Es ist eine Zeit, auf die sich Millionen von Menschen auf der ganzen Welt alle vier Jahre mit ungebremster Leidenschaft freuen: Die Fußball-Weltmeisterschaft. Ein globales Fest des Sports, der Völkerverständigung und der gemeinsamen Emotionen. Normalerweise ist dies die Phase, in der die Vorfreude steigt, in der die Kneipen ihre Beamer aufstellen, in der die Nachbarschaften sich zum Public Viewing verabreden und in der die Straßen in ein farbenfrohes Meer aus Nationalflaggen und Trikots getaucht werden. Doch in Deutschland scheint selbst das harmloseste, friedlichste Sportereignis nicht mehr vor der um sich greifenden ideologischen Durchpolitisierung sicher zu sein. Kurz vor dem Anpfiff des Turniers sorgt ein Beitrag des öffentlich-rechtlichen Kultursenders Arte für einen beispiellosen Eklat, der nicht nur Fußballfans, sondern auch weite Teile der bürgerlichen Mitte in absolute Fassungslosigkeit stürzt. In der Sendung “Tracks” wird das Tragen von Nationaltrikots und das Schwenken der Deutschlandfahne in einem derart negativen Licht dargestellt, dass sich viele Zuschauer unweigerlich fragen, ob sie Zeuge einer bizarren Satire oder eines erschreckenden gesellschaftlichen Fiebertraums sind.
Die Dokumentation, die sich vordergründig mit dem Hype um Fußballtrikots und deren modischer Bedeutung auseinandersetzt, driftet rasant in eine tiefgehende Kritik an allem ab, was auch nur im Entferntesten mit Nationalstolz oder einer deutschen Identität zu tun hat. Der bekannte Finanz-YouTuber Kolja Barghoorn, Betreiber des Kanals “Aktien mit Kopf”, nahm sich dieses Beitrags in einem viel beachteten Reaktionsvideo an und sezierte die darin aufgestellten Thesen mit einer Mischung aus beißendem Spott und tiefem Entsetzen. “Das ist der größte Fiebertraum, den ich jemals gesehen habe im öffentlich-rechtlichen Fernsehen”, leitet Barghoorn sein Video ein und trifft damit exakt den Nerv seiner Zuschauer. Was in dem Arte-Beitrag von sogenannten Kulturschaffenden geäußert wird, sprengt für viele Betrachter jede Grenze des gesunden Menschenverstandes und markiert einen neuen Tiefpunkt in der Debatte um Patriotismus in Deutschland.
Im Zentrum der Kritik steht unter anderem ein Filmregisseur namens Juri Sternburg, der vor laufender Kamera eine Weltanschauung präsentiert, die radikaler kaum sein könnte. Seine Argumentationslinie beginnt harmlos mit der Feststellung, dass Vereinstrikots eine wunderbare Sache seien. Jeder Mensch könne sich frei entscheiden, Fan des FC Liverpool zu sein und dessen Farben durch die Straßen zu tragen, ohne dass dies jemals in Frage gestellt würde. Doch bei Nationalmannschaftstrikots, so der Regisseur, sehe die Sache plötzlich ganz anders aus. Nationalismus gehe automatisch mit “Grenzen, mit Macht, mit Staaten, mit Kolonialismus, mit Historie” einher. Wer also ein deutsches Trikot trägt, so die unausgesprochene, aber überdeutliche Botschaft, der zieht sich gleich das gesamte historische und koloniale Erbe des Landes über den Kopf und unterstützt ein System der Unterdrückung.
Die Absurdität dieser Argumentation wird noch deutlicher, wenn man sich die persönliche Verortung des Protagonisten genauer ansieht. Er berichtet stolz davon, dass er in einem besetzten Haus im Berliner Bezirk Kreuzberg großgeworden sei. Für ihn existiere kein Stolz darauf, Deutscher zu sein, wohl aber ein tiefer Stolz darauf, Kreuzberger zu sein. Kreuzberg stehe für Weltoffenheit und linke Politik, Nationalstolz habe dort keinen Platz. Der Regisseur geht sogar so weit zu behaupten, die Grundidee der Nation bestehe lediglich darin, dass “wir alle in einer fiktiv gesteckten Grenze aufgewachsen sind”. Kolja Barghoorn entlarvt diese romantisch-anarchistische Sichtweise gnadenlos. Er weist zu Recht darauf hin, dass auch Kreuzberg letztlich nur durch fiktive Grenzen definiert ist. Die Utopie einer grenzenlosen Welt, in der alle Kulturen und Nationen einfach miteinander verschmelzen, ist realitätsfern und würde, wie Barghoorn treffend anmerkt, in einem absoluten Chaos enden. Der Mensch hat ein tief verwurzeltes, natürliches Bedürfnis nach Zugehörigkeit und freiwilliger Abgrenzung. Das Konzept des Eigentums und der Grenzen – wie sie paradoxerweise gerade bei besetzten Häusern sehr physisch und militant gegen Polizei und rechtmäßige Eigentümer verteidigt werden – wird in der Ideologie dieser Aktivisten schlichtweg ausgeblendet.
Doch der eigentliche, ohrenbetäubende Paukenschlag des Beitrags folgt erst noch, als die Rede auf die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland kommt. Das sogenannte “Sommermärchen”, das weltweit als ein Fest der Freude, der überwältigenden Gastfreundschaft und der friedlichen Begegnung gefeiert wurde, wird in der Arte-Dokumentation im Nachhinein toxisch umgedeutet. Der Regisseur behauptet allen Ernstes, dass dieser “positive Party-Patriotismus” fatale Auswirkungen gehabt habe. Die Normalisierung von Fahnen, Flaggen und Nationalismus im Jahr 2006 habe seiner Meinung nach direkt zur Entstehung von Bewegungen wie Pegida und zur Gründung der AfD geführt. Diese historische Umdeutung ist nicht nur empirisch haltlos, sie ist ein Affront gegen Millionen von anständigen, friedlichen Bürgern, die damals einfach nur ein wunderbares Turnier gefeiert haben. Barghoorn fasst diese hanebüchene Kausalitätskette sarkastisch zusammen: “Muss ich sagen: Danke an alle Leute, die damals die Nationalflaggen getragen haben, dafür, dass die AfD gegründet wurde. Damit habt ihr einen großen Dienst geleistet.” Es ist der Versuch, jede Form von normaler, gesunder Vaterlandsliebe in eine rechtsextreme Ecke zu stellen und zu pathologisieren.
Diese Denkweise offenbart eine tief sitzende Doppelmoral, die der YouTuber als “Sklavenmoral” bezeichnet. Denken wir dieses Konzept einmal konsequent zu Ende: Würde sich dieser Regisseur jemals auf die Straßen von Paris, Rom, Peking oder Rio de Janeiro stellen und den dortigen Menschen erklären, dass ihr Nationalstolz gefährlich, ihr Flaggenschwenken rassistisch und ihre Trikots ein Symbol der Unterdrückung seien? Die Antwort lautet ganz klar: Nein. Diese radikale Ablehnung der eigenen Identität ist ein rein deutsches Phänomen. In fast jedem anderen Land der Erde ist ein gesunder Patriotismus eine Selbstverständlichkeit, die den Zusammenhalt der Gesellschaft stärkt. Nur in Deutschland wird das Tragen der eigenen Nationalfarben von bestimmten intellektuellen Milieus als potenziell gefährlicher Akt der Ausgrenzung gebrandmarkt.
Unterstützung erhält der Regisseur in dem Beitrag von einem Rapper, der die ohnehin schon steilen Thesen noch weiter zuspitzt. Für ihn ist es “sehr unangenehm und gefährlich”, wenn die Deutschen friedlich miteinander feiern. Die Flagge und der Bundesadler würden die Gesellschaft nicht vereinen, sondern vielmehr marginalisierte Gruppen an den Rand drängen und spalten. Er klagt über mangelnde Diversität und warnt eindringlich davor, die Fahne positiv zu besetzen. Auch hier stellt sich die Frage nach dem gesunden Menschenverstand: Eine Nationalflagge ist per Definition das verbindende Symbol aller Bürger eines Staates, völlig unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Orientierung. Wenn selbst dieses universelle Symbol der Zugehörigkeit als exkludierend empfunden wird, was bleibt dann noch übrig? Barghoorn bringt es auf den Punkt: Sollen wir die Deutschlandfahne auflösen und stattdessen Regenbogenflaggen schwenken oder alle Flaggen der Welt zusammennähen, nur damit sich niemand mehr auf den Schlips getreten fühlt? Wenn das friedliche Miteinander unter dem Dach einer gemeinsamen Nation als Bedrohung wahrgenommen wird, haben wir als Gesellschaft den Kompass völlig verloren.
Die Reaktion auf diesen öffentlich-rechtlichen Beitrag fällt im Netz dementsprechend vernichtend aus. Die Kommentarspalten unter dem Originalvideo und dem Reaktionsvideo von Kolja Barghoorn quellen über vor Sarkasmus, Wut und Unverständnis. “Ich bin überzeugt, dass wenn man diesen Tinnef bis zum Ende schaut, man mehr Gehirnzellen verliert als durch 20 Jahre Alkoholismus”, schreibt ein Nutzer treffend. Ein anderer Nutzer fasst die Heuchelei perfekt zusammen: “Flaggen von Äthiopien, Grönland und Palästina sind okay, aber wer eine Deutschlandfahne schwenkt, ist laut der Protagonisten gefährlich, nationalistisch, politisch rechts und verursacht Pogrome.” Der Tenor ist eindeutig: Die schweigende Mehrheit der Bevölkerung lässt sich ihre Freude am Sport und ihren gesunden Bezug zu ihrem Land nicht von einer elitären Minderheit madig machen, die in den Filterblasen der Großstädte jeden Bezug zur Realität verloren hat. Viele Nutzer kündigen trotzig an, sich nun erst recht ein Retro-Trikot von 2006 zu besorgen und die Farben Schwarz-Rot-Gold mit Stolz zu tragen.
Barghoorn schließt seine Analyse mit einem philosophischen Erklärungsansatz für diese beunruhigende gesellschaftliche Entwicklung. Er zitiert den bekannten Ausspruch: “Schwere Zeiten schaffen starke Männer. Starke Männer schaffen gute Zeiten. Gute Zeiten rufen schwache Männer hervor. Und schwache Männer rufen schlechte Zeiten hervor.” Nach Jahrzehnten des Friedens, des Wohlstands und der Stabilität in der Nachkriegszeit scheint Deutschland an einem Punkt angelangt zu sein, an dem eine Überflussgesellschaft anfängt, sich selbst zu zerfleischen. Wenn die Probleme nicht mehr existenzieller Natur sind, erschafft man sich künstliche Probleme. Die Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen der Diskriminierung führt dazu, dass bewährte und verbindende Traditionen wie der Sport und die nationale Identität systematisch dekonstruiert und zerstört werden. Es ist das Luxusproblem einer Generation, die keine echten Krisen mehr meistern musste und nun ihre Energie darauf verwendet, harmlose Fußballfans zu moralisieren.
Der anstehende WM-Sommer wird somit nicht nur ein sportliches Kräftemessen auf dem Rasen, sondern auch ein kultureller Stresstest für die deutsche Gesellschaft. Der Versuch, die WM durch eine “woke Agenda” zu durchpolitisieren und den Bürgern auch noch im letzten Rest ihrer Freizeit ein schlechtes Gewissen einzureden, wird auf massiven Widerstand stoßen. Der Fußball war immer ein Ventil, ein Ort der Emotionen und des gemeinsamen Feierns. Die Menschen wollen sich beim Public Viewing in den Armen liegen, sie wollen jubeln, leiden und sich mit ihrer Mannschaft identifizieren. Wer versucht, dieses zutiefst menschliche Bedürfnis zu pathologisieren und mit den dunkelsten Kapiteln der Geschichte in Verbindung zu bringen, der spaltet die Gesellschaft weitaus mehr, als es eine schwarz-rot-goldene Fahne jemals tun könnte. Es ist an der Zeit, dem moralischen Zeigefinger eine klare Absage zu erteilen und sich das Recht auf unbeschwerte Freude und einen gesunden, friedlichen Patriotismus zurückzuerobern. Lassen wir uns die Weltmeisterschaft nicht von denen verderben, die überall nur Dunkelheit sehen, wo eigentlich das pralle, farbenfrohe Leben stattfindet.
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