrag am selben Abend sauber in das Kassenbuch ein. Als Jakob im Frühjahr 1991 die Volksschule abschloß, saß der Berufsberater im Arbeitsamt von Meschede vor dicken Kateikarten und sprach von den Verheißungen der Industrie. Gute Schlosser wurden an der Ruhe gebraucht, bei Hösch in Dortmund oder den Edelstahlwerken in Witten mit geregeltem Schichtlohn, Betriebskrankenkasse und Werkswohnungen aus rotem Ziegelstein.
Fast alle Jungen aus Jakobsjahrgang verließen damals die Täler, stiegen in den Zug nach Hagen und kehrten den Kragenöfen den Rücken. Jakob aber blieb in Altenhelle Feld. Er unterschrieb keinen Lehrvertrag in der Stadt, sondern meldete bei der Amtsverwaltung ein Kleingewerbe für Reparatur und Metallbau an und richtete sich dauerhaft in der steinernen Remise seines Großvaters ein.
Für die Bauern im Dorf war das ein wunderlicher Eigensinn, der sich schon legen würde, sobald der erste harte Winter das Geld auffraß. In den frostigen Monaten von 1991 und 1992 kroch die Kälte tief aus den feuchten Bruchsteinmauern. Nur um den kleinen gusseisernen Werkstattfen in der Ecke, den Jakob mit harzigen Buchenabschnitten aus dem Sägewerk befeuerte, stand ein Kreis trockener Wärme.
Das trockene Holz knackte und knisterte im Gusskorpus, während Jakobs Atem in dichten weißen Schwaden vor der Werkbank stand. Seine Finger, aufgesprungen von kaltem Petroleum und Bimsstein, arbeiteten in fingerlosen Wollhandschuhen an den Kolbenstangen. Wenn er neue Gestänge für tiefe Schächte anfertigte, spannte er den massiven Rundstahl in den Leinenschraubstock, setzte das schwere zweihändige Schneiteisen an und schnitt das M16 Gewinde von Hand, Gang für Gang.
Mit jedem halben Vorwärtszub folgte der geübte Ruck zurück, um den eisernen Sparn zu brechen. Das dunkle schwefelhaltige Schneidöl rauchte leise auf dem blanken Gewindegang und füllte die Remise mit diesem unverwechselbaren, beißenden Geruch nach heißem Metall und altem Handwerk. Bis zum Spätherbst 1992 wuchs an der fensterlosen Giebelwand ein solides Regalsystem aus dicken Douglasendielen heran, verankert auf geschmiedeten Winkeleisen.
Auf diesen Bohlen standen sie nun, sauber ausgerichtet in Reih und Glied, 26 Schwängelpumpen. Jede einzelne war bis auf die letzte Schraube zerlegt, in Kriechhöl entrostet, mit grauer Bleimännige grundiert und an den Zylinderlaufflächen satt mit säurefreier Vaseline eingestrichen worden. An jedem eisernen Schwängel baumelte ein Etikett aus grauer Graupappe, befestigt mit gezwirntem Hanffaden.
Mit spitzem Bleistift hatte Jakob die Kndaten handschriftlich vermerkt. Kolbendurchmesser 75 mm, Hubhöhe 200 mm, Manschettengröße 3 Zoll Rinzleder. Fertigstellungsdatum November 1992. Wer von den Nachbarn durch das halbgeöffnete Holztor späte, sah darin ein skoriles Museum für Schrott, den man zurecht auf den Misthaufen geworfen hatte.
Die Bundesrepublik war stolz auf ihre lückenlose Stromversorgung, auf Tauchpumpen, die tief im Erdreich unsichtbar ihren Dienst taten. Doch für Jakob war dieses Regal keine verstaubte Nostalgie. Es war ein lautloses Lager physischer Unabhängigkeit, gebaut nach der unerbittlichen Geometrie der Schwerkraft. Das Eisen verlangte keinen Drehstrom, keine Schaltschütze und keine fremde Hilfe.
Es forderte nur einen Arm, der den Hebel bewegte. Und Jakob wußte aus den alten Wetterkalenderen seines Großvaters, daß die Stürme über den Sauerländer Höhenkämmen keine Rücksicht auf moderne Gewissheiten nahmen. In der 3. Januarwoche des Jahres 1993 fiel das Thermometer an den Nordhängen des Rotargebirges 3 Wochen lang nicht ein einziges Mal über -10°.
Der Boden war bis in eine Meter Tiefe zu gefrorenem Schieferbeton erstarrt, als in der Nacht zum Donnerstag eine milde Warmluftschicht aus Südwesten über die eisige Kaltluft am Boden glitt. Es begann nicht zu schneien. Was aus den tiefhängenden aschgrauen Wolken fiel, war ein dichter, schwerer Regen, der im freien Fall flüssig blieb.
Doch in derselben Sekunde, in der er auf Zweige, Telegrafen drehte und Schieferdächer traf, bei -4° schlagartig zu zmem, glasklarem Eis erstarrte. Binnen weniger Stunden legte sich ein Panzer über das Land, der mit jeder Minute an dicke und unerbittlichem Gewicht zulegte. Gegen Mitternacht begann der Wald zu sterben.
Aus den dunklen Fichtenbeständen an den Hangkämmen drang ein unheimliches, peitschendes Knallen durch die froststarre Luft, als würden dort oben schwere Geschütze abgefeuert. Die nadelbehangenen Kronen hielten der Last von Tonnen aus gefrorenem Wasser nicht stand. Gesunde, 50-jährige Stämme brachen mittendurch, splitterten wie trockenes Anzholz und rissen im Sturz ganze Hänge mit sich.
Dann traf es das Rückgrader. Entlang der windhöfigen Berggrücken schwangen die daumendicken Freileitungen der Mittelspannung unter einem zentimeter dicken Eismantel in unheilvoller Resonanz. Man hörte das gequälte metallische Summen der Drähte, bevor die ersten stehlernen Gittermasten unter der gewaltigen Zuglast wie Streichhölzer einknickten.
[räuspern] Mit einem dumpfen, erbebenartigen Dröhnen schlugen sie in die vereisten Schonungen, gefolgt vom peitschenden Reißen der Leiterseile, deren Enden mit bläulichen Lichtblitzen im Schnee verglühten. In alten Hellefeld und den umliegenden Weilern erlosch jedes Licht. Der Strom war weg und mit ihm das gesamte Nervensystem der modernen Welt.
In der frostigen Finsternis, die sich über das Tal legte, breitete sich eine Stille aus, die bedrohlicher war als der Sturm. Nur aus den großen betonierten Laufstellen drang nach wenigen Stunden ein Laut, der den Bauern das Blut in den Adern gefrieren ließ. Das klagende, mag erschütternde Brüllen der Milchkühe.
Bei Bauer Hagedorn standen 60 schwarzbunte Hochleistungstiere im Dunkeln an ihren Fressgittern. Die automatischen Schaltschränke waren tot, die Melganlage schwieg und in den Zuleitungen zu den Selbsttränkebecken rührte sich kein Tropfen mehr. Tief im Schacht unter dem Hof saß die hochgelobte Unterwassermotorpumpe, ein dreiphasiges Wunderwerk der Technik, vollkommen stumm, weil auf den Leitungen aus dem Kraftwerk kein Strom mehr floss.
Eine Milchkuh in voller Laktation braucht täglich 80 l Wasser. Bleibt die Tränke leer, stellt der Pansen binnen 48 Stunden seine Arbeit ein. Das Tier vergiftet sich an den eigenen Gehrungsprozessen und geht elendig zugrunde. Während das Eis unerbittlich weiter an den Fenstern wuchs, begriffen die Männer im Tal, dass ihr ganzer Betrieb an einer Hand voll Freileitungen gehangen hatte, die nun zerrissen unter gefrorenem Fichtenholz lagen.
Am Morgen des dritten Tages knirschte der vereiste Haarsch vor dem Tor der Remise unter schweren Schritten. Bauer Hagedorn stand in der Kälte, die dicken Filzstiefel von einer weißgrauen Kruste aus Eis und gefrorenem Mist überzogen. In den schwieligen Händen hielt er zwei leere, verbeulte Zinkeimer, die im leisen Wind zitterten.
Sein Blick wich zur Seite aus, an Jakob vorbei auf die geordneten Werkzeuge an der Wand. Das kleine Viertakt Notstromaggregat, das er sich vor drei Jahren für teures Geld aus Ison geholt hatte, war in der Nacht nach 40 Stunden Dauerlauf mit einem kreischenden Kolbenfresser gestorben. Im Stall dahinter brüllten die Kühe nicht mehr. Sie stöhnten nur noch heiser gegen die eisigen Betonwände mit trockenem Schaum an den Mäulern.
Hagedorn sagte nicht viel. Er fragte nicht, ob Jakob sich noch an das Gelächter am Reifeisentresen erinnere. Und Jakob verlangte keine Abbitte. Es gab im Sauerland ein stilles Einverständnis darüber, daß man die Scham eines Mannes nicht größer machte, wenn das Unglück ohnehin schon schwer genug auf seinem Nacken lag.
Jakob griff ohne ein Wort nach der Nummer 11 aus dem Douglasinregal einer schweren Ossnerpumpe mit frisch geültem Kolbenleder und blankem Zylinder. Er packte zwei Rohrlängen verzinktes ein einelzoll Rrohr, die Hanfzöpfe, die Dose vermitt und den Kasten mit den geschmiedeten Eckrohrzangen auf einen alten Hörnerschlitten aus Eschenholz.
Oben auf schnallte er die schwere kupferne Benzinlötlampe. Zu zweit zogen sie das Gespann durch die Tiefen Wehen den Berg hinauf zu Hagedorns Hof, wo der Atem der hungernden und durstigen Tiere wie dichter Nebel aus den Stalltüren quoll. Hinter dem Wirtschaftsgebäude lag der alte gemauerte Brunnenschacht unter einer halben Tonne Eis begraben.
Jakob pumpte Druck auf die Lötlampe, öffnete das Nadelventil und entzündete das Gemisch. Mit einem heiseren fauchenden Geräusch schoss die blaue Benzinflamme gegen den gußeisernen Brunnenpflansch. Eis splitterte und schmolz in zischenden Tropfen, die sofort wieder zu gefrieren drohten, während der Geruch von verbranntem Schmierfett, Benzin und scharfem Frostschnee die Luft erfüllte.
Bei -8° klebten die nackten Fingerkuppen fast am eisigen Werkzeugstahl fest, doch jeder Handgriff saß. Das dumpfe metallische Klirren der schweren Zangenhalte über den Hof, als Jakob das Steigrohr einpasste, die konischen Gewinde mit Hanf bestrich und das Bodenventil in die Tiefe gleiten ließ. Nach zweieinhalb Stunden goss er eine Kanne lauwarmes Wasser aus Hagedonsorns Küchenherd in den Zylinder, um die Manschette anzuen.
Dann packte er den langen Hebelarm. Beim ersten Schlag schepperte das Gestänge hohl durch das Rohr. Beim dritten stieß die Kompression gegen das Leder. Beim Fünften brach mit einem gurgelnden Ruck ein satter, armdicker Strahl klaren Grundwassers hervor, der dampfend und mit 20° Temperaturunterschied zur Außenluft in die aufgestellten Zinkwannen schwappte.
Hagedorn stand daneben, starrte auf das schäumende Wasser und zog eine dicke Lederbörse aus der Joppe. Er fragte mit heiserer Stimme, was Jakob jetzt dafür haben wolle, bereit, jeden Wucherpreis zu zahlen. Jakob wischte das Spritzwasser von der Kolbenstange, sah ihn ruhig an und nannte die Zahl, die seit zwei Jahren in seinem Oktafeheft stand, 65 Mark inklusive der Rohre und des Einbaus.
keinen Pfennig mehr, denn ein Unwetter verging, aber das Urteil des Dorfes über einen Mann blieb für den Rest seiner Tage bestehen. Die Nachricht, dass auf Hagedonsorns Hof die Kannen dampften und 60 Milchkühe vollgesoffen an den Raufen standen, brauchte keine Telefonleitungen. Im Hochsauerland lief so etwas von Stall zu Stall, getragen von den schweren Schritten der Nachbarn, die auf der Suche nach Nachricht oder Hilfe durch die gefrorenen Wagenspuren stapften.
Binnen eines Tages wusste jeder zwischen Alten Hellefeld und Gräwenstein, dass die einzige funktionierende Tränke auf den Kämmen aus einem gusseisernen Zylinder schlug, den Friedrichs Enkel am Dienstagnchmittag in den Fels geschraubt hatte. Derweil steckten die gelben Unimoges und Steiger der VEW tief unten im Lennetal in den Schneewehen fest.
Selbst mit schwerem Räumgerät war an die umgeknickten Masten in den vereisten Steilhängen kein Herommen. Motorsägen frasen sich in glasüberzogenen Fichten fest und die Vorarbeiter gaben hinter vorgehalten Hand zu, dass manche Höhenzüge vor dem nächsten Tauwetter keinen Funkenstrom mehr sehen würden. In Jakobs Remise blieb das Douglasenregal nicht lange gefüllt.
Es brauchte keine Beratungen, keine Kostenvoranschläge und keine Bestellfristen beim Großhändler. Was die Männer brauchten, stand mit gehtem Kolben und frischen Rinzlederstulpen fertig beschriftet an der Wand. Vom vierten Tag anzog Jakob den Esschenholzschlitten von Morgengrauen bis tief in die Nacht über die Kampfstraße.
Hof um Hof, Gehöft um Gehöft. Wenn er das Dreibein aus Fichtenstangen über den alten Schächten aufstellte und den Kettenzug anzog, spürte er das tiefe, dumpfe vibrierende steinhart gefrorenen Bodens durch die dicken Sohlen seiner Arbeitsstiefel. Seine Finger waren klamm, zerschnitten vom spröhenden Draht und aufgerissen von scharfkantigen Zinkrohren.
Eine dichte Schicht aus kaltem Schneematsch, zähem Graffitfett und altem Rost klebte in den Poren seiner Haut und ließ sich selbst mit heißem Wasser am Abend kaum noch lösen. Doch die Griffe saßen wie im Schlaf: Rohrverschraubung aufsetzen, Hanf einfädeln, vermitt drüber ziehen, mit der großen Hatzedrohrzange nachsetzen, bis das Gewinde auf Anschlag kreischte.
Binnen Tagen brachte Jakob sezehn Brunnen entlang der windgepeitschten Höhen wieder an das Wasser und mit jedem Hof, den er verließ, veränderte sich die Landschaft. Wo zuvor die beklemmende tote Stille des Stromausfalls über den Gehüften gelegen hatte, halte nun ein neuer vertrauter Klang durch den froststarren Morgen. Es war das dumpfe, rhythmische Schlagen der schweren Eisenschwänge, das hohle Klacken der Messingventile und das gurgelnde Rauschen des Grundwassers, das durch die eisigen Tüllen schoss.
Über den langen Zinkrögen und hölzernen Futterbaren stiegen dichte weiße Dampfwolken auf, als das 8° warme Quellwasser auf die eisige Luft traf und die gierigen Mäuler des Wies eintauchten. In diesen Tagen sprach niemand mehr von Fortschritt oder von der Rückständigkeit alter Zeiten. [räuspern] Das Wort vom wertlosen Altmetall, das jahrelang über die Theken gewandert war, erlosch vollkommen.
Ein Handwerk war nicht modern oder unmodern. Es funktionierte oder es versagte, wenn die Welt darum herum still stand. Als am zehnten Tag unten im Tal die ersten Schaltschränke wieder ansprangen, brauchte die Kampfstraße sie schon nicht mehr zum Überleben. Die Straße pumpte aus eigener Kraft, Eimer für Eimer, getragen von Friedrichs Werkbank.
Gegen Ende der neziger Jahre war aus dem stillen Vorrat in der Remise ein eingetragener Handwerksbetrieb geworden. Auf dem Briefkopf stand nun in schlichter Antikverschrift Lindemann Brunnen und Pumpentechnik. Doch an den handwerklichen Abläufen auf der Werkbank änderte der behördliche Stempel nichts. Jakob fuhr inzwischen einen gebrauchten Pritschenwagen, dessen Ladefläche nach Zinkfarbe, Schneidöl und feuchtem Schiefertaub roch.
Doch die Buchführung blieb in den dicken, fadengehefteten Kladden verwurzelt. Als im Januar 2002 der Euro kam, klimperten die vertrauten fünf und Zehn Markstücke ein letztes Mal in der Blechschatulle, bevor Jakob die Spalten mit sauberem Federstrich durch den amtlichen Faktor teilte. Die Zahlen wurden kleiner auf dem Papier, aber die Arithmetik blieb unberührt.
Wer eine Pumpe von der Werkbank holte, zahlte für das Material das Kriechhöl und die Stunde ehrlicher Arbeit. Für Rundungsaufschläge oder den schnellen Gewinn gab es in Friedrichsremise keinen Raum. Im Oktober 2004 an einem nasskalten Dienstagnachmittag stand einzehnjähriges Mädchen im offenen Tor der Werkstatt.
Es war Johanna, die Enkelin des alten Waldbauernbette aus Linnepe. Sie trug eine abgetragene Arbeitsjoppe, deren Ärmel zwei handbreit umgeschlagen waren und hielt eine grobe Papiertüte in den Klammenhänden. [räuspern] Darin lag die gerissene Gussführung einer alten Weideumpe, zerbrochen an der dünnen Wandung des Scharnierauges.
Johanna fragte nicht schüchtern, sondern sah Jakob mit festem Blick an und wollte wissen, ob er das Teil wieder zusammenschweißen könne, damit das Jungfie auf der Waldwiese vor dem Frost nicht verdurste. In der Remise roch es nach frischer Zingstaubfarbe und dem scharfen schwefeligen Brandgeruch von Nickelektroden, mit denen Jakob am Vormittag einen Frostschaden instand gesetzt hatte.
Jakob nahm das Bruchstück, drehte es in den Fingern und betrachtete die körnige dunkelgraue Bruchfläche des Graugusses. Er hätte den Schweißinwerter anwerfen und den Riss in 10 Minuten mit Nickeleisendraht zuschmelzen können. Doch statt zum Brenner griff er zum Leinenschraubstock. Er spannte die gebrochene Führung behutsam zwischen die breiten Backen, zog eine schwere 30ßig lange Hiebeinswerkstattpfeile aus der Halterung an der Eichenwand und drückte sie dem Mädchen in die Hände.
Dann stellte er dieselbe Frage, die sein Großvater ihm 17 Jahre zuvor an genau dieser Stelle gestellt hatte: “Was will das Eisen tun?” Johanna stutzte einen Augenblick, begriff aber rasch, dass es hier keine fertige Lösung gab. Sie setzte die grobe Pfeile an. Anfangs rutschte der gehärtete Werkzeugstahl kreischend über die glasharte Gusshaut ab, ohne einen Sparn zu heben.
Doch Jakob korrigierte mit zwei Fingern die Haltung ihrer Schulter und den Druck des Handballens. Bald ging das Rutschen in ein trockenes, gleichmäßiges Raspeln über. Das Geräusch füllte die ganze Remise, ein zäher, unnachgiebiger Takt, bei dem mit jedem Schub feiner graffitschwarzer Gussstaub lautlos auf das Eichenholz der Werkbank rieselte.
Johanna fallte den Bruch auf eine saubere Vfuge ein, bis das Metall mattgrau schimmerte und die Kanten die richtige Schräge für die Schweißung hatten. An diesem Nachmittag lernte sie nicht nur, wie ein Werkzeug greift. Sie lernte, dass man vor der Härte des Materials keine Furcht haben muss, wenn man seine Grenzen achtet.
Als sie am darauffolgenden Samstag wieder in der Remise stand, hatte sie kein zerbrochenes Teil mehr dabei. Sie trug eine eigene Drahtbürste in der Tasche und blieb einfach an der Werkbank stehen. Mehr als drei Jahrzehnte sind vergangen seit jenem nassen Maiorgen auf Hof Schulteffersberg und die Zahl im schwarzen Hauptbuch hat längst die 1000 überschritten.
In 1440 handbetriebene Zylinderpumpen hat diese Werkbank in den vergangenen 35 Jahren wieder verlassen. Sie stehen über Brunnenbohrungen und gemauerten Schächten zwischen dem Roothagebirge und dem Waldeckerland, an Kagen Waldrändern, auf abgelegenen Hangweiden und in den Deelen alter Höfe. Moden kamen und gingen.
Generationen von Schaltschränken wurden auf den Schrott geworfen, weil ihre Platinen nach 10 Jahren keine Ersatzteile mehr fanden. Doch an den Tiefbrunnen entlang der Höhenzüge schlägt noch immer dasselbe schwere Graugus. Wenn der Wind im Winter die Leitungen kappt, greift der Bauer nach dem Hebel und das Wasser kommt. An der geschindelten Giebelwand der Remise, genau zwischen Großvater Friedrichs abgewetztem Richtscheid und dem Satz geschmiedeter Hatzschlüssel, hängt ein einfacher Holzrahmen hinter entspiegeltem Glas.
Darin liegt der vergilbte Abrechnungszettel der Hofauflösung von 1987. 14 Mark und 80 Pfennig mit Zimmermanns Bleistift auf Packpapier notiert. Gleich daneben klebt die verblasste Karikarte mit der Handschrift des alten Mannes. Ein Teil Aceton, ein Teilgetriebeöl. Es ist das einzige Dokument, das Jakob jemals an die Wand gehängt hat.
Für ihn ist es kein Denkmal, sondern eine Mahnung an die Arithmetik der Wirklichkeit. Alles, was dieser Betrieb je an Werkzeug, Leitungen und Vertrauen erwirtschaftet hat, entsprang der Geduld mit jener ersten Kiste vermeintlichen Schrotts. Draußen auf dem Hof knirscht der Kies unter den Reifen des Werkstattwagens. Johanna leitet die Mondtagen und Schachtarbeiten heute mit sicherer Hand.
Wenn auf den Höfen im Umland alte Brunnen aufgewältigt werden müssen oder ein Auktionator zwischen So und Frankenberg altes Gusseisen auf dem Hof liegen hat, ruft man längst sie an und nicht mehr Jakob. Er selbst hat sich den Platz am Leinenschraubstock von 1954 bewahrt. Im warmen Licht der tiefstehenden Spätsommersonne schiebt er eine geschliffene Lepwelle durch die Zylinderbohrung einer Vorkriegspumpe, hört auf das feine Knirschen der Schmiergelpaste und prüft mit der Fingerkuppe den Rundlauf.
An der Wand lehnt ein massiver Schwängel aus saischem Eschenholz. Er ist nicht lackiert, sondern von unzähligen Händen über Jahrzehnte hinweg seidenglänzend und speckig poliert worden. Dunkler, ehrlicher Gebrauch, der durch keine Werkzeugkiste der Welt künstlich erzeugt werden kann. Als Jakob die restaurierte Pumpe im Prüfstand ansetzt und den Hebel mit ruhigem Zug nach unten drückt, steigt das Wasser im Glasrohr empor.
Es bricht kristallklar über die Tülle, riecht nach feuchtem Stein und schmeckt so herb, kühl und mineralisch nach Schiefer wie an jenem ersten Augusttag vor vielen Jahren. Eisen verlangt keinen Strom, keinen Beifall und keine Eile. Es verlangt nur Respekt vor seinen Gesetzen. Wenn auch auf Ihrem Hof oder in ihrem Dorf noch ein solcher eiserner Zeuge alter Zeiten steht oder wenn Sie die Erinnerung an die ruhige Genauigkeit des ländlichen Handwerks teilen, schreiben Sie Ihre Geschichte gern in die Kommentare. Unterstützen Sie diesen
Kanal mit einem Daumen nach oben und einem Abonnement, damit das überlieferte Wissen und die Achtung vor dem ehrlichen Handwerk ihren festen Platz behalten.