Es gibt diese seltenen Momente im deutschen Fernsehen, in denen die übliche diplomatische Zurückhaltung, das abwägende Lavieren und das weichgespülte Talkshow-Gerede plötzlich wie eine Seifenblase zerplatzen. Ein solcher Moment ereignete sich jüngst, als der meinungsstarke und weithin respektierte Kult-Kolumnist Hans Ulrich Jörges am Morgen live auf Sendung ging und zu einem verbalen Rundumschlag ansetzte, der es in sich hatte. Mit einer emotionalen Wucht und analytischen Schärfe, die man heute im oftmals glattgebügelten Medienbetrieb schmerzlich vermisst, zerlegte Jörges die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Verfehlungen der deutschen Elite. Von einer perfiden Hinhaltetaktik bei der Rentenreform über diplomatische Peinlichkeiten der Sonderklasse bis hin zum kulturellen Tiefpunkt des European Song Contests – Jörges nahm kein Blatt vor den Mund. Sein Auftritt war nicht weniger als ein reinigendes Gewitter für all jene Bürger, die das Gefühl haben, von ihren Volksvertretern nur noch getäuscht und im Stich gelassen zu werden.
Der erste massive Kritikpunkt, den Jörges in den Fokus seiner Betrachtungen rückte, betrifft ein Thema, das Millionen von hart arbeitenden Menschen in diesem Land nachts um den Schlaf bringt: die Rente. Die Bundesregierung hatte hoch und heilig versprochen, eine umfassende Rentenreform noch vor der parlamentarischen Sommerpause, die am 10. Juli beginnt, über die Bühne zu bringen. Ein ambitioniertes Ziel, zweifellos, aber eines, das den Bürgern Sicherheit und Planbarkeit für ihren Lebensabend geben sollte. Doch Jörges lässt an diesem Versprechen kein gutes Haar. Mit messerscharfer Beobachtungsgabe entlarvt er den Zeitplan der Koalitionsspitzen als reines politisches Schmierentheater. Wenn man sich den Kalender der Regierung ansieht, so Jörges, bleiben lediglich zwei Zusammenkünfte übrig. Eine davon ist ein Treffen mit Arbeitgebern und Gewerkschaften im Juni – ein Termin, den der Kolumnist treffend als “reinen Palaver-Termin” bezeichnet, da hier ohnehin nichts Verbindliches beschlossen werden kann.
Wie soll also, so fragt man sich unweigerlich, ein derart komplexes, tiefgreifendes und für Generationen entscheidendes Gesetzespaket in nur einer einzigen verbleibenden Sitzung des Koalitionsausschusses Anfang Juli festgezurrt werden? Die Antwort von Hans Ulrich Jörges ist ebenso simpel wie erschütternd: Gar nicht. Er vermutet hinter dieser offensichtlichen Verzögerungstaktik ein eiskaltes, parteipolitisches Kalkül. Im September stehen in drei Bundesländern enorm wichtige Landtagswahlen an. Die Regierung hat schlichtweg panische Angst davor, dem Wähler vor diesen entscheidenden Urnengängen reinen Wein einzuschenken. Man stelle sich nur einmal vor, die Rente mit 63 würde gestrichen oder die Lebensarbeitszeit drastisch verlängert – Maßnahmen, die hinter den Kulissen längst als unausweichlich diskutiert werden. Die Wähler würden in Scharen zur Opposition, insbesondere zur AfD, überlaufen. Um dieses Horrorszenario für die Regierungsparteien zu verhindern, wird die dringend notwendige Reform schlichtweg auf Eis gelegt. Nach den Wahlen, wenn die Stimmen sicher sind, wird man die unpopulären Maßnahmen dann aus der Schublade holen. Ein solches taktisches Manövrieren auf dem Rücken der Rentner ist nicht nur zutiefst unaufrichtig, es zerstört das letzte verbliebene Fünkchen Vertrauen in die politische Integrität dieses Landes.
Doch die innenpolitischen Taschenspielertricks sind nur die Spitze des Eisbergs. Was Jörges im Bereich der Außenpolitik und Diplomatie anspricht, lässt den Zuhörer fassungslos zurück. Im Zentrum der Kritik steht hier Friedrich Merz, dessen jüngste rhetorische Fehltritte Jörges als “Dämlichkeit der Sonderklasse” bezeichnet – ein hartes Urteil, das in seiner Deutlichkeit jedoch kaum zu übertreffen ist. Es geht um Äußerungen in Richtung der USA, dem wichtigsten transatlantischen Verbündeten Deutschlands. Merz hatte offenbar auf dem Katholikentag verlauten lassen, er würde seinen eigenen Kindern nicht empfehlen, für eine Ausbildung oder zum Arbeiten in die Vereinigten Staaten zu gehen. Eine Aussage, bei der Jörges regelrecht “die Spucke wegbleibt”.
Die USA verfügen unbestritten über die weltweit führenden Universitäten, eine exzellente, unvergleichliche Forschungslandschaft und sind die Heimat der mächtigsten Tech-Konzerne des Planeten. Wer ernsthaft Karriere machen, bahnbrechende Innovationen kennenlernen oder das Rüstzeug für eine eigene Unternehmensgründung erwerben will, kommt an den Vereinigten Staaten kaum vorbei. Einem solchen Land öffentlich die Qualifikation als Ausbildungsstandort abzusprechen, zeugt von einer beunruhigenden Kurzsichtigkeit. Mehr noch: Es ist gefährlich. Jörges erinnert an frühere diplomatische Entgleisungen und die katastrophalen Reaktionen, die so etwas bei internationalen Partnern, nicht zuletzt bei Donald Trump, auslösen kann – bis hin zu angedrohten Truppenabzügen und horrenden Strafzöllen auf europäische Autos. Dass im Hintergrund offenbar hektische Telefonate geführt wurden, um den potenziellen Schaden zu begrenzen, zeigt nur, wie sehr die politische Führung in panischer Schadensbegrenzung verstrickt ist, statt von vornherein besonnen zu agieren. Wenn Spitzenpolitiker vor Publikum nicht mehr in der Lage sind, die geopolitischen Konsequenzen ihrer Worte abzuschätzen, steht es schlecht um die diplomatische Handlungsfähigkeit unseres Landes.
Nahtlos reiht sich in diese Riege der politischen Fehlleistungen auch die aktuelle Debatte um eine vermeintliche Steuerreform ein. Lars Klingbeil, so führt Jörges aus, plane eine groß angelegte Entlastung der kleinen und mittleren Einkommen in einer atemberaubenden Größenordnung von rund 20 Milliarden Euro. Auf den ersten Blick eine noble Geste und eine dringend benötigte Maßnahme in Zeiten explodierender Lebenshaltungskosten. Doch der erfahrene Journalist Jörges stellt die entscheidende, unangenehme Frage, die in den politischen Sonntagsreden gerne ausgeklammert wird: Wie um alles in der Welt soll das finanziert werden?
Die oft und gerne zitierte “Reichensteuer”, die als Allheilmittel präsentiert wird, ist bei genauerer mathematischer Betrachtung nichts weiter als eine populistische Nebelkerze. Es gibt in Deutschland schlichtweg nicht genügend Superreiche, deren zusätzliche Besteuerung eine Lücke von 20 Milliarden Euro schließen könnte. Selbst wenn man die wenigen Extremverdiener drastisch zur Kasse bittet, käme vielleicht ein Bruchteil der benötigten Summe zusammen – Jörges spricht von ein bis zwei Milliarden. Was bleibt also übrig, um dieses gigantische Wahlversprechen zu finanzieren? Der Griff in die Taschen der breiten Mitte. Wenn die Regierung den Spitzensteuersatz antastet, so Jörges’ eindringliche Warnung, “rasiert man den gesamten Mittelstand”. Genau jene Menschen, die morgens früh aufstehen, hart arbeiten, Steuern zahlen und den Laden am Laufen halten, wären am Ende die Leidtragenden. Besonders pikant ist in diesem Zusammenhang die Rolle des Kanzlers, der in der Vergangenheit mehrfach hoch und heilig versprochen hatte, dass es mit ihm keine Steuererhöhungen für diese Gruppen geben werde. Sollte er in diesem Punkt umfallen, wäre seine politische Glaubwürdigkeit endgültig und unwiederbringlich zerstört. Es ist ein fatales Spiel mit dem Feuer, das hier auf Kosten der wirtschaftlichen Stabilität des deutschen Mittelstands gespielt wird.
Doch Hans Ulrich Jörges beschränkte seinen grandiosen Wutausbruch nicht nur auf die trockenen und frustrierenden Themen der Tagespolitik. Mit einem eleganten, wenn auch bissigen Schwenk nahm er sich auch des kulturellen Zustands unserer Gesellschaft an – exemplarisch dargestellt am jüngsten European Song Contest. Jörges, offensichtlich zutiefst irritiert von dem, was ihm da am Fernsehbildschirm geboten wurde, nahm den Siegersong “Bangaranga” (eine überspitzte Umschreibung des Dargebotenen) förmlich auseinander. Was als Feier der musikalischen Vielfalt und des europäischen Gedankens gedacht war, verkam in seinen Augen zu einer billigen, hypersexualisierten Provokations-Show.
Mit unverhohlener Fassungslosigkeit zog er Vergleiche zu den berüchtigten “Bunga Bunga”-Partys des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Er beschrieb den Auftritt der Künstlerin schonungslos: Eine Inszenierung, die weniger durch musikalisches Talent als vielmehr durch die penetrante Zurschaustellung körperlicher Attribute in eng anliegenden Outfits auffiel – in seinen Worten ein Auftritt im “Trio: sie und ihre beiden Brüste”. Für Jörges ist es ein absolutes Rätsel, wie ein derartiger Wettbewerb dermaßen ins Niveau-Bodenlose abrutschen kann und warum insbesondere das weibliche Publikum einen solchen Auftritt honoriert. Er sehnt sich hörbar nach den Zeiten zurück, in denen beim ESC noch echte musikalische Meilensteine gesetzt wurden, die Generationen überdauerten. Er erinnert an den legendären Auftritt von ABBA mit “Waterloo” – ein Song, der Geschichte schrieb. Im harten Kontrast dazu sieht Jörges die heutigen Gewinnerbeiträge als schäbig und bedeutungslos an, produziert für den schnellen, billigen Schockeffekt, nur um schon am nächsten Tag wieder in der totalen Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Diese schonungslose TV-Abrechnung von Hans Ulrich Jörges ist weit mehr als nur das morgendliche Grummeln eines älteren Journalisten. Es ist ein perfektes, verdichtetes Stimmungsbild einer Nation, die zunehmend die Geduld verliert. Die Menschen sind müde von Rentenversprechen, die nach Kassenlage und Wahltaktik gebrochen werden. Sie sind es leid, dabei zuzusehen, wie Führungspersonal auf internationaler Bühne durch unverständliche Aussagen den Ruf und die Wirtschaftskraft des Landes gefährdet. Sie durchschauen die Steuer-Märchen, die den Mittelstand bluten lassen sollen, um populistische Geschenke zu finanzieren. Und sie spüren ein tiefes Unbehagen über den kulturellen Verfall, bei dem plumpe Provokation echtes Talent und künstlerische Substanz abgelöst hat.
Jörges hat in wenigen Minuten das ausgesprochen, was an unzähligen Küchentischen, in Kantinen und in den Kommentarspalten der sozialen Medien tagtäglich diskutiert wird. Er hat der Wut und der Enttäuschung eine rhetorisch brillante Stimme gegeben. Bleibt nur zu hoffen, dass diese klaren Worte nicht ungehört verhallen. Dass die politischen Entscheidungsträger begreifen, dass man die Wähler nicht ewig mit Palaver-Terminen und falschen Versprechungen abspeisen kann. Und dass in unserer Gesellschaft wieder ein Bewusstsein dafür wächst, dass Qualität, Anstand und Verlässlichkeit – sei es in der Gesetzgebung, in der Diplomatie oder auf einer Showbühne – Werte sind, die es unbedingt zu verteidigen gilt. Bis dahin bleiben uns zumindest noch mutige Stimmen wie die von Hans Ulrich Jörges, die schonungslos den Finger in die Wunden legen.
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